Werkzeuge für die journalistische Recherche

Ulf Grüner
Jun 3, 2017 · 15 min read

Auszug aus meinem “Arbeitsbuch Journalistische Recherche. Strategien, Werkzeuge, Hintergründe”, 2018, ISBN 9783752867466

Hier aus dem ersten Kapitel “Werkzeuge” der Text ohne Fußnoten und Illustrationen (ohne die Abschnitte Kodieren und Prüfen):

Papier und Stift, natürlich, das ist klar. Ein wacher Blick, auch für Details, ist unabdingbar. Was braucht es sonst für Recherche?

Im ersten Kapitel geht es um den systematischen Check der eigenen Ausrüstung, für fundierte Recherche, effektives Arbeiten und lückenlose Dokumentation.

1.1 Sichern

Wohin mit den gesammelten Quellen, den Notizen, den Dokumenten, den Entwürfen?

1.1.1 Analog

Papier ist nicht zu verachten. Abhörsicher. In allen Größen verfügbar. Nutzbar auch ohne Strom. Lesbar auch bei intensiver Sonneneinstrahlung.

Eine Systematik bei der Benutzung sollte man aber haben. Strukturierte Notizen helfen. Cornell Notes beispielsweise bieten ein einfaches System, das sich bewährt hat.

Die einfachste Grundstruktur der Cornell-Notes sind 3 Felder: links eine Spalte für Schlagworte (erleichtert später das schnelle Finden einzelner Notizen), rechts davon der Kasten für die Gesprächsnotizen und unten eine Querspalte für „To Do“, beispielsweise noch zu klärende Fragen, nächste Gesprächspartner, Kontaktadressen für weitere Recherche. Ein Beispiel von mir für etwas erweiterte Cornell-Notes finden Sie auf Seite 14; passende Kopiervorlagen erstellen Sie sich zum Beispiel mit www.cornell-notes.com und sichern sich die Kopiervorlage als PDF.

Noch einfacher ist es, ein klassisches Notizbuch zu kaufen, bei dem Sie die rechte Seite jeweils für Ihre Mitschriften und Recherche-Ergebnisse verwenden und die linke Seite nur für die Verschlagwortung sowie dort immer unten links zusätzlich für To-Do-Anmerkungen (also Fakten, die zu prüfen sind, neue Fragen und Recherche-Ideen etc.). Die Schlagworte links erkennen Sie schnell und einfach beim Blättern — ohne immer erst den gesamten Text der Notizen überfliegen zu müssen. Etwas ausgefeilter wird das System, wenn Sie zwei verschiedene Arten von Schlagworten nehmen und diese mit unterschiedlichen Farben oder Textmarker hervorheben: übergeordnete Themen-Stichworte als Rubriken plus Detail-Schlagworte; oder Sie kombinieren Orte und Personennamen mit Themen-Schlagworten.

Die To-Do-Anmerkungen jeweils unten auf der linken Notizbuch-Seite nutzen Sie unbedingt, um offene Fragen, zu prüfende Fakten, fehlende Informationen zu notieren. Auch „Bauchgefühl“-Notizen gehören hier hin: Hat der Gesprächspartner an dieser Stelle wirklich alles oder die Wahrheit gesagt?

Und schließlich ist die linke Seite (eher innen zum Bundsteg hin) der Ort, um konkrete Kontaktadressen für weitere Gespräche oder konkrete Lesetipps zu notieren, die mit den Notizen auf der rechten Seite korrespondieren.

Zusammenfassung:

  • Entscheiden Sie sich jetzt für ein System und legen Sie das Material bereit.
  • Oder prüfen Sie Ihre bisherige Arbeitsweise: Was lässt sich verbessern?
  • Oder lesen Sie erst die nachfolgenden Informationen zur digitalen Materialsammlung.

