Wahljahr 2016: Liberty Ale versus Grüner Veltliner

2016 geht als turbulentes Jahr in die Geschichte ein: Weltpolitisches Schlüsselereignis war die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Währenddessen fand in Österreich der längste Wahlkampf statt, den es jemals in diesem Land gab. Wie man die Ausgänge der beiden Wahlen in Wien feierte.

Viktor Martinović

Die Sofiensäle in der Marxergasse. Auch Wahlkarten rütteln nicht mehr am Ergebnis: Van der Bellen wird Bundespräsident. Es ist Sonntag, früher Abend. Menschentrauben streben den Sofiensälen in Wien Landstraße zu. Neben dem Eingang unterhalten sich zwei Sicherheitsbeamte, die jeden vor dem Eintreten nur kurz von der Seite her anblicken. Den Ausweis hergezeigt, wird nachgesehen, ob das Magazin „Werk-Satz“ auf der Liste steht: „Nein, aber das ist kein Problem“, heißt es. Schnell in den ersten Stock, in den prunkvollen Sofiensaal. Es ist ein dichtes Menschengedränge. Es dauert noch Stunden, bis der zukünftige Präsident der Republik Österreich den Raum betritt, die Stimmung ist bereits exzellent. Kurz bevor er kommt, skandieren die VdB-Fans: „Sascha, Sascha“. Sicherheitsbeamte bemühen sich, einen Korridor in der Mitte des Saals zustande zu bringen. „Gehen Sie bitte auf beiden Seiten einen Meter zurück“, wiederholt die Moderatorin schon zum sechsten Mal, „Sie können das und Sie schaffen das!“ Doch ihr wird keine Beachtung geschenkt. Die Menschen jubeln nur und bleiben am Fleck stehen.

Das Wien Museum am Karlsplatz. Es ist der 8. November. Die US-Botschaft veranstaltet wie bei jeder US-Präsidentschaftswahl eine sogenannte „Election Night Party“. Eingeladen sind Politiker und Persönlichkeiten, die der Botschaft nahe stehen. Links und rechts neben dem Eingang zwei riesige Security-Beamte, sie blicken einschüchternd. Jeder Besucher muss durch einen Metalldetektor, wie am Flughafen. Der Ausweis wird kontrolliert, die Gästeliste mit dem Namen verglichen. Auch wenn der Name nicht korrekt aufscheint, gibt es Einlass: Die strengen US-Sicherheitsmaßnahmen werden mit einem österreichisch-gutmütigen „Jo, des wird scho passen“ aufgeweicht. Im Saal ist es wie in einem Hochsicherheitstrakt: Der gesamte Innenraum wird von muskulösen Security-Männern mit Argusaugen bewacht. Die Szene ist leicht überschaubar. Teure Anzüge überall, abgesehen von Journalisten, die tragen smart-casual. Beim Eintreten erhält jeder einen Stimmzettel mit den Namen Hillary Clinton und Donald Trump. Alle Besucher, ob Amerikaner oder nicht, sind zur sogenannten Mock-election zugelassen. Das Wort „mock“ bedeutet auf Englisch simuliert, gespielt — und das ist die Wahl. Weit weg vom wahren Ergebnis, das erst Stunden später bekannt wird. US-Botschafterin Alexa Wesner hält eine kurze, neutrale Rede. Um Mitternacht herum kommt als Ehrengast der österreichische Innenminister Wolfgang Sobotka, gibt Interviews und unterhält sich mit der Botschafterin. Nach Mitternacht wird das Ergebnis der Mock-elections verlautbart: 60 Prozent für Hillary Clinton und sieben Prozent für Donald Trump! Der Rest ist ungültig, oder geht an einen anderen Kandidaten. Das Gegenteil dieser Spaßwahl zeigen jetzt immer deutlicher die große Leinwand und die Monitore, die laufend bringen, welche US-Bundesstaaten an Clinton oder Trump gehen. Immer mehr Staaten färben sich nicht, wie vom Publikum erhofft, blau, sondern rot, der Farbe von Trump. Dies erklärt die Betroffenheit, die sich über die Räumlichkeiten legt. Die Gäste sind eher still, fast desinteressiert und gehen früh nach Hause. Nur manchmal hört man ganz hinten im Saal eine Gruppe von Frauen Mitte vierzig aufjauchzen, wenn Clinton einen Staat für sich gewonnen hat. Um halb vier in der Früh geht auch der letzte Gast. Die Location wird zugesperrt. Gerade zu dem Zeitpunkt, an dem es am spannendsten ist. Auch in der „American Bar“ in einer Seitengasse der Kärntner Straße ist Feierabend. Der Kellner deutet durch die Fensterscheibe: Wir haben geschlossen.

