“Sifftwitter”, 1 Entgegnung

Da der Artikel “Sifftwitter” — Informationen über die schlimmste Hasscommunity im Netz derzeit einige Verbreitung erreicht, halte ich eine kritische Gegenanalyse für angebracht. Im Gegensatz zum Artikel lege ich hier Wert auf Sachlichkeit und Aufklärung anstatt Verhärtung der Fronten. Dazu kommentiere ich Satz für Satz um zu zeigen, wo der Artikel verwirrend, schlecht recherchierr oder schlichtweg falsch ist. Leider kann ich aus zeitlichen Gründen nicht jedes meiner Argumente mit Beispielen belegen — aber auch Trolle haben nun mal ein Leben.

“Sifftwitter”

KOMMENTAR: Zunächst ist die Wortwahl “Sifftwitter” merkwürdig. Obwohl es im Artikel um Hass, Hetze und Beleidigung geht, wird ein Synonym für Schmutz oder Dreck verwendet. Semantisch bedeutet dass, das die Gruppe von Usern, die “Sifftwitter” bilden, nicht bloß unverschämt, böse, vielleicht sogar kriminell sind. Nein, sie sind gemeinschaftlich Schmutz, den man wegwischen muss. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Fürsprecher von Anti-Hatespeech-Kampagnen immer wieder darauf hinweisen, dass im Internet “echte Menschen” unterwegs sind, ist eine solche Wortwahl höchst bedenklich.

— Informationen über die schlimmste Hasscommunity im Netz

KOMMENTAR: Um die emotionale Betroffenheit zu maximieren, wird im Superlativ von der “schlimmsten Hasscommunity im Netz” gesprochen wird. Damit werden nicht nur etwa explizit rechtsradikale Communitys (die zu einem Gutteil unter berhördlicher Beobachtung stehen dürften) verharmlost. Gerade, wenn über diese Communitys echte Gewaltaktionen organisiert werden, verunglimpft die Wortwahl in der Überschrift die Opfer dieser Gewalt.

Diese Seite bzw. dieser Artikel soll dazu dienen, Informationen über “Sifftwitter” bzw. den “RU-Trollring” gesammelt und gebündelt zu veröffentlichen und so verlinkbar und leicht abrufbar zu machen. Die Seite wird betrieben von einer Gruppe von Opfern der Trollcommunity.
Hinweis: In diesem Artikel werden nur nicht-personenbezogene Beispiele von Hasstweets der Gruppe gezeigt, um keine weiteren Trolle auf bestimmte User zu hetzen. Die Tweet sind auch nicht “besonders schlimm”, sondern ganz alltägliche Tweets, die von dieser Gruppe in der Form jeden einzelnen Tag in hoher Frequenz gestreut werden.

KOMMENTAR: Hier wird der Eindruck erzeugt, es handele sich um eine bloße Dokumentation der Geschehnisse. Angesichts der mangelnden Qualität und Tiefe der Recherche (s.u.) ist dies irreführend.

Was ist “Sifftwitter” / der “RU-Trollring”?
“Sifftwitter” (Eigenbezeichnung, auch: “RU-Trollring” oder “Trolltwitter”) ist die bisher organisierteste Community von Trollen, Rechtspopulisten und Hetzern auf der Internetplatform Twitter, die seit etwa einem halben Jahr aktiv ist.

KOMMENTAR: Zwar ist von einer “bisher organisierteste[n] Community” die Rede, jedoch wird verschwiegen, im Vergleich zu welchen anderen Communities diese Aussage getroffen wird. Hier scheint das subjektive Erleben in einen Superlativ umformuliert worden zu sein, der so aber falsch bzw. sinnlos ist — mehr dazu s.u.

Falsch ist es außerdem, wenn von “Trollen, Rechtspopulisten und Hetzern” die Rede ist. Auch zur heterogenen Zusammensetzung des losen Netzwerkes s.u.

