It Hurts When IP
Jun 2 · 15 min read

Während ich Homöopathie als Geschäftsmodell kritisiere, fällt mir immer wieder auf, dass die vehementen Vertreter dieser sogenannten “alternativen Heilmethode” oftmals gar nicht so viel über das wissen, was sie da eigentlich verteidigen. Das finde ich erschreckend und es zeigt mir immer mehr, wie wichtig es ist aufzuzeigen, womit man es hier eigentlich zu tun hat. Da der Level an Information auch für jeden wieder individuell ist, d.h. viele wissen schon die Grundbegriffe nicht, andere schwächeln erst im fortgeschrittenen Wissen, fange ich am Anfang an.

Woher kommt Homöopathie?

Homöopathie heißt wörtlich übersetzt “ähnliches Leiden”. Dies basiert auf Samuel Hahnemann, einem deutschen Arzt aus dem 18.-19. Jahrhundert (was ziemlich lange her ist). Hahnemann war unter anderem Übersetzer. Während er 1790 die Arzneimittellehre von William Cullen übersetzte, stieß er auf einen Artikel in dem Cullen behauptete Chinarinde würde den Magen stärken und dadurch gegen Malaria helfen. Er verfasste eine Fußnote über einen von ihm vorgenommen Selbstversuch, bei dem er durch Chinarinde alle für Malaria gewöhnlichen Symptome bekam, aber ohne “Fieberschauder”. Er vermutete, dass die Heilwirkung von Chinarinde bei Malaria dadurch zustande kam, dass sie die selben Symptome auslösten. Seine Vorstellung des Simile-Prinzip “Ähnliches mit Ähnlichem” zu heilen war damit geboren.

Heute weiß die Wissenschaft, dass Chinarinde Chinin enthält, welches die Heilwirkung auslöst. Hierbei wird die Nucleinsäuresynthese gehemmt, welche der Erreger zur Vermehrung braucht. Auch gilt die Methodik des Selbstversuchs von Hahnemann als sehr umstritten, da auch eine eventuelle Allergie gegen Chinarinde als Möglichkeit für seine Ergebnisse in Frage kommt. Vor allem weil dieser Versuch auch nie reproduziert werden konnte, wird seine Idee als zu willkürlich betrachtet.

Dennoch schrieb er wenige Jahre später sein Standardwerk, das Organon.

Was ist dieses “Organon”?

Das Organon (der Heilkunst) ist quasi die “Bibel der Homöopathie”. Dort führte Hahnemann die Prinzipien des Heilens und der Homöopathie aus. Insgesamt war es ein recht polemisch verfasstes Werk, in dem er Grundlagen festlegte, wie ein Homöopath zu heilen hat und vor allem was er auch zu lassen habe. Hahnemann verkniff sich auch nicht, eigene Kollegen darin anzugreifen.

https://twitter.com/when_hurts/status/1116082381905989632

Zusätzlich wurden dort diverse Dinge aufgezeigt, die ein Patient zu lassen hatte, damit die Behandlung nicht fehlschlüge. Was diese Dinge sind, veröffentlichte ich bereits im April 2019 auf meinem Twitteraccount.

Fakt ist: Die Liste ist lang und man hat eine sehr gute Chance irgendwas davon aus Versehen so richtig zu verkacken. Somit ergibt sich hieraus auch die sehr wahrscheinliche Möglichkeit einen Behandlungsmisserfolg dem Patienten und seinem Verhalten zuschreiben zu können.

