Kontext Constructive Journalism: Was vergessen wird. Erinnerungen für die Zukunft

Auszug aus dem Buch “Kritisch-konstruktiver Journalismus” von Ulf Grüner und Dr. Christian Sauer (Hg), Hamburg 2017, ISBN 978–3743187313

Von Ulf Grüner

Im Grunde berührt Constructive Journalism natürlich unser Selbstverständnis als Journalistin, als Journalist. Wirklichkeit und Wahrheit, Subjektivität und objektive Nachricht, Fragen nach Konsequenzen und Weiterdrehe — alle Aspekte des Constructive Journalism sind vorzeiten schon vielfach gedacht, probiert und diskutiert worden.

Solche Aspekte früherer Konzepte zu berücksichtigen, würde den Constructive Journalism heute beleben und vertiefen. Das zeigen schon die beiden vorigen Kapitel von Christian Sauer und Uwe Krüger über die direkten Vorläufer und das nähere Umfeld von Constructive Journalism: Bürgerjournalismus, Slow Journalism, Service-/Nutzwertjournalismus (international auch: Explanatory Journalism) und Positive bzw. Good News.

Zu diesem näheren Umfeld zählt auch das Konzept Restorative Narrative bzw. Restorative Journalism: Wobei das im Grunde schlicht ein Projekt der Gruppe ivoh ist: Images & Voices of Hope, seit 1999. Deren Leitspruch ist „we believe that media can create meaningful, positive change in the world.“ Und dazu haben sie den Begriff Restorative Narratives erfunden und lobbyieren dafür: „a genre of stories that focus on recovery, restoration and resilience in the aftermath, or midst of, difficult times. This genre is by no means new, but there’s never been a constructive name for it until now.“

Diese Beschreibung erinnert sehr an manche Definitionsversuch zu Constructive Journalism. Und so geht das weiter bei ivoh: „A Restorative Narrative is a story that shows how people and communities are learning to rebuild and recover after experiencing difficult times.“ Das würden vermutlich auch Haagerup et al. unterschreiben. Ebenso diese Ergänzung bei ivoh: „Capture hard truths. These narratives don’t ignore the difficult situation that a person or a community has endured. They explore the rough emotional terrain of the situation, but instead of focusing on what’s broken, they focus on what’s being rebuilt. They reveal hope and possibilities.“ Je weiter man diese Eigendefinition bei ivoh liest, umso mehr fragt man sich ja, wo da noch Unterschiede zu Constructive Journalism sind. Das 1999 gestartete Restorative-News-Projekt erscheint wie die Blaupause des ein paar Jahre später initiierten CJ — wenn auch ohne dezidierten Bezug zur Positiven Psychologie wie bei CJ.

Liest man die weiteren Kriterien für Restorative News, so verstärkt sich dieser Eindruck: „Restorative Narratives show progressions — from heartbreak to hope, tragedy to possibility, suffering to recovery. It’s important to focus not just on where someone is today, but how they got there.“ Und: „Our hope is that by telling more stories about people and communities that are exhibiting resilience, the media can empower other people and communities to be resilient.“ Ebenso wie CJ betont Restorative den Anspruch auf solider Recherche zu basieren: „Are authentic. Restorative Narratives are true to a person’s or a community’s experiences. Sustained inquires into a person’s life or a community enable us to determine the authenticity of the narrative. … Are strength-based. Restorative Narratives speak to people’s strengths and help others find strength.“

Offenbar gab es seit der Jahrtausendwende ein grösser werdendes Bedürfnis nach Journalismus mit veränderter Perspektive.

Verlassen wir nun dieses nähere Umfeld von CJ. Denn das Bedürfnis, den traditionellen Journalismus zu verändern, führte allein in den vergangenen Jahren etwa im Online-Journalismus zu bemerkens- und lohnenswerten Konzepten, die CJ bereichern. Nur, dass sie in den Diskursen über CJ zu wenig beachtet werden. Versuchen wir also in diesem Kapitel 5 mit einem Blick über den Horizont, der Diskussion um Constructive Journalism mehr Kontext und Tiefe zu geben. Und gehen wir dazu nun einen Schritt weiter:

Bringen wir hier mal Neuland und Geschichte crossmedial zusammen. Versuchsweise und abseits der Standardwerke, mit Blick auf inspirierende Preziosen, die für die großen Themen stehen. Willkommen zu einem kleinen Ausflug in die internationale Geschichte des Journalismus. Als Anregung für weitere Lektüre und Diskussion:

