Wie wir den Journalismus resilienter machen

Digitale Resilienz hilft Journalist*innen, Verlagen und Medienhäusern, sich den radikalen Anforderungen des wandelnden Medienkonsums und der Digitalisierung zu stellen.

Von Leif Kramp, Alexander von Streit und Stephan Weichert

icht häufig ergeben sich Gelegenheiten, die Art und Weise, wie wir arbeiten, leben, kommunizieren und diskutieren, grundsätzlich zu hinterfragen. Noch seltener erhält man die Möglichkeit, diese Dinge nachhaltig zu verändern. Einen solchen Moment erleben wir gerade: Die Corona-Krise ist ein Wendepunkt, der die Entwicklungen der vergangenen Jahre beschleunigt hat und in Branchen wie dem Journalismus sogar zu einem heftigen Richtungswechsel führt. Corona habe, so plakativ drückte sich Jeff Jarvis kürzlich im „journalist“ aus, Schießpulver über das brennende Haus des Journalismus verstreut — und nun explodiere es.

Noch immer mag Journalismus der schönste Beruf der Welt sein. Aber nicht nur Jarvis glaubt, dass dieses Haus bis auf die Grundmauern abbrennen könnte, wenn wir nicht rechtzeitig gegensteuern.

Die Pandemie ist in Ergänzung zur Digitalisierung eine gewaltige Herausforderung für die Medien: Während die Welt stillsteht, läuft das Nachrichtengeschäft hochtourig. Paradox ist, dass trotz gestiegener Nutzung gerade digitaler Nachrichtenangebote das Berufsfeld des Journalismus vielfach selbst bedroht ist. Denn der Branche brechen gleichzeitig Erlöse aus der fast allerorten tragenden Säule des Anzeigengeschäfts weg.

Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass inzwischen tausende Jobs bedroht sind, Insolvenzen altehrwürdiger Verlage bevorstehen und manche Medienhäuser die Corona-Krise sogar als Argument vorschieben, um bei ihren kostspieligen Digitalisierungs- und Weiterbildungsbemühungen redaktionelle Souveränität und hehre Qualitätsmaßstäbe aufzuopfern.

Corona ist nicht nur Brandbeschleuniger, sondern geriert sich auch als Trauma für Journalist*innen, die es schon länger in fremde Branchen zieht, weil ihr gelerntes Metier wirtschaftlich nicht mehr ausreichend trägt. Doch nun hat sich die Lage verschärft. Viele mögen verzweifeln, weil sie nicht wissen, was in den nächsten Monaten sein wird, wie ihre Redaktion der Krise trotzen kann, oder von was sie als Freischaffende und Pauschalist*innen nun leben sollen, da nun auch ohnehin mittelmäßige bezahlte Aufträge ausbleiben.

Zwar können wir in einer Krise durchaus eine Chance sehen, Überkommenes abzuschütteln, Neues zu wagen, Risiken einzugehen, um „zu erkennen, dass es neue Wege des Journalismus gibt und neue Wege, für die Öffentlichkeit da zu sein“, wie Jarvis sagt. Trotzdem trifft die Entwicklung vielerorts bis ins Mark — und zwar so hart, dass es fast ehrenrührig ist, die Frage zu stellen, wie sie sich als Journalist*innen neu erfinden können, wenn ihnen am Anfang des Monats nicht klar ist, wie sie über die Runden kommen sollen.

Wir brauchen einen achtsamen Umgang mit der Digitalisierung — und neue Qualifikationen

Dass unsere gesamte Arbeits- und Lebenswelt in den kommenden Jahren anders zu gestalten sein wird, hat sich in der Krise eindrücklich gezeigt: Nicht nur verändern sich die Wege der Kommunikation, Vernetzung und Wissensgenerierung durch ihre Einbettung in kulturelle, wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge permanent. Auch dass Gesellschaft durch digitale Technologien angetrieben wird und sich großformatig verändert, bewahrheitet sich jetzt umso mehr. Stress und Erschöpfung angesichts der dargebotenen medialen Vielfalt ist kein Randphänomen mehr — und inzwischen geht es zunehmend auch darum, einen achtsamen und gesunden Umgang mit der Digitalisierung zu erlernen.