Folgende Seite:

Kopiervorlage erweiterte Cornell-Notes

Diese erweiterte Notiz-Lineatur sorgt für schnelle Struktur:

  • links eine Spalte für die Verschlagwortung
  • unten links vier Felder zur Priorisierung in Anlehnung an die alte 4-Felder-Methode:
  • wichtig & dringend = Feld oben links
  • dringend = Feld oben rechts
  • wichtig, aber nicht dringend = Feld unten links
  • später, aber nicht vergessen = Feld unten rechts
  • oben das Hauptfeld für die Notizen
  • unten die Querspalte für weitere Aufgaben

1.1.2 Digital

Gehen wir zuerst einmal davon aus, dass Sie keine besonders sensiblen Daten sichern müssen. Und, dass wir erstmal hier nur über das Sichern und Sortieren reden, nicht über die Weiterverarbeitung von recherchiertem Material (dazu siehe Kapitel 1.2). Ausserdem konzentriere ich mich hier auf Software, die für möglichst alle Betriebssysteme zur Verfügung steht. Das erleichtert die Zusammenarbeit mit Kollegen und die Arbeit mit unterschiedlichen Computern.

Die derzeit beste Software kommt aus der Wissenschaft, zudem oft kostenlos und für alle gängigen Betriebssysteme erhältlich:

Zotero arbeitet mit Standard-Browsern zusammen und sichert so recht komfortabel Webinhalte inklusive Datums/Zeitstempel und Quelle (URL). Die Software gibt es kostenlos für Mac, Windows, Linux. Zotero kann noch viel mehr, es ermöglicht regelrechte Bibliotheken für Material fast aller Art und die Option diese als Team zu nutzen. Es wird zu Recht beworben als „Your personal research assistant“. Einziger Nachteil momentan: Es gibt keine App für die mobile Nutzung.

Mendeley für die gezielte Suche und Verwaltung von (wissenschaftlichen) Studien und Materialien sowie Import von Webinhalten ist kostenlos für Mac, Windows, Linux und iOS/Android. Add-ons für alle gängigen Browser erleichtern die Sicherung von Online-Inhalten. Zusätzlich organisiert Mendeley ein Netzwerk für Wissenschaftler; so lassen sich parallel zur Recherche auch Experten für das jeweilige Fachgebiet entdecken. Das ersetzt nicht andere Netzwerke wie ResearchGate.net, aber kann hilfreich sein.

LitLink ist eigentlich ein Wissensmanagement-Programm für Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften. Es ist aber weit darüber hinaus ein sehr nützliches Tool. Als lokale Datenbank organisiert man damit effizient alle Notizen und Dokumente, und das sehr flexible. Es ist kostenlos für Mac und Windows.

Es gibt zwar eine Option, auch online damit zu arbeiten, aber es fehlt eine eigene App für wirklich mobiles Arbeiten.

Evernote ist ein kommerzielles, kostenpflichtiges Angebot. Es bietet eine einfache Materialsammlung via App, inklusive automatischem Datenabgleich auf allen verknüpften Geräten. Verschlagwortung und Ordner sorgen für Struktur. Die interne Suche verknüpft schnell ähnliche Einträge. Auf mobilen Geräten dient die Fotokamera als Dokumentenscanner. Audio-Aufnahmen sind ebenfalls direkt aus Evernote möglich. Die Basisversion ist kostenlos für Mac, Windows, iOS, Android. Für eine professionelle Nutzung ist aber ein Abo wohl unvermeidlich.

Auch Agenda, Microsoft OneNote , Google Notizen und Coda leisten gute Dienste, vergleichbar mit Evernote. Gerade Google Notizen lohnt einen Blick, wenn es um kostenlose und mobile Notizsoftware geht.

Es gibt inzwischen zahlreiche weitere Angebote, die schnelle und automatische Synchronisation ermöglichen. Alle diese Services haben in der Regel eine große Schwäche: Meine Daten vertraue ich einem externen Anbieter an, einem externen Webserver. Lokales Backup ist meist nicht vorgesehen. Im Falle von Evernote zum Beispiel ist zwar ein Backup der Daten auf eine lokale Festplatte möglich, aber vergleichsweise umständlich umgesetzt. Wer ohnehin alle seine Daten und seine Software extern sichert, muss sich darum weniger sorgen.

