Warum Weitwandern — und worauf es ankommt.

Weitwandern ist doch anstrengend!

Wozu gibt es Autos und Caravans?!

Vor einiger Zeit habe ich im Rahmen dieses Blogs beschrieben, was die schönsten Momente beim Weitwandern sind. Daran möchte ich hier anschließen, soll es doch ein wenig mehr erhellen, was mich dazu bringt, mehrere Wochen, Tag für Tag, im Doppelsinne des Wortes laufend aufzubrechen, kaum wissend, wo ich mich Abends schlafen legen werde. Und irgendwann komme ich am ersehnten Ziel vielleicht an, vielleicht, weil unsagbar viel auf dem Weg dorthin passieren kann.

A. Was ist eigentlich Weitwandern?

Unter Weitwandern verstehe ich dabei nicht eine bestimmte Anzahl von Kilometern oder Höhenmetern zu absolvieren. Für mich zählt allein, dass von A nach B nach C und D usw. gewandert wird, statt wie beim (Tages-)Wandern von A nach A.

Denn dann kommt es darauf an, seine Sieben Sachen dabei zu haben. Aus diesem Grunde ist das sog. Pilgern eine (Unter-)Form des Weitwanderns ebenso wie das Hüttenwandern in den Bergen.

Wer dann noch genügend “Freizeit” hat und mehr als drei, vier Etappen gehen kann, der kommt allmählich in den Genuss des Weitwanderns.

– Meiner Erfahrung nach braucht es etwa drei Tage, um den Rucksack mental und körperlich zu akzeptieren. Meist nervt er am dritten Tag ganz gewaltig. Am vierten, sicher aber am fünften Tage gehört er dazu wie die Hose und Wanderschuhe.

– Etwas länger braucht es, den anfänglichen Muskelkater loszuwerden. Aber spätestens ab Mitte der zweiten Woche tut es am Morgen nicht mehr weh, aufzustehen und weiter zu ziehen, auch wenn die Beine noch schmerzen. Klingt paradox, ist es aber nicht.

B. Doch worauf kommt es beim Weitwandern an?

Ohne Umschweife: Das eigene Maß zu finden.

Das trifft sicher nicht für jeden Weitwanderer zu. Aber mir geht es vor allem darum, mein eigenes Maß zu finden. Weitwandern gibt mir die Zeit und den Raum, innerlich und äußerlich, die Dinge zu betrachten, die sich mir auf dem Weg — innerlich und äußerlich — zeigen.

Sicher gibt es andere Weitwanderer, die andere Gründen haben, vielleicht möglichst viel Strecke zu laufen oder besonders hoch hinaus kommen wollen oder viele Höhenmeter bewältigen möchten oder oder oder…

Für mich kommt es jedoch genau hierauf an: Mich neu auszurichten, zu prüfen, ob mein aktueller Weg auch meinem persönlichen Weg entspricht, mit der passenden Aufmerksamkeit, der angemessenen Geschwindigkeit, dem erforderlichen Kraftaufwand sowie in Bezug zu meiner Umwelt und zu mir selbst.

Gewissermaßen bietet Weitwandern die Möglichkeit, auf kurzem Wege(!) die persönlichen Antreiberdynamiken neu zu justieren, um angemessen und selbstbestimmt auf das zuzusteuern, was im Leben erreicht werden will und worauf es jeweils wirklich ankommt.

(Ein Kollege von mir, Dr. Johannes Schneider, hat das einmal im Anschluss an das sog. Antreiber-Konzept zusammengefasst im sog. dynamischen Handlungspentagon, das er gerne in Coachings und Beratungsarbeiten einsetzt, wenn Menschen und Organisationen ihre Strategien überdenken und neu ausrichten wollen. Hier mehr zu diesem hilfreichen Konzept.)

Weitwandern ist für mich eine Zeit der persönlichen Klärungsarbeit, wirkt bereinigend, meditativ und beheimatet mich in mir und meiner Umwelt. Im vielschichtigen, schnelllebigen und komplexen Arbeitsalltag kommt mir das schon mal abhanden. Hier sind die Verführungen groß, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren, seine Vorhaben “zu vergessen”, das, was wichtig ist, hintan zu schieben. Wer kennt das nicht? Weitwandern ist meine Art, Klarheit zu tanken.