Den Fokus auf die Optimierung von Prozessen entlang linearer Entwicklungen zu legen, wird in so einer Situation zum Risikofaktor. Neben dem nackten Überlebenswillen sind im Journalismus daher gerade jetzt neue Querschnittsqualifikationen zur eigenen Weiterentwicklung besonders gefragt: Zum einen geht es um die Umsetzungsstärke (Performanz) bei der reichweitenstarken Publikation und Vermittlungsintensität journalistischer Inhalte, zum anderen ist eine gewisse Hartnäckigkeit (Persistenz) im Vertrieb sowie in der Erreichung der eigenen Zielgrößen — etwa einer kritischen Masse an Abonnent*innen oder Unterstützer*innen — notwendig. Das Hauptaugenmerk muss im Zuge einer von der Gesellschaft stärker eingeforderten Werte- und Gemeinwohlorientierung im Journalismus aber auf eine dritte, noch wichtigere Kernkompetenz gelegt werden: Resilienz.

Mit Digitaler Resilienz zu mehr Widerstandsfähigkeit im Journalismus

Krisen durchzuhalten und äußeren Wandel als Herausforderung anzunehmen, ist eine Frage des Bewertungsstils, der in der Sozialpsychologie mit „Resilienz“ (lat. resilire = zurückspringen‚ abprallen) bezeichnet wird. Widerstandsfähigkeit, Flexibilität und Belastbarkeit sind im Deutschen als Synonyme gebräuchlich — doch Resilienz meint weitaus mehr: Wenn wir den Begriff im Medienkontext verwenden, geht es bei „Digitaler Resilienz“ unter anderem darum,

  • das Publikum zur digitalen Mündigkeit zu ermächtigen,
  • Diversity- und Inklusions-Konzepte im Journalismus zu implementieren,
  • das Interesse junger Zielgruppen an professionellem Journalismus zu stimulieren,
  • über lösungsorientierte Perspektiven in den Nachrichten einen konstruktiven Dialog mit den Nutzer*innen zu verstetigen und somit
  • die Diskursqualität über Werte- und Gemeinwohlorientierung zu steigern.

Auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren zu können und die permanente Veränderung, die sich im Zuge der digitalen Transformation, aber auch durch die Corona-Konsequenzen ergeben, agil und aktiv zu gestalten, ist zur neuen Schlüsselressource geworden. Mehr denn je muss es darum gehen, dass Journalismus eine Widerstandsfähigkeit entwickeln kann — sowohl als eigenständige Branche und als digitales System, aber auch für einzelne Mitglieder in ihren jeweiligen Organisationen und Unternehmen, die trotz steigender Anforderungen „funktionieren“ und an den latent präsenten und partiell eskalierenden Problemen wachsen sollen. Innere Stabilität ist somit das Gebot der Stunde.

Unsere Empfehlung ist, dass Journalist*innen kontinuierlich mithilfe „digitaler Resilienzprofile” zur Einschätzung ihrer individuellen und organisationalen Widerstandsfähigkeit arbeiten, um sich souverän den Gesetzmäßigkeiten und Widrigkeiten in der digitalen Transformation zu stellen. Dies kann Mitarbeiter*innen, aber auch angehenden und erfahrenen Führungskräften helfen, Prozesse und Maßnahmen für den transformativen Übergang im Arbeitskontext besser zu verstehen und umsichtiger zu managen. In den Resilienzprofilen geht es vor allem um persönliche Einschätzungen zur eigenen Arbeitssituation.