Bleibt dann immer noch das Problem der Dateiformate: Evernote & Co nutzen eigene Dateiformate, die nicht unbedingt mit anderer Software lesbar sind. Was also zum Beispiel in Evernote gespeichert ist, kann auch nur mit dieser Software wieder genutzt werden. Wenn aber beispielsweise der Evernote-Client nach einem misslungenen Update abstürzt, sind die gespeicherten Information nicht mehr lesbar. Oder wenn Evernote seinen Dienst einstellt, gehackt wird oder sonst Probleme hat, kann es für den professionellen Anwender schnell unangenehm werden. Das gilt natürlich für alle anderen Software-Anbieter ebenso.

Für kurzfristige Recherchen ist das alles kein Problem. Wer aber über Jahre an Themen und Projekten arbeitet, muss hier vorsichtig sein. Mögen Evernote, Google Notizen und andere perfekt für mobiles Sammeln sein, so braucht es dann lokale Software, in die man Informationen für eine langfristige Nutzung überführt — also lokale Datenbanken oder eine akribische Festplattensicherung.

Letzte Anregung für den Werkzeugkasten zur Datenspeicherung: Natürlich können Speicherdienste wie GoogleDrive, Box und Dropbox hilfreich sein, gerade für grosse Datenmengen, die von unterschiedlichen Rechnern aus erreichbar sein sollen, etwa für Teamarbeit. Nutzen Sie dabei nur populäre Webdienste statt exotischer Services, da beispielsweise GoogleDrive häufig auch mobil von Nicht-Google-Apps zur Datensicherung genutzt werden kann. Bedeutsam sein kann auch, dass die Server in Europa stehen und entsprechend europäischen Datenschutz-Regeln unterliegen. Wer einen eigenen Webserver betreibt, sollte sich OwnCloud ansehen. Das inzwischen sehr ausgereifte Open-Source-Projekt bietet Desktop-, iOS- und Android-Apps an.

Wie gesagt, das alles gilt, solange es um Informationen geht, die nicht mal annähernd wirklich sensible Daten enthalten.

Sichern und speichern ist gut. Aber dazu muss man ja erstmal was haben zum Einsammeln.Wie bleibt man also bei Recherche-Themen komfortabel auf dem Laufenden?

Wie stößt man bestenfalls sogar auf neue Quellen, Experten und Aspekte?

Der gute alte E-Mail-Newsletter feiert ja gerade ein Comeback. Auch lohnen sich Tools wie die App des Blognetzwerkes Medium und die Kuratier-App Flipboard für Tablet oder Smartphone. Suchen und einzelnen Quellen folgen ist damit sehr komfortabel.

RSS-Reader sind selten geworden, aber immer noch sehr nützlich. Mit RSS kommen die Infos auf den eigenen Rechner. Es entsteht eine Art digitales Archiv, automatisch aktualisiert und nach Stichworten durchsuchbar. Auch für RSS gibt es allerlei Tools, sogenannte RSS-Reader, Feedly gilt derzeit als eine der besten Lösungen, flexibel einsetzbar und einfach zu verwenden. Mit Audio-Podcasts geht das auch, u.a. Castro ist dafür eine nützliche Hilfe auf dem Smartphone.

Als Ergänzung nun noch eine spezifische Suchmaschine — für gezielte und effiziente Suchen in selbst ausgewählten Quellen. Das bietet die benutzerdefinierte Suche bei Google. Der Kniff dabei: Ich definiere selbst, in welchen Websites Google suchen soll. Dafür baut mir Google sehr komfortabel eine persönliche Suchmaschine. Das lohnt sich, wenn ich bestimmte Websites regelmäßig als vertrauenswürdige Quellen brauchen und zwar zu unterschiedlichen Suchbegriffen. Einfach mal ausprobieren:

Zuerst benötigen Sie dazu einen Account bei Google, den Sie bereits haben, sofern Sie beispielsweise eine Google-E-Mail-Adresse besitzen oder GoogleDocs verwenden.

