Der Anfang einer Geschichte

Amie sitzt im Zug auf dem Weg nach Hause. Während die immer gleich aussehende Landschaft an ihr vorbei rauscht, starrt sie auf die Buchstaben vor ihren Augen. Unfähig Wörter, Sätze, oder sogar eine Geschichte zu erfassen. Nachdem sie zum dritten Mal den selben Satz versucht hat zu lesen, gibt sie auf und schlägt das Buch zu.

Wieso interessieren wir uns für fremde Geschichten so sehr? Wieso lesen wir Bücher, hören Musik und schauen Filme? Liegt es an der Enttäuschung über die Geschichte unseres eigenes Lebens?

Wirre Gedanken schießen ihr durch den Kopf; es scheint unmöglich eine Antwort zu finden. Sie fühlt sich klein, unbedeutend und verloren. Der Zug hält an. Sie kennt die Station, denn sie fährt jeden Tag hier lang. Das Leben kommt ihr vor wie eine einzige Wiederholungsschleife. Veränderungen so unbedeutend und gering; Abwechslung so gut wie nicht vorhanden.

Gibt es auf dieser Welt auch nur einen Menschen, der mich versteht? Der sich für mich interessiert; meine Gedanken und Träume teilt?

Ihre Augen füllen sich mit Tränen von lebloser Verzweiflung. Doch bevor eine Träne ihre Wange hinunterrollen kann, blinzelt sie. Der flüchtige Schmerz vergeht so schnell wie er gekommen ist. Der Zug fährt weiter. Amie spürt wie er langsam beschleunigt. Sie hat den Kopf immer noch auf das geschlossene Buch gerichtet; klammert sich an diesen toten Gegenstand als könnte er allein sie in der Wirklichkeit festhalten. Ohne sie anzuschauen weiß sie von den Menschen die um sie herum sitzen. Alle gebrochen und enttäuscht vom Leben. Ich bin nichts besonderes. Wir alle sind gewöhnliche Menschen.

In der Gewissheit nichts anderes als introvertierte Gestalten zu sehen, hebt sie den Kopf. Zwei Augen sehen sie mit solcher Tiefgründigkeit an wie sie es nie zuvor erlebt, ja nicht mal gewagt hätte zu träumen. Während sie den Blick mit der gleichen Intensität erwidert, ist ihr als würde ein Blitz in ihr Herz einschlagen. Eine Sekunde gleich einer Ewigkeit sind ihre Augen durch ein magisches Band miteinander verbunden; ihr Innerstes nach Außen kehrend und wieder zurück. Wie konnte niemand von den anderen Passagieren diese emotionale Explosion bemerken? Dieser Moment, der alles veränderte. Zu groß um ihn mit Worten beschreiben zu können; zu erhaben um jemals in ihrer Erinnerung zu verblassen.

Ein wundervoller Mund unweit der funkelnden Augen lächelt ihr zu. Und als sie das Lächeln erwidert weiß sie: Dies ist der Anfang ihrer eigenen Geschichte.


Inspiriert zu dieser Geschichte hat mich der Song Amie von Damien Rice.