Falsch ist drittens die Angabe, dass es Netzwerk “seit etwa einem halben Jahr aktiv ist”. Genaue Angaben kann ich nicht machen. Jedoch besteht das lose Netzwerk aus zahlreichen, kaum mehr zu unterscheidenden Untergruppen, die teils seit vielen Jahren auch verschiedensten Seiten aktiv sind. Auch hier ist meine Vermutung, dass Schätzung von persönlicher Betroffenheit herrührt. Nicht “Sifftwitter” ist seit einem halben Jahr aktiv, sondern die Autor/innen sind seit einem halben Jahr persönlich betroffen; das wäre übrigens kein Problem, hätte man nicht im Absatz zuvor den Anspruch auf Objektivität betont.

Es handelt sich um einen sehr engen Verbund von etwa 200 bis 250 Accounts, die oft als einzigen Content Hass gegen Leute twittern, die es nach ihrer Ansicht “verdient haben”.

KOMMENTAR: Der Verbund wird als “sehr eng” beschrieben, was irreführend ist — s.u.

Unerklärt bleibt, inwiefern “Hass” denn “Content” sein kann, ja sogar der “einzige”. Objektiv, davon kann sich jeder überzeugen, ist das falsch. Tatsächlich sind zahlreiche Tweets in diesem Netzwerk erst einmal ganz typisch für Twitter: Alltagsbeobachtungen, abschätzige Kommentare, depressive Montags- und euphorische Freitagstweets. Sicherlich dominieren diese nicht — das Netzwerk hat ja auch eine besondere Vorliebe: nämlich dem Verspotten von anderen Usern. Inwiefern dieser Spott immer “Hass” ist, ist schwer zu sagen. Darunter sind sicherlich vom Hass getriebene Äußerungen, auch Drohungen. Vieles ließe sich jedoch auch als Satire, polemische Kritik oder ganz einfach als Blödelei bezeichnen. Der Satz ist so also falsch. Auch hier möge man selbst recherchieren.

Die Menge von 200 bis 250 Accounts kommt meiner Einschätzung nach in etwa hin.

Wenn Du nicht gerade Ziel von Hassaktionen von Sifftwitter bist, hast Du vermutlich noch nie von diesen Leuten gehört oder oder maximal durch Nutzer, die davon betroffen sind. Man kommt mit Sifftwitter nur in Kontakt, wenn man auf den Hasslisten steht, dann aber macht die Gruppe Deinen Twitter-Account über Monate komplett unbenutzbar. Es gibt auch keine sonstigen Infos oder journalistischen Artikel über diese neue Art von hochorganisierter Hassgruppe.

KOMMENTAR: Hier nun wird schon nicht mehr von einem “sehr engen Verbund”, sondern von einer “neue[n] Art von hochorganisierter Hassgruppe” gesprochen. Was wie eine sprachliche Variation klingt, ist semantisch etwas völlig anderes, viel härteres. Siehe erneut weiter unten.

Was heißt “Hass”? Ist das nicht nur Kritik?!
In diesem Fall nicht. Es geht keinesweg um Nutzer, die eine andere politische Meinung haben. Trolltwitter belästigt, stalkt und beleidigt gezielt einzelne User über einen sehr langen Zeitraum.

