Linux aufs Handy

Der steinige Weg zu einem freien mobilen Betriebssystem


Das Jahr 2013 begann mit zwei gewichtigen Ankündigungen. Canonical, das Unternehmen hinter der Linux-Distribution Ubuntu, gab bekannt, zur “CES” in Las Vegas eine Version des Betriebssystems für Smartphones zu präsentieren. Samsung kündigte an, noch in diesem Jahr die ersten Geräte mit Tizen auf den Markt zu bringen. Tizen ist das derzeit aktuelle mobile Linux-Projekt und hat bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Neben anderen Akteuren wie NEC, Motorola oder Intel spielt vor allem der kriselnde einstmalige Branchenprimus Nokia eine tragische Rolle in dieser Geschichte. Es ist eine Geschichte vieler Niederlagen und eines grossen Gewinners — Google mit seinem Betriebssystem Android. Die Übernahme von Motorola durch Google ist auch der Hauptgrund, warum Samsung, das seinerseits eine der grossen Android-Erfolgsgeschichten geschrieben hat, nun vermehrt auf Tizen setzt und sich so von Google unabhängig machen will. Doch blicken wir zurück auf den steinigen Weg, der Linux schliesslich auf die Bildschirme der Mobiltelefonen bringen sollte.

Harziger Start dreier Industrie-Initiativen

Im Februar 2008 gab die LiMo Foundation bekannt, dass im März des selben Jahres der erste offizielle Release der LiMo-Plattform für Mobiltelefone erfolgen werde. Hinter LiMo standen unter anderem die Gründungsmitglieder Motorola, NEC, NTT DoCoMo, Panasonic Mobile Communications, Samsung Electronics und Vodafone.

Die Plattform war hardwareunabhängig konzipiert und sollte so die Interoperabilität zwischen Endgeräten verschiedener Hersteller sichern. Dazu nutzte die LiMo Foundation existierende Standards und Open-Source-Projekte, deren Praxistauglichkeit bereits erwiesen waren, genutzt. Das LiMo-Foundation-Mitglied Azingo Mobile hatte auf dem Mitte Februar in Barcelona stattfindenden “GSM Mobile World Congress” sogar eine fertige Plattform auf Basis der LiMo-Spezifikationen vorgestellt. Die Applikationen umfassten unter anderem ein Productivity Suite, einen Webbrowser, Fotogalerie-Software und einen Media Player. Damit sollte Endkunden mobiles Web 2.0 eröffnet werden. Nach Angaben des Unternehmens lief die Azingo-Plattform auf 13 aktuellen Hardware-Plattformen von insgesamt sieben führenden Hersteller. Eine Lizenzierung der Plattform war ebenfalls bereits möglich.

Der grosse Konkurrent von LiMo war die Open Handset Alliance (OHA), welche die Entwicklung des ebenfalls auf Linux basierenden Betriebssystems Android vorantrieb. Mit an Bord waren neben Google auch China Mobile Communications Corp., Sprint Nextel, T-Mobile, LG, HTC, eBay und Intel. Andere Hersteller wie Samsung, NTT DoCoMo oder Motorola waren Mitglied sowohl der LiMo-Foundation wie auch der OHA. Die OHA hatte die ersten Geräte aber erst für das zweite Halbjahr angekündigt, so dass es damals noch danach aussah, als hätte LiMo die Nase vorn. Aber bekanntlich machte dann doch Android das Rennen, das am 21. Oktober 2008 offiziell veröffentlicht wurde. Tags darauf kam mit dem HTC Dream — besser bekannt als T-Mobile G1 — auch das erste Android-Gerät auf den Markt.

Der Dritte im Bunde war das Linux Phone Standards Forum (LiPS). LiPS wurde bereits 2005 von den Gründungsmitgliedern ARM, France Télécom, Orange, Montavista Software, Open-Plug und PalmSource aus der Taufe gehoben. Ein Jahr später stiessen noch ZTE, Telecom Italia und Texas Instruments hinzu. Die Initiative hatte sich über drei Jahre um Standardisierung und Entwicklung im Bereich mobiles Linux bemüht, kam aber nicht richtig vom Fleck. So kam es dann auch, wie es kommen musste. Im Juli 2008 warf LiPS das Handtuch und wurde in die LiMo Foundation eingegliedert. Man gab sich damals betont optimistisch: Die Bündelung der Ressourcen werde das Entstehen gemeinsamer Spezifikationen für mobiles Linux und deren Umsetzung beschleunigen.

