Integration 4.0
Teilhabe und <digitale> Lebensstile
Das Konzept der chancengleichen Teilhabe ist seit einiger Zeit der Maßstab für die Ausgestaltung einer umfassenden Integrationspolitik: Dabei besteht die Aufgabe des Staates darin, Chancengleichheit herzustellen, um das Recht auf Teilhabe zu ermöglichen. Doch was hält eine solche “Teilhabegesellschaft” zusammen? Welche Rolle kommt der Zivilgesellschaft zu? Und wie kann Digitalisierung genutzt werden, um mehr “Begegnungen” zu schaffen?
Teilhabe im Integrationsdiskurs
In der Migrationsforschung ist Chancengleiche Teilhabe nicht unumstritten. Das Konzept wird zwar mehrheitlich als der wohl beste „Mittelweg“ angesehen, der zugunsten einer „einfachen Anerkennung von Vielfalt“ auch die Identifizierung „gesellschaftspolitischer Handlungs- und Gestaltungsherausforderungen“ zulasse[1], steht aber auch in der Kritik:
Dabei wollen die einen Begriffe wie „Teilhabe“ oder „Integration“ ganz abschaffen, weil diese zu einer Zementierung von Dominanzverhältnissen führen.[2] Die anderen sehen den zunehmenden Austausch des Begriffes „Integration“ durch „Teilhabe“ kritisch, weil so eine dualistische Gegenüberstellung zwischen Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung entstehe.[3]
Dass Vergemeinschaftungsprozesse zwar wünschenswert, aber integrationspolitisch nur schwer steuerbar sind, wird von Prof. Haci-Halil Uslucan wie folgt beschrieben:
„Werte können nur in einem gemeinsamen Erfahrungs- und Begegnungskontext individuell angeeignet werden. […] Und um Wertedifferenzen zu erfahren, um sie auszuhandeln, braucht es Begegnungen.“[4]
Tatsächlich ist es so, dass Erfahrungs- und Begegnungskontexte zunehmend individueller und flexibler werden: Waren es früher Klassen bzw. die Verortung in bestimmten Schichten und Milieus, entwickeln jüngere Menschen heute ihre Identität in wechselnden Lebensstil-Gemeinschaften.[5]
Mit Blick auf die integrationspolitische Debatte verbirgt sich hier ein noch zu wenig beachtetes Potential, denn Lebensstile wirken einerseits abgrenzend (aufgrund der Beharrung auf bestimmte Verhaltensmuster), sind andererseits aber „in besonderer Weise ‚anschlussfähig’“, da sie grundsätzlich mit anderen geteilt werden:
„Integration bedeutet deshalb in Deutschland in immer höherem Maße: Einbindung in unsere unterschiedlichen Lebensstile“ […] „da funktioniert Integration auch am besten, am schnellsten, am leichtesten: weil wir da etwas zusammen wollen und es gemeinsam tun!“ [6]
Dabei ist die „Integration in Lebensstile“ keine neue Erfindung; jedoch deutet sich an, dass sich mit zunehmender Digitalisierung von Lebensstilen auch die politische Steuerung von Teilhabe verändert.
Teilhabe durch Digitalisierung
Wie stark Digitalisierung die Bereiche Migration und Integration bereits jetzt prägt, konnte während des langen Sommers der Migration[7] und der sich daraus ergebenen digitalen Flüchtlingshilfe beobachtet werden:
Dabei kamen bereits bei der Vorbereitung sowie während der Flucht selbst digitale Medien, Netzwerke und Tools zum Einsatz: Über Facebook, WhatsApp und Viber wurden Informationen über die besten Fluchtrouten kommuniziert, Kontakte zu Schleppern und Schleusern in Foren im Internet arrangiert und Google Maps/ Translate als ständiger Wegbegleiter genutzt. Auch in der Zeit der offenen Grenzen war der Zugriff zum Smartphone die Voraussetzung dafür, Hindernisse unter lebensgefährlichen Umständen zu überwinden und sich in Europa eigenständig zu bewegen.[8]
Angekommen in Deutschland trafen die Geflüchteten auf eine Zivilgesellschaft, die, ebenfalls gut vernetzt, das Potenzial der digitalen Koordinierung und Flüchtlingshilfe schnell erkannt hatte: In einer Situation, in der sich der Beitrag eines zum Teil überforderten Staates auf die Zurverfügungstellung von Logistik und Unterbringung beschränkte, waren Freiräume entstanden, in denen Willkommensinitiativen in kürzester Zeit integrationspolitische Praxis mitgestalteten.