KOMMENTAR: An dieser Stelle wird das Trope eingeführt, nach dem es auf “Trolltwittre” (Warum heißt das hier nun so? Wurde den Autor/inner ihr eigener Begriff fad?) keine Kritik, sondern eben nur “Hass” gebe. — Ja, im Netzwerk verspotten Personen gemeinsam andere einzelne Personen gezielt über einen langen Zeitraum. Ja, die Aktionen einzelner gehen ziemlich an die Grenze und manche vielleicht auch darüber. Damit ist jedoch noch nichts über das gesagt, was dort geschrieben wird. Tatsächlich ist das Netzwerk ohne Kritik überhaupt nicht denkbar. Ein paar Beispiele: Ein Grund des Spottes über Volker Dohr ist es, dass er zwar permanent aus einer blutleeren journalistischen Ethik heraus belehrt und herummoralisiert, selbst aber bei T-Online den ganzen Tag nur dpa-Meldungen zu kopieren und die witzigsten Überschriften auf Twitter zu posten scheint. Ein Grund des Spottes über Claudius Holler ist es, dass er sich zwar nicht nur seine Operation, sondern auch sonst allerlei per Crowdfunding finanzieren lässt, aber trotz aller Transparenzbekundungen glaubt, den Spendern, die das gespendete Geld ehrlich erarbeitet haben, keine Rechenschaft schuldig zu sein. Ein Grund des Spottes über Katrina Reichert ist es schließlich, dass sie mit dem Hinweis auf persönliche Unterdrückung ihre kruden Theorien über Transsexualität verbreitet, selbst aber jeden und jede, der oder die sie dafür kritisiert, als “Cisfaschist” beschimpft. Man kann den Spott über alle drei Personen nun für angemessen halten oder nicht. In allen drei Fällen geht es jedenfalls um eine Doppelmoral, die viele vermeintlich gesellschaftskritische User auf Twitter kennzeichnet. Diese Doppelmoral ist ein gefundenes Fressen für jeden Satiriker — oder jeden, der sich dank des Internets selbst dazu ernannt hat.

Dazu gehören permanente Beleidigungesreplies und Nonmentions, dazu gehört das Erstellen von Fake-Accounts mit Bildern und Infos der Opfer, die dann Nazi-Hass twittern, dazu gehört das ständige Herumreichen von (entstellt bearbeitetet oder mit entsprechenden Captions betitelten) Fotos der Opfer. Wer zufällig auf einer der Hasslisten der Gruppe landet, der wird über lange Zeiträume und täglich massiv terrorisiert. Auch jeder einzelne Tweet, den man twittert, wird dann mit Hassreplies überzogen und per Screenshot in den Trollkreisen herumgereicht.

KOMMENTAR: Abgesehen von dem “Nazi-Hass”, der im Netzwerk die Ausnahme ist, ist das nicht falsch. Jedoch kann man es auch anders lesen: All das, was hier beschrieben wird, sind Mittel der Satire. Man möge ich eine x-beliebige Satire anschauen: In der Regel geht es darum, Bilder der Person oder solche, die Assoziationen zu dieser wecken, in einen anderen Kontext zu stellen. So funktioniert nicht nur Satire, sondern Memes im allgemeinen. Was sich geändert hat ist, dass nicht mehr nur Spitzenpolitiker “Opfer” von satirischen Kampagnen, die selbstverständlich auch ihre unschönen Seiten haben, werden können. Auf Twitter herrschen diesbezüglich demokratische Zustände.

Was heißt “organisiert”?
Organisiert heißt, dass sich die Mitglieder dieser Gruppe alle konsequent gegenseitig folgen, zu Hass anfeuern und gegenseitig faven und retweeten.

KOMMENTAR: Eine kurze Recherche des Wortes “organisiert” gibt zwei Bedeutungen (Spoiler: Beide sind nach der Definition, die die Autor/innen selbst liefern, unzutreffend).

Bedeutung 1: “sorgfältig und systematisch vorbereitet, geplant”. Dass dies nicht zutrifft, lässt sich allein an der Aktivität des Netzwerks ablesen. Am aktivsten ist es dann, wenn es von außen “getriggert” wird — etwa durch den hier kritisierten Artikel. Werden vereinzelt Aktionen durchgeführt (mir bekannt nur gegen Rainer Winkler), sind das immer einzelne User, die dann oft genug selbst zum Objekt des Spottes werden.

Bedeutung 2: “in einer Organisation, zu bestimmten Zwecken zusammengeschlossen”. Dass es sich um keine Organisation handelt, erkennen die Autor/innen immerhin selbst. Die Bedeutung “zu bestimmten Zwecken zusammengeschlossen” könnte man für angemessen halten, schließlich ist der “bestimmte Zweck” des Netzwerkes, bestimmte User zu verspotten. Allerdings trägt die Bezeichnung als “organisiert” nicht besonders weit. Denn ebenso könnte man die Insassen eines öffentlichen Verkehrsmittels als “organisiert” bezeichnen, weil sie den gemeinsamen Zweck verfolgen, sich von A nach B zu bewegen — oder auch Leser/innen und fleißige Leserbriefschreiber/innen eines Satiremagazins, die “organisiert” sind durch den “gemeinsamen Zweck”, unterhalten zu sein.