Umkämpfter Markt mit grossem Potential

Im ersten Quartal 2008 wurden weltweit weniger als drei Mio. Linux-Handys verkauft, in einem Gesamtmarkt, den die Analysten von Gartner damals auf 1,3 Mrd. Geräte im Jahr schätzten. Gartner räumte denn auch der gestärkten LiMo Foundation wenig Chancen ein und bevorzugte Android. Bis zur Ankunft von Android bleibe der Standardisierungsprozess für mobiles Linux langsam, fragmentiert und ineffektiv, liessen sie verlauten. Die Übernahme von LiPS werde LiMo nur sehr wenig helfen. Da sich der umkämpfte Markt von der Plattform an sich hin zu den Anwendungen bewege, liege der Vorteil nun klar bei Android. Mit Google im Rücken habe Android einen starken Partner, der sich auf die Entwicklung von Anwendungen verstehe. Damit lag Gartner, wie wir heute wissen, vollkommen richtig.

Smartphone Sales to End Users by OS 2008 (Bild: Gartner)

Auch die britischen Marktforscher von ABI massen dem Markt für Linux-Handys ein grosses Potential zu. Sie erwarteten, dass Linux im Jahr 2013 einen Anteil von 23 Prozent am Gesamtmarkt und die zweitverbreitetste Lösung nach Nokias Symbian sein werde. Heute wissen wir es, Symbian ist tot und Android ist der unangefochtene Leader mit einem Marktanteil von über 50 Prozent. Immerhin sahen auch die Analysten von ABI bereits damals den Marktführer Nokia unter Druck und sagten voraus, dass Linux zumindest in den USA, wo der Marktanteil von Symbian 2007 bei nur vier Prozent lag, Symbian bis 2013 engültig vom Markt verdrängen könnte.

Nokia öffnet seine Symbian-Plattform und verpasst eine erste Chance

Noch im Sommer des selben Jahres kündigte Nokia folgerichtig an, dass es seine bis dahin dominierende Plattform Symbian offen legen werde. Aber erst ein Jahr darauf wurde das Betriebssystem schliesslich unter der offenen Eclipse Public License (EPL) 1.0 veröffentlicht und dazu eigens die Symbian Foundation ins Leben gerufen. Damals sorgten aber zwei andere Klassen von mobilen Endgeräten für Furore. Einerseits machten sich die Netbooks, angestossen vom Erfolg der Eee-PC-Serie von Asus, 2008 auf, den Markt für Laptops zu verändern. Andererseits gab es von verschiedenen Herstellern die ersten mehr oder weniger erfolgreichen Versuche, so genannte Mobile Internet Devices (MIDs) zu etablieren. Diese MIDs kann man, vereinfacht, als Vorgänger der gegenwärtigen Tablet-Revolution ansehen, die Apple 2010 mit dem iPad ins Rollen gebracht hatte.

Nokia N800 (Bild: Wikimedia Commons, PD)

Auch Nokia hatte mit der N7xx- und N8xx-Reihe (“Internet Tablets”) bereits ab 2005 mit MIDs experimentiert. Die Geräte nutzten, anders als andere tragbare Linux-Geräte, die auf restriktive eingebettete Varianten setzten, von Anfang an eine vollständige Linux-Distribution und wurden von der Fachwelt durchaus begeistert angenommen. Doch die Geräte konnten sich nicht durchsetzen. Die Distribution, die Nokia eigens für seine Internet Tablets entwickelte, hiess Maemo und wurde zu einem der Ahnen von Tizen. Maemo setzte auf den bekannten GNOME-Desktop und Nokia trat zwischenzeitlich auch als Förderer des GNOME-Projekts auf. Mit der Übernahme des norwegischen Softwareunternehmens Trolltech, welches hinter der Klassenbibliothek Qt stand, holte sich Nokia zudem weitere Expertise ins eigene Haus. So wurde in der Version 5.0 von Maemo neben GTK+ auch Qt angeboten.

Maemo OS 2008 Screenshot (Bild: Wikimedia Commons)

Der Prozessorenhersteller Intel, der mit seiner Atom-Familie den Boom der Netbooks erst ermöglichte, entwickelte seinerseits ab 2007 eine eigene, auf die Atom-Prozessoren zugeschnittene Linux-Distribution namens Moblin. Moblin 2.1 wurde am 5. November 2009 veröffentlicht und erlangte einiges Aufsehen, als ein Asus EeePC 901 mit SSD vorgestellt wurde, der mit Moblin eine Bootzeit von nur fünf Sekunden benötigte. Da aber mittlerweile ein Grossteil der Netbooks aufgrund der Nachfrage mit Windows ausgeliefert wurden, war auch Moblin kein Erfolg beschieden. Auf dem “Mobile World Congress” im Februar 2010 gaben Intel und Nokia bekannt, dass Maemo und Moblin zu dem neuen Projekt MeeGo verschmolzen werden sollten.

Moblin 2.1 Screenshot (Bild: Wikimedia Commons / Moblin website, CC-BY-SA 3.0)

MeeGo: Nokias zweite verpasste Chance

Auch MeeGo war geräteklassenübergreifend ausgelegt und basierte auf beiden Plattformen. Geplant war, dass MeeGo sowohl Geräte der x86-Architektur in Form von Intels Atom-Prozessor wie auch auf Basis von ARM-Prozessoren unterstützt. Mit dem N900 hatte Nokia zwischenzeitlich auch ein Handy mit ARM-Prozessor veröffentlicht, welches unter Maemo lief. Der Kern von MeeGo stammte von Intels Moblin, während Nokia aus Maemo vor allem Qt beisteuerte.

