Das Moderne an den TV-Nachrichten ist immer noch alt

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Jan 18, 2016 · 6 min read

1. Bilder beeindrucken wie Gesichter

Seit einiger Zeit beschäftigt mich die „Politologie der Bilder“. Das ist nicht nur der sehr bewusste Einsatz von Bildern als Argumentationsersatz bzw. auch von manipulierten Bildern, sondern auch die eher ungesteuerte Rückwirkung von Photos und Filmen auf das politische Klima, auf die Kraft oder Schwäche von politischen Positionen und Strategien, auf Regierungsarbeit.

Tatsächlich wird der “Impactfaktor” von politisch wirksamen Bildern immer mehr in die Öffentlichkeitsstrategien der Politik einkalkuliert (hier eine Beobachtung dazu aus den letzte Tagen — “Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen”).

„Negative Bilder“ sind mehr gefürchtet, weil ihre Dynamik schwerer zu kontrollieren ist.

Die Meinungsbrandung zur Flüchtlingskrise hängt auch mit solchen erhöhten Energiezuständen durch Bilder zusammen. Und dies wiederum damit, dass Bilder im Netz eine weit höhere Viralität haben als Texte.

Bilder sind der heimliche Hauptenergieträger der Diskussionen (auch sprachliche Bilderformeln, aber bleiben wir hier bei den Abbildern, bei Photos und Filmen).

Auch scheinbar neutrale Nachrichten-Bilder wirken ähnlich wie Gesichter: Sie werden wahrgenommen, aber nie völlig neutral, sondern spontan und blitzschnell interpretiert (Mustererkennung etc.). Das spielt sich in der anderen Hälfte des Kopfs ab, in der Hälfte, die anders denkt als nur logisch-bewusst (eher reaktiv, emotional, intuitiv, unbewusst), stark geprägt von emotionalen Rastern (Freund/Feind, schön/unschön, Lust/Unlust, “Like”/”Dislike” etc.)

  • Photos sind in sich plausibel und gültig.
  • Sie haben aus Sicht des begrifflichen Denkens immer emotionale Nebenfolgen, die für das begriffliche Denken kaum zu entziffern sind.
  • Und aus Sicht des unbegrifflichen Denkens liegt ihr Hauptinhalt in den Gefühlen, die sie direkt oder unterschwellig beim Empfänger hervorrufen, also in der Wirkung.

Bilder haben mal stärker, mal schwächer einen Rest an „Content“, der sich dem Begreifen entzieht. Überspitzt könnte man sagen, was die moderne Kunst schon oft reflektiert hat: Jedes Bild ist Kunst.

Walter Benjamin hat sich damit ausgiebig beschäftigt („Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ und mehr). Er meinte, dass sich die Menschen gegen die emotionale Durchschlagskraft der Photos zunehmend durch Bewusstseinsbildung wehren (“Schockabwehr”).

Im Print-Journalismus geschieht dies bspw. durch die Unterzeile, im Fernsehen durch Voice-over. Auf diese Weise bekommen Nachrichten-Konsumenten einerseits die innere Distanzierung mitgeliefert, andererseits ist fraglich, wie weit Photos und Filme dadurch tatsächlich schon emotional abgefertigt sind.

Möglicherweise viel weniger, als man glaubt. Dies gilt besonders für Bilder mit schockartigem Impactfaktor — sie durchschlagen den üblichen Bewusstseinsschutz, der das Ansehen der täglichen Hiobsbotschaften zu einer gemütlichen Sache macht. Und hinterlassen einen “bewusstlosen“ Schrecken, wobei uns selbst nicht immer klar ist, was uns und wieso uns etwas “bewusstlos” macht.

Außer den Schocks können aber auch weniger schreckliche Bilder die Panzerung des Bewusstseins durchschlagen, z.B. wenn sie sich mit vorhandenen Ängsten verbinden.

Dieses Erschrecken in allen seinen Formen und Stärken bekommt im Netz eine neue Dynamik aus drei Gründen:

1 … weil das Erschrecken die Kommunikation emotional einfärbt,

2 … weil es die stärksten Motive für Kommunikation überhaupt schafft,

3 … weil sich die Dramatik im Netz höher und schneller aufschaukelt als je zuvor.

Das Aufschaukeln muss nicht unbedingt fatal sein. Viele Debatten finden erst statt, nachdem sich ein Thema “aufgeschaukelt” hat, also für mehr Menschen zentral geworden ist.

Kommen wir zum praktischen Teil. Wie gehen die Fernsehnachrichten mit Bildern um?

2. Die TV-Nachrichten verharren im Bilderaltertum

Geschätzte 90% der Bilder in den TV-Nachrichten sind informationslos, aber leider nicht emotionsfrei.

Diese informationslosen Nachrichtenbilder machen das exakte Gegenteil von dem, was Nachrichten tun sollten. Sie produzieren Ablenkung vom Sachgehalt, schaffen einen diffusen Focus, verunklaren, vernebeln und schüren unausweichlich verschwommene emotionale Nebenwerte („Der Gabriel gefällt mir nicht, so dick …“, „das Grüne steht der Merkel nicht …“, “Jesses, so viele und die sehen ja gar nicht deutsch aus”, „Deutschland ist doch so schön“ beim Bericht vom G7-Gipfel in Elmau sieht).

Diese Bilder braucht man eigentlich nicht, sind aber unerschütterlicher Usus, schließlich — Fernsehen muss doch Bewegtbilder haben, oder nicht?