So oder ist der Begriff “organisiert” also irreführend. Das gegenseitige Anfeuern, das die Autor/innen beschreiben, ist gerade definitorisch für ein loses Netzwerk, dass sich allein durch das positive Feedback, Anerkennung für gute Tweets zu bekommen, herstellt.

Das resultiert in heftigsten Beleidigungs- und Belästigungswellen z.B. darüber “Leute zu vergasen” oder zu ermorden, die teilweise über 100 Retweets und 100 Favs erhalten.

KOMMENTAR: Hier wird der/die Leser/in gezielt in die Irre geführt. Zwar gibt es “heftigste Beleidigungs- und Belästigungswellen”; dass diese aber “z.B.” darum sich drehten, “’Leute zu vergasen’ oder zu ermorden”, ist falsch. Wie bereits gesagt: es mag solche Tweets geben. Doch diese erhalten im Vergleich zu wirklich guten Memes kaum Aufmerksamkeit — erst recht nicht “100 Retweets und 100 Favs”.

Wird (was selten vorkommt) einer aus der Community von Twitter gelöscht, so kommt er meist schnell wieder unter ähnlichem Namen und die Community erzählt sich gegenseitig, wie er zu finden ist. So haben die gelöschten User schnell wieder ihr altes Netzwerk zusammen.

KOMMENTAR: Richtig. So sind die Regeln in einem freien Internet nun mal. Zu ändern wäre dies nur durch Gesetze, die durch straf- oder zivilrechtlicher Verurteilung einer Person verbieten, das Internet oder bestimmte Seiten des Internets zu nutzen.

Sifftwitter betreibt auch oft eigene Hass-Hashtags (zuletzt etwa #KleinPeng), in denen gezielt gegegen einzelne Leute vorgegangen wird. Auch Fake-Accounts von gehassten Personen sind üblich. So kommt es dann oft vor, dass ein Nazi-Account mit Deinem eigenen Profil-Bild und Deinem Namen plötzlich massiven Hass verbreitet, der oft retweetet wird und Du machtlos bist.

KOMMENTAR: Hier wird weiter an dem Trope gearbeitet, nach dem das Netzwerk aus Nazis bestehen würde. Dies ist falsch.

Auch betreiben die Sifftwitterer mehrere automatisierte und eigene Bots, die Screenshots von allen Tweets der Leute auf ihren Hasslisten machen und neu twittern. So kann die Hasscommunity, selbst wenn sie geblockt wurde, sehr einfach und als kollektiver Mob über einzelne Nutzer herfallen.

KOMMENTAR: Diese Bots gibt es. Die Situation ist jedoch komplizierter. Wenn die Tweets einer Person gespiegelt werden und die Spötter nur diese gespiegelten Tweets kommentieren, findet gar kein direkter Kontakt zwischen dem “Opfer” und den “Spöttern” statt. Unmöglich ist der meist sowieso, da das Opfer viele Accounts präventiv geblockt hat. Von einem “Herfallen” kann also — wenn sich die Aktionen nicht auf andere Kanäle oder ins echte Leben verlagern — überhaupt nicht die Rede sein.

Die betreiben trolleigene Bots, die Screenshots von Leuten auf Hasslisten erstellen?!?
Ja. Diese Hasscommunity ist hochorganisiert und teilweise sehr intelligent. Die Bots screenshotten jeden einzelnen Tweet und jede Reply von Leuten, die auf den Hasslisten der Sifftwitterer stehen. Diese Screenshots werden dann mit verschiedenen Hashtags im Format “#PersonWatch” neu getwittert, wobei “Person” der Name der Person auf der Hassliste ist. So kann man als Troll den Bots oder einzelnen Hashtags folgen und weiterhassen, auch wenn man geblockt wurde. Das ist quasi eine vollautomatisierte Hassliste.