Neben der Organisation direkter Hilfsmaßnahmen, häufig über Soziale Netzwerke wie Facebook, wurde im Rahmen verschiedener Initiativen (u.a. mehrerer Refugee-Hackathons[9]) an digitalen Lösungen zur Bewältigung drängender Probleme gearbeitet. Das Ergebnis waren neue Smartphone-Apps, Webseiten und Plattformen im Internet[10], die den Prozess des Ankommens nachhaltig erleichterten und die Hindernisse anstehender Integrationsschritte antizipierten.
Die Grundvoraussetzung dafür war die Herstellung digitaler Autonomie: Die meisten Flüchtlingsunterkünfte sind mittlerweile mit freiem WLAN ausgestattet.[11] Auf diese Weise können sowohl die Kommunen Verwaltungsinformationen leichter übermitteln, als auch die Geflüchteten Behördengänge besser organisieren und Wartezeiten sinnvoll nutzen. Dabei ist gerade für junge bzw. minderjährige Geflüchtete die Nutzung des Internets zur Orientierung vor Ort, für den Spracherwerb und zur Aufrechterhaltung des Kontakts zur Familie lebensnotwendig.[12]
Teilhabe durch Digitalisierung ist nicht nur auf administrative Aufgaben anwendbar. Auch Annäherungs- und Begegnungsprozesse werden einfacher.
Wegweisend sind hier insbesondere Projekte von Social Entrepreneurs, die ihr Engagement auf die Arbeit mit Geflüchteten fokussieren. Die Kommunikation läuft dabei fast ausschließlich über Social Media Kanäle und Internet-Plattformen: Informationen über lokale Veranstaltungen, bei denen gemeinsam gekocht, Sprachen gelernt oder programmiert wird[13], sind niedrigschwellig, frei zugänglich und können mit einem Klick „geteilt“ werden.
Integrationspolitik
Kommunale Integrationskonzepte müssen in Anbetracht derzeitiger Herausforderungen[14] digitaler gedacht und weiterentwickelt werden. In der kommenden Phase der Konsolidierung geht es darum, zu reflektieren, was während des langen Sommers der Migration gut funktioniert hat und wie diese Erfahrungen übertragen werden können.
Der Aspekt von Teilhabe durch Digitalisierung spielt hierbei eine wichtige Rolle. Vor allem die sich im Aufbau befindenden Willkommenszentren[15] könnten in diesem Bereich neue Maßstäbe setzen: Konzipiert als digitale Knotenpunkte hätten sie das Potenzial, jenseits der Verbreitung und Vermittlung von Informationen, Akteure der Flüchtlingshilfe besser miteinander zu vernetzen.
Auch die Verstetigung von zivilgesellschaftlichem Engagement und der damit verbundenen Innovationskraft muss koordiniert werden: Es gilt, die Integrationsarbeit von Willkommensinitiativen in Stadtteilen und Gemeinden nachhaltig zu verankern. Die Entwicklung von digitalen Lösungen, mit denen Integrationsprozesse erleichtert werden, müssen institutionalisiert werden.[16]
Wie sehe demzufolge eine Integrationspolitik 4.0 aus? Fakt ist: Gemeinsames Kochen, Sprachen lernen oder Programmieren lassen sich nicht erzwingen; allerdings können die Rahmenbedingungen für Vergemeinschaftsprozesse durch die Schaffung von mehr digitaler Autonomie und einer systematischen, digitalen Koordinierung von Angeboten und Nachfrage verbessert werden.
Auf Vergesellschaftung ausgerichtete Maßnahmen verlieren dadurch nicht an Bedeutung[17], jedoch sollte in einer Migrationsgesellschaft, in der Integrationsprozesse beschleunigt werden müssen, ein kontinuierlicher Fokus auf Begegnungen (und Begegnungsstrukturen) gelegt werden. Denn, ohne diese zivilgesellschaftliche Komponente lässt sich das übergeordnete Ziel von Integrationspolitik, die Herstellung von sozialer Kohäsion, nicht erreichen.
