Die Oldtimer in Kuba sind nicht nur schön und werden liebevoll gepflegt - sie erlauben ihren Besitzern auch, ihren Lebensunterhalt als Taxifahrer zu verdienen.

Reisen nach Kuba: Zwischen Dekadenz und Wirtschaftsförderung

Kuba? Schnell noch hin, bevor die Amerikaner kommen. Diesen Satz habe ich letzter Zeit ziemlich oft gehört. Und ich gebe zu: Wir haben uns ganz Ähnliches gedacht. Entsprechend ist die Insel ganz schön ausgebucht, und wer sie vor der Invasion aus dem Norden sehen möchte, muss sich ranhalten. Doch was kann man überhaupt in ein paar Tagen von Kuba mitnehmen?

“Hola, Taxi?” Wer durch Havanna spaziert, hört diese Frage an fast jeder Straßenecke. Oder man wird freundlich zum Besuch eines privaten kleinen Restaurants, eines so genannten Paladar, aufgefordert. Und jeden Tag scheint irgendein spezielles Fest oder Konzert zu sein. Unbedingt müsse man den Buena Vista Social Club besuchen, nur heute gibt es verbilligten Eintritt, behauptet die junge Frau, die mich auf der Straße anspricht. “Alles Lüge”, hatte mein Vermieter gewarnt, “der Buena Vista Social Club ist tot, das sind nur noch Betrüger, die den bekannten Namen verwenden, um Touristen anzulocken”, schimpft er. Nun, bei uns würde man vermutlich sagen, die Marke lebt fort.

Kubanisches Taxi

Und tatsächlich kann man es Kubanern kaum verdenken, wenn sie versuchen, die reichen Touristen zum Geld ausgeben zu bewegen. Ihr Durchschnittseinkommen liegt bei umgerechnet 30 Euro im Moment, die Preise für Lebensmittel steigen und ständig fehlt es an mal diesen, mal jenen Produkten. Ein normales Einkommen ernährt keine Familie. Da sind Touristen durchaus willkommen — besonders übrigens, wenn sie schwer zu bekommende Produkte dabei haben wie Seife, Luftballons oder Nagellack. Und natürlich, weil sie als Kunden die harte Währung CuC statt des kubanischen Peso mitbringen.

Zweierlei Preise

Nach ein paar Tagen auf der Insel merkt man: Es gibt nicht nur zwei Währungen, sondern oft auch zweierlei Preise. Bezahlt die einheimische Reiseführerin im Restaurant fünf Cocktails, so kosten diese umgerechnet fünf Euro. Touristen werden eher drei Euro berechnet — pro Drink. Ähnlich ist es mit den Preisen für’s Taxi.

Aber eigentlich ist das alles gar nicht so schlimm — wir können uns trotzdem alles für uns Wichtige problemlos leisten, und wir bekommen Dinge, die für die meisten Kubaner kaum je erreichbar sind. So kostet uns ein üppiges Abendessen im Restaurant umgerechnet fünf bis zehn Euro, für Einheimische ist es dagegen schon schwer, sich ein wenig Fleisch beim Metzger leisten zu können.

Das Angebot des Metzgers sieht üppig aus — beim einzukaufen, können sich aber viele nicht leisten.

Schnell im Gespräch

Insofern ärgern mich die zweierlei Preise nicht — irgendwie ist die Logik dahinter sogar sozial: Wer mehr hat, bezahlt auch etwas mehr. Etwas anderes finde ich viel wichtiger: Auch wenn man oft angesprochen wird — sehr häufig steckt auch einfach freundliche Neugier dahinter. Es ist schwer, auf der Straße als Reisender nicht mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Erlebt habe ich diese immer als freundlich, aufgeschlossen, und — das fällt Deutschen besonders auf — oft sehr fröhlich. Viele hadern jedoch mit der aktuellen Situation: “Sagt das in Deutschland: Der Sozialismus ist eine große Lüge”, ruft ein Fünfzigjähriger zum Abschied. Andere, die wir treffen, scheinen ganz optimistisch: “Wir wissen nicht, wer nachfolgt, aber lange haben wir Raul und Fidel wohl nicht mehr”, sagt eine Frau, die überzeugt davon ist, dass das Leben in Kuba dann langsam besser wird.

