Novembergedanken

Es stürmt. Man kennt das. Da rüttelt es an den Jalousien, es rauscht, irgendwo kippen Mülltonnen um. Trotzdem: Raus. Trotzdem: In den Wald. Nur Rauschen. Dann auch Knarzen. Das Knarzen und Jammern, wenn angebrochene Äste das freie Hin und Her der Baumkronen behindern. Wie riecht der Wind? Seltsam: Es riecht, wie Walderdbeeren schmecken. Süß. Treibt der Geruchssinn Schabernack?

Vieles riecht süßlich.

Da sind sie wieder, die Gedanken.

Es ist schon seltsam. Als Kind hast Du’s in der Tagesschau gesehen. Fernsehbilder, die eigentlich ein Standbild zeigten. Eine Momentaufnahme nach dem Attentat. Der Mercedes, auf den geschossen wurde. Später dann wurde der Irrsinn live und in Farbe ausgestrahlt. Du hast Dich hinterher oft geärgert, wie erstarrt vor dem Fernseher gesessen zu sein und das Schreckliche anzuglotzen wie ein Videospiel. Und heute schaust Du kein einziges Fernsehbild an. Dafür bist Du umhüllt von Hashtags, Gerüchten, Livestreams, idiotisch gesetzten Smileys und natürlich auch gut recherchierten Informationen und klugen Analysen. Und dazwischen, nur einen Klick entfernt oder im nächsten Einspieler im Newsstream siehst Du üble Saat aufgehen.

Es stürmt. Die letzten Blätter werden gepflückt. Du nimmst die Mütze ab. “Es ist zu warm für die Jahreszeit.” Nicht stehen bleiben. Im Stillstand kann man nicht denken. Weitergehen.

Ich hab keine Angst. Beim Gehen schaue ich nach oben. Bilde mir ein, runterfallende Äste schon rechtzeitig zu sehen.

Ich habe Angst. Nicht vor dem Daesh, der uns zwingen will, ihn ernst zu nehmen. Angst habe ich vor denen, die jetzt ganz schnell von Krieg reden. Von Rache. Und noch mehr vor denen, die Unbeteiligte zu Schuldigen machen.

Es stürmt. Man kennt das. Der Sturm im Kopf ist anders. Die Dinge kreisen im Kopf. Wieder und immer wieder. Der Hund rennt voraus, er kennt die kleinsten Wege. Er bringt Dich zurück zum Ausgang des Waldes. Kein Baum, der Dir auf den Kopf gefallen wäre. Aber ein Entschluss ist gefallen. Geh Feiern am Freitagabend. Geh Essen, zum Konzert oder ins Stadion. Jetzt erst recht. Und im Gedenken an die, die dieser Freiheit beraubt wurden.