Leiser Wandel der Botschaft

Penibel angelegte chinesische Gärten mit kleinen Pavillons und Brücken über idyllische Teichanlagen — Szenen wie diese sind aus chinesischen Tuschezeichnungen mit ihrer spezifischen Pinselführung auch in Europa seit Langem bekannt. Den Wunsch in diese Landschaften, die so viel von der Seele fernöstlicher Kultur transportieren hineinzutauchen, empfinden wohl viele BetrachterInnen der fragilen Arbeiten.

Die interaktive Videoinstallation „Poetic Writing for Nature“ von Jin Jiangbo, aktuell zu sehen in der Ausstellung „Chinese Whispers“ im Kunstmuseum Bern, erfüllt diesen Wunsch. Allerdings integriert Jiangbo die europäischen BesucherInnen nicht in der feinfühligen Weise, in der wir uns wohl gerne selbst sehen würden. Wir erscheinen in der zarten Zeichnung als plumper schwarzer Fleck, ein dunkler Schatten, der an der feinen Landschaftsmalerei vorbeizuziehen scheint.

Wenn chinesische Kunst in Europa gezeigt wird, schweben vielschichtige Erwartungshaltungen im Raum. Die Ausstellung thematisiert anhand von rund 150 Werken chinesischer Gegenwartskunst die kulturellen Unterschiede und ermöglicht mit den Mitteln der Kunst einen breit angelegten Einblick in das China von heute. Die Werke geben Auskunft über ein Land, in dem vielschichtige Widersprüche den Alltag bestimmen.

Mit dem Titel der Schau „Chinese Whispers“ [Chinesisches Flüstern] spielt die Kuratorin Kathleen Bühler auf das Kinderspiel „Stille Post“ an. Ein Wort wandert von Ohr zu Ohr und wandelt sich in Inhalt und Bedeutung während des Spiels — die Botschaft wird eine zum Teil gänzlich neue. Ähnlich ist es mit der Kunst aus dem fernen China — auf dem Weg in den Westen werden die Arbeiten von vielen Missverständnissen und Fehlinterpretationen begleitet. Überlieferung, Austausch, Missverständnis und Verzerrung — zentrale Themen der Schau in Bern.

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