Dabei hat sich das Land in den letzten zehn Jahren schon sehr verändert. Eine Mitreisende (hier ihr Reisebericht) erinnert sich an ihren damaligen ersten Besuch und stellt fest, wie viel weniger Polizei, Militär und Beobachter in Zivil zu sehen seien. Damals sei es noch riskant gewesen, sich auf der Straße offen zu unterhalten, Kontakte zwischen Reisenden und Einheimischen seien argwöhnisch beäugt worden. Heute dagegen lernen viele Kubaner englisch und einige, Geschäftsleute zu sein: Taxifahrer, Blumenhändler, Restaurantbesitzer oder eine andere von gut 200 erlaubten selbständigen Tätigkeiten. Und sehr gern wohl auch Reiseleiter.

Lehrer dagegen können von ihrem Gehalt kaum leben, ebenso die hervorragend ausgebildeten Ärzte, von denen manche aus wirtschaftlichen Gründen nach Venezuela ausgewandert sind. Teilweise, so erzählt eine Frau, sei auch Korruption ganz alltäglich: Für die Lehrer ihrer Neffen müsse sie Beginn des Schuljahres Geschenke dabei haben, meist kauft sie ihnen ein T-Shirt. Und wenn man das eigentlich kostenfreie Gesundheitssystem nutzt, sei es doch angemessen, auch für den Arzt ein Geschenk dabei zu haben — oder in der Apotheke, um die benötigte Medizin zu bekommen.

Mit harter Währung geht viel

Und doch scheint auf Kuba dank Tourismus und Kleinunternehmertum eine ganz neue Mittelschicht zu entstehen, die sich von den anderen finanziell schon ziemlich weit entfernt hat. Für sie ist vieles möglich: Mit genügend Geld bekommen sie Baumaterial genauso wie Ersatzteile für ihren 50er-Jahre Chevy. Sie sind es auch, die man oft in der Nähe von Hotels oder auf einigen öffentlichen Plätze sieht — Tablet oder Smartphone in der Hand lautstark mit Familienangehörigen im Ausland sprechend. Denn bei den Hotels und auf einigen öffentlichen Plätzen gibt es WLAN. Hierzu kauft man einen Zugang, umgerechnet für etwa drei Euro die Stunde, das Ganze oft genug natürlich quälend langsam, doch neben WhatsApp ist wohl vor allem die App IMO in der Lage, mit mangelnder Bandbreite umzugehen. Trotzdem muss man sehen, dass die WLAN-Hotspots nur eine minimal dosierte Offenheit sind — die Medien werden nach wie vor gesteuert und mit der individuellen Freiheit der meisten ist es nicht weit her, Dissidenten werden auch heute einfach weggesperrt, so wie die Frauen in Weiß, die jeden Sonntag für Freiheit demonstrieren, zumindest für einige Stunden verhaftet werden. Ritualisierte Logiken.

WLAN-Hotspots gibt es inzwischen auf einigen öffentlichen Plätzen, die geradezu zu Internet-Cafés werden.

Renovierung und Verfall

Spaziert man durch Havanna, bewegt man sich in krassen Widersprüchen. Einige der wunderbaren Art Déco-Häuser sind saniert, während direkt daneben Häuser nur noch aus Fassade mit Baumwuchs auf dem Balkon bestehen. Und ein wenig besser erhaltene, aber bedrohlich mitgenommene Häuser werden selbstverständlich bewohnt, manchmal scheint es in mehrstöckigen Häusern gerade mal zwei halbwegs behausbare Zimmer zu geben.