Interessant ist auch, dass Hahnemann viele Versuche heutiger Homöopathen zu Kompromissen strikt ablehnte. Wie z.B. die Vermischung von Homöopathie mit der “alläopathischen” Medizin, welche von Homöopathen auch oft als Schulmedizin und von Anderen auch nur als Medizin bezeichnet wird. Schlimmer noch, nannte er solche Versuche doch schlichtweg Verrat:

§ 52: Es giebt nur zwei Haupt-Curarten: diejenige welche all’ ihr Thun nur auf genaue Beobachtung der Natur, auf sorgfältige Versuche und reine Erfahrung gründet, die (vor mir nie geflissentlich angewendete) homöopathische, und eine zweite, welche dieses nicht thut, die (heteropathische, oder) allöopathische. Jede steht der andern gerade entgegen und nur wer beide nicht kennt, kann sich dem Wahne hingeben, dass sie sich je einander nähern könnten oder wohl gar sich vereinigen liessen, kann sich gar so lächerlich machen, nach Gefallen der Kranken, bald homöopathisch, bald allöopathisch in seinen Curen zu verfahren; diess ist verbrecherischer Verrath an der göttlichen Homöopathie zu nennen!

Wenigstens an dieser Stelle sind sich Hahnemann und die Homöopathiekritiker einig: Homöopathie sollte nicht mit evidenzbasierter Medizin gemischt werden. Allerdings haben Homöopathiekritiker eher die Befürchtung, dass nachgewiesene Effekte der evidenzbasierten Medizin sonst der Homöopathie zugesprochen werden könnten.

Wie konnte sich die Homöopathie so durchsetzen?

Hierzu muss man den Stand der Medizin zu dieser Zeit betrachten. Es gab die nach heutigem Wissensstand ebenfalls widerlegte Vier-Säfte-Lehre. Diese lehrte, dass 4 Säfte oder auch Leibesfeuchten sich durch Nerven und Blut im Körper verbreiten. Die Vier Säfte (Gelbe Galle, Schwarze Galle, Blut und Schleim) wurden in die 2 Kategorien warm/kalt und trocken/feucht eingestuft.

Um das Gleichgewicht der Säfte wiederherzustellen, wurde unter anderem ein Aderlass vorgenommen, bei dem Venen oder später auch Arterien eröffnet wurden. Teilweise passierte dies auch an gefährlichen Stellen wie den Schläfenarterien.

Bei einer solchen nicht gerade ungefährlichen und auch nicht schmerzfreien Prozedur ist der Wunsch nach einer “sanften Heilmethode”, wie Homöopathen die Homöopathie gerne selbst bezeichnen, natürlich groß und in diese Kerbe schlug Hahnemann.

Die Ablösung der Humoralpathologie, welche auf der Vier-Säfte-Lehre fußte, durch die Zellularpathologie begann 1850–1855, also erst, als die Homöopathie bereits in vollem Lauf war und sich über Europa zog.

Im 19. Jahrhundert wurde die Homöopathie sehr verbreitet im Adel, aber auch Pfarrerssöhne und Theologiestudenten waren vermehrt unter den ersten Homöopathen. Hahnemann selbst bezeichnete seine Theorie ja bereits als die “göttliche Homöopathie”. Das erklärt auch, den heute fast religiösen Glaubensgrundsatz mit dem die Homöopathie verteidigt wird.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts bildeten sich 444 homöopathische Laienvereine, welche große Mengen an Homöopathika vorrätig hielten und an ihre Mitglieder kostenlos abgaben. Die Versorgung mit diesen Mittel war also über ihren Mitgliedsbeitrag abgedeckt.

Als Erwin Liek Mitte der 1920er Jahre die “Krise der Medizin” ausrief, erhielten die Laienverbände auch starken Zulauf von Arbeitern und Kleinbürgern. Die Homöopathie war in allen Gesellschaftsschichten angekommen.

Eine politische Bewegung nutzte danach aber ebenfalls verstärkt die Homöopathie für ihre … eigenen Zwecke.

Wie war die Situation der Homöopathie im Nationalsozialismus?

Diese Geschichte ist vor dem Hintergrund interessant, weil Homöopathiekritikern, mit etwas rigiderer Haltung, von uninformierter Seite immer wieder Faschismus vorgeworfen wird. Dieses Argument bleibt oftmals im Hals stecken, wenn man erklärt, dass die Nationalsozialisten sehr aufgeschlossen, fast euphorisch gegenüber der Homöopathie waren.