Solche „Resilienz-Codes“ sind nicht mit klarem „Ja“ oder „Nein“ zu quittieren. In der Summe sind sie skalierbar und sequenziell interpretierbar. Auf ihrer Basis können auf systemischer Ebene zum einen kritische Aussagen über organisationale Lernfähigkeit und zugleich Stressbewältigungspotenzial im Sinne einer „achtsamen Führungskultur“ und einer „gesunden Organisation“ getroffen werden: Wird die Digitalisierung eher als Bedrohung oder eher als Chance wahrgenommen? Zum anderen lassen diese Codes auf das Innovationsgeschehen und den Grad der Digitalisierungsbemühungen von Redaktionen und einzelner Mitarbeiter*innen generell schließen: Fühlt sich die Redaktion von den Führungskräften mitgenommen, wie transparent gestalten sich die Prozesse der Beteiligung?

Resilient denken und handeln bedeutet nicht nur, Krisen besser zu verstehen, sondern im besten Fall gestärkt aus ihnen hervorzugehen

Über Resilienzprofile lässt sich ferner herausarbeiten, welche präventiven und unterstützenden Maßnahmen zu ergreifen sind, um den Journalismus insgesamt selbstwirksamer und zukunftsfester zu machen. Diese Bedürfnisse gehen weit über das Finanzierungsdilemma für digitalen Qualitätsjournalismus hinaus. Sie betreffen vielmehr seine Identität, Handlungsautonomie und geistige Gesundheit. Diese Maßnahmen lassen sich in einer neuartigen Verbindung unterschiedlicher Kompetenzen bündeln, die für die Weiterentwicklung der Branche und ihr professionelles Selbstverständnis wegweisend sind.

Die Ausbildung einer ganzheitlichen „Digitalen Resilienz“ kann dafür sorgen, dass sich Unsicherheit und Verlustängste auflösen und in Experimentierbereitschaft, Innovationskraft und Nonkonformismus umschlagen. Nur so gelingt es, dass sich Journalist*innen den radikalen Anforderungen stellen, die der Wandel des Medienkonsums und die Digitalisierung mit sich bringen. Resilient denken und handeln bedeutet dabei nicht nur, Krisen besser zu verstehen und aus ihnen zu lernen, sondern im besten Fall sogar gestärkt aus ihnen hervorzugehen.

Ob es Krisen wirklich braucht, um Neues zu erschaffen, wird sich noch zeigen. Journalismus kann allerdings zu einem Leuchtturm in der Krise werden, wenn er widerstandsfähig bleibt.

VOCER Digital Leadership Academy

Ab Dezember 2020 startet VOCER.org mit der VOCER Digital Leadership Academy eine neue Workshop-Reihe in Kooperation mit dem Journalismuslab der Landesanstalt für Medien NRW, die sich explizit an (angehende) Führungskräfte aus Journalismus und anderen Kommunikationsberufen richtet. Maximal zwölf Fellows erarbeiten in insgesamt fünf Seminarblöcken unterschiedliche Fach- und Führungskompetenzen mit Fokus auf eine Digitale Resilienz. Das Trainerteam der VOCER Digital Leadership Academy und die dozierenden Praktiker*innen sind ausnahmslos profilierte Digitalisierungs-Expert*innen, Persönlichkeits-Coaches und Social Entrepreneur*innen.

Auf der Academy-Seite von VOCER.org gibt es ausführliche Informationen zum Programm und den Teilnahmemöglichkeiten:

Leif Kramp, Alexander von Streit und Stephan Weichert gehören dem Vorstand von Vocer.org an, dem 2009 gegründeten Thinktank für Digitalen Journalismus und Medienkompetenzförderung. Vocer.org betreibt das VOCER Millennial Lab, veranstaltet den VOCER Innovation Day und den VOCER Innovation Salon und verleiht seit 2017 gemeinsam mit der Rudolf-Augstein-Stiftung und der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius den mit 10.000 Euro dotierten #Netzwende Award für nachhaltige Innovationen im Journalismus. „Digitale Resilienz“ ist ein neuer Arbeits- und Bildungsschwerpunkt, in dessen Rahmen neue Methoden entwickelt und getestet werden. Mit ihrer Hilfe Unternehmen sollen gemeinnützige Organisationen und Verbände widerstandsfähiger und krisenfester. Den Start bildet die VOCER Digital Leadership Academy in Zusammenarbeit mit dem Journalismuslab der Landesanstalt für Medien NRW.

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