[1] Vgl. Ludger Pries: Teilhabe in der Migrationsgesellschaft: Zwischen Assimilation und Abschaffung des Integrationsbegriffs, in: IMIS-Beiträge, Heft 47/2015, S.10/23.
[2] Vgl. hierzu die Stellungnahme Demokratie statt Integration des Netzwerks Kritischer Migrations- und Grenzregimeforschung.
[3] Vgl. Thomas Faist; Christian Ulbricht: Moving from Integration to Participation? Notes on the Interrelationship between Communal and Associative Relationships, in COMCAD Arbeitspapiere — Working Papers №137, 2016. Die Begriffe Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung sind als soziologische Kategorien von Max Weber geprägt worden. Vgl. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, 5. Aufl. ,Tübingen 1972.
[4] Vgl. Von der Pflicht zum Recht auf Integration: Kommentar von Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan, in: Migration-Online vom 1. März 2016
[5] Vgl. zum Lebensstilansatz und der damit verbundenen Individualisierungsthese: Berit Postel: Charakterisierung von Lebensstilen durch Wertorientierungen, Potsdamer Beiträge zur Sozialforschung, Bd. 23. Universität Potsdam, Potsdam 2006.
[6] Wolfgang Kaschuba: Integration in Lebensstile: Beheimatung im Alltag!, in: Polyteknik, Ausgabe 11, 2016.
[7] Fabian Georgi: Widersprüche im langen Sommer der Migration — Ansätze einer materialistischen Grenzregimeanalyse, in: PROKLA. Verlag Westfälisches Dampfboot, Heft 183, 46. Jg. 2016, Nr. 2, 183–203.
[8] Der Zugriff auf Soziale Netzwerke ist dabei häufig lebensrettend. Vgl. Julian Sancton: Refugees Are More Connected Than Ever. Rescuers Must Be Too, wired.com vom 07. April 2016. Vgl. auch: GIZ/Betterplace Lab/Kiron University: ICT4Refugees — A report on the emerging landscape of digital responses to the refugee crisis, Mai 2016.
[9] Der erste Refugee-Hackathon fand am 24. und 25. Oktober 2016 in Berlin statt.
[10] Eine erste Übersicht aller digitalen Initiativen hatte das betterplace Lab im Februar 2016 erstellt. Eine „Projektübersichtsplattform“, das als eine Art „Suchmaschine“ für digitale Angebote und Projekte im Bereich der Flüchtlingshilfe funktioniert, ist Meta Collect. Die Initiative D21 bietet eine „Flüchtlingshilfe-Unterstützungs-Plattform“ an, mit der digitale Angebote leichter gefunden und angeboten werden können.
[11] Jedoch ist der Internet-Zugang in vielen Unterkünften aus pädagogischen und finanziellen Gründen zum Teil stark beschränkt. Vgl. „Internet ist für Flüchtlinge genauso wichtig wie Essen“, Die Welt vom 10. Dezember 2015.
[12] Vgl. auch Nadia Kutscher: „Internet ist gleich mit Essen“ — Empirische Studie zur Nutzung digitaler Medien durch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
[13] Beispiele sind neben vielen anderen Über den Tellerrand kochen, Teachsurfing oder die REDI School. Über Initiativen/Meta-Plattformen wie GSBTB oder HelpTo werden Angebote und Nachfragen vermittelt.
[14] Dazu gehört die Stabilisierung und Beschleunigung von Verwaltungsaufgaben, die Öffnung des Arbeitsmarktes für Geflüchtete (und die damit verbundenen Qualifizierungsmaßnahmen) sowie die Inklusion von Neubürgern vor Ort.
[15] Willkommenszentren gibt es bereits in mehreren deutschen Städten (u.a. in Stuttgart und Hamburg). Am 18. August 2016 wurde das Berliner Willkommenszentrum eröffnet.
[16] Vgl. „Why we need more ‚Migration LABs’ or how to develop solutions for integration in digital times?“, Migration Systems vom 28. März 2016.
[17] Dies betrifft vor allem das Aufbrechen bzw. Neuverhandeln alter Strukturen. Ein Beispiel ist die „Verankerung der gesellschaftlichen Vielfalt als Staatsziel“. Vgl. „Für ein anderes Grundgesetz“, Süddeutsche Zeitung vom 12. Oktober 2015.