Oh, eine Bild-Opportunity. Weil wichtige Bilder so rar sind, stehen bei den Ersatzbildern so viele Kameraleute herum und drehen “Originalmaterial”.

Nein. Jedenfalls nicht solche.

Die heute praktizierte Nachrichtenbebilderung dient vornehmlich dem Marketing der TV-Nachrichten. Sie macht die Nachrichten gefälliger und bewusst emotionaler. Und sie macht das Format „klebriger“ als nur Worte und Sätze.

Trotzdem handelt es sich bei den heutigen TV-Nachrichten im Prinzip noch um das Erbformat seines historischen Vorgängers, der Rundfunknachrichten, mit dem “Ansager” im Mittelpunkt.

Deswegen kann ich mir auch in der Küche eine Butterstulle machen, wenn die TV-Nachrichten beginnen. Hören reicht. Oder anders gesagt: Wer die TV-Nachrichten sieht, sieht nicht mehr, aber emotional diffuser.

Ich mache das tatsächlich so, dass ich meinen unregelmäßigen TV-Nachrichten-Konsum auch gerne mal nur hörend erledige.

Mit vielsagenden Ausnahmen: Bilddokumente wie „brennendes Hochhaus in Dubai“ oder „So verlor Bayern München gegen die zweite Mannschaft von Karlsruhe“ können mich aus der Küche locken.

Da ist dann ja wirklich etwas zu sehen, was sich schwer mit Worten vermitteln lässt.

Doch unbedingt muss ich den Wetterbericht sehen. Der ist ästhetisch stimmig und bildet nach wie vor vom Bildinhalt her den Höhepunkt jeder Nachrichtenshow. Die Wettergraphik will ich nicht verpassen, denn …

… dem Himmel sei Dank wird eben nicht das Wetter berichtet!

Ich sehe da nicht graue Wolken am Himmel, Pfützen auf der Straße oder Menschen, die wegen der Hitze Eis essen.

  • Vielmehr sehe ich eine informative Graphik.
  • Mit sehr hohem Erklärwert — die Graphik kommuniziert sogar mehr, schneller, klarer und merkfähiger als der darüber gesprochene Text.

Und das ist der Punkt: Die TV-Nachrichten haben sich in den letzten Jahren eifrig Richtung virtuellem Nachrichtenstudio entwickelt. Also in Richtung Oberfläche, Design, „das Unwesentliche noch weiter aufhübschen“.

Aber das war eine Schein-Technologisierung, konzentriert auf Design, Sound, Show.

Die wirkliche Technologisierung der Informationsvermittlung hat unterdessen auf einem Feld stattgefunden, dem sich das Fernsehen mit einer seltsamen Anklammerung an die Traditionen des Hörfunks verweigert — auf dem Feld von Graphik, Statistik, Datensynthese und Big-Data-Analysis (das ZDF hat 2014 mal im Web mit einem Faktencheck experimentiert, die TV-Nachrichten selbst sind aber noch überall den alten Bebilderungsmustern verhaftet.)

Sogar die Fußballberichterstattung liegt mit ihren avancierten Methoden zur Spielanalyse inzwischen technisch circa 50 Jahre vor den altbackenen Klassikern „Tagesschau“, „heute“, „RTL-news“.

Das Netz ist dagegen voll von hoch interessanten graphischen Aufarbeitungen, Charts, Karten, Visualisierungen, einer der Weltmarktführer für aktuelles statistisches Material kommt aus Deutschland (Statista) — das Fernsehen ist im Vergleich leer wie eine alte Kaffeekanne.

3. Fragen an die Runde der Chefredakteure

Könnten die Nachrichtenmacher nicht täglich wenigstens eine erhellende, überraschende, klärende Graphik bringen?

Sollte „heute Plus“ nicht ein Plus an Info haben statt ein Plus an Lifestyle?

Solle die ARD nicht endlich einmal pro Woche eine Sendung haben, die sich allein mit unbekanntem Datenmaterial beschäftigt und dieses zugänglich präsentiert?

Wie würde sich das Gespräch über die Flüchtlingskrise ändern, wenn wir mehr graphische aufbereitete Sachverhalte und weniger sinnfreie Bilder von überfüllten Turnhallen sähen?

Bräuchte die ARD nicht längst weniger Kameraleute und mehr Datenvisualisierungsleute?

Lässt sich im Austausch gegen diese Modernisierung vielleicht endlich das vorsintflutliche “Populismusbarometer” beerdigen?

4. Abspann

„Die Nachrichten sollten nur aus Graphiken bestehen“, sagt mein Sohn.

Junge, ist das nicht etwas übertrieben? Aber schlecht wär’s nicht.

Das wäre mal ein heilsamer Schock für alle Menschen, die vor lauter vorgefasster Meinung nichts mehr schockieren kann — dieser Datenschock! Statt Meinung Zahlen!

Und wie die Politiker zittern würden.

Noch eine Meldung, Jan 2019

Die Veranschaulichungen mit visualisierten Big Daten Analysen werden immer mehr. Im deutschen TV sieht man aber immer noch viel zu viel Bild-Material der alten Schule, z.B. bei den Einspielern der Talkshows. Vielleicht mal bei der BBC vorbeischauen? Die BBC stellt immer mehr Tools und Ressourcen online, zur freien Bedienung. Nachdem neulich Soundeffekte zur Selbstbedienung frei gegeben wurden, liest man jetzt auf Medium darüber, dass die BBC ihre Charting-Tools und ständig mehr werdenden Scripte für Charts frei gegeben hat für die öffentliche Benutzung.

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