Ich kann nicht abhauen, weil draußen Winter ist (Part I)

Ich bin bei dir und dein Kumpel, von dem ich nicht weiß, was er hier soll, sitzt manspreadinglike im Sessel, redet die ganze Zeit Zeug, das an mir vorbeirauscht — ein nicht enden wollendes Hintergrundgeräusch. Du sitzt neben mir auf dem Stuhl und wirkst abwesend. Ich lieg auf der Couch wie mein Opi früher im Drehsessel, den Kopf schon fast auf der Sitzfläche, der Arsch hängt in der Luft, der Rücken eine Brücke. Ich bin am Handy und tweete die ganze Zeit, was mache ich hier, warum bin ich hergekommen, warum haue ich nicht ab. Ich kann nicht abhauen, weil draußen Winter ist. Es liegt Schnee und ich kenn mich nicht aus.

Noch anderthalb Stunden.

Dein Kumpel redet immer noch. Zwischendurch hat er mein Cap gedisst oder war es nur eine Erinnerung. Ich bin in meine Parallelwelt geflüchtet und habe mich der Mathematik gewidmet, von der ich so ungefähr zero verstehe. Aber ich kann ein bisschen Kopfrechnen. Anderthalb Stunden minus 3 Minuten sind 87 Minuten, 8 und 7 sind Zahlen I like, aber ich weiß nicht warum, die 8 hat so einen guten Schwung drin, und es gibt so ein cooles Smiley damit ( 8) ), und ja, die 7 mag ich nur ohne den Strich in der Mitte, sie hat so eine bequeme Haltung, erinnert mich an mich selbst auf Partys oder so.

Hey, bist du noch da, sagst du, und legst dabei leicht deine Hand auf meine Schulter. Ich schüttele den Kopf, ja, ja, ich bin noch da, und schüttele nochmals den Kopf, um den Rest der Zahlen aus meinem Kopf zu vertreiben. Ich lächle gezwungen. Merkst du es? Aber es ist auch nicht von großer Bedeutung. Dein Kumpel hält für kurze Zeit die Fresse — wie angenehm. Ich atme etwas zu tief aus. Du schaust fragend, da hören wir einen Schlüssel, der sich im Türschloss dreht. Deine Eltern kommen. Ist es schon soweit, dass ich zum Bahnhof muss. Ich hatte gehofft, dein Kumpel würde sich verpissen und wir könnten noch usw.

Deine Eltern kommen ins Zimmer, dein Vater trägt eine hellbraun karierte Baskenmütze, deine Mutter einen spießigen Mantel — bitte entschuldige. Sie haben eingekauft. Hallo!, und gehen in die Küche. Du gehst mit. Ich ignoriere den Kumpel, lege mich seitlich auf die Couch, deck mich zu. Du kommst aus der Küche, es gibt Abendessen, komm. Ich setz mich auf, die Einrichtung ist so ugly, so DDR-Interieur mit schwerer Schrankwand und eklig matschfarbenen Möbeln. Ich muss laut lachen und sehe aus wie dieses Smiley XD. Deine Eltern decken noch den Tisch und jetzt verabschiedet sich endlich dein Kumpel — super. Ich hab keine Lust auf dieses Abendessen. Es gibt Mischbrot und saure Gurken und so Schmelzkäse und Wurst zum Schneiden (not vegan of course). Ich rümpf ein bisschen die Nase, unabsichtlich. Checke das Handy. Noch 64 Minuten.

Komm, nimm dir, sagen deine Eltern fast synchron. Ich und mein Kopfschütteln, aber es bedeutet Nein. Willst du auf mein Zimmer gehen, fragst du. Ich nicke. Wir stehen auf und gehen. Die Eltern sind gleichgültig.

Dein Zimmer sieht anders aus, als ich gedacht hab. Jetzt frage ich mich aber doch, warum du noch bei deinen Eltern wohnst. Darüber haben wir nie gesprochen. Aber du wirst schon deine Gründe haben. Es ist ein bisschen unaufgeräumt, überall steht Geschirr, so viel Geschirr hab ich gar nicht zu Hause, wie hier steht. Wir setzen uns ans Fenster und schauen raus. Da steht dein Kumpel vorm Haus und baut eine grinsende Schneeperson. Wir winken und lachen. Kurz hab ich Angst, dass er wieder zurückkommt und mich/uns volllabert, aber er winkt nur und geht zum Bus.