KOMMENTAR: Ohne, dass der Begriff erklärt wird, ist hier von “Hasslisten” die Rede. Der Begriff dient dazu, das Trope, nach dem das Netzwerk “hochorganisiert” sei, weiter zu stärken. Tatsächlich ist niemandem in der Community eine solche Liste bekannt. Die Bots werden von einzelnen Usern als “Service” für die anderen betrieben. Wer auf der Liste derjenigen, dessen Tweets gespiegelt werden, landet, ist mehr oder weniger Zufall. Jedoch beobachten der oder die Betreiber jedoch selbstverständlich, wer gerade “im Gespräch” ist und richten sich danach. So viel ich weiß, nehmen sie auch Wünsche entgegen. So sieht nun mal die unerfreuliche Demokratisierung von Öffentlichkeit im Internet aus: Früher waren es nur Hollywood-Stars, die ein Heer von Fotografen auf jedem Schritt verfolgte und über die sich ein Heer von “Journalisten” in der Regenbogenpresse mit Millionenauflage das Maul zerriss. Heute kann das jeden treffen (wenn auch nicht in diesem Maßstab).

Aber wer sind diese Leute denn?
Alle “Sifftwitterer” agieren grundsätzlich mit anonymen Accounts.
Siff- bzw. Trolltwitter besteht nicht aus “wirklichen” Twitterern, d.h. den üblichen Usern der Seite, sondern sind Leute, die ausschließlich und 24 Stunden Hass und Belästigungen twittern.

KOMMENTAR: Was “wirkliche” Twitterer von “unwirklichen” Twitterern unterscheidet, bleibt trotz der Erklärung rätselhaft. Die Autor/innen möchten durch diese Unterscheidung wahrscheinlich ihr Trope stärken, dass der “Dreck” und “Schmutz” kein Existenzrecht im Internet hat. Deswegen tun sie so, als seien User mit Verbindungen zu diesem Netzwerk überhaupt gar keine “wirklichen” Nutzer — im Gegensatz zu den “wirklichen”. Ob zu letzteren auch höfliche Nazis gehören, bleibt unklar.

Hätten die Autor/innen besser recherchiert, hätten sie bemerkt, wie zyklisch — und eben nicht “24 Stunden” — aktiv “Sifftwitter” ist. Die Aktivität ist zunächst von der Tageszeit abhängig. Dabei bemerkt man, welche der User früh aufstehen müssen und welche nicht. Erstere sind Schüler, haben Arbeit oder gehen einer geregelten Beschäftigung nach, letztere sind arbeitslos — oder Studenten. Zum anderen ist der wichtigste Faktor, ob die beobachteten Nutzer aktiv sind. Je mehr diese schreiben, desto mehr Material gibt es, mit dem man Memes erstellen und spotten kann.

Es handelt sich um eine Mischung aus YouTubern, die sich über den gemeinsamen Hass auf einen Nutzer namens “Drachenlord” zu einer Community geformt haben und Nutzern eines Hip-Hop-Forums, in dem es auch so trollartig zugeht. Man erkennt diese User manchmal durch den Zusatz “RU” im Usernamen (ein Verweis auf eben jedes Forum), aber nicht immer.

KOMMENTAR: Hier deutet sich schon an, wie heterogen die Zusammensetzung des Netzwerkes ist. Neben diesen beiden Gruppen (die selbstverständlich in sich schon heterogen sind) kommen dazu aber noch jede Menge “Quereinsteiger”, Beobachter, teilnehmende Beobachter usw. usf.

Welche Ziele hat Sifftwitter?
Obwohl die meisten Leute aus dieser Community erkennbar rechtsradikale und ausländerfeindliche Inhalte twittern, verfolgt Sifftwitter keine eigentlichen politischen Ziele.

