Was bleibt
23. Januar
Es ist ruhig geworden — hier im Blog, aber witterungsbedingt auch vor unserem Haus. Das vierte Kosmonautenkind ist wohnbehalten gelandet und wir als Familie aktuell damit beschäftigt, zusammenzuwachsen.
Die neuen Nachbarn lernen wir aktuell nur sporadisch kennen: bei unserer Willkommenspaket-Aktion für die hier eintreffenden Kinder (an anderer Stelle später dazu einmal mehr) oder bei den Besuchen in der Unterkunft selbst. Unsere Kinder lieben es nach wie vor, dort mit den Kindern zu spielen…
Das Telefon klingelt: unser nigerianischer Freund ruft an. Morgen würde er zu Besuch kommen. Wir sagen überrascht, dass wir mit ihm erst an Weihnachten gerechnet hätten. Doch, doch: an Weihnachten kommt er auch. Selbstverständlich. Bevor wir Weiteres klären können, hat er auch schon aufgelegt. Wir wissen nicht, wie lange er bleibt und ob er bei uns übernachten möchte. Auch nicht, wann er ankommen wird.
Irgendwie scheint das der „Nigerian way of living“ zu sein. Deutsche Planung funktioniert nicht. Irgendwann kommen unsere Freunde immer. Ob am selben Tag wie vereinbart oder am nächsten, ob morgens oder abends… irgendwann klingelt es an der Tür.
So ist es dann auch.
Nur wir sind nicht zu Hause. Egal. Unser Freund besucht einfach noch seine „sister“ (gemeint ist eine nigerianische Frau in der Nachbarschaft, die ihn nach allen Regeln der Kunst bekochen wird). Als wir heim kommen, liegt ein riesiges Paket vor der Tür. Unser Besuch kommt dann Stunden später.
Anders als gedacht
Gemeinsam mit den Kindern packen wir das Paket aus. Die Freude bei der Kinderschar ist groß. Unser Freund hat ein Relikt aus den Achzigern hierher geschleppt: ein riesiges Keyboard!
Er hat es in einem Laden für alte Fernseher entdeckt und musste sofort an unsere Kinder denken. Die hätten doch sicher Spaß an dem Teil, oder…? Selbstverständlich haben sie! Ich selbst bin gerührt. Von den finanziellen Mitteln für solch ein Geschenk ganz zu schweigen, hat unser Freund das riesige und schwere Teil in Bus und Bahn zu uns geschleppt.
Unser Freund macht es sich bei uns gemütlich. Mehr oder weniger den ganzen Abend sitzt er in unserem Arbeitszimmer und nutzt das Internet. Im neuen Zuhause hat er keines und nun viel nachzuholen. Während unseres Abendessens dann sitzt er vor dem Fernseher: er ist bereits satt.
Am nächsten Tag frühstücken wir gemeinsam, dann zieht er los, um Besuche zu machen und Erledigungen nachzugehen, um abends wieder satt bei uns aufzuschlagen und vor dem Fernseher zu sitzen.
Es ist nett, wir haben Spaß miteinander, wir reden (mittlerweile sogar ein wenig auf Deutsch) — aber irgendwie haben wir mehr erwartet. Wir sind enttäuscht. Das Wiedersehen hatten wir uns anders vorgestellt. Plötzlich kann ich nachfühlen, wie es Eltern geht, deren mittlerweile erwachsene Kinder an Feiertagen oder Ferien nach Hause kommen. Irgendwie fühlt sich das gerade an wie „Hotel Mama“…
An Weihnachten kommt er wieder. Das selbe Spiel in grün, nur ohne Übernachtung bei uns.
Auf der einen Seite ärgert mich das. Ich will kein Hotel sein! Gleichzeitig wird mir aber bewusst, wie treffend mein eben gewählter Vergleich ist. Es ist eine Rückkehr in die Heimat, ein ganz schnörkelloses Absteigen bei Menschen, die man mag.