Essen, trinken, rauchen

In den Sofiensälen sind die Barkeeper gestresst. Pausenlos stellen sie fünf leere Gläser nebeneinander und befüllen sie mit einer einzigen Bewegung. Zu trinken gibt es Grünen Veltliner, Riesling und Bier, zu essen Chili con carne, Süßkartoffelcurry, oder Frankfurter. Zahlen muss man selber. Gratis sind nur antialkoholische Getränke. Und was auf keiner Speisekarte bei einer Van der Bellen-Party fehlen darf: Zigaretten. Im Foyer im ersten Stock wird geraucht. Bei den Amerikanern im Wien-Museum gibt es keine Speisekarten und auch keine Zigaretten. Der Anchor Liberty Ale, ein Importbier aus San Francisco, der Wein, der Kaffee, die Hot Dogs und Sandwiches sind gratis und stehen auf den Tresen zur freien Entnahme. Wer raucht muss hinaus in die Kälte.

Freiheit, Gleichheit, Solidarität

Zurück in den Sofiensälen. Schließlich kommt Alexander van der Bellen an. Er wird von Menschenmassen umzingelt, er schüttelt Hände, und eine Frau ruft ihrer Freundin spaßhalber zu: „Ich habe ihn berührt!“ Ein paar Security-Leute stehen um den designierten Bundespräsidenten herum und bahnen ihm den Weg durch die Masse, bis er schließlich auf der Bühne steht. Die Moderatorin bittet das Publikum um Ruhe. Ein siebenköpfiger Kinderchor singt die Bundeshymne. Bei der Stelle „Heimat großer Töchter, Söhne“ brechen die Menschen in lautes Jubelgeschrei aus. Erst danach kann der Chor weitersingen. Jetzt ist Van der Bellen dran. Er nimmt das Mikrofon und sagt nur: „Hallo“ — überwältigendes Tosen kommt ihm aus den Reihen des Publikums entgegen: „Wir haben gewonnen!“, und wieder jubelt die Menge. Sie skandiert: „Mehr denn je.“

Fast niemand hier trägt einen Anzug. Sehr viele junge Leute sind da und mehrere Rollstuhlfahrer. Einige Leute schwingen Regenbogenfahnen. Eine halbe Stunde später hat Van der Bellen auf der Bühne all das gesagt, was schon in den ORF-Interviews kurz nach dem Bekanntwerden des Wahlergebnisses zu hören war. Im Zentrum: „Respekt, Toleranz und last but not least die Ideale von 1789 neu interpretiert: Freiheit Gleichheit und Solidarität.“ Der wiedergewählte Präsident bedankt sich noch bei allen, dann geht er. Und mit ihm gehen auch die Besucherinnen und Besucher. Die Kellner leeren die Tische. Es ist ungefähr elf Uhr nachts. Alles staut sich beim Hinausgehen. Eine junge Dame kollabiert, anstrengend war die Feier. Von den Jugendlichen weiß niemand, ob und wo noch gefeiert wird. In der Saalmitte tanzt eine Handvoll Mittvierziger. Der DJ spielt Remixes von Liedern aus den 70ern: I can’t get no satisfaction, Sympathy for the Devil, I was made for loving you, …

Erschienen im Werksatz 4/2016

http://www.kma.at/wp-content/uploads/2016/12/werksatz04_2016_finale_WS.pdf

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