Die Leichtigkeit des VR-Seins

Viel wird dieser Tage über die Möglichkeiten von Virtual Reality geschrieben. Games, Porno, Heimkino. Dabei sind es die einfachsten Dinge, die den größten Erfolg versprechen.

Und wieder atme ich tief durch. Langsamer, bedächtiger. Was genau die Stimme mir ins Ohr säuselt, nehme ich nicht mehr wahr. Ich blicke auf ein waberndes Farbenmeer. Ein Schwebezustand irgendwo zwischen Schlaf und Aufmerksamkeitskick. Ist das Meditation? Ich fühle mich ein bisschen lächerlich. Im Flugzeug sitzend, mit der Gear VR von Samsung vor den Augen. Lächerlich, aber ausgeglichen. Zumindest innerlich schön.

Pünktlich zum Marktstart am 1. Dezember gibt es im Oculus-Store — dem iTunes für die VR-Brille von Samsung — mit “Zen Zone” eine erste ernstzunehmende Meditations-App. 4,99 Dollar, nur wenige MByte groß.

Zen Zone für die Samsung Gear VR

Bis jetzt bestimmten am jungen VR-Markt die üblichen Verdächtigen das Bild: Mehr oder weniger aufwändige, aber innovative Handy-Spiele, erste Pornos (Paid Content only!) und natürlich Netflix im virtuellen Wohnzimmer. Programme wie “Zen Zone” sind dagegen ein Novum. Und dabei so naheliegend, wie es bei VR nur sein kann. “Immersiv” heißt das Zauberwort der Branche. Am ehesten in unserer echten Welt mit dem Gefühl zu übersetzen, mit Haut und Haaren in die virtuelle Welt einzutauchen. Oder besser: von ihr verschluckt zu werden.

Diese “Experiences”, wie sie im Oculus-Store kategorisiert werden, sind der “sleeper hit” der neuen Technologie.

Auf dem großen Bruder der Gear VR, der PC gestützten Brille Oculus Rift, sind derartige Erfahrungen bereits verbreiteter, dienen zurzeit vornehmlich dem Austarieren der Immersion für aufwändige Spiele. Für ein paar wenige Dollar lässt sich der Grand Canyon auf einem Kanu erleben, zutiefst emotional nimmt uns die Apollo 11 mit auf den Mond. Überhaupt: Geschichtliche Erfahrungen sind groß im Kommen. Schon jetzt geht es ins alte Rom, zu den Dinosauriern oder in renommierte Museen.

Zurück aber in die mobile VR-Welt. Vor mir rauscht das Meer, Sonnenuntergang. Meine virtuellen (übrigens unrealistisch dürren) Beine liegen entspannt im Sand. “Perfect beach” nennt sich die App. Und ist so simpel, wie es der Name verspricht. Aber genau dadurch überzeugender und Alltags-kompatibler als so manches Action-Spiel.

Neulich saß ich im Hotel. Draußen regnete es in Strömen. Für Netflix war das Hotel-Wifi zu langsam. Zeit für einen Ausflug an den Strand. Der mitgebrachte virtuelle Ghettoblaster lässt sich mit eigenen Musikdateien füttern. (Für die nächste Version wünsche ich mir eine Spotify-Anbindung.)

Perfect Beach für die Samsung Gear VR

Sonst passiert nichts. Rein gar nichts. Ich öffne eine Dose Coke Zero, denke mir, es sei ein eiskalter Mojito und stelle die Zimmerheizung auf “Karibik”. So muss es sein, an die Werbeversprechungen der Touristik zu glauben. Schöne neue Welt. Und das ganz ohne Soma.

In den USA wird bereits über das Risiko diskutiert, VR könnte süchtig machen. Angelehnt an die damaligen Diskussionen zu Spielen wie “World of Warcraft” wird befürchtet, labile Persönlichkeiten könnten der Realität entfliehen wollen. Sicherlich darf man das Problem nicht ignorieren. Virtual Reality ist eine neue Technologie. Und Grenzgänge gehören zum gesellschaftlichen Diskurs hinzu.

Vielleicht sollte ich tiefer darüber nachdenken. Am besten ganz in Ruhe. Allein. Vielleicht in meinem kleinen Zen-Garten. Drüben, in der anderen Realität.