[1] Die Nationalsozialisten sahen die Homöopathie als Chance eine “Neue Deutsche Heilkunde” zu etablieren. Sie wollten damit der “verjudeten Schulmedizin” eine Alternative entgegenbringen. Das Reichsgesundheitsamt ließ diese Möglichkeit prüfen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung veröffentlichte der damals beteiligte Arzt Fritz Donner 1966 in dem sogenannten “Donner-Report”. Er bezeichnete die Untersuchungen als “totales Fiasko” und “vollkommen negativ”.

Tests mit der homöopathischen Behandlung in einer kleinen Studie ezeigten, dass 50% der Lungentzündungspatienten starben, wenn sie rein homöopathisch behandelt wurden, selbst damals eine inakzeptable Mortalitätsrate. Das alles vor dem Hintergrund, dass der Leiter des Stuttgarter Homöopathischen Krankenhauses vorher behauptet hatte, noch nie einen Lungenentzündungspatienten verloren zu haben.

Der damalige Vorsitzende der homöopathischen Ärzte, Hans Rabe, sprach davon, dass die Homöopathie als eine “gewisse Form der Psychotherapie” wirke. Er sagte, dass man durch das Eingehen auf die, teilweise auch unbedeutenden, Symptome und die Beeindruckung des Kranken “von der psychischen Seite her uns noch unbekannte Heilwirkungsmechanismen in Gang” bringe.

Natürlich sind uns beim heutigen Stand der Medizin auch diese Effekte durchaus bekannt:

Was ist der Placebo (by proxy)-Effekt?

Der Placebo-Effekt ist in der Medizin vereinfacht gesagt die Reaktion des Körpers darauf, dass er eine bestimmte Wirkung erwartet. Das Gehirn bringt mit der Einnahme eines Mittels einen bestimmten Effekt in Verbindung. Der Patient fühlt sich besser, obwohl er gar keinen Wirkstoff geschluckt hat, oftmals ausgelöst durch Ausschüttung körpereigener Botenstoffe.

Der Placebo by proxy-Effekt wird z.B. bei kleinen Kindern oder Tieren beobachtet. Der Proxy (Stellvertreter) ist dabei z.B. der Elternteil, bzw. der Besitzer. Ist dieser bei einer Behandlung zuversichtlich, wird beim Kind oder beim Tier, durch das entgegengebrachte Vertrauen, ebenfalls ein Placebo-Effekt ausgelöst. So kann es passieren, dass die Genesung des Kindes unter anderem von der Einstellung der Eltern zur Behandlungsform abhängt.

Zusätzlich gibt es den Effekt der sogenannten “Regression zur Mitte”. Da dies ein sehr komplexes Thema ist, reduziere ich es bewusst auf “es wäre sowieso besser geworden”.

Nehmen wir beispielsweise eine Erkältung oder Grippe. Hier gibt es die Sprüche über die Grippe:“Dauert mit Doktor 14 Tage, ohne Doktor 2 Wochen” oder über die Erkältung: “Kommt 3 Tage, bleibt 3 Tage, geht 3 Tage”. Der Körper kommt im Normalfall mit so einer Erkrankung einigermaßen gut selbst zurecht. Medikamentös muss hier nicht behandelt werden. Dennoch fühlt es sich für einen Patienten besser an, wenn ihm ein Homöopath ein Mittel mit den tollen Namen Aconitum (Eisenhut — hochgiftig), Allium cepa (Speisezwiebel), Dulcamara (Bittersüßer Nachtschatten — hochgiftig) oder Gelsemium (ebenfalls hochgiftig) aufschreibt. Was die Patienten nicht merken, ist, dass sich das Mittel gar nicht auf die Genesungszeit auswirkt. Sie haben lediglich das gute Gefühl etwas getan zu haben. Ein guter Arzt würde dieses gute Gefühl dadurch auslösen, dass er erklärt, was für eine Überlebensmaschine der eigene Körper ist.