1_Wirklichkeit: Formen des Beschreibens
 
Kurze Rückblende. Berlin. 1920er/30er Jahre. Radio. Flugzeuge. Die Welt wird schneller, komplexer. Der Ullstein-Verlag liefert aktuelle Publikationen per eigens konstruiertem High-Speed-LKW mit aerodynamischer Karosserie. Und der Journalismus experimentiert mit und in dieser neuen Wirklichkeit: „Einmal die Auseinandersetzung zwischen den Anhängern der alten und der neuen Sachlichkeit. Auf der anderen Seite dieses Bestreben, das, was die Literatur konnte, nämlich in die Seele reingucken, dass man das auch versucht hat, in den Journalismus einzubringen. Den Menschen zu zeigen, wer dahinter steht, und was bewegt den, was erlebt der, das wollte man dann auch im Journalismus machen. Also dahinter gucken. Man hat auch etwas versucht, was im Jahrhundert davor nicht gemacht wurde, nämlich Erklärungen zu geben. Dem Leser wirklich etwas zu sagen, was wir heute Nutzwert-Journalismus nennen. Ihm eine — ja, Lebenshilfe nannten sie es damals noch nicht — aber eine Erklärung zu geben, um ihm zu helfen, sich einzuordnen. Also zu sagen, wie was funktioniert; nicht technisch, sondern politisch. Wie etwas gehen könnte. Und so hat man die Leser an die Hand genommen.“

Zugleich ändert sich die Sprache des Journalismus: „Man hat sich in der Sprache von der hohen literarischen wissenschaftlichen Sprache runter begeben in die Sprache des gemeinen Volkes. Auch das war ein Anliegen der Journalisten: Sie wollten verstanden werden. Sie suchten die Nähe der kleinen Leute auf der Straße, um denen zu helfen. Denn um die ging es letztendlich, und nicht um ein paar Leute ganz da oben.“

Zurück in die Gegenwart. Internet, Smartphones, Virtual Reality. Wearables. Die Welt wird schneller, komplexer. Zentrale Begründung für Constructive Journalism ist, die ganze Wirklichkeit zu erzählen, ein vollständiges Bild zu zeichnen: „covering reality with both eyes“. Das ist kein Privileg des CJ und keine Erfindung des CJ. Das ist eine uralte Debatte im Journalismus. Die nie abgeschlossen und nie veraltet sein wird. Aber die Belebung verdient und die im CJ mehr Platz und Tiefe verträgt. Für mehr Reflexion und für die Suche nach passenden Formen. Gönnen wir uns hier zumindest ein paar aktuelle Fragmente aus einer großen Debatte. Als Anregung und Erinnerung.

Claudius Seidl hat 2010 in einem furiosen Essay für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung über den Umgang mit Wirklichkeit als „Verniedlichung der Welt“ sinniert. Und 2012 in einem Gespräch seine Kritik erneuert: „Weil die Welt, so wie sie ist, eben nicht aus Sprache besteht. Die Welt zu beschreiben, heißt immer, die Welt zu deuten, zu sortieren. […] (Die Welt) fordert uns vielmehr auf, permanent nach neuer Sprache, neuen Formen des Beschreibens zu suchen. […] Gerade die Reportagenormen des Hamburger Journalismus sind Kitsch, Klischee, Quatsch. Nichts, womit man der Wahrheit besonders nahe käme. Ich glaube eher, dass man gewissermaßen die Produktionsbedingungen des Textes offenlegen kann — was sich gleichermaßen anspruchsvoll und schwerfällig und intellektuell anhört, was aber, wenn man sein Handwerk beherrscht, der Lesbarkeit eines Textes nicht schadet. Im Gegenteil […]