KOMMENTAR: Das ist zunächst richtig. Angesichts der bemerkten Heterogenität wäre es aber auch prinzipiell unsinnig, von einem “gemeinsamen Ziel” zu sprechen. Dieses hat im übrigen nicht einmal eine politische Partei. Wie in einer solchen gibt es auch auf “Sifftwitter” ein breites politisches Spektrum. Es gibt Rechte, die sich vornehmlich über linke “Gutmenschen” lustig machen. Es gibt Linke, die vornehmlich die neoliberalen Ideologeme vieler Twitterer kritisieren. Und es gibt selbstverständlich Unpolitische, die vor allem auf Spaß aus sind.

Das einzige Ziel ist es, 24 Stunden pro Tag massiven Hass zu verbreiten, Menschen zu stalken, belästigen und schlussendlich aus dem Internet zu ekeln. Es ist für diese Community eine Art Spiel und pure Unterhaltung, zu hassen.

KOMMENTAR: “eine Art Spiel” trifft die Sache gar nicht schlecht, auf “Sifftwitter” geht es wie im Battle Rap darum, den Gegner durch immer neue Einfälle zu übertreffen. Für die einen ist das, wie die Autor/innen schreiben, durchaus “pure Unterhaltung”, für manche auch politische Aufklärung oder anarchistische Freude an Chaos.

Wen belästigen und hassen diese Leute?
Belästigt und gehasst werden vor allem mittelgroße Twitteraccounts, oft, aber nicht nur Aktivisten und linke Twitterer. Es betrifft Nutzer allen Geschlechts und Alters, auch wenn Frauen oft bevorzugt gemobbt werden. Diese Troll-Community ist intelligent genug, um sich nicht mit den ganz großen Accounts und Journalisten anzulegen, mobbt aber sehr gezielt einzelne Influencer aus dem Netz.

KOMMENTAR: Richtig ist, dass vor allem mittelgroße Accounts und Nutzer jeden Geschlechts und jeden Alters verspottet werden. Falsch ist erstens, dass Frauen bevorzugt werden. Die m. E. quantitativ am stärksten getrollten Nutzer sind derzeit Rainer Winkler, Volker Dohr und Claudius Holler — also drei Männer. Falsch ist zweitens, dass sich die Community nicht mit großen Accounts “anlegen” würde. Inwiefern es hier überhaupt um ein “Anlegen” gehen kann, ist mir rätselhaft, schließlich haben die Trolle keinen Ruf oder Job zu verlieren. Tatsächlich schreiben diese deswegen regelmäßig auch große Accounts an. Meine Theorie: Da die dahinterstehenden Nutzer durch Erfahrung oder spezielles Coaching im Umgang mit Trollen erprobt sind, kommt oftmals keine dauerhafte “Beziehung” zustande.

Wichtig ist, dass jeder jederzeit Opfer dieser Trolle werden kann, daher ist es nicht unwichtig, dass sich die Twitter-Community der normalen Nutzer als Ganzes gegen diese Leute wehrt.

KOMMENTAR: Hier wird erneut der Konflikt zwischen “Uns”, den “wirklichen, normalen, sauberen Nutzern” und den “Anderen”, den “unwirklichen, unnormalen, schmutzigen Nutzern” stark gemacht. Es soll keine kritische Debatte, keine Fraktionen, ja nicht einmal mehr ein persönliches Urteil geben, sondern einen “Aufstand des Aufständigen”, in dem es nur noch Freund und Feind gibt. Und selbstverständlich sind es die Autor/innen, die definieren, wer auf welcher Seite steht.

Was tut Twitter gegen diesen Hass?
Wenig bis nichts. Sehr selten werden einzelne Troll-Accounts gelöscht, diese sind aber in den meisten Fällen nach weniger als 24 Stunden wieder unter fast dem gleichen Namen aktiv.

KOMMENTAR: Zum Teil richtig. Wie oben dargestellt, gibt es derzeit keine rechtliche Handhabe. Jedoch ist vollkommen unklar, wie diese aussehen sollte. Welches Rechtssystem soll innerhalb weniger Tage die Täter ausfindig machen, die Vorwürfe prüfen, Anklage erheben, sie verurteilen und zur Unterlassung zwingen? Denkbar ist dies nur in einem Polizeistaat.

