Warum Journalismus sich weiter lohnt

Ein Impuls zum Ideentag der Augsburger Allgemeinen am 1. Februar 2020

Henriette Lowisch
Feb 1 · 6 min read

Wenn wir hier darüber reden wollen, warum sich Journalismus weiter lohnt, dann möchte ich erstmal alle dazu ermutigen, ganz, ganz egoistisch zu sein.

Lasst uns dieses Mal nicht etwa allgemein darüber philosophieren, warum sich Journalismus für die Gesellschaft in Zukunft lohnen könnte.

Sondern lasst uns in der nächsten halben Stunde ganz konkret darüber reden, warum es sich für jede einzelne und jeden einzelnen von uns lohnt, weiter unsere Zeit und Energie und Kreativität in diesen Beruf zu stecken.

Als Leiterin der Deutschen Journalistenschule werde ich mit dieser Frage ständig konfrontiert. Ich finde sie absolut legitim. Denn von uns Journalistinnen und Journalisten wird ja einiges verlangt, und noch mehr verlangen wir von uns selber.

Machen wir doch mal eine kleine Probe aufs Exempel.

Wer von euch hat sich im vergangenen Jahr einen neuen Skill drauf geschafft, eine neue Technik gelernt, ein neues Format, eine neue App, eine neue Plattform?

Wer von euch macht ab und zu Überstunden, um eine Nachricht noch online oder in die Zeitung zu bringen, die eure Leser unbedingt erfahren müssen?

Wer von euch geht mit Herzblut an die Arbeit?

Wenn wir das weiter tun sollen, dann müssen wir echt daran glauben, dass sich Journalismus weiter für jeden von uns lohnt. Und dafür können wir drei Gründe heranziehen.

Der erste liegt auf der Hand: Wir verdienen damit unseren Lebensunterhalt. In den USA, wo ich selbst ja lange gelebt habe, und wo der Journalismus noch stärker unter Beschuss ist als hier, sagt man: It’s what we do.

Nur: Im Gegensatz zu früher, als ich angefangen habe im Journalismus, sind wir nicht nur klassische Arbeitnehmer, die halt jedes Jahr für eine Gehaltserhöhung streiten. Das müsst und sollt ihr natürlich auch tun.

Aber ihr müsst auch aktiv daran mitarbeiten, dass mit Journalismus weiter genug Einnahmen erzielt werden, um die Journalisten zu bezahlen. Denn:

Wir können die Sicherung unseres Lebensunterhalts nicht nur “denen da oben” überlassen.

Der zweite Grund, warum wir diesen Beruf gewählt haben, ist weil er Spaß macht.

  • Wir schreiben gern.
  • Wir gehen gerne unter Leute.
  • Wir befriedigen gern unsere Neugier.
  • Wir wagen gern etwas.
  • Wir lieben die Abwechslung.
  • Und natürlich auch die Aufmerksamkeit des Publikums.
  • Wir freuen uns, wenn wir Menschen bewegen mit unseren Geschichten.

Die jungen Leute, die heute in den Journalismus gehen, möchten genauso wie ihr mit Freude ans Werk gehen und ihren Spaß dabei haben. Nur — und jetzt kommt mal ausnahmsweise ein kleiner Downer — sie hören seit Jahren eigentlich nur Beschwerliches über unseren Beruf.

Verdiente Kollegen stöhnen und reden von den guten alten Zeiten, die nie wiederkommen werden. Verleger jammern über schrumpfende Renditen, um Kürzungen zu rechtfertigen.

Leute, ich weiß, die Zeiten sind härter geworden. Aber lasst uns weniger klagen. Sonst machen wir uns selbst das Leben zur Hölle.

Wir müssen uns erinnern an den Mut und an die Freude, mit der wir diesen Beruf ergriffen haben.

Klar gibt es nicht nur die Kür, sondern auch die Pflicht.

Klar gibt es den Stress.

Aber wir müssen uns gegenseitig auch Fun-Momente gönnen.

Wir müssen auch kleine Erfolge feiern, als ob es kein Morgen gäbe. Und damit meine ich jedes neue Digital-Abo, jeden Follower auf Instagram.

Diese ganzen Metrics, die uns zeigen sollen, was unser Publikum sich wünscht: Begreift sie nicht nur als bescheuerte Statistiken, sondern bitte auch als Beweise dafür, dass sich Journalismus lohnt.

Schließlich, und jetzt kommt der dritte Grund, warum sich Journalismus noch lohnt: Was ihr tut, ist absolut essentiell für unser aller Zukunft.

Gerade in Zeiten extremer Polarisierung sind wir als Journalisten gefordert. Wir müssen

  • genau hinschauen
  • echt von fake unterscheiden
  • Debatten moderieren
  • Lösungen aufzeigen

Gerade die Arbeit in der Region ist extrem wichtig und relevant. Das merkt ihr, wenn ihr zum Beispiel nach Wuhan in China schaut, wo die Leute bald durchdrehen, weil sie keine unabhängigen Informationsquellen haben.