Die meisten hier in diesem Feuilleton leisten das durch Wortwahl, Satzbau, Reflexionsniveau und die geschickte Verwendung von ‚vielleicht‘ und ‚vermutlich‘ da, wo man es eben nicht weiß. Ich habe den Eindruck, dass die Reportagenorm nichts so sehr fürchtet wie das. Dem Leser die Autonomie zu belassen, zu wissen, dass nicht nur der Text eine Interpretation seines Gegenstandes ist, sondern dass meine Lektüre eine Interpretation dieses Textes ist. Ich glaube, das sind Dinge, die Feuilletonisten bewusster sind. Um mal ein Beispiel zu nennen: Der Kollege Nils Minkmar, der politisches Feuilleton macht, ist häufig dort, wo etwas geschieht und beschreibt, was er gesehen hat. Er schreibt es aber immer in der Grundhaltung: ‚Hier hab ich mal eine Analogie für Euch. Lieber Leser, probier mal aus, ob Dir die Analogie so schlüssig erscheint, wie mir gerade.‘ Das bedeutet, Argumentieren und Beschreiben im Journalismus als wesentlich freieres, offeneres, auf keinen Fall autoritäres System zu betrachten — was die Texte nicht weniger spannend macht. Man möchte nicht aufhören zu lesen, weil die Vorschläge zum Weiterdenken anregen.“

Die Anknüpfungspunkte zum Constructive Journalism sind sehr deutlich. CJ verabschiedet die News und bedient sich der Traditionen des Magazinjournalismus. Aber mehr noch und mehr diskutabel: CJ verändert Haltung, impliziert ein bestimmtes Verständnis von Wirklichkeit als gestaltbarer Welt, postuliert gerne Lösungen und hat es eher nicht so mit Analogien im Sinne Seidls. Denkt man Seidls Plädoyer für Texte als anti-autoritäre, offene Analogie-Angebote weiter, stößt man auf die spannende Frage, ob der Fokus auf Lösungen und Perspektiven womöglich eher autoritäre Texte (und Haltungen gegenüber dem Publikum) befördern könnte. Im Sinne von: Wir haben hier die Lösung. Punkt. Das wiederum würde der Absicht zum Dialog zuwiderlaufen.

Womit wir bei der nächsten Frage sind, der Frage nach der Rolle des Publikums:

2_ Dialog: community & process journalism

Dazu hat der amerikanische Journalismus-Professor Dan Gillmor neue News-Regeln formuliert. Für ihn ist Dialog mit dem Publikum eine neue Kernaufgabe für News: „We would invite our audience to participate in the journalism process. […] We’d make conversation an essential element of our mission. […] We would help people in the community become informed users of media, not passive consumers. […] For any coverage where it made sense, we’d tell our audience members how they could act on the information we’d just given them. […] The more we believed an issue was of importance to our community, the more relentlessly we’d stay on top of it ourselves.“

Gillmor beschreibt also nicht nur Dialog als zentrales und damit unabdingbares Element von Journalismus. Dieser Dialog ist mehr als nur Reden: Es geht um Mitwirkung, um Wirkung, um Beständigkeit. Wir agieren immer mit unserem Publikum. Das ist Teil der journalistischen Rolle und Aufgabe. Sagt Gillmor.

Und nicht nur er. Es hat sich im Online-Journalismus als essentielles Prinzip und in vielfältigen Formen etabliert, sein Publikum aktiv einzubinden. Crowdsourcing beispielsweise schafft gemeinsame Lösungen oder gemeinsame Geschichten. In Deutschland und Europa hatte es zwischen 2006 und 2012 ein paar größere Medienprojekte mit Crowdsourcing gegeben. Seitdem ist das Konzept etwas in Vergessenheit geraten.

Die Idee, den Dialog zu fördern, wird erkennbar populär als Citizen Journalism um das Jahr 2000. Sie hat aber eine ältere und wechselvolle Geschichte. Inzwischen taucht in den Debatten öfter mal der Begriff Conversational Journalism wieder auf. Ursprünglich bezeichnet der Name die Idee, den Journalismus ganz umfassend als Gespräch mit dem Publikum zu begreifen. Statt Senden ein beständiger Diskurs: „Public-journalism reform efforts of the 1990s started to advance conversation, though, and then the Internet swept away any resistance to change. Now pretty much any citizen with Internet access and a few Web tools can create and distribute news, collaborate with professional journalists in real time and select what news to follow, if any, from a dizzying array of choices.“

Inzwischen, seit 2016, allerdings hat sich der Sprachgebrauch radikal geändert. Conversational Journalism meint die Nutzung von Bots und Messengern, um journalistische Inhalte im Gesprächsstil zu übermitteln.