Danke, Danke, Danke!
Ja, Heimat! Unser Ort ist vielen der neuen Nachbarn zur Heimat geworden. Viele von ihnen kommen auf einen Besuch zurück. Sie sitzen bei uns im Wohnzimmer und erzählen: von ihrem neuen Leben, den neuen Unterkünften, ihren Hoffnungen und Plänen, vom Wunsch, nach einem positiven Asylbescheid ganz hierher ziehen zu können. Sie gehen nach nebenan, um den Lieblingssicherheitsmann zu begrüßen, nach dem Rechten zu sehen und zu schauen, wer nun hier lebt in diesem Haus, das für sie gleichermaßen Ankunft im neuen Leben und Ende einer Flucht darstellt.
Bei allen Problemen, aller berichtigter Kritik in den letzten Monaten, allem, was wirklich nicht optimal lief: die Menschen da nebenan machen einen verdammt guten Job! Die Festangestellten, Menschen im Ehrenamt, Nachbarn, Freunde und Leute, die einfach so vorbei kommen und mit helfenden Händen und einem offenen Ohr mit anpacken: jeder Einzelne trägt mit dazu bei, dass die Einrichtung im Nachbarhaus eines werden kann: ein (wenn auch vorrübergehendes, sehr einfaches und eingeschränktes) ZUHAUSE!
Dieser Gedanke lässt mir das Herz ganz warm werden. Offenbar läuft hier ziemlich vieles ziemlich gut. Das hier ist keine fiese Massenunterkunft im Nirgendwo, keine Absteige, der man möglichst schnell wieder entkommen will. Die Erstunterkunft im Nebenhaus ist kein Paradies — das ist angesichts der beengten Situation, der knappen Mittel und der ständigen Bewohnerwechsel auch nicht möglich. Was sie aber ist: ein wirklich guter Ort, um anzukommen.
Danke dafür!
Noch mehr Besuch
Wirklich versöhnt mit der Besuchssituation werde ich übrigens an Silvester. Ich sitze auf dem Sofa und erliege meinem alljährlichen Silvestertief, als es plötzlich an der Tür klingelt. Ich will nicht in meinem Jahrestief gestört werden und ärgere mich, als sich plötzlich durch den Flur muntere Stimmen auf mich zubewegen.
Es ist unser anderer nigerianischer Freund, der ganz spontan mit einem weiteren unserer ehemaligen Nachbarn bei uns vorbei schaut. Eigentlich wollen sie in die nächste Großstadt, das Feuerwerk ansehen. Zuvor aber wollen sie das Baby sehen. Und uns! Sie gratulieren, schleppen den Kurzen durch die Gegend und überreichen uns hinreißend kitschige und einfach ganz bezaubernde „hello-baby“ Karten. Lange sitzen wir zusammen in unserem Wohnzimmer und reden. Meine schlechte Laune ist sofort verschwunden. Es ist einfach nur schön.
Ich lerne einiges in diesen Tagen: die Dinge sind im Fluss. Manches verändert sich — nicht immer so, wie ich es mir wünsche. Aber darum geht es auch nicht. Ich freue mich immer noch, unsere Tür öffnen zu können und in unserem Haus Freunde willkommen zu heißen. Aber nicht um jeden Preis. Auch das: eine neue Erkenntnis.
Ich merke aber auch, dass vieles Bestand hat.
Vor ein paar Tagen sind nebenan neue Nachbarn eingezogen. Unsere Großen drängen, wir sollen doch bitte endlich die Liste mit der Anzahl und dem Alter der Kinder nebenan besorgen. Nur so können wir die richtigen Geschenkpakete für unsere Willkommensaktion heraussuchen. Sie wollen doch endlich die neuen Kinder kennenlernen!
Immer wieder macht es mich froh, dass Vorurteile und Berührungsängste etwas sind, das Kinder offenbar erst lernen müssen.
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