Special zur Mensch und Computer Konferenz

Design und Wohlbefinden: Erfolgreiche Alltagspraktiken erheben und gestalterisch nutzen (Teil 1)

Mona Bien
Mona Bien
Sep 4, 2018 · 5 min read

Wir alle haben Ziele und Wünsche, wir nehmen uns vor uns besser zu ernähren, mehr Zeit mit Freunden zu verbringen oder uns mehr zu bewegen. Doch oft scheitern wir daran. Wir sind dann geneigt, auf Probleme zu zeigen und Ausreden zu finden. Etwas wirklich in den Alltag zu integrieren ist schwierig. Oft zielt daher auch Design eher darauf ab, Probleme zu behandeln, statt Möglichkeiten für eine dauerhafte Durchführung zu schaffen.

Dabei erleben wir im Alltag immer wieder, dass Menschen es doch gelingt, ihre Vorsätze in den Alltag zu integrieren und dranzubleiben. Warum also sich nicht mal von den Geschichten anderer inspirieren lassen, um ein neues Produkt oder einen Service zu entwickeln.

Alltagspraktiken erheben mit dem Positive-Practice Canvas

Eine Methode um solche sozialen Praktiken, die Nutzer bereits durchführen, nutzbar zu machen, ist die Erfassung mit dem Positive-Practice Canvas. Er ermöglicht es, in einem semistrukturierten Interview, eine Praktik in verschiedene Elemente aufzuschlüsseln und daraus Erkenntnisse zu gewinnen.

Positive-Practice Canvas aus dem Projekt Design for Wellbeing

So funktionierts

Vorbereitung

Zunächst sollte man sich bewusst sein, in welchem Themenbereich man vorhandene Praktiken erfassen möchte. Ein Thema, das ich untersucht habe, ist z.B. “Bewegung im Arbeitsalltag”. Daraus ergibt sich, wen man sich als Gesprächspartner für die Interviews aussucht. Um im Kontext der Arbeit etwas zu erfahren, macht es daher natürlich Sinn, Arbeitnehmer in einem Unternehmen zu befragen. Eine gute Stichprobe sind dabei mindestens 5 Teilnehmer. Wenn die Möglichkeit besteht, ein Vorinterview zu machen, kann man außerdem bereits im Vorfeld hören, ob die Interviewpartner freud- und bedeutungsvolle Praktiken im Themenbereich durchführen und interessante Praktiken heraus picken. Ansonsten beginnt man das Interview mit dieser Frage. Die Interviews dauern ca. 1 Stunde. Je nachdem können in dieser Zeit zwei oder drei Praktiken im Detail betrachtet werden. Bei längeren Interviews leidet eher die Konzentration der Teilnehmer.

Interview Teil 1: Praktiken auswählen

Auswahl von Praktiken zur Bewegung im Arbeitsalltag

Nach der Begrüßung und Einleitung (Datenschutz, Erlaubnis zum Filmen, Thema einleiten …) wird der Interviewpartner zunächst gefragt:

  • “Welche freud- und bedeutungsvollen Praktiken übst du im Bereich [Thema] aus?”

Die genannten Praktiken werden auf Post-its notiert. Wenn keine weiteren Praktiken mehr kommen, wird der Interviewpartner gebeten, die Praktiken nach dem empfundenen Wohlbefinden zu sortieren. So entsteht eine Rangfolge, anhand derer man Praktiken für die Detailbetrachtung auswählen kann.

Interview Teil 2: Detailbetrachtung mit dem Positive-Practice Canvas

Für jede Praktik wird ein Canvas ausgedruckt. Zunächst werden darin ein paar demografische Daten (Name, Alter, Beruf) und die Praktik notiert. Anschließend werden die drei Bestandteile der Praktik: Bedeutung, Fertigkeiten und Material beleuchtet:

Bedeutung

Bedeutung

Die Bedeutung einer Praktik findet man heraus, indem man fragt

  • „Warum übst du die Praktik aus?“
  • „Was war der Auslöser?“
  • „Warum ist die Praktik bedeutsam für dich?“

Die Antworten werden jeweils im Canvas notiert. Sie können anschließend verschiedenen psychologischen Bedürfnissen zugeordnet werden. Die psychologischen Bedürfnisse führen, wenn sie befriedigt werden zu einem positiven Wohlbefinden. Indem die Bedeutung in die Bedürfnisse aufgeschlüsselt wird, bekommt man so einen strukturierten Eindruck, warum die Praktik für den Interviewten freud- und bedeutungsvoll ist.