Gehen wir also zurück zum ursprünglichen Begriff und der Idee des Dialogs:

Eine umfassende Konzeption dazu stellte der amerikanischer Journalismusprofessor Jeff Jarvis im Jahr 2009 vor: process journalism. Er verabschiedet den Journalismus vom Gedanken des klassischen fertigen Beitrages. „Online, the story, the reporting, the knowledge are never done and never perfect. That 
 doesn’t mean that we revel in imperfection,[…] It just means that we do journalism differently, because we can. We have our standards, too, and they include collaboration, transparency, letting readers into the process, and trying to say what we don’t know when we publish — as caveats — rather than afterward — as corrections.“

Das ist dann wirklich mehr als Dialog. Das meint Journalismus in Bewegung, als dauernder intensiver und konstruktiver Dialog mit dem Publikum. Ein „Wir“ aus Journalistinnen, Journalisten und Publikum ringt gemeinsam um Welterkenntnis. „Wir“ tragen zusammen, wägen ab, einigen uns auf Kriterien, schaffen Geschichten. Das hat sich im Online-Journalismus durchaus etabliert. Was Constructive Journalism daraus lernen kann? Die konsequente Integration des Publikums gehört zum Kern von CJ, ebenso das Ziel etwas zu bewirken mit und im Publikum. Hat aber mehr Potential. das zeigt dieser Blick in die Geschichte. Zugleich wird deutlich, welche Konsequenzen das für Fähigkeiten der Journalisten hat, für Ressourcen in den Redaktionen und Anforderungen an journalistische Formate. Wenn Constructive Journalism bedeutet, sein Publikum zu befähigen, die Welt nicht nur zu verstehen, sondern auch zu gestalten, dann gibt es bei Gillmor und Jarvis dazu das umfassendere Konzept.

3_Subjektivität: The New New Journalism

Eng verknüpft mit der Frage nach der Wirklichkeit ist natürlich das Ich des Reporters, der Reporterin. 1980 wird Herbert Riehl-Heyse, der legendäre Reporter der Süddeutschen Zeitung, so zitiert:„… bin ich sicher, dass die vorsätzliche Subjektivität des Beschreibenden für den Leser hilfreicher und ehrlicher ist. Hilfreicher, weil er auf diese Weise Dinge erfahren kann, die in einer ‚objektiven‘ Nachricht schon aus lauter Vorsicht nicht unterzubringen wären, ehrlicher, weil der Autor erst gar nicht den Eindruck zu vermitteln versucht, er schreibe die einzig wahre, gültige Geschichte über diesen oder jenen politischen, kulturellen, gesellschaftlichen Vorgang. Ideal wäre es in diesem Sinne, wenn der Leser am Schluss des Artikels genau wüsste, dass er nichts anderes gelesen hat, als die ganz persönliche Sicht eines bestimmten Schreibers, und dass er es trotzdem nützlich fand, sich gerade mit dieser Sicht auseinanderzusetzen.“

Dieses „Ich“ ist zentraler Reibungspunkt in der Geschichte des Journalismus. „Ich“ kommt immer wieder, mal gefeiert, mal verdrängt und im Constructive Journalism sträflich vernachlässigt.

Kleine Erinnerung, „The Birth of The New Journalism“, Tom Wolfe, 1972 im New Yorker Magazine, 1973 als Buch „The New Journalism“: Mit einem radikalen „Ich“, mit dem Autoren als Zentrum der Geschichte, wollen sie True Stories zu erzählen. Verkürzt gesagt. Eine legendäre Bewegung im Journalismus. 2005 nimmt sich Journalismus-Professor Robert S. Boynton dem Thema neu an, befragt 19 renommierte Reporter und formuliert daraus The New New Journalism. Dabei postuliert er ein verändertes Reporter-„Ich“:

New Journalism ist nach Boynton „placing the author at the center of the story, channeling a character’s thoughts, using nonstandard punctuation, and exploding traditional narrative forms. […] Wolfe went inside his characters’ heads; the New New Journalists become part of their lives.“ Wo Wolfe mehr die Oberfläche interessiert, mehr der Gestus und der Habitus, gräbt der New New Journalism tiefer, ist umfassender am Kontext interessiert. „Rigorously reported, psychologically astute, sociologically sophisticated, and politically aware“ ist die Kraft des New New Journalism, sagt Boynton. Wie sein altes Vorbild The New Journalism ist „close-to-the-skin reporting“ das zentrale Movens. Der Blickwinkel also weitet sich. Und das erfordert veränderte Journalisten: Sie bringen „a distinct set of cultural and social concerns to their work“. Den New New Journalists ist gemeinsam, „they can bridge the gap between their subjective perspective and the reality they are observing. […] They can render reality in a way that is both accurate and aesthetically pleasing“. In der konkreten Umsetzung zeichnet The New New Journalism aus, dass sie experimentieren: „more with the way one gets the story“, u.a. mit „innovative immersion strategies“.

Nun könnten wir noch einen gewagten weiten Bogen schlagen zu den Bloggern. Die sind zwar nicht per definitionem dem Close-to-the-Skin-Reporting verbunden, aber sie zeigen, wie stark Subjektivität an Beliebtheit gewonnen hat. Und an Relevanz. Was zählt, ist Persönlichkeit, ist Haltung, Meinung, eigener Blick auf die Welt. Elementar für Erfolg im Social Web. Tom Wolfe wäre begeistert.

Was das mit Constructive Journalism zu tun hat? Es geht wieder um das Welt-Verständnis, das bislang bei CJ eher implizit umgesetzt wird. Aber was sagt der Wunsch nach konstruktiven Beiträgen eigentlich über den eigenen Blick, die eigenen Haltung, das eigene Verständnis der Welt? Welche Folgen hat das für die Art, wie Geschichten erzählt werden? Und wird dies dann gegenüber dem Publikum offen gelegt? Womit wir beim nächsten Aspekt wären, der in den vergangenen Jahren intensiver diskutiert wurde, vor allem im Online-Journalismus:

4_Transparenz: The new rules of news
 
„Journalists need to stop being so lazy and unimaginative. Here are 22 ideas for changing the way news is produced“ schrieb der amerikanische JournalismusProfessor Dan Gillmor 2009. Was er dann formulierte, berührt in allen 22 Ideen immer drei Kernthemen: Transparenz, Kontext und Dialog.

Sein zentraler Satz dabei ist: „Transparency would be a core element of our journalism. One example of many: every print article would have an accompanying box called ‚Things We Don’t Know‘, a list of questions our journalists couldn’t answer in their reporting. TV and radio stories would mention the key un-knowns. Whatever the medium, the organisation’s website would include an invitation to the audience to help fill in the holes, which exist in every story.“ Und später in der Reihe der neuen Regeln: „We’d work in every possible way to help our audience know who’s behind the words and actions.“

Ein Jahr vorher, 2008, hatte der britische Reporter Nick Davies einen ähnlichen Gedanken. Den Epilog seines wütenden und auch heute noch lesenswerten Buches „Flat Earth News“ beginnt er mit: „In an imaginary world, we might demand that media products should be treated like food products which are required to carry a clear label to inform consumers of their contents.“ Schöne Idee: Jeder Artikel erhält ein Label, „Dieser Beitrag enthält 23 Prozent Spekulation, 57 Prozent mehrfach belegte Fakten“ usw.

Scherz beiseite: Die Transparenz-Idee hat sich im Online-Journalismus verbreitet. Inzwischen gehört es zum guten Ton, „Was wir wissen — was wir nicht wissen“ als Zusatzinfo anzubieten. Selbst in gedruckten Zeitungen tauchen zudem öfter Versuche auf, zu erklären wie eine Geschichte zustande gekommen ist.

Der Bezug zu Constructive Journalism? Transparenz ist eine natürliche Konsequenz für CJ, wenn es Lösungen und Perspektiven glaubwürdig transportieren will. Der Blick in die jüngste Geschichte des Journalismus liefert genug Material, um diesen Aspekt konsequent zu gestalten.

4_Reflexion: Slow Journalism

Wer nach Lösungen sucht, nach Möglichkeiten fragt, wissen will, wie es weitergeht, kurz, Constructive Journalism betreibt, kommt ja nicht umhin, nachzudenken. Einem klassischen fragmentierten News-Journalismus ist das gemeinhin nicht so zu eigen. Geschwindigkeit und Reflexion sind da nicht unbedingt natürliche Verbündete. Magazinjournalisten dagegen ist das Konzept ohnehin vertraut. Aber CJ will ja ergänzen, nicht klassischen News-Journalismus ersetzen.

Die Idee des Slow Journalism kommt da sehr zupass. Sicher, Hintergrund-Magazine, Langzeit-Reportagen, Rubriken „Was macht eigentlich“, das gibt es schon lange, das ist klassischer Magazin-Journalismus. Unter dem Label Slow Journalismus gewinnt dieses Konzept seit ein paar Jahren neues Interesse. Gern zitiert wird Rob Orchard mit seinem Magazin Delayed Gratification, der sein Projekt so beschreibt: „Like the other Slow movements, we take time to do things properly. Instead of desperately trying to beat Twitter to the punch, we return to the values we all want from journalism — context, analysis and expert opinion.“ Er hat sein Magazin 2011 gegründet und berichtet viermal im Jahr über die Ereignisse der vergangenen Monate. Abstand zum Geschehen ist der Leitgedanke.

Es ist aber nicht allein die Langsamkeit. Dazu kommt ein weiterer Aspekt: Begrenzung. Bietet Internet und Social Media unendliche Streams, so setzt Slow Journalism auf strikte Auswahl und Gewichtung. Dieser Gedanke findet sich inzwischen häufiger auch im Online-Journalismus. In der Schweiz ist 12app.ch populär geworden mit einer Auswahl von täglich 12 Geschichten, die 12 relevantesten Themen. Anspruchsvolle Web-Magazine wie Axios.com, Politico.eu und andere ambitionierte Journalismus-Projekte wie Monocle setzen ebenfalls auf die konsequente Auswahl, auf Hintergrund, Erklärung, auf Reflexion und, nebenbei gesagt, auf eine gehörige Portion Subjektivität. Im Print haben auch Zeitungen wie die Süddeutsche und die FAZ die lange Form als Chance zur Expansion genutzt: „Langstrecke“ heisst das regelmässige Sonderheft der SZ, FAZ Woche und Quarterly sind die entsprechenden Publikationen der FAZ. Es heisst nicht Slow Journalism. Aber sie übernehmen Prinzipien daraus.

Und in der Schweiz startet im Mai 2017 die Genossenschaft Projekt-R. Sie will ein digitales Magazin publizieren „mit Journalismus, der sich mit den grossen Debatten und Fragen beschäftigt, ohne Bullshit. […} ein digitales Magazin für den Journalismus des 21. Jahrhunderts zu entwickeln: einen Salon für Debatten und ungelöste Fragen, smart, politisch, fair — und mitreissend genug, dass die Artikel freiwillig gelesen werden.“

Neben reduzierter Geschwindigkeit und der Begrenzung als Qualitätskriterium gehört hier ein dritter Aspekt hinzu, auch wenn das bislang explizit kein Thema für Slow Journalism ist: die Sprache. Genauer gesagt: das Framing. Unser Framing. Für die Sprache der Politik ist das durchaus ein Thema geworden, u.a. dank der Forschung und Publikationen von Elisabeth Wehling. Es geht im Kern darum, welche Begriffe wir verwenden und damit Bedeutung transportieren, mehr oder weniger subtil, bewusst und unbewusst. Solche sprachlichen Deutungsrahmen werden für den Journalismus eher selten thematisiert und fehlen im Diskurs just dort, wo es um bewusstere journalistische Arbeit geht, wie eben bei CJ. Und wenn wir hier schon über Reflexion, über Slow Journalism reden, dann gehört das Nachdenken über die eigene Sprache unbedingt hierher.

Passt das für Constructive Journalism? Sicher. Konstruktiv braucht Hintergrund, braucht Nachdenken, braucht Auswahl, braucht Bewusstsein für Sprache, braucht Einbettung in den Kontext.

Solch „Contextual Journalism“ ist natürlich kein neues Konzept. Auch hier können wir lernen aus dem Blick in die Geschichte des Journalismus: „The Rise of Longform Newspaper Writing, 1950s-2003“ ist der Titel einer Studie, die den großen Aufschwung von Contexual Journalism beschreibt. Die Autoren Fink und Schudson definieren dabei das Konzept so: „Contextual stories tend to focus on the big picture, providing context for other news. If the conventional story is a well-cropped, tightly focused shot, the contextual story uses a wide-angle lens. It is often explanatory in nature, sometimes appearing beside conventional stories to complement the dry, just-the-facts versions of that day’s events.“

Auch das wieder sehr nahe an der aktuellen Diskussion um Constructive Journalism. Also, schön, dass wir wieder drüber reden. Über unsere Ideen von Journalismus. Über die Erfahrungen früherer Journalismus-Konzepte. Denn ohne Blick in die Geschichte bliebe CJ doch etwas oberflächlich.