Die Angst vor Stars

Zusammenfassung: Die deutsche YouTube-Szene muss aufpassen, sich nicht selbst abzuschaffen. Sie braucht mehr Offenheit, Toleranz und einen Reboot des Community-Gedankens.

Jede Minute werden 400 Stunden neues Videomaterial auf YouTube hochgeladen (Stand: Juli 2015). Es bedarf keiner wissenschaftlichen Auswertung, um zu erkennen, dass dieser enorme Content-Strom nicht ein reines Produkt der Community-aktiven YouTuber (kurz: YouTube-Szene) ist. Vielmehr wird YouTube seit Jahren schon von professionellen Musikvideos, Zufalls-Clips von Video-Amateuren (“Cat-Content”) und zunehmend bis dato portalfremden Akteuren befeuert. Eher ist es so, dass die Szene nur einen kleinen, aber lautstarken, aktiven und besonders gut vernetzten Teil der Nutzer ausmacht.

Bereits zum Webvideopreis 2014 konnten wir diese Richtungsverschiebung zu herkömmlichen “Stars” feststellen. Der Triple-Gewinner Kollegah polarisierte damals die Massen. Gleichwohl von Null an auf YouTube gestartet, nur mit einem kleinen Team im Hintergrund, wuchs er rasend schnell auf YouTube. Heute: 712.000 Abos. Und er tat das, was viele Google-Videomacher als Sakrileg betrachteten: Er nutzte die Plattform für sein Eigenmarketing. Mit großem Erfolg, nicht zuletzt, weil der “Boss” die Spielregeln YouTubes verstanden hatte. Und der klassischen Medien, auch bei uns. Stichwort: “Würstchen-Alarm” in einer Live-Show.

Mittlerweile sind immer mehr Nicht-YouTuber auf YouTube, von Pocher, über Matze Knop bis “unsere” Lena. Letztere nutzte übrigens die Bühne des Webvideopreis 2015 für ihren Kanalstart. Was wiederum einige als Sakrileg bezeichneten. Neuester Zuwachs ist “Game Of Thrones”-Star Maisie “Arya” Williams. Binnen zwei Tagen mehr als 150.000 Abonnenten.

Schaut man sich deren Eröffnungsvideos oder Statements dazu in Interviews an, kristallisieren sich drei Beweggründe für ihr Netz-Bewegtbild-Engagement heraus.

  1. Videos abseits des stark geregelten Mainstreams und anderer Medien produzieren, die dadurch persönlicher sind.
  2. Werbung in eigener Sache: Vom neuen Album, der neuen Show bis zu öffentlichen Auftritten.
  3. Der Versuch, mit Videoinhalten im Netz Geld zu verdienen.

Nun ließen sich alle drei Gründe nahezu unverändert bei den Akteuren der deutschen YouTube-Szene übertragen. Diese Motivationen als verwerflich zu bezeichnen, ist also nur höchst irrational.

Woher rührt also die Angst und Ablehnung, dass immer mehr Old-School-Stars Webvideo für sich entdecken? Ist es der Wettbewerb? Der fehlende Integrations-Wille in die Szene und Community? Mainstream goes Indie?

Ich will die Ängste der Szene nicht runterspielen: Jede Community verändert sich durch den Zuwachs um neue starke Stimmen, Ideale und Erfahrungen. Nur akzeptiert die Szene diese neuen Stimmen nicht, droht sie selbst an Heiserkeit zu erkranken. Und wer nicht aufpasst, verliert seine Stimme dann ganz.

Beim Webvideopreis 2015 haben wir erstmals stark auf eine Verbindung von (Achtung: Klischee-Bingo) “neuen” und “alten” Stars gesetzt. Y-Titty und Komiker-Urgestein Otto, Dagi Bee und It-Girl Sophia Thomalla, iBlali und Friedrich “Supergeil” Liechtenstein, LeFloid und Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay und viele mehr. Dabei waren diese Entscheidungen nicht, wie manche Kritiker mutmaßten, die böswillige diktatorische Handschrift der ARD. Sondern drückten unseren Wunsch aus, die Welten einander näher zu bringen.

Wir haben darüber im Anschluss des Webvideopreis lange, manchmal hitzig und sehr oft mit Webvideomachern diskutiert. Und wir werden diese Diskussionen sicherlich auf den nächsten Academy-Sitzungen fortführen.

Für 2016 möchten wir aber diesen Weg des Miteinander fortführen, um der Szene weiterhin eine starke Stimme zu ermöglichen.

Liebe Szene, liebe Community — habt keine Angst vor den “Neuen”. Die wollen nichts Böses. Die wollen nur das Gleiche wie ihr.