Aber kommen wir zurück zu einem interessanten weiteren Einsatzgebiet des Placebo-Effekts. Der Placebo-Effekt wird auch bei Medikamententests eingesetzt, um die Wirkung eines Medikaments zu überprüfen. Hierzu gibt es die sogenannten randomisierten, doppelt oder dreifach verblindeten Studien.

Was ist eine Doppelblindstudie?

Eine Doppelblindstudie wird genutzt um sicherzustellen, dass ein Effekt von z.B. einem Medikament, nicht durch unbewusste Beeinflussung verfälscht wird.

Zunächst werden zwei repräsentative, möglichst gleiche Gruppen gebildet. Die eine Gruppe ist die Testgruppe, sie bekommen in einer Medikamentenstudie das zu testende Medikament. Die andere Gruppe ist die Kontrollgruppe, diese erhält ein Placebo.

Die erste Verblindung ist, dass der Patient selbst nicht weiß, ob er ein Placebo oder das Medikament erhält. Hierdurch sind Placebo-Effekte bei beiden Gruppen weitestgehend gleich stark ausgeprägt.

Bleibt der Placebo by proxy-Effekt durch die Personen, die den Test durchführen. Diese könnten durch bewusste oder unbewusste Äußerungen oder körperliche Signale ebenfalls das Ergebnis verfälschen. Also folgt die zweite Stufe der Verblindung: Die Durchführenden wissen ebenfalls nicht, wer welches Medikament erhalten wird. Ein Computer regelt die sogenannte Randomisierung, also die zufällige Ausgabe.

Wenn auch diejenigen, die im Nachgang die Ergebnisse auswerten, nicht wissen, wer das Medikament und wer das Placebo erhielt nennt man dies dann dreifachblind. Hier weiß nur der Auftraggeber der Studie Bescheid.

Stellt man im Nachgang signifikante Unterschiede fest, die sich außerhalb einer gewissen statistischen Toleranz bewegen, so kann man feststellen, ob ein Medikament sich positiv oder aber eventuell auch negativ auswirkt. Bleibt der Unterschied innerhalb der Toleranz, kann damit nachgewiesen werden, dass kein Effekt durch das geteste Mittel vorliegt.

Hinweis: Dies ist nur ein kurzer Abriss um zu erklären, was grundsätzlich das Prinzip hinter diesen Studien ist. Natürlich sind hier viel mehr Regeln zu beachten, als nur die Verblindung, wie z.B. eine repräsentative Gruppen zu finden, eine korrekt interpretierte Auswertung zu erstellen, Bias zu vermeiden etc. Dies würde aber zu weit führen.

Aber was hat das jetzt mit Homöopathie zu tun?

Sehr viel. Kommen wir auch gleich drauf. Aber auch hier muss man noch ein wenig ausholen und das Prinzip der Potenzierung erklären.

Potenzierung? Was ist das?

Laut Hahnemanns Lehren wird durch die Verdünnung eines Stoffes in Verbindung mit Verschütteln ein Ausgangsstoff potenziert. Hierzu wird zunächst ein Teil Wirkstoff einer “Urtinktur” mit 10 Teilen eines Verdünnungsmittels, meistens destilliertes Wasser oder Ethanol, gemischt. Nun wird diese Mischung “dynamisiert”, das heißt mit einer festgelegten Anzahl von Schlägen verschüttelt. Dabei lösen sich laut den Lehren Hahnemanns die Informationen aus der vorherigen verdünnten Lösung und werden an das Wasser abgegeben. Dies wird auch häufig “Wassergedächtnis” genannt.

Nach dem ersten Verschütteln hat sich so eine D1-Potenz gebildet. Nach Hahnemann wird nun in einem neuen, unbenutzen Glas (Mehrglasmethode) ein Teil der D1-Potenz mit weiteren 10 Teilen Lösungsmittel verdünnt und dann dynamisiert. So entsteht eine D2-Potenz. Dies wiederholt man, so lange, bis die entsprechende Potenz erreicht ist. Ähnlich werden C-Potenzen hergestellt, hier beträgt das Mischverhältnis lediglich 1:100. Danach wird die Lösung auf Zuckerkügelchen aufgesprüht, die sogenannten Globuli.

