Noch mehr Begegnungen

“for facebook. So our friends can see you”

12. August:

Vielleicht ist das mit den Flüchtlingshassern, den Pegidamenschen, rechten Arschlöchern, AFDlern und wie sie alle heißen, ja doch kein so ganz gravierendes Problem?

Also, hier im Ort meine ich. Im Internet kann ich mich kaum vor so viel Blödsinn und Bosheit retten und auch die Zeitungen berichten leider viel zu oft davon. Aber hier…? In unserem kleinen, netten Städtchen?

Ich sehe hier vor Ort keinen Fremdenhass, höre keine rechten Parolen und bekomme auch nichts davon mit, dass Flüchtlinge abgelehnt werden. Gibt es sicher auch alles, klar. Aber immerhin hinter verschlossenen Türen.

Was ich hier aber sehe, jeden Tag: Begegnungen!

Bei der Abendrunde mit dem Hund sehe ich, wie sich fünf Flüchtlinge auf eine Parkbank quetschen. Der sechste steht davor und macht ein Gruppenfoto. Beim Näherkommen höre ich: der eine redet deutsch, die anderen fünf arabisch, zwischendrin alle auch ein bisschen Englisch.

„Hey man, great Picture!“

Sie wollen auch ein Bild mit dem Mann im Muscleshirt machen, der lehnt aber lachend ab, gibt das Handy zurück und geht gemeinsam mit mir weiter. Wir schauen uns an und lächeln. Irgendwie rücken wir alle ein Stück näher zusammen.

Solche Geschichten könnte ich viele erzählen: vom deutschen Rentnerpaar, das mit einer Gruppe afrikanischer Männer an der Straße sitzt, redet und viel lacht. Von Passanten, die hier vorm Haus Schokoriegel verteilen. Von Leuten, die sich den neuen Nachbarn gleichermaßen neugierig und schüchtern nähern und ganz überrascht sind, von ihnen auf deutsch gegrüßt zu werden.

Natürlich trifft das nicht auf alle Anwohner zu. Die meisten Leute leben ihr Leben weiter und blenden die Flüchtlinge im Ort einfach aus. Aber mal ganz ehrlich: wenn ich den aktuellen Medienberichten folge und mir ansehe, was sonst so in unserem Land los ist, gibt es deutlich schlimmeres.

Auch wir lernen unsre neuen Nachbarn besser kennen.

Ich bekomme einen Anruf vom Bartträger, der mit dem Zwerg einkaufen ist. Ich soll mich bitte nicht wundern, wo sie bleiben. Sie sitzen keine zwanzig Meter von unserem Haus entfernt, unser Kleinster hat neue Freunde gefunden und nicht vor, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Ob ich bitte einen der Großen schicken kann, um wenigstens die Einkaufstaschen ins kühle Haus zu bringen?

Klar, kann ich… Am Ende sitzen wir alle gemeinsam im Gras und lernen die palästinensische Großfamilie kennen, die aus Lybien den Weg hierher gefunden hat. Wir teilen Kekse und Pistazien, Rentner bringen ein paar Süßigkeiten vorbei… Da die Nachbarskinder die Fahrräder unserer Kinder so toll finden, holen wir auch noch ein aktuell unbenutztes aus der Garage. Was für ein entspannter, toller Nachmittag!

Wir sitzen plaudernd im Gras und essen, die großen Kinder spielen wechselweise mit einem der Väter Fußball, der Bartträger bringt der kleinen Tochter unserer neuen Freunde Radfahren bei, während deren ältester Sohn unseren Jüngsten auf einem Tretroller durch die Gegend schiebt. Wir sind neugierig, das Leben der jeweils anderen kennenzulernen. Das Tochterkind ist ganz interessiert am „Ausweis“, einer Art Asylantragsteller-Perso eines der Männer. Wir erfahren, dass alle Flüchtlinge eine solche Karte haben und mit sich führen müssen, auch die Kinder. Sofort haben wir einen ganzen Stapel dieser Ausweise in der Hand — die Familien sind groß…

Die Palästinenser sind überrascht, dass wir so viele Kinder haben. Also, für eine deutsche Familie. Unsere Große fragt nach, wie viele Kinder in Palästina normal sind und erfährt, dass sieben Kinder oft ziemlicher Durchschnitt sind. Wow!

„Mama, ich glaube wir müssen umziehen, damit wir noch mehr Geschwister bekommen können.“

Da fällt ihr ein, dass unsere neuen Freunde ja nicht ohne Grund hier gelandet sind. „Also, vielleicht dann doch besser hierbleiben…“

Irgendwann stößt noch eine Freundin unserer Großen dazu. Sie spricht arabisch, das erleichtert die Kommunikation ein ganzes Stück. Die Palästinenser machen viele Fotos: „for facebook. So our friends can see you.“ Der Gedanke ist lustig, nun von Freunden unsere neuen Nachbarn irgendwo in der Welt betrachtet zu werden. Gleichzeitig wird mir bewusst, wie befangen ich selbst doch bin. Warum mache ich keine Fotos? Vielleicht aus falscher Rücksichtnahme und Scheu? Oder weil ich in meinem Innersten unsere neuen Freunde eben in der Kategorie „Flüchtling“ verbuche, dem ich mit meinem Rumgeknipse nicht zu nah treten will? Ich weiß es nicht…

Als wir dann irgendwann aufbrechen müssen, laden wir unsere neuen Nachbarn ganz spontan ein, am nächsten Tag zu uns zu kommen. Die Große hat Geburtstag. Wir haben nicht viel geplant: Kuchen essen und im Garten als Familie Spaß haben. Ob sie vielleicht Lust haben, unsere Gäste zu sein? Selbstverständlich haben sie das. Wir freuen uns!


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