Fast fertig. Ein paar Extras sollten nicht fehlen:

Exkurs: Ein öffentliches Notizbuch?

Bei manchen Recherche-Themen lohnt es sich, die Plattformen des Social Networks frühzeitig einzubinden, um Anregungen, Informationen, Meinungen von Betroffenen und Neugierigen zu erhalten. Tumblr, Medium und Postach sind neben Twitter und Instagram momentan oft lohnenswerte Plattformen. Dort lässt sich ein öffentliches Recherche-Notizbuch anlegen, mit dem Publikum bzw. gezielt mit Multiplikatoren verknüpfen, ein Recherche-Dialog anzetteln. Mehr dazu später im Kapitel „Storytelling“.

Auch für den Aufbau eines eigenen Experten-Netzwerkes braucht es eigene Publikationen. So weist man die eigene Expertise und Ernsthaftigkeit nach. Um solche Netzwerke aufzubauen, ergänzen Sie die eigenen Publikationen wie etwa ein Blog um zusätzliche Präsenzen bei Profi-Plattformen wie ResearchGate, LinkedIn (samt dem Präsentationsarchiv Slideshare) und Xing — meistens müssen Sie überall präsent sein, weil die Communities regional wie fachlich unterschiedlich sind.

Backup organisieren! Was auch immer Sie tun, Ihre digitalen Schätze müssen gesichert sein, idealerweise lokal auf einer separaten Festplatte. Und zwar nicht (nur) mit proprietärer Backup-Software, sondern in Formaten, die sofort auch auf anderen Rechnern nutzbar sind, also in der Regel in PDF- und/oder Text-Dateien. So können Sie im Notfall sofort weiterarbeiten.

Metadata Extraction Tools zur Unterstützung bei der Verfikation von digitalen Daten sollten auch in der Basis-Ausstattung nicht fehlen. Sie erleichtern die Arbeit. Verschiedene Varianten sind als Add-on für Firefox- bzw Chrome-Browser etwa für EXIF-Daten meist kostenlos zur Installation verfügbar.

Es wird Zeit zur Zwischenbilanz, jetzt am Ende dieses Werkzeug-Kapitels. Reden wir über das Minimal-Tool-Set. Mindestens sollten Sie haben:

  1. Ein Tool für mobiles Einsammeln und Vorsortieren von Daten, Notizen, etc. Das muss mindesten Text, Fotos (und Scans von Dokumenten) und Audio sichern können. Schön wären noch handschriftliche Skizzen und Verschlagwortung. Momentan also Google Notizen oder Evernote.
  2. Langfristige Sicherung und weitere Aufbereitung: Mindestens Backup der Google Notizen oder Evernote-Dateien plus deren Software via regelmäßigen Festplatten-Backups.
  3. Verknüpfung Analog & Digital (folgendes Kapitel)
  4. Tools zur Aufbereitung des Recherche-Materials (siehe Kapitel 1.2)

Und wenn Sie mit sensiblen Daten arbeiten? Also richtig sensible Informationen? Dann vergessen Sie (fast) alle Online-Tools, installieren lokal LitLink in einem gesicherten Festplattenbereich oder auf einem USB-Stick, den Sie verschlüsseln oder sogar verstecken. Ich verzichte hier auf konkrete Software-Empfehlungen. Es gibt zu viele unterschiedliche Betriebssystem-Versionen und zu viele Aktualisierungen in diesem Bereich.

Zumindest hinweisen möchte ich hier auf Entwicklungen mit Blockchain-Technologie wie bei Storj: „A peer-to-peer cloud storage network implementing client-side encryption would allow users to transfer and share data without reliance on a third party storage provider.“ Auch MaidSafe ist hier zu nennen als „Blockchain based storage solution.“ In diesem Bereich werden sicher in den kommenden Monaten und Jahren noch spannende Projekte zu sehen sein, gerade auch für Recherchetools.