Soweit, so weird. Was hat es jetzt aber mit dem Wassergedächtnis auf sich? Und hier beginnt der massive Streit der Homöopathen gegenüber den Homöopathiekritikern. Ab einer Potenz von D23 gilt die sogenannte chemische Auflösungsgrenze. Das heißt, ab dieser Potenz ist kein Molekül der Urtinktur mehr vorhanden. Das heißt, solange es nicht irgendeinen Weg gibt, die Informationen aus der Urtinktur an das Wasser weiterzugeben, müssten sie der Logik nach verlorengehen und spätestens ab da ein Placebo werden.

Homöopathiebefürworter sagen jedoch, dass bei Hochpotenzen die Wirkung höher ist als bei niedrigen Potenzen. Es gibt deshalb auch den Witz: “Ein Patient verstarb an einer homöopathischen Überdosis. Er hatte vergessen das Medikament zu nehmen”. Dieser soll aufzeigen wie konträr diese Ansicht zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ist.

Aber auch hier reichen zur Erklärung dieser Prinzipien, wie das Wassergedächtnis, die Erklärungsversuche von hochwissenschaftlich (Nanoteilchen, Quantenphysik, Wassercluster) bis zu religiös, philosophisch anmutend (feinstoffliche Prozesse). Sämtliche widerlegbaren Erklärungen wurden auch bereits widerlegt. Was tun wir aber mit der Behauptung, dass es feinstoffliche Prozesse gibt, unabhängig von der eigentlichen Bedeutung, Prozesse auf einer Ebene, die nicht mit modernen Methoden messbar sind? Unabhängig davon, dass diese Behauptung natürlich auf wackeligen Beinen steht, wenn wir mit moderner Physik Gravitationswellen messen können, die tausendmal kleiner sind als ein Atomkern, so muss man sich nicht immer ins Klein-Klein vertiefen, um Befürworter der Homöopathie zu widerlegen.

Aber wie widerlegt man etwas, das sich angeblich der modernen Wissenschaft entzieht?

Indem man es einfach gar nicht versucht, sondern zeigt, dass keine Wirksamkeit da, und die Diskussion somit überflüssig ist. Es gibt eine Vielzahl an Studien, welche die Wirksamkeit von Globuli untersuchte. Da sowohl von der einen, als auch von der anderen Seite immer wieder Zweifel an der Aussagekraft diesen Studien aufkommen (unsaubere Verblindung, Vermischung von Sachverhalten, Interessenskonflikte, statistische Tricksereien…), wurden auch viele sogenannte Metastudien durchgeführt. Hierbei nimmt man sich eine Reihe von Studien und untersucht sie auf ihre Relevanz und Durchführungsqualität. Dann vergleicht man die Ergebnisse (meist der am besten durchgeführten Studien) untereinander und kommt zu einem Ergebnis… sei es positiv, negativ oder das man keine genaue Aussage treffen kann.

Mühsam wird die Diskussion tatsächlich, da auch Metastudien missbraucht werden können um den eigenen Standpunkt darzustellen. Oftmals wird in Metastudien kritisiert, dass es zu den positiven Effekten von Homöopathie eine nicht ausreichende Anzahl von qualitativ guten Studien gibt und deshalb keine Aussage auf Basis dieser Studien getroffen werden kann. Gleichzeitig gibt es viele sehr gut durchgeführte Studien und Metastudien, die die Wirksamkeit von Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus, gerade in hohen Potenzen eindeutig widerlegen. Hieraus wird allerdings nicht geschlossen: “Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus”, sondern: “Wir sollten mehr forschen warum die Homöopathie doch funktioniert.”