Unterschätzt bitte nie, wie stark die Demokratie von einer Faktenbasis abhängt, die nur ihr als Profis herstellen könnt. Und wie sinnvoll deshalb eure Arbeit ist.

Gut, jetzt habe ich die Latte ziemlich hoch gelegt. Aber ich bin überzeugt, dass ihr es schaffen könnt, und dafür habe ich gute Gründe.

Eure Zeitung ist offen für Experimente und Innovationen. Das haben wir an der DJS bei unserem gemeinsamen Instagram-Projekt schwabeneltern gemerkt. Und wir mussten uns dieses Angebot ja nur ausdenken. Eure Redaktion zieht es durch, und das bei andauernd hoher Qualität.

Ich muss echt sagen, Hut ab, und ich wünsche euch, dass ihr die Mittel findet, die Algorithmen zu überlisten und solche Projekte noch viel stärker an die Nutzerinnen und Nutzer zu bringen.

Erfolgsgeschichten wie die New York Times haben gezeigt, dass es sehr wohl möglich ist, solche kostenfreien Angebote in bezahlte Digital-Abos umzumünzen. Wenn die Leute die schwabeneltern erstmal kennen und lieben, dann macht ihnen klar, dass die Zeitung als Ganzes dahinter steht. Seid da bitte ein bisschen aufdringlicher.

Neulich hatte die Main-Post eine wunderbar anrührende Geschichte über einen 92-Jährigen, der seinen behinderten Sohn pflegt, und das seit 30 Jahren. Wurde die Geschichte etwa von der Redaktion auf Twitter geteilt? Fehlanzeige. Erst als andere die Story entdeckten, fing die Main-Post plötzlich an zu posten. Hätte euch auch passieren können, oder?

Nehmt euch lieber ein Beispiel an der New York Times. Die verzichtet auf vornehme Zurückhaltung,wenn sie ihren Lesern erzählt, was sie an ihr haben. Das kann man täglich im Podcast The Daily hören. Da sagen die Reporter der New York Times jedes Mal, wenn ihr solch einen Podcast wollt, dann müsst ihr die Zeitung abonnieren.

Oder nehmt den Post and Courier aus Charleston im US-Bundesstaat South Carolina. Auch diese Regionalzeitung hatte sinkende Auflagen und schwindende Anzeigenerlöse. Dann ergriff sie die Flucht nach vorn. Sie forderte alle Mitarbeiter auf, neue Produkte zu entwickeln. Teams aus Fachjournalisten und Verlagsleuten testeten Formate, von denen manche in die Hose gingen — aber nicht alle.

Innerhalb von zwei Jahren erzeugten die Teams mit ihrem Mini-Publisher-Modell zusätzliche Einnahmen von einer knappen Million Dollar und steigerten die Digitalabos um 250 Prozent.

Die Erfolgsgeschichte des Post and Courier ist eine sehr gute Nachricht. Denn die digitale Transformation muss natürlich dazu führen, dass die Menschen für Journalismus Geld ausgeben. Das machen die Leute aber nur, wenn ihnen ein echter Mehrwert geboten wird.

Qualität. Exklusivität. Nähe. Das sind Zutaten einer erfolgreichen Transformationsstrategie für die Regionalzeitung von morgen.

Und noch eine gute Nachricht: Verlage, die von Eigentümer/innen geführt werden, die an den Journalismus glauben, sind im Vorteil. Sie haben eine anerkannt bessere Chance, die Transformation zu schaffen als Zeitungsketten oder Investorenobjekte. Denn sie können sich etwas mehr Zeit nehmen, sich digital zu entwickeln.

  • Zeit, Mitarbeiter fortzubilden.
  • Zeit, neue Arbeitsabläufe zu erfinden.
  • Zeit für Design Sprints.
  • Zeit, auch einmal eine Idee in den Sand zu setzen.

Das sehe übrigens nicht nur ich so. Sondern zum Beispiel auch der US-Medienökonom Ken Doctor, der gerade seine Prognosen zum News Business in der kommenden Dekade vorgelegt hat.

Ich fasse zusammen:

Damit sich Journalismus weiter lohnt, braucht es keine Disruption um der Disruption willen.

Sondern Zuversicht, Professionalität, Lust aufs Abenteuer und Spaß an der Arbeit.

Und ein klares, lautstarkes, mit ordentlicher Bezahlung bewehrtes Bekenntnis zur Qualität.

Denn die digitale Zukunft gehört dem faktentreuen, dem zugewandten und vor allem dem mutigen Journalismus.

Danke.

Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade