Was Constructive Journalism jetzt braucht. Thesen für #cj_nxt

Auszug aus dem Buch “Kritisch-konstruktiver Journalismus” von Ulf Grüner und Dr. Christian Sauer (Hg), Hamburg 2017, ISBN 978–3743187313

Von Ulf Grüner

Okay, das haben wir nun geklärt: Kritisch ist der konstruktive Journalismus. Trotzdem werden genügend Redaktionen das Konzept immer noch als Wellness-Journalismus missverstehen, woran die Erfinder des CJ-Konzeptes ja nicht ganz unschuldig sind. Der Begriff „constructive“ engt den Blick schnell ein auf das Positive, auf Konstruktives. Die Begründung, wir deprimierten unser Publikum, weckt den Wunsch nach vermeintlich schönerem Journalismus.

Das lässt sich differenzieren, wie dieses Buch zeigt. Am Ende bleiben drei be-
 harrliche, implizite und immer noch zu wenig reflektierte blinde Flecken, um die sich kümmern muss, wer CJ behalten will:

  1. CJ entstand aus dem News-Journalismus und adressiert zuerst diese Situation im klassischen Newsroom. Andere journalistische Arbeit gerät schnell in Vergessenheit, wie zum Beispiel die schon immer vertieft arbeitenden Magazin-Journalisten, die investigativ arbeitenden Reporterinnen und Reporter, kurz: den Journalistinnen und Journalisten, denen die Weiterdrehe, denen die Frage nach dem „wie weiter?“ schon immer zueigen ist. Ob nun klassische Magazin-Blattmacher wie Henri Nannen oder moderne wie Tyler Brulé: Sie wussten und wissen, dass der journalistische Blick weiter sein muss. Jetzt könnte man sarkastisch sagen: Schön, wenn CJ dazu führt, dass nun auch News-Journalisten das erkennen.
  2. CJ bezieht sich auf Positive Psychologie. Das ist a priori nichts Böses, ist erst-mal weder gut noch schlecht. Es geht mir auch nicht um die Frage, ob Positive Psychologie eine erstzunehmende Wissenschaft ist. Es geht mir darum, dass vielfach nicht transparent ist, dass CJ sich überhaupt darauf bezieht — und nicht reflektiert wird, welche Konsequenzen das für die konkrete Arbeit von Journalisten haben könnte. Denn Positive Psychologie steht für ein bestimmtes Menschenbild, wie Ursula Ott in diesem Buch ausführlich erläutert. Sehr zugespitzt gesagt: Konzentrieren wir uns auf die Stärken, krempeln wir die Ärmel hoch, dann wird alles gut. Strukturelle Ursachen können dabei sehr leicht aus dem Blick geraten. Wer CJ also nutzen will, muss sich über sein Menschenbild klar werden, muss seinem Publikum transparent darlegen, welche Rolle das für die journalistische Arbeit spielt. Und CJ neu für sich definieren.
  3. CJ ist blind für Online. Viele Fragen, die CJ aufwirft, sind im Online-Journa-lismus längst diskutiert. Kontext, Transparenz, Blick auf das Ganze, aktive Teilhabe etc: Dan Gilmor, Jeff Jarvis und andere haben wesentlich den Diskurs dazu inspiriert und Konzepte initiiert. Auch die Relevanz von News-Journalismus in Zeiten der Dauer-„News“ im Social-Web wird längst ausgiebig thematisiert. Das haben wir ja in diesem Buch diskutiert, geklärt und Alternativen definiert.

Dreimal verengter Blickwinkel also. Dazu CJ als Konglomerat aus einzelnen Konzepten, ein „Umbrella-Term“. Basierend auf einem dünnen Fundament aus Vermutungen über die deprimierende Wirkung und dem Konzept Positiver Psychologie. Naja, CJ wurde halt mal so als Idee rausgehauen.

Zugleich ist CJ der aktuell populärste Impuls, und damit ein idealer Katalysator, um Journalismus frisch zu denken. Die Beispiele in diesem Buch zeigen die anregende Wirkung. Zu schade, dieser Diskurs würde verpuffen.

Um zukunftsfähig zu sein, braucht CJ mehr Weite und mehr Tiefe. CJ ist ein notwendiger Impuls. Zeit, ihn zu erweitern durch Haltung. CJ ist ein nötiger Diskurs. Zeit, ihn zu erweitern um Reflexion.

Vier Vorschläge, wie das klappen kann:

  1. In den Redaktionen mehr Zeit und Streit, um eine Haltung entwickeln, statt schnell die Form der Umsetzung zu planen.
  2. Transparenz und Kontext für unser Publikum stärken.
  3. CJ befreien von allen missionarischen Aspekten, Positive Psychologie inklusive. Offene und intensive Recherche ist der Schlüssel für die Zukunft.
  4. Klären wir die Frage, wie wir die neue Qualität unseres Journalismus, formerly known as CJ, messen. Woran erkennen wir diese Qualität, ganz konkret im Alltag und auch für unser Publikum erkennbar?

Wohin also?

Werfen wir zuerst mal den Begriff CJ weg. Er ist nicht präzise. Er hat zu allerlei Missverständnissen beigetragen. Brauchen wir nicht mehr. Es ist Zeit für eine reflektierte Begrifflichkeit. Machen wir uns auf die Suche. Was bezeichnet unsere Haltung, unseren journalistischen Ethos der Moderne? Und zwar ganz konkret für unsere Redaktion, unser Blatt, Marke, Sendung?

Die Diskussion kann beginnen. Genug Material ist da.

Wenn Sie mitdiskutieren möchten, twittern Sie mit #cj_nxt oder kommentieren Sie diesen Text bei https://medium.com/@ulfgruener

Dann lassen wir jetzt CJ hinter uns und weiten wir den Blick radikal. Mein Ausblick auf #cj_nxt lautet:

Mehr Journalismus bitte. Anregungen für den Diskurs

Es ist Zeit für neue Formen und Farben: Journalisten haben „permanent nach neuer Sprache, neuen Formen des Beschreibens zu suchen“, sagt Claudius Seidl. Es ist eine Suche im Alltagsleben. Von einer „Dialektik der Trends“ spricht dabei Bernhard Pörksen: „Zum einen bedingt die explosionsartige Vermehrung von Medien eine unabweisbar gewordene Möglichkeit und Neigung zur Inszenierung […] Zum anderen weckt die Massivität und Aggressivität der Inszenierungshandlungen […] das Bedürfnis nach dem Gegenteil: nach Authentizität, Wahrheit, Echtheit.“

Andere tun das auch, wie zum Beispiel Werbung, Theater, Fernsehen und Social-Media. Sie lieben derzeit so innig das Spiel mit Authentizität, dass inzwischen jeder Joghurt irgendwie authentisch ist. Zumindest gefühlt.

Geschmacksverstärker sind out, Konservierungsmittel igitt. Im Fernsehen läuft Scripted Reality, unterbrochen von Werbung, die Straßenumfragen nachahmt und Burger-Brater mit „authentischem Hüttenflair“ zeigt. In einer Analyse zum zwischenzeitlich phänomenalen Erfolg der Zeitschrift Neon hieß es, sie vermittle „den Eindruck von Authentizität“. Willkommen im Surrogat des Echten. Wir tun so, als sei es natürlich und wahr und freuen uns darüber.

In der Welt des glatten Digitalen reizt das konkret Erfahrbare, das scheinbar unperfekte, das echte Leben, das Raue an sich. Der Kiez-Deutsch-Rap. Das „erlebnisorientierte Design“, das physische Nähe und Haptik vermittelt. Für Smartphones werden unhandliche Telefonhörer im alten Bakelit-Design verkauft. Das Digitale wird fassbar. Das klassische Ideal ist eine Authentizitätsbehauptung, alles sei echt wahr und zugleich so perfekt inszeniert, dass es verständlich und pointiert, vielleicht gar spannend und unterhaltsam sei. So war es immer.

Journalismus erkundet immer wieder neu die Lebenswelten seines Publikums.

Mehr oder weniger. Und heute? Wie muss Journalismus heute auf die Dialektik der Trends reagieren?

Fünf Thesen für die Diskussion über zeitgemäßen Journalismus

1. Mehr Transparenz

Journalismus lebt von der glaubwürdigen Behauptung der Authentizität. Dazu muss die Echtheit bewiesen werden, durch mehr und andere Transparenz: „Transparency would be a core element of our journalism“ postuliert Dan Gillmor in seiner Liste der 22 Ideen für zeitgemäßen Journalismus „The New Rules Of News“ 2009. Eines seiner Beispiele, wie das aussehen könnte: „Every print article would have an accompanying box called ‚Things We Don’t Know‘“.

Reportagen könnten im Web mit einer Quellen-Ansicht publiziert werden: Jedes Zitat, jedes Faktum, jede Beobachtung ist im Text farbig markiert. Beim Klick darauf erscheint die entsprechende Quelle oder Recherche-Notiz des Reporters. ProPublica hat das im Jahr 2011 bereits ausprobiert.

2. Mehr Inszenierung

„Authentizität ist die Tugend in (als solchen durchschauten) korrumpierten Weltverhältnissen — und nur dort!“ sagt der Philosoph Andreas Luckner. Diese Tugend setzt freilich voraus, dass wir die Welt durchschauen. Dass wir entlarven, was uns umgibt, als Teil eben dieser Welt: „Authentizität, Echtheit, Eigentlichkeit sind immer produziert, nicht selbst authentisch, nicht selbst echt beziehungsweise eigentlich.“

Deshalb reden wir besser von Authentizitätsfiktionen, die erkenntnistheoretische Gewissheit akzeptierend und den Begriff des Kommunikationstheoretikers Siegfried J. Schmidt aufnehmend: „Um Authentizitätsfiktionen zu erzeugen, bedarf es einer Annäherung der Authentizitätsvorstellungen von Produzenten und Rezipienten. Je größer die Schnittmenge und die Einbettung in gesellschaftliche Kontexte ist, desto ‚authentischer‘ erscheint eine Darstellung.“ Denn Authentizität ist auch ein „Mechanismus der Komplexitätsreduktion“, der „auf stereotypen Verhaltenserwartungen beruht.“

Für echte Authentizitätsfiktionen bedarf es kluger, mitunter radikaler, stets ehrlicher, somit transparenter Inszenierung. Was mitunter bedeutet, eben auf diese zu verzichten. Mehr Bewusstsein für Inszenierung wäre auch schon ein Fortschritt. Oder wenigstens Bewusstsein für Framing via Sprache, sprich durch implizite Inszenierung durch Sprache, die wir verwenden.

3. Mehr Experiment

Im besten Falle haben Journalisten schon immer neue Formen probiert, um ihr Publikum mit der spannenden Wirklichkeit zu begeistern. Auf die Unmittelbarkeit der Radiotöne haben die Zeitungen in den 1920er-Jahren mit gedruckten „Live“-Reportagen reagiert. Die Redaktion der Berliner Seiten der FAZ hat mit Stilbruch und Stilmix das Stadtleben im Aufbruch nach der Wiedervereinigung Deutschlands abgebildet. Die Protagonisten des subjektiven Journalismus ab Mitte der 1980er-Jahre haben auf ihre Zeit reagiert. Sie alle haben die Zeitläufte beobachtet und sie haben Regeln gebrochen. Sie haben Vorbilder in anderen Genres gefunden, wie The New Journalism, von Tom Wolfe 1972 postuliert, aber schon lange vorher praktiziert.

Daran lässt sich wunderbar anknüpfen. Welche Erzählformen sorgen heute für die Unmittelbarkeit der Geschichte? Sind es rauere Erzählweisen, weniger geglättet und in Szene gesetzte Porträts? Sind es mehr Zitate, die Sprechtempo und Ausdrucksweise ungefiltert und unredigiert wiedergeben? Ist es Mut zur Langsamkeit in Reportagen, die von ihren Lesern mehr Zeit und mehr Konzentration fordern?