Und das ist dann der Punkt an dem ich meine Contenance verliere. Denn Forschungsressourcen zu blockieren, nur um einen fast religiös-dogmatisch verteidigten Heilansatz von vor 200 Jahren beizubehalten, ist für mich Verschwendung. Diese könnten wir in wesentlich sinnvollere Forschungszweige stecken, wie die Krebs- und HIV-Forschung oder die Erforschung von Bakteriophagen zur Bekämpfung antibiotikaresistenter Keime.

Aber wenn es weniger kostet?

Ein weiterer großer Irrtum. [2] Die Techniker Krankenkasse, beauftragte 2017 eine Studie, um zu untersuchen, ob der Placebo-Effekt, der bei einer homöopathischen Behandlung meist auftritt, genutzt werden könnte um Kosten zu senken. Das Ergebnis war ein anderes. Nicht nur kostete die Behandlung der homöopathischen Gruppe über einen Zeitraum von 33 Monaten die Gesellschaft insgesamt knapp 2000€ pro Patient mehr, bei den homöopathisch Behandelten mussten durchschnittlich sogar 3,3 Krankentage mehr aufgefangen werden. Die Kosten hierfür waren allerdings bereits in den 2000€ enthalten. Nach den 33 Monaten ging die Kostenschere zwar nicht weiter auseinander, aber auch nicht wieder zusammen. Ein weiterer interessanter Aspekt war, dass sich 80% der freiwillig ausgewählten Homöopathiebefürworter im Laufe der Studie von der Homöopathie abwandten.

Aber wenn der Placebo-Effekt bei der Gesundung hilft?

Und das ist ein interessanter Aspekt. Viele nehmen diese Begründung und wollen damit begründen, man solle Zuckerkügelchen schlucken um den Placebo-Effekt auszulösen. Und hier kann die Medizin von der Homöopathie tatsächlich lernen. Ein homöopathische Anamnese ist ein sehr langes, sehr ausführliches Gespräch mit dem Arzt. Allein diese Zuwendung ist oft Balsam für die Seele und ein starker Auslöser des Placebo-Effekts.

Medizin ist zu effizient geworden und Krankenkassen haben sich daran angepasst. Gerade gesetzliche Krankenkassen zahlen oft nur eine Behandlung eines Patienten pro Quartal. Das bedeutet, kommt ein Patient 3mal pro Quartal, erhält der Arzt oftmals für 2 der Behandlungen kein Honorar. Das heißt, sie müssen möglichst viele Patienten möglichst schnell behandeln. Für viel Empathie bleibt da kein Platz, auch wenn viele Ärzte, die ich kenne, sich immer noch sehr viel Mühe geben.

Daraus folgt, mit einem Wandel im Gesundheitssystem könnten wir diesen einen guten Aspekt der Homöopathie mit evidenzbasierter Medizin mischen. Das hätte viele Vorteile. Zum Einen fühlt der Patient sich ernst genommen, nicht nur abgearbeitet und hat die Chance sich in vielen Fällen selbst zu heilen. Zum Anderen würde man Samuel Hahnemann deutlich an den Holzwänden seines Sarges hören, während er in seinem Grab rotiert.

Aber, aber, aber Big-Pharma…?

Das beliebteste Wort der Homöopathie-Befürworter ist Big-Pharma. Sie wollen damit hauptsächlich darstellen, dass Medizin lediglich wirtschaftlichen Interessen folgt und Homöopathie dem Menschen hilft und eher weniger wirtschaftlichen Interessen folgt.

Ja, Medizin ist ein großes Geschäft, es werden damit satte Gewinne eingefahren und die Firmen wachsen. Aber das ist in jeder Industrie so. Wer behauptet, dass wäre in der Homöopathie-Branche nicht genauso, der lügt, schlicht und ergreifend. Der Leiter der Firma Biologische Heilmittel Heel GmbH, beschwerte sich 2012, dass die Arzneimittelzulassungsbedingungen, welche auf das Dosis-Wirk-Prinzip ausgelegt sind, nicht für Homöopathie anwendbar wären und eine geeingnetere Methode für Homöopathie gefunden werden müsse. Diese Forderung kam aus einem simplen Beweggrund heraus: Umsatzsteigerung die so nicht möglich wäre.

