Wer ist mein digitales Ich?

Identität ist eines der Grundkonzepte unserer Kultur. Identität bedingt gesellschaftliche Struktur und ermöglicht, etwas aus dem Ununterscheidbaren wahrzunehmen. Mit der Unterscheidung von Etwas aus Allem beginnt unsere Kultur. Somit hat die Vorstellung von der Einzigartigkeit einer Person eine kulturstiftende Funktion und ist ein fester Bestandteil unserer persönlichen Identität, während die soziale Identität sich auf unsere Rollen und Verantwortlichkeiten in der Gesellschaft bezieht.

Der Philosoph George Herber Mead beschreibt in seiner These zur Identität, dass das Selbst durch soziales Verhalten geprägt wird beziehungsweise, dass die soziale Identität die Entwicklung der persönlichen Identität beeinflusst. Wir leben jedoch in einer Welt, in der nicht nur soziale und persönliche Identität, sondern auch die digitale Identität als identitätsstiftend wahrgenommen werden muss.

Doch welche Rolle nimmt digitale Identität in dieser reziproken Beeinflussung ein?

Digitale Identität passiert in sozialen Netzwerken, welche Abbildungen gesellschaftlicher Strukturen in Software sind. Durch meine Postings, Clicks, Likes, Votes etc., die als vermeintlich objektive Abbildungen sozialer Realität gelesen werden, entsteht eine ständige Selbstreflexion, die durch das Teilen in Sozialen Netzwerken eine Form der Zeugenschaft bewirkt. Diese Form der Zeugenschaft soll die eigene (digitale) Identität beglaubigen, indem die Anderen durch ihre Likes, Postings etc. auf diese Weise zum konstitutiven Bestandteil des Einzelnen werden. Ganz nach dem Motto, wenn Person X mein Bild „liked“, dann „like“ ich sein nächstes Bild auch, erwarten wir, die Funktion der Zeugenschaft auch für andere zu leisten.

Doch was bewirkt der ständige Austauschakt des Kennens und Anerkennens?

Zunächst wird soziales Kapital generiert, welches für nächst höhere Positionen (sog. Influencer) innerhalb des sozialen Netzwerkes ausgetauscht werden kann. Dabei sind die vermeintlich objektiven Zeugenschaften (Likes, Votes etc.) an sich gegenüber der Anzahl der bezeugenden Beziehungen (Wieviele Freunde habe ich auf facebook? Wieviele Follower habe ich auf instagram?) nahezu bedeutungslos.

Zum anderen kann dieser ständige Austauschakt eine Form der Isolation (s. Blogeintrag „Isolation statt soziale Vernetzung“) bewirken. Denn die geteilten Zeugschaften, die Beziehungen zu den „Influencern“, werden durch komplexe Verkettungen immer ferner, sodass die Position des Einzelnen der Unheimlichkeit und Unsicherheit anheim fällt. Dies kann sich für die Netzwerkteilnehmer in einem Druck der Auflösung des Individuellen im ununterscheidbaren Ganzen und letztendlich in Isolation äußern.

Problematisch ist auch die Macht, die soziale Netzwerke hinsichtlich des Einflusses auf unsere kulturelle Wirklichkeit erlangt haben.[1] Die Einflussreichweite der Netzwerke erstreckt sich längst über soziale Räume wie die Familie, Religion, Politik oder andere Gemeinschaften.

Nun ist es also an der Zeit, die Brücke zwischen diesen Identitäten zu erschließen. Es ist an der Zeit, den Fokus auf die Frage „Welche Rolle übernehme ich in der Gemeinschaft?“ zu setzen.Deshalb haben wir uns die Frage gestellt, wo und wie Gemeinschaften entstehen. Gemeinschaften entstehen, wenn gemeinsames Interesse vorhanden ist und dieses Interesse so weit reicht, dass sich die Individuen zusammenschließen und vereinen. In Deutschland besteht das Konstrukt des Vereins bereits seit dem 18. Jahrhundert und hat sich somit als eine Säule der Gesellschaft etabliert.

Aus diesem Grund versucht Unaty jegliche Art von Organisationen und Vereinen zu unterstützen und die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft wieder zu fordern und zu fördern. Wir wollen dem Trend der Isolation an dem Ursprung aller Gemeinschaften entgegenwirken und Menschen wieder mit Organisationen und Vereinen durch Erfahrungen, Engagement und Leidenschaft verbinden.

#unite

[1] Robert Sakrowski, Identität und Soziale Netzwerke, November 2015