Dann wieder erlebt man Überraschungen. Ein Lehrer, der uns von der Begeisterung seiner Schüler für Football erzählt hat, hat zum Abschied das private Restaurant eines Freundes empfohlen. Als wir am Abend in die Gegend zurück kommen und vor dem Haus stehen, werden wir von einem jungen Mann begrüßt. Er klingelt, kurz danach geht die schmale und uralte Holztüre auf. Nach oben sollen wir. Das Treppenhaus ist keinen Meter breit und dunkel. Irgendwie wirkt das Ganze doch ziemlich konspirativ und einen Moment lang kommen Zweifel, ob es gut war, einfach in ein fremdes Haus zu spazieren. Doch oben angekommen, merken wir, dass wir auf einer wunderbar ausgebauten Dachterrasse gelandet sind. Sieben Tische gibt es da und eine bestens ausgestattete Bar, geschmückt mit zwei riesigen modernen Glasmalereien und einem Flachbildschirm dazwischen. Hatten wir unten noch den Blick auf verfallene Häuser und löchrige Straßen, so tut sich hier oben eine ganz andere Welt auf — mit Kellnern im schwarzen Anzug.

So ganz genießen konnten wir das Essen dennoch nicht. Zum einen spürten wir noch Nachwirkungen übler Magenverstimmungen, zum anderen fühlte sich das Ganze für uns ziemlich dekadent an. Dieses Gefühl hatte uns schon auf der Reise durch das Land begleitet, hatten wir doch zu fünft zwei Oldtimer mit Fahrern und Reiseleiterin gebucht. Eigentlich aus einem Engpass heraus: Denn alle anderen Reisemöglichkeiten waren Monate zuvor schon vollkommen ausgebucht. Denn der Tourismus hat allein im letzten Jahr um zwanzig Prozent zugenommen — für all die Nostalgiker, die schnell noch den karibischen Sozialismus sehen möchten, gibt es bei weitem nicht genügend Mietwagen und Reisebusse. Kaum vorstellbar, wie es das Land verändern wird, wenn ab Sommer zusätzlich jeden Tag 100 Flüge aus den USA in Kuba landen sollen. Aber erst einmal kommen Obama — und die Stones. Die ersten amerikanischen Immobilienkäufer sind übrigens schon da und kaufen sich mit Hilfe von Strohleuten ein.

Drei Lieb-Links:

Noch ein paar Foto-Impressionen

Elf Tage und hunderte Bilder. Es ist schwer, eine Auswahl zu treffen. Im Folgenden noch zehn Lieblings-Fotos. Ein paar weitere Bilder gibt’s in meinem Instagram-Profil (tp_da).

Reisen wie in den Fünfzigern: Hier mit einem restaurierten Ford und einem Chevy. Die Motoren stammen übrigens aus Russland und in den Autos gibt es eine Menge Schnickschnack: Natürlich Riesen-Sound, aber auch elektrische Fensterheber und eine Alarmanlage.
Politisch herrschte über fünfzig Jahre Sendepause zwischen den USA und Kuba, doch in der Bevölkerung scheint es wenig Vorbehalte gegen die Nachbarn im Norden zu geben.
Tabak: Eine der traditionellen Säulen der kubanischen Wirtschaft.
Heute wird nicht gearbeitet. Büroräume einer Rumfabrik.
Diese Damen haben sich extra für Touristen herausgeputzt und möchten gern für einen Schnappschuss ein bares Dankeschön.
In Havanna scheint eine sehr lebendige Kunstszene zu bestehen — und es gibt einige, die mit mehr oder weniger kopierten Standardwerken ihr Auskommen zu sichern versuchen.
Streetart sieht man an vielen Fassaden.
Friseursalon in einem Park in Havanna.
Bei einigen solcher Häuser sieht man inzwischen Bautafeln.
Der Malecón, die Uferpromenade von Havanna. Wunderschön, aber viel weniger lebendig, als die meisten Touristen glauben.
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