Meego Netbook UI (Bild: Wikimedia Commons / Intel Nokia Meego, CC-BY-SA 3.0)

Trotz des bereits erkennbaren Abstiegs von Symbian, das inzwischen komplett quelloffen war, hielt Nokia weiterhin an seinem in die Jahre gekommenen Betriebssystem fest. Man sah in Qt den Vorteil, dass MeeGo-Applikationen dadurch auch für andere Plattformen wie Symbian umgesetzt werden können. Nokia bot zudem Entwicklern plattformübergreifenden Support und vertrieb über seinen Ovi Store Apps für die hauseigenen Geräte mit beiden Betriebssystemen. 2011 wurde schliesslich mit dem N9 ein Gerät mit MeeGo präsentiert. Dieses war aber nicht zuletzt wegen des Wechsels des CEOs bei Nokia bereits von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Der zuletzt glücklose Olli-Pekka Kallasvuo war durch den ehemaligen Microsoft-Manager Stephen Elop ersetzt worden, der Nokia auf einen Windows-Kurs trimmte. Entlassungen, die Rücknahme der Offenlegung von Symbian, die Wandlung der Symbian Foundation in einen Licensing Body und der Wechsel zu Windows Mobile als Betriebssystem waren die Folgen.

WeTab im Jahr2010 (Bild: Flickr / moster3000, CC-BY 2.0)

Die grossen Pläne, die MeeGo verfolgte, wurden damit hinfällig. Zwar wurden noch Versionen für Netbooks und andere Geräte veröffentlicht, die zumindest im Fall der Version für Netbooks durchaus alltagstauglich waren. Mit dem “WeTab” legten zudem zwei deutsche Unternehmen in einem Joint Venture ein MeeGo-Tablet vor, das die Fachpresse aber nicht zu überzeugen vermochte. Weiteren Initiativen wie In-Vehicle-Entertainement oder Smart-TV-Lösungen hingegen kamen nie über den Status von Entwicklerversionen hinaus. Intel hielt immerhin die Fahne hoch und holte mit den beiden chinesischen Linux-Distributoren Linpus und Red Flag zwei Partner neu an Bord, die gerade in Asien nicht unbedeutend waren. Linpus bot mit “Linpus Lite for MeeGo” sogar zwei Versionen für Netbooks bzw. Tablets an.

Aus MeeGo wird schliesslich Tizen

Nachdem sich Nokia kurz nach dem Start des N9 aus dem gemeinsamen Projekt mit Intel verabschiedete, wurde MeeGo im September 2011 mit der immer noch aktiven LiMo-Foundation verschmolzen. Aus MeeGo und LiMo wurde Tizen. Auch Tizen soll plattformübergreifend auf Smartphones, Tablets und Netbooks laufen. Die alten Absichten von MeeGo, auch auf Entertainment-Systemen wie TV-Geräten oder in Autos Fuss zu fassen, werden ebenfalls weiter verfolgt. Basis von Tizen bilden HTML5 und die WAC-Plattform (Wholesale Applications Community), die die Entwicklung von Anwendungen mit Web-Technologien unterstützt. So will man die Einstiegshürden für Entwickler niedrig halten und der gestiegenen Bedeutung von Webstandards wie HTML5 Rechnung tragen.

Tizen und verwandte mobile Plattformen (Bild: Wikimedia Commons / Semsi Paco Virchow, CC-BY-SA 3.0)

An der Entwicklung sind neben Intel und LiMo auch die Linux Foundation und eben auch Samsung beteiligt, womit sich der Kreis schliesst. Samsung seinerseits stiess Anfang 2012 zu Tizen, als es bekannt gab, sein eigenes mobiles Betriebssystem Bada in Tizen zu integrieren. Wie zu Jahresbeginn 2013 angekündigt, baut Samsung gemeinsam mit NTT DoCoMo, Vodafone und France Telecom ein erstes Tizen-Smartphone.

Tizen 2.2 Beta Screenshot (Bild: Wikimedia Commons / Amarantine84)

Anmerkung

Dieser Beitrag entstand bereits im Januar 2013. Daher wurden neuere Entwicklungen wie zum Beispiel Sailfish OS nicht berücksichtigt. Zudem wurden der Verständlichkeit halber noch “exotischere” Projekte und Geräte wie Sharp Zaurus, die Mobile Linux Initiative (MLI) der Open Source Development Labs (OSDL, Vorgängerinitiative der Linux Foundation), Mobilinux oder Openmoko bewusst ausgelassen.

Cover: Eselspinguin-Kolonie (Gentoo Penguins) auf den Falklandinseln (Bild: Flickr / Ben Tubby, CC-BY 2.0)

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