4. Mehr Sinn

Da draußen streamen digitale Newsbruchstücke und Kurzkommentare zwischen Fetzen von Bildern und O-Tönen im Social Web. Die Fragmentierung von Publikum und Medienmarkt ist enorm. Manche Redaktionen haben mit der Stärkung investigativer Recherche und des Daten-Journalismus reagiert, um eigene exklusive Inhalte zu publizieren. Andere haben das Kuratieren des Online-Streams als neue journalistische Qualifikation entdeckt. Gillmor empfiehlt, eine Nachricht, eine Geschichte, einzubetten in den Kontext dessen, was bisher geschehen ist und um das zu ergänzen, was in Zukunft passiert und korrigiert werden muss. Zumindest sollte das Publikum die Chance haben, zu wählen.Es geht um das kluge Zusammenfügen von authentischen Bruchstücken. Aktuelle News und relevante Hintergründe werden aus dem Internet verwoben, eingeordnet und mit eigenen Recherchen komplettiert. Aus News-Fitzelchen wird eine Geschichte, es entsteht wieder Sinn.

Es braucht Experten, die einschätzen und korrigieren, sichten und gewichten, dazu eine spannende, vielleicht berührende und bestenfalls erhellende Geschichte erzählen — und dies in erneuerten journalistischen Formen.Es braucht, um Robert S. Boynton zu zitieren, den New New Journalism mit der Lizenz zum Experiment, umfassend am Kontext interessiert: „Rigorously reported, psychologically astute, sociologically sophisticated, and politically aware“. Journalisten zeichnet aus, dass sie ihre subjektive Perspektive und die beobachtete Wirklichkeit zusammenbringen: „They can render reality in a way that is both accurate and aesthetically pleasing.“

5. Mehr Überraschung

Wo Hochglanz und digitale Glätte dominieren, müssen Text und Bild rauer werden, überraschender in der Sprache, auch härter im Schnitt, unmittelbarer, näher dran. Beispiele gibt es viele, seit den 1920er-Jahren, und in den Three-Line-Novels von Félix Féneón 1906 im Le Matin, der die ersten „Tweets“ publiziert hat. In unserer Zeit kommen reizvolle multimediale Formen dazu, wie O-Ton-Slideshows (Parallax Storytelling, Scrollytelling), interaktive Visualisierungen von Daten und die Wiederentdeckung der Graphic Novels für Journalisten.

Es ist an der Zeit, Leitlinien für eine journalistische Ethik der Inszenierung zu diskutieren. In der Konsequenz entstehen daraus Authentifizierungsstrategien, wie sie in diesen Thesen angedeutet werden. Journalismus als Kunst der glaubhaften Darstellung, würde The New New Journalism es wohl formulieren: „render reality in a way that is both accurate and aesthetically pleasing.“

Oder: #cj_nxt = #context_journalism

Quellen und Notizen:

Verweise zum historischen Kontext habe ich im Kapitel 5.3, ab Seite 104 ausführlicher dargestellt.

Bernhard Pörksen diskutierte in Publizistik 52. Jg. H. 3: „Welche Grade der Konstruktivität könnten … als Grundlage einer journalistischen Ethik taugen, die einerseits die Erfahrung der Intersubjektivität anerkennt, andererseits jedoch eine naiv-realistische Wahrheitsemphase ablehnt?“

Der Philosoph Andreas Luckner schreibt in Der Blaue Reiter Nr 24 über „Werde, der du bist! Echtheit, Authentizität, Eigentlichkeit“: „Echtsein gelingt nur augenblicklich oder gar nicht.

„Authentizitätsfiktion“ ist ein Begriff u.a. in den Geschichtswissenschaften und wird hier zitiert nach: Siegfried J. Schmidt, Lernen, Wissen, Kompetenz, Kultur (2005) sowie Pirker/Rüdiger, Authentizitätsfiktionen in populären Geschichtskulturen (2010).

Der Künstler Harald Naegeli, berühmt für seine Graffiti, sagt der NZZ (24.05.2017 im Feuilleton) auf die Frage nach der Bedeutung von Ästhetik: „Das Wichtigste. Es ist nur bedeutend und wirksam, was hohe Qualität hat.“