Sehr oft werden Harassment-Reports gegen den RU-Trollring ignoriert, weil keine konkreten Bedrohungen vorliegen, auch wenn extrem oft Todes- und Vergewaltigungsdrohungen dabei sind.

KOMMENTAR: Wie Twitter mit den Reports umgeht, weiß ich nicht. So oder so muss hier bemerkt werden: Meinungsäußerungen sind entweder durch das Meinungsäußerungsrecht gedeckt — oder sie sind es nicht. Wie die Polizei erst kürzlich gezeigt hat, kann man durchaus mit Gewalt gegen “Hatespeech” vorgehen. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Wie das aber mit bloß missliebigem Spott ist — das ist eine andere Frage. Am besten beantworten kann das aber die Polizei oder der Anwalt. Der Gang zu beiden ist jeder Bürgerin und jedem Bürger der BRD frei möglich.

Was kann man tun? Was kann ich tun?
Wenig. Blocken und “Don’t feed the Troll” bringt überhaupt nichts.

KOMMENTAR: Das ist zum einen richtig, es gibt keine Patentrezepte gegen Trolle. Dass “Don’t feed the troll” überhaupt nichts brächte, ist dagegen falsch. Die organisierten Anti-Troll-Aktionen wie die Spendenaktion von Claudius Holler oder auch der hier kritisierte Artikel führten immer zu Peaks in der Aktivität des Netzwerkes. Je mehr die unter Beobachtung stehenden Nutzer schreiben und je mehr sie mit den Trollen — egal in welcher Form — kommunizieren, desto mehr Spott gibt es.

Im Gegenteil werden Screenshots von Blocks als Trophäen herumgereicht und sind Aufforderungen, den entsprechenden User noch härter zu trollen. Durch die Screenshot-Bots ist ein Block auch wirklungslos. Den Trollen geht es nicht darum, den getrollten Account zu “erreichen”, sondern sie hassen als eine Art Spiel zur Unterhaltung.

KOMMENTAR: Das Blocken ist keineswegs wirkungslos. Denn es verhindert, dass man noch direkt mit den Trollen kommunizieren kann. Es verhindert nicht, dass sie weiter mitlesen und kommentieren; aber das wäre in einem öffentlichen Medium, das Twitter nun mal ist, auch widersinnig. Die Belästigung geht an dieser Stelle also vor allem im Kopf der Verspotteten weiter. Es geht ihnen dann wie jemandem, der es nicht ertragen kann, dass hinter seinem Rücken über ihn getratscht wird. Das ist psychologisch eine unheimliche Belastung — niemand würde jedoch auf die Idee kommen, deswegen das Tratschen abschaffen zu müssen.

Das erste Ziel dieser Seite ist es, die Menschen über diese Troll-Community zu informieren und so vielleicht irgendwann eine gezielte und konsequente Löschung dieser Accounts durch Twitter Deutschland zu bewirken. Twitter und die Medien müssen vor allem von dieser Gruppe erfahren.

KOMMENTAR: Es wird zwar von einer “gezielte[n] und konsequente[n] Löschung dieser Accounts” gesprochen, jedoch kein Wort darüber verloren, inwiefern das technisch, sozial oder rechtlich überhaupt erwünscht oder möglich sein könnte. Hier verdummt der Artikel seine Leser/innen durch Emotionalisierung und verhindert eine sachliche Debatte.

Was du vor allem tun kannst: Die Menschen informieren und aufklären darüber, was derzeit an Hass auf Twitter vor sich geht. Eine Verlinkung dieser Info-Seite ist sehr hilfreich. Du kannst auch den Kurzlink: http://bit.ly/2bUviWA verwenden.

KOMMENTAR: Der Artikel hinterlässt einen durch Halbwahrheiten, Auslassungen und Falschinformationen desinformierten Leser. Alles richtig gemacht, wenn man ein bisschen Buzz auf Twitter machen will.