Fünf besondere Momente, die mir bei meinen Weitwanderungen durch Europa wichtig sind.

Weitwanderungen sind schon an sich etwas Besonderes. Sie haben eine andere Qualität als Tagestouren. Sie entfalten sich in ihrer Stetigkeit des Laufens. Alles, was erscheint, verschwindet wieder, alles, was (gedanklich und emotional) kommt, geht wieder. Es gibt nur Bewegung, die in ihrer Stetigkeit paradoxerweise ein entschleunigendes Moment beinhaltet.

Weitwanderungen sind auch eine ganz eigene Art, die Welt um sich herum kennen zu lernen — und damit immer auch ein Stück weit sich selbst. Im Folgenden habe ich fünf Momente herausgegriffen, die mir auf Weitwanderungen besonders wichtig sind.

Belgisch-Französische Grenze, kurz vor Rocroi, 2013

5. grenzüberschreitend Starten

Völkerschlachtdenkmal, Leipzig-Prag 2014.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne….das gilt für Vieles, besonders für’s Reisen und Weitwanderungen, die an der eigenen Haustür starten, um ein Vielfaches mehr. Freilich, der Schritt vor die Haustür ist alltäglich. Doch meldet sich ein ahnungsvoller Anteil, der ganz körperlich zu vibrieren beginnt, dass es diesmal doch ganz anders ist — und mental irgendwie nicht (be-)greifbar. Viele Unsicherheiten begegnet man beim Weiterwandern nicht erst auf dem Weg — nein, sie kommen von Beginn an mit…und weil auch sie nicht zu Hause bleiben wollen, dürfen sie auch!Ist Alles an Bord, was nötig ist und mit muss, erscheint das eigene Stadtviertel wie fremd und gar nicht mehr heimisch. Die Sinne beginnen sich zu schärfen. Der Weg hat begonnen. Das sicherste Zeichen dafür: Die eigene Stadt zeigt sich in völlig anderem Licht, offenbart Ein-Blicke, die im Alltag den routinierten An-Sichten geopfert werden.

Die Grenze ist überschritten. Von nun an gibt’s kein zurück — auch wenn man am Abend gerade mal die Endhaltestelle der Straßenbahn erreicht haben mag…

4. wahrnehmend Öffnen

vor Marburg, Leipzig-Paris 2013.

Die ersten Stunden und Tage haben ihren eigenen Reiz. Noch Nichts ist wirklich Routine, weder das Laufen, noch das Tragen, weder das Organisieren von Essen und Trinken, noch das Auffinden von Übernachtungsmöglichkeiten, das Waschen der Kleidung oder das Stopfen des Rucksacks. Dafür öffnen sich die Sinne: Felder werden zu Erscheinungen, die die Weite freigeben. Der Himmel wird zum treuen Begleiter, dessen Abwechslungsreichtum immer wieder erstaunlich ist. Generell Wolken, “Emotionen des Himmels”, die kommen und gehen und möglichst ziehen gelassen werden möchten, sind stets einen Anblick wert — dort sieht man die wilden Tiere, die keinem Wanderer etwas antun 😉

3. offen Wahrnehmen

Lüttich, Leipzig-Paris 2013

Weitwanderungen zeichnen sich durch ein ständiges Willkommen und Weiterziehen aus, eine ununterbrochene Abfolge von Anfängen und Enden, von Hallo und Tschüss. Es gibt kein Festhalten, nur ein Akzeptieren im Weitergehen. An Nichts und auch an Niemandem kann sich dauerhaft geklammert werden. Auch Fotoapparate, Blogs und Tagebuch ändern wenig an dieser Tatsache. Am Morgen geht es weiter und am Abend ist eine andere Welt erreicht.Dennoch sind hier zwei Momente atemberaubend und erinnerungsmarkiert:

  • Zum einen die Städte und Gemeinden, die Lebensräume der Menschen, zu sehen, sich zu nähern und anzuschauen, zu durchlaufen und hinter sich zu lassen. Sie ähneln sich, beherbergen “die Sesshaften” und ermöglichen diese Art des Reisens. Die marsische Qualität ist kaum zu beschreiben: Es ist, wie einen fremden Planeten anschauen und kennenlernen. Die eine große Welt als Welt von Aneinanderreihungen, die Sinne sind fast überfordert, aber die Füsse bleiben nicht stehen. Stadt folgt auf Stadt, Wald auf Wald und Dorf folgt auf Dorf.
  • Und dann eines Tages, die Reise ist schon lange vorbei, mitten im Alltag, kommt ein inneres Bild, das soeben durch was auch immer provoziert wurde, zum Vorschein, und steht im Zentrum der Aufmerksamkeit: Stopp, woran erinnere ich mich grad (vielleicht im Zug stehend oder an der Einkaufskasse oder oder oder…) und dann wird es deutlich, der Blick der Verkäuferin oder das Bellen des Hundes oder die Hausecke dort drüben…sie regten eine Wahrnehmung von hunderten Kilometern weit weg an, die sich irgendwann auf der Reise ermöglichte…und dann gibt es diese mentale Abstimmung des eigenen “Lebens auf dem Weg” und des “Lebens im Alltag” — und es wird deutlich: Es ist eins. Meins. Und so ganz unterschiedlich sind sie dann doch nicht. Doch in diesem Fall hat die Erkenntnis eine andere Stoßrichtung. Die Erfahrung des (Wander-)Weges ermöglicht eine andere Wahrnehmung des alltäglichen Weges: Es ist der Lebensweg, der plötzlich als die realisierte Möglichkeit sich von anderen, nicht beschrittenen Möglichkeiten, aufscheint.

2. unvermittelt Begegnen

Dt.stämmiger Herbergsvater, Camino de Frances, Astorga, Spanien 2010

Manche mögen die Einsamkeit des Wanderns oder die Abgeschiedenheit. Andere suchen lieber die Gruppe und laufen niemals allein (los). Ich für meinen Teil laufe gerne allein (los), aber nicht unbedingt in menschenleeren Gegenden. Ich mag ja Menschen und ihnen “geöffnet” zu begegnen, hat den geradezu wundersamen Vorteil, dass ich zumeist offenherzige Menschen treffe.

1. freudvoll Ankommen

Strand des Atlantik bei Finisterre, Camino de Frances, Spanien 2010

Wenig ist erhabener als anzukommen. Das gilt vor allem für das letzte Ankommen, für das Ziel einer langen Wanderreise. Der letzte Tag, die Pause beim ersten Anblick der Zielstadt, das letzte Ortseingangsschild, die letzten Schritte zum Ziel. Ein Gebäude, ein Platz, ein Denkmal oder was auch immer, es hat “erlösenden Charakter”.Die Anfänge drängen ins Bewusstsein. Die ersten Schritte, wie war der Himmel, schien die Sonne? Wie ging das los, was jetzt endet? Komm, erzähl mir eine stimmige Geschichte, gib mir einen sinnigen Reim, den ich mir hierauf machen kann! Wie schaut der rote Faden aus?!Das Ziel ist zwar zum Greifen nah, aber zum Begreifen zu weit weg. Plötzlich mag’s deutlich werden: Der Weg ist das Ziel. Von Anbeginn. Doch erst hier wird das spürbar.

Der Rest ist Leichtigkeit. Erste Gedanken an das kommende Alltagsleben? Weit weg und federleicht. Die Sorgen der vergangenen Tage, manche Ängste und Schmerzen, auch Belastungen und Erschöpfungen sind wie weggeblasen, direkt in die Vergangenheit. Wenn der Weg geschafft ist, gibt es keinen Grund, auch nur irgendwas zu ertragen.

Anfang und Ende schließen sich zum Kreis aus Dankbarkeit. Leicht glücksdebil wird die Zielstadt verklärt, auch wenn sie bereits reines Touristenutensil geworden ist. Aber am Ende einer Reise ist alles gut.


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