Die Hevert GmbH hingegen steigert ihren Umsatz lt. Angaben des Geschäftsführers jedes Jahr, seit 2012 um 10%. Man beachte wie diese Aussagen konträr laufen.

Die Schwabe-Gruppe, zu der z.B. die DHU (Deutsche Homöopathie Union) gehört, hat lt. eigener Webseite einen Umsatz von rund 900 Millionen Euro im Jahr. Heel hatte 2015 einen Umsatz von 202 Millionen Euro.

Wenn man Globuli sieht, mit teilweise so starken Verdünnungen, dass kein Molekül der Grundsubstanz mehr darin zu finden ist und Studien daneben legt, dass Globuli keine Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus haben, ist es leicht eine Wirtschaftsrechnung aufzustellen.

Wenn keine Wirkung und keine Substanz vorhanden ist, dann sind Globuli effektiv nur Zucker. Nehmen wir mal zur Einfachheit an, Zucker kostet 1€/kg. Halten wir dagegen, dass Globuli 300–3.226€/kg kosten. Hier ergibt sich schon für den Rechenschwächsten ein recht eindeutiges Bild. 30.000–322.600% Mehrkosten ist schon beachtlich. Jetzt bildet aber das was ich gerade schrieb nicht die Realität ab. Der Zuckereinkaufspreis pro Tonne steht momentan für Weißzucker №5 bei 300€ … das heißt man bekommt ihn im Einkauf schon für 30 Cent (Londoner Börse). Das steigert die Mehrkosten auf 100.000–1.075.333,33%. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich rede hier bewusst nicht vom Gewinn, denn das wäre tatsächlich unfair gegenüber den Pharmaunternehmen, welche Globuli herstellen und den ganzen “Potenzierungs”-Hokuspokus vorher wirklich noch durchziehen. Wirklich clever ist auch was anderes.

Quelle: Shop-Apotheke.com

Clever ist wiederum ein anderer Punkt. Da Homöopathiefirmen im Normalfall keine Arzneimittelzulassung aufgrund fehlender Evidenz bekommen, registrieren sie ihre Medikamente lediglich. Dies spart massiv in der Durchführung von Studien, um die Wirksamkeit zu belegen, sowie in der Zulassung der Mittel.

Verkauft werden dürfen die Mittel trotzdem, ohne Arzneimittelzulassung darf allerdings nicht draufstehen, gegen was sie helfen. Stattdessen wird in die Beschreibungen von Versandapotheken folgender Satz gekritzelt:

Homöopathisches Arzneimittel, daher ohne Angabe einer therapeutischen Indikation.

Diese ist aber auch nicht nötig, denn Homöopathen übernehmen diesen Job für die Pharmahersteller. Heilpraktiker und Ärzte mit einer “homöopathischen Zusatzausbildung” verschreiben die Globuli während einer Behandlung und geben hier an, dass man es damit versuchen sollte. So suggerieren sie indirekt eine Wirksamkeit die nach dem deutschen Arzneimittelrecht dem Mittel nicht einfach so zugesprochen werden darf.

Nehmen wir als weiteres Beispiel Krankenkassen. Krankenkassen wissen, dass Homöopathie in der Gesellschaft ein Interesse genießt. Also werben sie aktiv damit, Homöopathie teilweise oder ganz zu übernehmen. Das machen sie oftmals nicht mal aus Überzeugung, wie sie durch Studien wie die o.g. zeigen, sondern ebenfalls aus Umsatzinteressen. Umsatzinteressen, deren Kosten allerdings aus der Tasche aller Patienten, die in dieser Krankenkasse versichert sind, mitgetragen werden.