Das heißt im Einzelnen konkret:

1. Weitwandern ist keine Leistung.

Es wird zwar eine bestimmte Strecke in einer bestimmten Zeit zurückgelegt, um den Anforderungen der Strecke gerecht zu werden, aber es muss nicht anstrengend sein — auch wenn es das hin und wieder ist. Das ist wie sonst auch im Leben. Außer, die eigenen Antreiberdynamiken verleiten dazu, dass es anstrengend sein muss oder andersrum überhaupt nicht sein darf. Beim Weitwandern geht es eben genau darum: Das eigene Maß zu finden und mit angemessenen Kraftaufwand voranzukommen. Es heißt, seinen eigenen Weg zu finden (“Hike Your Own Hike”). Deshalb ist es ein großes Glück, mit jemand anderem einen gleichen Rhythmus gefunden zu haben und im gleichen Tempo laufen zu können.

Die Regel ist eher, auch bei einem gemeinsamen Start, für sich zu laufen und sich hin und wieder, jedenfalls aber Abends im Lager, auf der Hütte oder der Herberge zu treffen.

Diesmal, als ich bekannt gab, nach Rom zu laufen, wurde ich besonders häufig gefragt, ob ich “alles zu Fuss gehen” würde. Ich bejahte das häufig, weil es meinem Wunsch und meiner Absicht entsprach, wohlwissend, dass die Zeit mit zwei Monaten knapp bemessen war. Und tatsächlich, je mehr ich mich in die Streckenvorbereitung vertiefte, wurde mir klar, das sei nicht zu schaffen — außer ich gehe die Weitwanderung als Leistungsunternehmung an, als Extremsportprojekt, als TorTour de Rome an.

Erforderlich wäre dafür folgendes Mindset gewesen — und nichts sonst:

– Sei perfekt — und laufe jeden Meter zu Fuss! Andere Hilfsmittel sind streng verboten. Nimm kein Gramm zu viel mit, das nicht diesem Ziel entspricht, in zwei Monaten das Ortseingangsschild Roms zu sehen.
— Sei stark — und nimm gegen die kommenden Schmerzen ausreichend Tabletten mit.
— Streng Dich an — und Du vollbringst eine Leistung, die für ausreichend gute Gefühle (im Nachgang) sorgen wird, vielleicht sogar für Applaus — wenn auch zweifelhaften.
— Mach’s denen recht — die den Weg als Lauf gegen sich und die Uhr begreifen.
— Beeil’ Dich, dann schaffst Du es auch in weniger als zwei Monaten!

Und mein Rucksack wäre 6 Kilogramm leichter, weil praktisch nur Sportsachen enthalten wären, keine Technik, kein Fotoschnickschnack, keine sonstigen Gadgets. Die Reise würde sicherlich auch weniger kosten. Also ganz materiell hätte sich das schon für mich gelohnt.

2. Weitwandern ist ein persönliches und soziales Zeit-Raum-Erlebnis.

Weitwandern ist im Grunde das ältere und reale Pendant zur virtuellen Realität, das für sich ein ganz anderes Zeit-Raum-Erlebnis ermöglicht.

Das passende Maß beinhaltet für mich, …
– sich anzustrengen, ohne das (Wander-)Leben schwerer zu machen als es tatsächlich ist,
– sich (als) vollkommen zu erleben, ohne das lebendige Leben auszuschließen und Perfektion anzustreben,
– sich zu reflektieren, um persönliche Stärke spüren zu können, die sich auf dem Weg einstellen wird,
– aufmerksam zu werden, ohne zu trödeln oder in Hektik zu verfallen,
– für andere aufmerksam zu werden, ohne sich ausschließlich nach ihnen zu richten, um Weitwandern in Beziehung zu erleben.

3. Weitwandern ist keine Schwierigkeit.

Schulklasse in den Dolomiten, 2012.

Alles, was es bedarf, ist die Fähigkeit, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Das ist leichter, als diesen Text zu lesen.

Mir wurde oftmals als Reaktion auf solche Reisepläne geschildert, dass das “doch anstrengend ist”. Nun, das ist es nicht, kann es aber sein. Ich bin da übrigens ziemlich geübt darin, mir das (Wander-)Leben schwer zu machen, vor allem, wenn ich allein unterwegs bin…dann bin ich schnell geneigt, über meine Grenzen hinauszugehen, und mir Blasen und andere Schwierigkeiten reinzuholen. Das ist alles andere als clever. Doch der Weg erlaubt mir, über Veränderungen nachzudenken und sogleich umzusetzen.