Und wenn Sie mit sehr sensiblen Informationen arbeiten? Finger weg. Lassen Sie die Finger von der Technik und holen Sie sich Experten. Grundregel ist: Ihr Rechner bleibt sauber, keine Verschlüsselung, keine Anonymisierungsdienste, keine Steganografie, keine heiklen Recherchen. Nicht auf dem Büro-Rechner. Nicht auf dem privaten Rechner. Nie.

Warum? Selbst wenn niemand Ihre Daten lesen kann, so sieht doch jeder, der Sie überwacht, dass Sie etwas zu verbergen haben. Seien Sie sicher, dass derjenige Mittel und Wege suchen wird, um an Ihre Daten heranzukommen. Der britische Journalist und Geheimdienst-Experte Duncan Campbell beschrieb das bei einer Konferenz mal so: Wenn er Verschlüsselungssoftware auf dem eigenen Rechner installiere, könne er sich auch gleich ein großes Plakat umhängen „Ich recherchiere Geheimnisse“. Was tun? Zum Beispiel ein mobiles Zweit-Büro auf dem USB-Stick mit verstecktem Software-Container und ein unverdächtiges, handliches Mini-Notebook, ein billiges Zweitgerät, das in gar keiner Weise mit Ihrer eigenen echten Identität verbunden ist und nur öffentliche WLAN-Netze verwendet. Keinesfalls im Firmennetz einsetzen.

Das ist natürlich nur eine schnelle Skizze und soll eine Ahnung vermitteln, was noch möglich wäre. Damit ist natürlich nicht für jeden Fall vorgesorgt. Wie gesagt: Im Ernstfall Finger weg und Expert*innen fragen.

Übrigens: Kopien und Scans von Papierdokumenten sind ebenso mit Vorsicht einzusetzen, denn moderne Kopierer und Drucker bringen Kodierungen auf den Ausdrucken an, genannt Document-Color-Tracking-Dots. Damit lassen sich Kopien und Ausdrucke möglicherweise zurückverfolgen zu Ihnen bzw. Ihrem Arbeitgeber.

1.1.3 Analog & Digital

Beide Arbeitsweisen lassen sich auch prima verbinden, das analoge Notizbuch und die digitale Speicherung: Dazu eignen sich bereits kostenlose Apps wie Evernote. Mit Hilfe der Smartphone-Kamera fotografiert man die Notizen ab. Die Bilder werden automatisch als Evernote-Notiz gespeichert und synchronisiert. Farbige Haftnotizen sortiert Evernote sofort in die richtigen Ordner, je nach Konfiguration.

Der Digitalstift Livescribe „fotografiert“ die handschriftlichen Notizen nicht nur vom Papier, sondern macht sie auch auf dem Computer im Volltext durchsuchbar, speichert parallel Audiomitschnitte hinzu und synchronisiert diese relativ genau mit den handschriftlichen Notizen.Dazu braucht es allerdings Spezialpapier. Synchronisiert werden Tonaufnahmen und Handschrift via App und Bluetooth.

Vergleichbar in der Scan-Technik arbeitet das Moleskine Smart System mit einem Scan-Stift, sowie Evernote mit speziellen Moleskine-Notizbüchern. Anders Whitelines, das ohne Scan-Stift auskommt und stattdessen eigenes Notizpapier für die Scan-App Whitelines Link nutzt. Alle arbeiten mit speziellen Markierungen auf dem bedruckten (und kostenpflichtigen) Notizpapier: Smartsticker bei Evernote und Shortcodes bei Whitelines sorgen dafür, dass die Scans richtig einsortiert bzw. mehr oder weniger automatisch weiterverarbeitet werden (z.B. Weiterleitung via E-Mail). Beide Apps erkennen die handschriftlichen Notizen und digitalisieren diese als jeweils neue Notiz in der App.

Beispiel Whitelines-Papier (Ausschnitt vergrössert): Hier sieht man rechts unten die Symbole für E-Mail, Evernote und Dropbox. Kreuzt man diese an, so transportiert die Whitelines-App die abfotografierte Seite automatisch weiter, eben via E-Mail oder zu Evernote oder in einen vorab definierten Dropbox-Ordner.

Diverse Notiz-Apps für Mobiltelefone ermöglichen das einfache Schreiben und Zeichnen, etwa iA Writer, das besonders für das Tippen auf Tablets und Smartphones optimiert ist. Die Apps von Evernote, Spacedeck und Notability beispielsweise verknüpfen zusätzlich zum Text, auch Fotos, Grafik, Web-Inhalte sowie Audio-Aufnahmen mit einer Notiz.

Gerade bei den Apps gibt es eine Vielzahl von Angeboten. Bei der Auswahl sollten Sie auf zwei Aspekte speziell achten:

1. vielfältige Informationsformate speichern

  • Ton-Aufnahmen zusammen mit der Notiz speichern, falls das für Sie nützlich ist im Alltag
  • Dokumente abfotografieren und zwar in guter Auflösung und möglichst mit der Option, den Bildausschnitt verändern zu können
  • OCR, die Umwandlung von Text in Fotos in bearbeitbaren oder zumindest zuverlässig durchsuchbaren Text
  • handschriftliche Notizen und Zeichnungen schnell erfassen, sowohl analog von Papier wie digital direkt in der App mit digitalem Stift, je nachdem, was Sie bevorzugen

2. (halb)automatisches Synchronisieren und Sichern

  • Notizen nicht nur in der App speichern, sondern möglichst automatisch auch synchronisiert , etwa mit GoogleDrive oder Dropbox und/oder einer passenden Software auf dem Computer
  • Notizen auch per E-Mail weiterleiten und zwar idealerweise automatisch

Separate Scanner-Apps können auch bei der Materialsammlung und -sicherung helfen; auch hier ist relevant, dass diese Apps ihre Aufnahmen automatisch extern sichern, etwa in GoogleDrive oder Dropbox. So sind alle Recherche-Dokumente aus dem Scanner nicht nur lokal auf dem Gerät, sondern auch als Kopie extern gesichert.

Übrigens: Die üblichen Ton-Aufnahmen solcher Apps sind nicht unbedingt sendetauglich für Radio und Fernsehen. Prüfen Sie das vorab genau und nutzen Sie im Zweifel lieber professionelles Equipment für derlei Aufnahmen. Externe Mikrofone sind dabei auf jeden Fall nötig.

Um Ton-Aufzeichnungen zu transkribieren und zu codieren lohnt die Software „f4 analyse“ bzw. „f5“. Sie läuft auf Windows, Mac, Linux sowie vom USB-Stick.

Entscheiden Sie sich jetzt für Ihr System:

  • mindestens Zotero auf dem Computer und eine App wie Google Notizen, Evernote oder Whitelines für mobile Anwendung
  • mindestens ein Analog-Digitales Kombi-Set wie z.B. Whitelines oder Evernote mit analogem Notizbuch/block
  • mindestens ein System zur Ton-Aufzeichnung und Auswertung

sowie ein Backup-USB-Stick

  • GoogleDrive, Dropbox oder OwnCloud zur Synchronisierung
  • und installieren Sie die Software bzw. registrieren Ihre Accounts

Nochmal zur Erinnerung: Sie haben mit sensiblen Informationen zu tun? Holen Sie sich Experten für die Sicherung und Aufbereitung des Materials.

1.2 Aufbereiten

Filtern, Strukturieren, Visualisieren

Zur schnellen Sortierung und Filterung nutzen Sie die Stichwort-Systeme in der o.g. Software, etwa die Tags bei Evernote, plus Ordner-Strukturen („Notizbücher“ bei Evernote). Struktur in Dokumentensammlungen schafft Zotero oder Mendeley.

Wenn Sie mit MindMaps gut zurecht kommen, lohnt sich natürlich auch dieses bewährte System, sei es als Software oder als App (z.B. mit MagicalPad HD) oder an der Bürowand mit Hilfe von Haftnotizen in unterschiedlichen Farben.

