23. Januar

Es ist ruhig geworden — hier im Blog, aber witterungsbedingt auch vor unserem Haus. Das vierte Kosmonautenkind ist wohnbehalten gelandet und wir als Familie aktuell damit beschäftigt, zusammenzuwachsen.

Die neuen Nachbarn lernen wir aktuell nur sporadisch kennen: bei unserer Willkommenspaket-Aktion für die hier eintreffenden Kinder (an anderer Stelle später dazu einmal mehr) oder bei den Besuchen in der Unterkunft selbst. Unsere Kinder lieben es nach wie vor, dort mit den Kindern zu spielen…

Das Telefon klingelt: unser nigerianischer Freund ruft an. Morgen würde er zu Besuch kommen. Wir sagen überrascht, dass wir mit ihm erst an Weihnachten gerechnet…


23. Oktober

Die Flüchtlingsdebatte bringt es mit sich, dass viele, bisher wenig am politischen Geschehen in diesem Land interessierte Menschen, nun zu besorgten Bürgern werden. Wohin man schaut, ob im Einkaufszentrum, der Eisdiele oder wie gestern am Fußballplatz: die besorgten Bürger diskutieren. Über die Flüchtlinge, ihre Gründe, nach Deutschland zu kommen und das Unheil, das sie über unser Land bringen. Meist ist die Faktenlange besagter Gespräche höchst fragwürdig, die Gemüter erhitzt und das Niveau… nun ja, lassen wir das.

Gestern am Fußballplatz hörte ich beispielsweise, in Syrien würden nur Millionäre leben. Die Leute hätten so dermaßen viel Geld — kein…


und auf ein Wiedersehen hoffen

03.10.

Theoretisch war uns klar, dass wir nicht nur ein Opferfest, sondern auch einen Abschied gefeiert haben. Die Registrierungen in der Erstaufnahmeunterkunft sind abgeschlossen, die meisten unserer neuen Nachbarn haben bereits ein neues Reiseziel. Nur unsere beiden besten Freunde von nebenan nicht — wahrscheinlich liegt es daran, dass wir den Abschied irgendwie verdrängen — bis zu dem Zeitpunkt, an dem beide Männer mit einer Zuweisung zu einer neuen Unterkunft zu uns kommen. Zwei Tage später sollen sie, so wie alle anderen Bewohner der Unterkunft nebenan, schon abreisen.

Was, so schnell…? Ich merke, dass ich gar nicht bereit dazu bin, die…


Tanz und Essen vor unserem Haus

27.09.

Ein muslimischer Bürger unserer Stadt möchte gerne Süßigkeiten und Geschenke fürs Opferfest spenden. Er schreibt eine mail ans Sozialamt und bittet, diese Anfrage an die zuständigen Stellen weiterzuleiten. Offenbar hält man uns für zuständig, die eMail wird dem Bartträger zugestellt.

Im Fernsehen haben wir Beiträge über das Feiern des Opferfestes mit Geflüchteten gesehen. Sogar die Tagesschau hat berichtet. Offenbar gibt es in nahezu jeder Stadt ein gemeinsames Opferfest mit Menschen, die in unserem Land um Asyl bitten. Hier nicht. Viel zu gefährlich: fremde Lebensmittel, nicht sicherheitsgecheckte Menschen… Aber ein Opferfest ohne Lebensmittel…? Geht gar nicht, oder?

Beim Opferfest wird…


wir lernen ein Land kennen

15.09.

Wir kommen nach Hause und sehen zwei riesige Müllsäcke voll Kleidung vor der Türe stehen. Wieder eine der vielen Sachspenden, die bei uns abgeladen werden? Oder doch etwas anderes?

Wir sind uns unsicher und lassen die Säcke erst einmal vor der Türe stehen. Kurze Zeit später klingelt es. Zwei unserer neuen Freunde tragen die Säcke ins Wohnzimmer und erklären, sie hätten diese von einer Gruppe junger Deutscher (mit denen wir uns ebenfalls kurz davor unterhalten hatten) geschenkt bekommen und würden sie hier bei uns durchschauen wollen.

Mich überrascht diese Selbstverständlichkeit, mit der die beiden unser Wohnzimmer als Klamottenverteilplatz nutzen…


warum mir faule Ausreden und Nichtstun gehörig auf die Nerven gehen

09.09.