Im Canvas werden dafür 7 Bedürfnisse genutzt, die Hassenzahl u. a. 2013 (auch Hassenzahl u. a. 2015; abgeleitet von Sheldon u. a. 2001) im Kontext von Design definiert hat:

7 psychologische Bedürfnisse nach Hassenzahl 2013

Ein Beispiel dazu aus der Praktik des Tischkickerns:

„Jedes Spiel ist auch wirklich immer anders, je nach Konstellation und wie man sowieso grade drauf ist an dem Tag.”

Hier schwingt mit, dass die Abwechslung, das Neue von Bedeutung für den Interviewten ist. Das Bedürfnis der Stimulanz steht also im Vordergrund.

Fertigkeiten

Fertigkeiten

Die Fertigkeiten, die für eine Praktik benötigt werden erfragt man mit

  • „Welche Fertigkeiten setzt du ein, um die Praktik ausüben zu können?“
  • „Warum setzt du diese Fertigkeiten ein?“

Dabei zählt auch Wissen z.B. über einen Zeitpunkt oder die Durchführung eines Rituals zu den Fertigkeiten.

Ein Beispiel dazu aus der Praktik des Tischkickerns:

„Der Handschlag am Schluss der gehört ja dazu […] soll ja auch so das Teambuilding noch mal verstärken. Egal wer gewonnen, wer verloren hat, wir klatschen uns alle ab“

Den Handschlag durchzuführen und das Wissen wie und wann dieser durchgeführt wird, sind hier Fertigkeiten. Diese haben auch direkt Auswirkungen auf die Bedeutung. So kann man dem Zitat entnehmen, dass die Durchführung des Handschlags das Teambuilding — also das Bedürfnis Verbundenheit — beeinflusst.

Material

Material

Neben Fertigkeiten und Bedeutung gibt es noch das Material. Dieses Element der Praktik ist es auch, das wir mit einem Design adressieren. Hier stehen die Fragen

  • „Was benötigst du, um die Praktik ausüben zu können?“
  • „In welchem Kontext übst du die Praktik aus?“

im Vordergrund.

Ein Beispiel dazu aus der Praktik des Tischkickerns:

„So [im Großraumbüro] kann wirklich jeder Mitarbeiter aus dem Unternehmen gefragt werden. Sonst würden sich wahrscheinlich immer nur die gleichen Teams einfinden.“

Ein Material ist hier das Großraumbüro. Auch hier zeigt sich, dass das Material nicht alleine steht. Die Abwechslung und das Neue, dass sich in dem Bedürfnis Stimulanz spiegelt, wird erst du die verschiedenen Teamkonstellationen möglich. Die drei Bestandteile einer Praktik Bedeutung, Fertigkeiten und Material stehen so in ständiger Wechselwirkung zueinander (Shove, Pantzar und Watson 2012, S.22ff). Ändere ich z. B. das Material, verändern sich auch die Fertigkeiten und die Bedeutung.

Wie man aus einem solchen Interview gewonnenen Erkenntnisse für die Entwicklung eines Designs verwenden kann, das erfahrst du beim

zweiten Teil des Blogbeitrags.

Ich freu mich auf deine Meinung und Fragen.

Download und Infos

Der Positive-Practice Canvas wurde im Projekt Design for Wellbeing der Universität Siegen, Noto GmbH, ixdp und der Happiness Research Organisation entwickelten. Detailinfos siehe www.design-for-wellbeing.org

Quellen:

Hassenzahl, Marc, Annika Wiklund-Engblom, Anette Bengs, Susanne Hägglund und Sarah Diefenbach. 2015. Experience-Oriented and Product-Oriented Evaluation: Psychological Need Fulfillment, Positive Affect, and Product Perception. International Journal of Human-Computer Interaction 31, Nr. 8: 530–544. doi:10.1080/10447318.2015.1064664, .

Hassenzahl, Marc, Kai Eckoldt, Sarah Diefenbach, Matthias Laschke, Eva Lenz und Joonhwan Kim. 2013. Designing Moments of Meaning and Pleasure . Experience Design and Happiness. International Journal of Design 7, Nr. 3: 21–31.

Sheldon, Kennon M, Andrew J Elliot, Youngmee Kim und Tim Kasser. 2001. What is satisfying about satisfying events? Testing 10 candidate psychological needs. Journal of Personality and Social Psychology 80, Nr. 2: 325–339. doi:10.1037//0022–3514.80.2.325, http://doi.apa.org/getdoi.cfm?doi=10.1037/0022-3514.80.2.325.

Shove, Elizabeth, Mika Pantzar und Matt Watson. 2012. The Dynamics of Social Practice. London: SAGE Publications.

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