Egal ob auf Papier, im Notizbuch oder an der Wand, in der App oder auf dem Bürorechner: Eine einfache, aber durchdachte

Visualisierung ist unverzichtbar. Feste, immer wiederkehrende Icons beispielsweise für handelnde Personen, für Fragen, für zu prüfende Fakten und Gewissheiten und offene Fragen. Oder eine Bild-Metapher für den roten Faden der Story. So etwas zu zeichnen, lernt man schnell. Ein guter Einstieg ist das Buch „Auf der Serviette erklärt: Mit ein paar Strichen schnell überzeugen statt lange präsentieren“ von Dan Roam. Zur Vertiefung und Hilfe für die erweiterte Nutzung für Recherche-Notizen: „The Sketchnote Handbook: The Illustrated Guide to Visual Notetaking“ von Mike Rohde.

Je nach Thema kann auch eine Zeitleiste als durchgehendes Visualisierungswerkzeug für die Recherche sehr nützlich sein: Für die Umsetzung braucht es eigentlich nur eine Zimmerwand und einen Stapel Haftnotizen. Nutzen Sie unterschiedliche Farben für Zitate, Fakten, Orte, Menschen. Das hilft Ihnen in den drei Phasen für eine Zeitleiste:

1. sammeln und wissen

2. sichten und verstehen

3. sichern und erzählen

Je umfangreicher die Recherche, umso mehr braucht es eine Kombination aus analoger und digitaler Aufbereitung. Die Bürowand und ein Stapel Haftnotizen ist meist der ideale Start. Sicher, für Datenjournalismus ist zusätzliche Software der Aufbereitung nötig. Ansonsten aber reicht im ersten Schritt ein ausgefeiltes System des Sammeln, Sicherns und Sortierens. Die Werkzeuge dazu haben Sie bis hierhin gesehen.

Für den nächsten Schritt, aus dem Material die Geschichte zu entdecken, die Story zu entwickeln, die Recherche weiter zu treiben und zu präzisieren, hilft ein besonderer Typus von Software:

Nicht wundern, es geht um Drehbücher, um Software für Filme und Romane. Ja, sicher, bei journalistischer Recherche geht es um Fakten, nicht um Fiktion wie in Hollywood. Dennoch: Für umfangreichere Produktionen, große Reportagen, Dossiers etc. sind Software-Produkte aus dem Bereich Literatur und Film-Drehbücher interessant:

Sie helfen bei der Planung der Dramaturgie, der Konzeption der Figuren und Szenen, sowie Sortierung und Referenzierung des Quellenmaterials. Und zwar, weil diese Software gezielt nach Orten, Szenen, Figuren und deren Handlungen fragt. StoryMill beispielsweise hat einzelne Rubriken für die Story (hier „Novel“ genannt): für die Personen, Szenen und Orte, sowie eine integrierte Research-Bibliothek, in der man alles Material einträgt, das als unmittelbare Referenz für die Story gebraucht wird. Jeder Eintrag kann mit Schlagworten versehen sein, mit Links und Bilder ergänzt werden. Und jeder Eintrag hat eine Zuordnung zum Status, wie „Draft“, „Needs Work“ etc. Ausserdem gibt es eine Rubrik für Aufgaben, die im Zusammenhang mit der Story zu erledigen sind.

Kurzum: Solche Roman- oder Drehbuch-Software hilft auch bei der journalistischen, auf Fakten basierenden Story. Weil sie dabei hilft, das Recherchematerial mit einer Geschichte im Blick zu sortieren. Weil dies dabei hilft, Lücken zu entdecken, die noch zu recherchieren sind. Man muss nur statt der Fiktion eben die Fakten einfüllen.

Mehr zum Thema Story dann im Kapitel 5 „Storytelling“ zur weiteren Aufbereitung der Recherche-Ergebnisse.