Irgendwann kommt der Moment, in dem man an die eigenen Grenzen stößt. Da bin ich seit heute. Nein, ehrlich gesagt schon seit ein paar Tagen. Ich bin müde. Ich kann nicht mehr. Und ja, ich bin auch genervt.

Ein offenes Haus für die Menschen von Nebenan, Kleider- und Schuhausgaben. Menschen, die hier Sachspenden abgeben, die täglich vielen mails zum Thema, die beantwortet werden wollen. Sich türmende Kartons im Keller… all das bereichert nicht nur unseren Alltag, sondern kostet auch viel Zeit und Kraft.

Ständig klingelt jemand und möchte etwas: abgeben oder abholen, nachfragen oder erzählen. Hilfe bekommen oder geben…


Internetzugang für neue Nachbarn

30.08.

Unser Leben hat sich verändert. Nicht nur ein bißchen, sondern ganz gehörig. Aus dem Einfamilienhaus, an dessen Tür früher nur eine Handvoll Besucher, diverse Paketboten und Handwerker geklingelt haben, ist ein offenes Haus geworden.

Begonnen hat das am Tag nach der Kleiderausgabe hier im Haus: eine der jungen Afrikanerinnen geht zum Bartträger und bittet ihn um unser W-lan Passwort. Die W-lan-Aktion am Vortag war nicht als einmalige Aktion geplant. Wir hatten überlegt, ein mal in der Woche ein offenes Internet einzurichten. Nur: was spricht dagegen, die Flüchtlinge jeden Tag teilhaben zu lassen? Genau: nichts! Also gibt der Bartträger das…


Endlich Kleidung

29.08.

Ich bekomme über facebook eine Nachricht von einer der vielen ehrenamtlich tätigen Frauen: sie fragt, ob die Flüchtlinge nebenan w-lan haben. Nein, haben sie nicht. Das ganze Haus nebenan hat nicht einmal einen Telefonanschluss. Der ist beantragt, irgendwann gibt es da vielleicht auch W-lan für die Bewohner. Aber, wie das mit Telekommunikationsunternehmen eben so ist: das dauert.

Die nette Frau hat eine Idee: sie hätte ein paar Laptops, wir ja sicher W-lan. Ob man da nicht was machen kann vor unserem Haus? Irgendwann an einem der Wochenenden: freies Internet für Flüchtlinge. Oder so…

Ich rede mit dem Bartträger, der…


und wie man das alles schön kaputt machen kann

28. August:

Eigentlich wollte ich doch mal was Positives schreiben. Von den vielen ehrenamtlich engagierten Menschen, den tollen Anwohnern, die wir hier kennenlernen, vom Engagement der Stadt und den Betreibern der Erstaufnahmestelle. Sowas in der Art… Nicht, dass hier alle denken, ich kann nur meckern.

Ich kann auch positiv und wertschätzend schreiben. Nur nicht heute. Heute bin ich wütend, wieder mal. Offenbar wird das hier zum Dauerzustand.

Der Tag fängt gut an: am Vormittag kommt ein nettes Paar vorbei und bringt uns gleich zwei Bobbycars, ein Laufrad und eine Tüte voller Spielsachen für Nebenan. Weitere Spenden kündigen sich an. Hier…


und der Freude über neue Nachbarn

27. August

Es ist sonderbar: rufe ich meine Kinder zum Essen, zu Ausflügen, zum Einkaufen oder anderen Aktivitäten, haben sie im Normalfall Besseres zu tun. Sie sind immer mit irgendwas beschäftigt und haben keine Lust, ihr Tun zu unterbrechen. Typisch Kinder eben… sie leben im Jetzt und machen das, was sie machen, eben ganz und nicht nur ein bisschen. Regelmäßig beneide ich sie dafür.

Rufe ich meine Kinder aber, um nach Nebenan, in die Flüchtlingsunterkunft, zu gehen, kommen sie sofort. Es gibt keine Diskussionen, kein „gleich“, kein „müssen wir wirklich?“

willkommenheissen

Die Kosmonautin, der Bartträger, bald vier Kinder und eine Flüchtlingsunterkunft im Nebenhaus. Wir berichten.

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