Ich bin wütend!

Von “echten” und “unechten” Flüchtingen

17. August:

Vorneweg: ich bin prinzipiell mehr als unzufrieden damit, wie unser Land mit Flüchtlingen umgeht. Es gibt aber Tage, da bin ich nicht nur unzufrieden, sondern richtiggehend wütend. Heute zum Beispiel.

Der Tag fängt damit an, dass ich morgens im Radio höre, wie sich Kommunen mit der Superlösung in der Flüchtlingsunterbringungsfrage brüsten: Festzelte! Ja, auch oder gerade für den Winter. Immerhin sind sie beheizbar und der Boden wasserfest. Ich will das eigentlich gar nicht glauben, aber doch, die meinen das wirklich ernst…! Kopfschütteln.

Nachdem ich aber höre, was Bayerns Innenminister Joachim Herrmann heute so von sich gibt, wundert mich rein gar nichts mehr: Nicht nur, dass der gute Mann das „Taschengeld“ für Flüchtlinge aus dem Balkan als „Zumutung für den deutschen Steuerzahler“ betrachtet und damit feinstes Stammtischniveau bedient — Herrmann differenziert auch schön zwischen „echten“ und „unechten“ Flüchtlingen.

“Wir müssen uns fragen, ob sich der deutsche Sozialstaat die jetzige Großzügigkeit noch leisten kann.” Sachleistungen sollten aus seiner Sicht Vorrang vor Geldleistungen haben. “Echte Flüchtlinge wollen auch nur in Sicherheit leben, eine Unterkunft haben, täglich verpflegt und etwas zum Anziehen haben”, sagte Herrmann.

Quelle: zeit.de

Ich schäme mich, weil so viel Undifferenziertheit in Person es wirklich zu einem Ministerposten gebracht hat. Zu einem INNENMINISTERposten. Wir reden hier schließlich nicht von irgendwas…

Vielleicht klären Sie mich aber auch einfach mal auf, verehrter Herr Herrmann: worin genau unterscheiden sich denn die „echten“ von den „unechten“ Flüchtlingen? Kann ich die auch als Laie auch differenzieren? Nicht, dass ich den Falschen hier meine Sachleistungen andrehe, wo die doch sowieso lieber nur mein Geld haben wollen? Vielleicht kann man die Festzeltnummer auch mit Sachleistungen kombinieren? Bier und Brezeln, das wäre am Ende ja ganz bayrisch.

Improvisation statt Lösungen.

Aber gut. Zynismus ist nicht angebracht. Die Lage ist ernst. Dann doch lieber wieder: Kopfschütteln.

Später höre ich, man könne einmal über den Brandschutz bzw. dessen Notwendigkeit in Flüchtlingsunterkünften nachdenken. Dieser Punkt könne die Unterbringungsfrage deutlich entspannen.

Das ist Vollpfostenbingo heute im Radio. Die Kinderschar zuckt zusammen, weil die wütende Kosmonautenmutter ihrem Unmut am Frühstückstisch lautstark Luft macht. Aber mal ehrlich, wie soll man bei so viel Blödsinn ruhig bleiben??? Hat es sich nicht bis zur letzten Dumpfbacke herumgesprochen, dass Flüchtlingsunterkünfte in diesem Land gerne mal brennen? Glaubt man ernsthaft, Brandschutz sei entbehrlich? Echt jetzt???

Außerdem sollten wir in der Flüchtlingsfrage mehr improvisieren.

Tun wir das denn nicht??? Pausenlos und ununterbrochen? Besteht die Reaktion von Bund, Ländern und Kommunen nicht ausschließlich aus Improvisation? Funktionierende Konzepte, Strategien und tragfähige Lösungen muss man doch mit der Lupe suchen — und das, obwohl der Zustrom der Menschen in Not in unser Land nicht überraschend kommt.

PR für Flüchtlinge, nicht für Vollpfosten

Hier stehen ja nicht über Nacht tausende Flüchtlinge vor der Tür. Wir wussten von der riesigen Flüchtlingswelle — weltweit übrigens, das ist ja kein deutsches Thema. Nur sah keiner sich in der Verantwortung, zu handeln. Oder wenigstens nachzudenken und Pläne zu machen. Oder die PR-Fritzen der Regierungen ausnahmsweise mal nicht nur für das Schreiben von Politikerreden oder Wahlkampf-PR zu nutzen, sondern für etwas Vernünftiges: eine angemessene Vorbereitung des Volkes zum Beispiel. Wenn fähige PR-Berater es schaffen, profillosen Politikern zu Wahlsiegen zu verhelfen, wären sie prinzipiell auch in der Lage, die Notwendigkeit einer Willkommenskultur im Land zu verkaufen. Offenbar will das aber niemand.