1.3 Kreativität

Auf der Suche nach frischen Sichtweisen und Präzision

Spätestens jetzt müssen wir über Kreativ-Werkzeuge reden. Die gehören in das Basis-Set jeder Recherche. Warum? Weil jede Recherche sich irgendwann versichern muss, ob die Spur noch richtig ist. Gibt es andere Sichtweisen? Habe ich Aspekte übersehen? Fehlt eine Präzisierung? Zur klassischen Verifikation kommen wir noch. Hier geht es jetzt nicht um die Kontrolle einzelner Recherche-Ergebnisse, sondern darum, den Kopf frei zu kriegen für den neuen Blick auf die gesamte Recherche. Dazu sind speziell zwei Grundtechniken der Kreativitätsförderung nützlich: den Blick weiten und den Blick fokussieren. Die dritte Grundtechnik ist die Ortsveränderung, also sich bewegen, stehen statt sitzen usw. Hilft auch.

Bleiben wir bei der Kombination aus Weite und Fokus.

Üblicherweise landen wir hier zuerst beim „Brainstorm“. Nett, aber meist sinnlos. Effektiver ist es, mit Leitfragen zu arbeiten. Und diese allein aufzuschreiben, und zwar spontan, ohne nachzudenken, so lange zu schreiben, bis einem nichts mehr einfällt. Dann einen Textmarker nehmen und alles hervorheben aus den eigenen Notizen, was einem gefällt. Oder zwei Textmarker nehmen und mit gelb markieren, was lohnenswert erscheint und rot markieren, was der grösste Blödsinn ist (und dann bitte darüber nachdenken, ob daraus nicht doch etwas Spannendes, Erkenntnisreiches entstehen kann. Ist dann oft genau so).

Es geht also besser mit Leitfragen. Erste Empfehlung: Leitfragen „user zentriert“, also mit Blick auf das Zielpublikum, für das ich arbeite. Was wissen die schon? Was ahnen sie? Was wird sie überraschen? Was lässt sie zweifeln? Was wird sie emotional wirklich berühren, vielleicht so sehr, dass sie meine Story weitererzählen? Gibt es etwas, dass meinem Publikum konkret nutzen wird?

Schauen Sie Ihr Publikum an, zum Beispiel so: Was bewegt Ihre Leser/Zuschauer/Zuhörer/User? In ihrem Leben? In ihren Träumen? Was braucht Ihr Publikum? Für den Alltag? Für das Wohlgefühl? Für den Smalltalk? Wie lebt Ihr Publikum? Worüber reden Ihre Leser heute mittag, Ihr Zuschauer beim Abendessen, Ihre User in der Mittagspause? Was ist ihre Lieblingszeitschrift, Lieblings-TVsendung, Lieblings-App…?

Idealerweise bringt das zusätzliche Recherche-Ansätze oder stärkt einzelne Aspekte der weiteren Recherche. Eine kleine Notizbuch-Idee folgt auf der nächsten Seite: (…)

Zweite Empfehlung: die Matrix. Eine schnelle und zugleich umfassende Checkliste für den Alltag hat Karel van den Berg entwickelt, eigentlich für Kreativ-Prozesse, aber ebenso als Kontrollfragen in allen Phasen einer Recherche hilfreich.

Es ist eine Matrix, die nach diesem Muster zu lesen ist:

Wer noch = Wer ist noch beteiligt oder betroffen?

Wer auch = Wer ist auch, nebenbei vielleicht nur beteiligt oder betroffen?

Wer nicht = Wer hat wirklich nichts damit zu tun (und ist vielleicht gerade daher auskunftsbereit?).

Karel van den Bergs Matrix in Kurzfassung:

• Wer noch /auch /nicht

• Was noch /auch /nicht

• Wo noch /auch /nicht

• Wann noch /auch /nicht

• Wieso noch /auch /nicht

• Wie noch /auch /nicht

• Wen noch /auch /nicht

Natürlich, es gibt noch viele andere gute Ideenspender. An dieser Stelle reicht der Hinweis auf die Arbeit mit konkreten Leitfragen, die beides bieten, Weite und Fokus. Mehr Kreativ-Ideen auf meiner Website ulfgruener.de/kreativ/ u.a. mit einer Kreativ-Anleitung
„15 Bilder — 15 Impulse“ als PDF.

Ulf Grüner

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