Die nächsten sind Apotheken. Apotheken hegen natürlich ebenfalls ein Umsatzinteresse. Gehe ich in meine örtliche Apotheke, so sagen mir die dort angestellten Mitarbeiterinnen, die ich dazu befragte, dass sie keine Homöopathie empfehlen würden, da sie keinerlei Wirkung hat. Dennoch müssen sie in der Apotheke Homöopathie an einer Regalwand ausstellen, da ihre Apothekenkette dies so verlangt. Der Grund? Wirtschaftsinteressen.

Ein paar Apotheken befreien sich von der offenen Zurschaustellung von Homöopathie, dennoch müssen sie sie auf Nachfrage ausgeben. Diese Apotheken lösen dies, indem sie die Homöopathika nicht vorhalten, sondern extra bestellen müssen. Dadurch drohen ihnen allerdings Umsatzverluste, da diese Kunden meist zu den Apotheken abwandern, die noch nicht konsequent genug waren, Homöopathika aus dem offenen Verkauf zu nehmen und nur auf aktive Nachfrage zu verkaufen. Hier wird sich also durch den Verzicht auf Homöopathika sogar gegen reine Umsatzinteressen gestellt.

Homöopathie-Hersteller sind somit nicht mehr oder weniger gewinnorientiert als andere Unternehmen, also bitte, bitte, bitte hört mit diesem Big-Pharma-Schwachsinn auf, ihr macht euch nur selbst lächerlich.

Aber, …

Nichts aber, jetzt kommen noch ein paar abschließende Worte von mir. Homöopathiekritik ist sicherlich ein schwieriges Feld. Die Debatte wird sehr emotional geführt. Homöopathiebefürworter sind geflasht von etwas, das sie als Heilkraft der Homöopathie interpretieren oder handeln aus Überzeugungen, die oftmals in einen sehr esoterischen oder aber auch sehr an einen Gottkomplex erinnernden Bereich abdriften. Homöopathiegegner halten mit Wissenschaft, Falsifizierungen von pseudowissenschaftlichen Ansätzen, (Meta-)Studien und anderen, zwar spannenden, aber dennoch recht trockenen Themen dagegen. Dennoch sind diese durchaus fundiert. Die Diskussionen finden quasi auf zwei Spielfeldern statt.

Das eine Firma es vor diesem Hintergrund wagt, Homöopathiekritiker, die unter Klarnamen auftreten, abzumahnen, dafür, dass sie offen kritisieren, dass es keinen Beweis gibt, dass Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus wirkt, ist ein massiver Schlag ins Gesicht des wissenschaftliches Diskurses. [3]Wir können dies anhand diverser (Meta-)Studien belegen und somit ist es keine Unwahrheit die wir erzählen. Somit ist dies auch, aus meiner persönlichen Sicht, nicht abmahnungswürdig. Das Einzige was ihr damit auslöst ist, dass ihr mittels Streisand-Effekt in den Fokus der Kritiker rückt. Eine Sache habt ihr bei diesen Abmahnungen aber nicht bedacht, nämlich die extrem unangenehme Nebenwirkung die dies haben kann: Ihr seid im Zweifel in der Beweispflicht, dass Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus wirkt. Und da es in diesem Bereich nicht um Glauben oder Anekdoten geht, sondern um wissenschaftlich haltbare Evidenz… spielt ihr ab dann auf unserem Spielfeld, vor unseren Fans, auf unserem Rasen und mit unserem Ball. Und wir haben eine verflucht gute Heimspielbilanz. ;-)

Quellen:

[1] https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/fruehe-homoeopathie-studie-wir-koennen-doch-gar-nicht-was-wir-behaupten-a-706337.html

[2] https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0182897

[3] http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Systematische_Reviews_zur_Hom%C3%B6opathie_-_%C3%9Cbersicht

Thanks to Sankt Johann

It Hurts When IP

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#Egalitarist,#Agnostiker, #Impfbefürworter, #Globulisierungsgegner, gg. #EkelhAFDigkeit.Infa... Infoma...Infora...ich kann mit Computern umgehen. #LiebtSatire

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