Wir Deustschen sind nicht dafür berühmt, das Land der Improvisationskünstler zu sein. Wir stehen mehr für Pläne, Normen, Vorgaben und Organisation. Letztens las ich irgendwo, jedes Sportfest sei besser durchorganisiert als deutsche Flüchtlingsunterkünfte. Wahre Worte. Da muss man sich ja die Frage stellen dürfen, warum die ganze Nation, einschließlich ihrer politischen Elite, eine Komplettverweigerung an den Tag legt. Stattdessen sonnen wir uns in Ratlosigkeit und Überforderung, gleich nach dem Motto: “und ganz plötzlich klopften tausende auf einmal an.”

Nur, liebe Poltitiker: Improvisation ist keine Lösung. Und schon gar kein Novum. Wir stecken bereits knietief im Improvisationsdesaster fest. Denn: was sind Zeltstädte an der Autobahn, Massenunterkünfte mit mangelhaften Sanitäranlagen und wartende Flüchtlinge ohne ausreichende Trinkwasserversorgung anderes als Improvisation? Verdammt schlechte und menschenverachte Improvisation!!! Soll man wirklich NOCH MEHR rumwurschteln? Hier geht’s nicht um Pappschachteln oder Containerladungen mit Erdnüssen. Es geht um Menschen. Um Menschen in großer Not und ohne Lobby. Menschen, die sich nicht wehren können, weil sie hochgradig abhängig sind von dem System, dass sich offenbar einen feuchten Kehricht darum schert, wie es um ihre Menschenwürde bestellt ist.

„Mama, ziehen wir bald wieder um?“

Heute früh: unsere Große war im Keller und kommt irritiert zurück. „Mama, ziehen wir bald wieder um oder warum stehen da unten so viele Umzugskisten?“

Nein, wir ziehen nicht wieder um. Und nein, das sind nicht unsere Sachen. Beim Antworten merke ich, wie mein Puls rast. Ja, ich bin wütend, verdammt nochmal! Ich habe mehrfach nebenan nachgefragt, was an Sachspenden benötigt wird. Ich habe die Verantwortlichen vor Ort herausgefunden und explizit geklärt, ob sie auch mit einer großen Menge an Sachspenden zurecht kommen. Aber sicher doch, hörte ich immer. Wir brauchen alles. Und viel davon. Am besten gestern schon.

Als wir dann die vielen Pakete nach Nebenan bringen wollen, wird die Annahme verweigert. Momentan gäbe es einen Spendenstop. Es stünde noch nicht fest, an welchem Ort die neue Kleiderkammer sein solle. Und überhaupt fehlten ihnen Ehrenamtliche fürs Sortieren und die Ausgabe. Entschuldigende Blicke in unsere Richtung. Das sei ja alles noch ganz neu hier. Irgendwie müsste man hier erstmal reinwachsen.

Die Träger der Unterkunft haben unsere Telefonnummer, wir haben eine Handvoll Ehrenamtliche an der Hand, die gerne beim Sortieren helfen wollen. Gemeldet hat sich bis heute… niemand!

Wenn ich aus dem Fenster unseres Arbeitszimmers schaue, sehe ich jeden Tag aufs neue Menschen in Flipflops durch den Dauerregen laufen. Kinder in viel zu großen Schuhen oder Crocs, mit nicht wetterfester Bekleidung. In unsrem Keller stapeln sich die Pakete. Jeden Tag werden es mehr.

Ja, verdammt noch mal: ich bin wütend!

Am Nachmittag turnen die beiden Jungs auf dem Sofa herum, das Radio läuft. Nachrichten: “Flüchtlinge sind eine große Herausforderung für unser Land und werden Deutschland auch nachhaltig verändern”, so Angela Merkel…”

“Nee, Flüchtlinge sind nett, keine Herausforderung”, sagt der Fünfjährige. “Weiß das die Frau Merkel etwa nicht?”


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