“Wir machen uns Sorgen um dich”

Es sind Gespräche mit meinen Eltern, die es immer wieder schaffen mich in eine Sinnkrise zu stürzen. Eben war ich noch so gut wie eben möglich aufgelegt, im nächsten Moment hat sich das erledigt.

Genau das passierte vor einigen Tagen. Ich besuchte meine Eltern übers Wochenende in meiner Heimatstadt. Da meine Mutter am Samstag Vormittag noch auf der Arbeit eingebunden war, lud mich mein Vater zum Frühstücken ein.

Dazu sollte man wissen, dass ich nicht unbedingt ein tiefgehendes Verhältnis zu meinen Eltern habe, insbesondere zu meinem Vater. Irgendwie kam das nie zustande. Dafür sind wir wohl auch deutlich zu verschieden. Ich verbrachte meine Kindheit und Jugend in aller Regel alleine im meinem Zimmer vor dem PC oder dem Fernseher und der Spielkonsole. Er war in seiner Jugend viel mit Freunden unterwegs auf Parties, lernte Frauen kennen und genoss sein Leben. Dieser Unterschied bietet keine gute Grundlage für gegenseitiges Verständnis.

Soziale Interaktion

Bei unserem gemeinsamen Frühstück kam dann unweigerlich das Standard-Thema auf: Soziale Interaktion — Ich fasse das mal unter diesem Oberbegriff zusammen.

Ich bin nicht wirklich jemand, der viel ausgeht. Wie schon in meiner Jugend sitze ich das Gros meiner Freizeit auf dem Sofa oder vor dem PC. Ich war noch nie jemand, der gut darin ist, viel Zeit mit seinen Freunden zu verbringen. Warum das so ist, ist vielleicht ein Thema für ein anderes Mal. In jedem Fall fällt es mir aber schwer neue Kontakte zu knüpfen, sowohl online als auch in der echten Welt. Dementsprechend schlafe ich jede Nacht allein und verbringe ganze Wochenenden hinter der abgeschlossenen Wohnungstür. Es ist sicherlich kein schönes Leben, aber ich habe mich daran gewöhnt.

Probleme sind eine Frage des Standpunkts

“Ich finde es schade, dass du niemanden hast”, sagte mein Vater irgendwann. “Ja, sicher. Aber ich kann da nicht viel machen”, entgegnete ich ihm. Dass ja genau das das Problem sei und ob ich es denn nicht mal mit diesem Online-Dating probiert hätte?

Ja, habe ich. Nein, das brachte keinen Erfolg. Und nein, ich habe die Lust daran verloren.

“Auf jeden Fall machen wir uns sorgen, dass du vereinsamst.” Peng! Dankeschön, nicht nur, dass ich sowieso schon das Gefühl habe, dass mein Leben eine ziemliche Verschwendung ist — jetzt bereite ich meinen Eltern auch noch Sorgen. Ein schönes Gefühl.

Was ist dein Problem?

Aber mal im Ernst: Ist das alles wirklich ein Problem? Ändert es was an mir, wenn ich jemanden in meinem Leben habe, dem ich jeden Tag auf die Nerven gehe? Oder bei dem ich zumindest das Gefühl habe, dieser Person wertvolle Zeit zu stehlen?

Vermutlich ist das tatsächlich ein Problem. Nicht, dass ich niemanden habe. Ich gehe nur von vorneherein mit dem Gefühl an Zwischenmenschliches heran, dass ich den Menschen um mich herum auf die Nerven gehe, dass ich sie langweile oder ihnen Zeit stehle, die sie sonst auch mit sinnvollen Dingen hätten verbringen können. Wie soll ich eine Beziehung zu jemandem aufbauen, wenn ich mir nicht im entferntesten Vorstellen kann, dass sich jemand ehrlich für mich und meine Probleme interessieren könnte? Meine Eltern hat das selten interessiert, als ich jung war. Meine Freunde wechseln in aller Regel das Thema, wenn ich mal wirklich Redebedarf habe. Am Ende muss ich mir selber zuhören. Und dann langweile ich sogar mich selbst.

Willkommen zurück in der Sinnkrise. Danke, Papa.