Tatsächlich ist Weitwandern nicht anstrengend, sondern wird anstrengend gestaltet. Gerade unter Pilgern und Bergwanderern herrscht die (unbewusste) Neigung vor, es müsse anstrengend sein, damit es was wert ist. Es gibt T-Shirts mit der Aufschrift “No Pain, No Glory”, die Pilgern nach Santiago (Jakobsweg) verkauft werden. In Outdoor-Läden schwatzt man Bergwanderwilligen schnell mal einen Rucksack von 2 Kilogramm Eigengewicht auf und gleich noch die schweren Wanderstiefel dazu, damit die Gefahr des Umknickens gemindert wird (die erst durch den schweren Rucksack erhöht wurde!).

Nun, das sind m.E. allesamt Folgeerscheinungen der eigenen, zuweilen nicht hinterfragten Annahme, dass “das doch schwer sein” müsse. Hier haben die Ultra-Leichtwanderer zum Glück für ein echtes Umdenken in der Szene gesorgt, mag ihr Gewichtsreduzierungsfetischismus zuweilen auch skurrile Züge annehmen (z.B. abgeschnittene Zahnbürsten oder getrocknete, zurechtgeschnittene und abgezählte Zahnpastastückchen). Mag mag ja wegen einzelner eingesparter Gramms lächeln, doch handelt es sich schon bei einzelnen Maßnahmen um Einsparungen im Kilogrammbereich!

4. Weitwandern muss keine Einsamkeitsveranstaltung sein.

Auch hier gilt, dass das eine Frage der eigenen Gestaltungsfreiheit ist. Als ich 2010 in Spanien den Camino de Frances gelaufen bin, den klassischen Jakobsweg von St. Jean-Piert de Port nach Santiago (bzw. darüber hinaus nach Finisterre), gab es einen Pilger, der erst um 9.30 Uhr aufgestanden ist bzw. aus der Pilgerherberge geschmissen wurde und stets allein seine Etappen lieg. Alle anderen Pilgern waren bereits 6.00 Uhr auf den Beinen und sog. Nachtpilgerer bereits in der nächsten Unterkunft! Dieser Pilger hätte sicher nicht behauptet, dass der Weg “überlaufen” ist.

Andererseits gibt es natürlich Weitwanderwege, die schlicht nicht von vielen bewandert werden. Die Jakobswege in Deutschland sind in jedem Falle geeignet, den Plan umzusetzen, niemandem auf dem Weg zu begegnen. Sofern man das will.

5. Weitwandern ist kein Langstreckenwettbewerb.

Es gibt Wege, die sind über 4000 km lang, die amerikanischen Weitwanderwege, Appalachian Trail (AT), Pacific Crest Trail (PCT) sowie der längste Trail, der Continental Divide Trail (CDT) bleiben ehrgeizige Ziele, auch wenn man ein halbes Jahr Zeit hat und nicht anders weiß, sich und die Welt kennenzulernen

Aber hier kommt schnell ein übertriebener Ehrgeiz in den mentalen Rucksack, der in die Leistungsfalle führt. Es reicht für eine persönliche Weitwandererfahrung sicher aus, sich eine Woche oder zehn Tage Zeit zu nehmen, ein schönes Ziel auszusuchen und auf den Weg zu machen. In Bewegung kommt man auf jeden Fall und all die persönlichen oder sonstigen Fragen werden ihre Zeit für Antworten finden. Früher oder später packt einen der eigene Weg.

C. Woran man merkt, dass der eigene Weg einen gepackt hat?

  1. Heimatgefühle kommen auf, trotz dass man sich aus dem warmen Nest geworfen hat.
  2. Die Natur weitet sich, der Himmel wird tatsächlich himmelblau, die Wiesen kräftig grün und Städte eigenartig spannend — sie werden ähnlich einer Vogelperspektive wahrgenommen.
  3. Die Wahrnehmungen schärfen sich und das Bedürfnis zu fotografieren oder zu schreiben und all das irgendwie festzuhalten, was da Neues einstürmt und Ungeahntes ausströmen möchte, wird unstillbar groß — und kann dennoch nicht vollständig befriedigt werden.
  4. Das Gefühl der Erleichterung, sich auf das Wesentliche reduziert zu haben, erwächst zum Erstaunen, wie Wenig es doch eigentlich bedarf, um sich vollständig zu fühlen.
  5. Das umfassende Akzeptieren stellt sich ein, dass das eigene Ziel nicht zu erkämpfen ist, sondern dort sein gelassen werden kann, wo es ist und man — Schritt für Schritt — dort rechtzeitig ankommen wird.
  6. Klarheit für sich, d.h. mit sich und zu anderen, stellt sich ein …oder kurz, dass Alles schon seine Richtigkeit hat und die eigene Welt akzeptiert ist.

Nun habe ich Weitwandern mal “hoch aufgehängt”.

Jetzt würde mich interessieren, was es für Dich ist oder sein könnte.


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