Veraltet etwa gerade die Vorstellung, Facebook würde manuell an seinen Algorithmen herumschrauben? Facebook investiert wie Google, Microsoft, IBM heftig in Machine Learning, was man als Automatisierung der Datenanalyse verstehen kann. Das entwickelt sich aber gerade noch weiter, nämlich zur Selbstautomatisierung im Hinblick auf gesetzte Ziele, dem sogenannten Deep Learning. Dabei erhalten die Maschinen Ziele gesetzt, die sie dann wie eine Meute schlauer Terrier ständig weiter optimiert.
Benedict Evans fragt sich hier bereits schon: “What is the newsfeed of Facebook if not a machine learning application?” (guterArtikel zu AI).
Logischerweise verstärken sich so die mentalen Einkapselungen (“Filterblasen”). Andererseits ist das Ziel der Maschine, der größten Gefahr entgegenzuwirken, und das ist die Facebook-Langeweile, was über “mehr Quatsch-Postings von Freunden” bestimmt auch nicht zu lösen ist.
Gleichförmigkeit kann immer nur eine Zeitlang fesseln und zufrieden machen (“binge-watching” oder “binge-reading” zu einem Thema), danach müssen neue Inhalte her, durchaus auch neue Formen von Inhalten. Man sieht die Dialektik von “Faszination und Langeweile” (Dieter Prokop) sehr schön an der Entwicklung der amerikanischen Serien — Journalisten könnten davon lernen, wie man Erwartungen bedient und gleichzeitig immer wieder brechen muss, um interessant zu bleiben.
An der Frage “Was ist langweilig?“ trennen sich die Menschen nicht nur soziodemographisch, sondern auch psychographisch. Es gibt da mehrere Pole, zwischen denen sich die Differenzierungen aufspannen — nichts völlig Neues für Redaktionen, die immer schon sehr unterschiedliche Interessen verarzten mussten.
Eine wichtige Polarisierung ist die zwischen Menschen, die nur in der ganz privaten Ich-Perspektive Facebook nutzen (was machen meine Freunde, meine Familie, meine Promis), und den Menschen, die in einer Art “Welt-Perspektive” oder “News-Perspektive” Facebook nutzen (was gibt’s Neues, was habe ich verpasst, wo herrscht gerade Aufregung, wo kann ich kommentieren). Was für die einen interessant ist, ist für die anderen todlangweilig.
Angelegt ist Facebook für den “Ich-Nutzen” (Twitter ist da etwas anders), den Sprung zum anderen Pol hat Facebook schaffen wollen, aber offenkundig noch nicht so richtig hingekriegt bzw. Facebook wurde dabei von den Usern ausgebremst.
Ich würde vermuten, dass die Maschine schlau genug ist, die Gefahr der Langeweile zu durchdringen und sich künftig immer erfolgreicher daran tot rechnen wird, die Facebook-Langeweile durch individualisiertes A/B-Testing und Echtzeit-Feed-Design zu minimieren.
Für Journalisten bedeutet das einmal mehr, darüber nachzudenken, wie sie nicht langweilig sein können. Buzzfeed läuft sich tot. Wie hier gerade auch geschrieben: “Am meisten vom Aussterben bedroht sind die uninteressanten Artikel … Oder anders gesagt: Je relevanter ein Artikel für ein Publikum ist, desto weniger Tricks benötigt er in der Vermarktung. Siehe den gewissen Erfolg von Longreads, und auch Blendle ist ein Indikator, dass das interessegeleitete Lesen der unterbödige, letztlich einzig tragende Haupttrend ist.”
Die Umstellungen im Newsfeed werden weitergehen und natürlich ökonomisch wieder mal für Schwierigkeiten sorgen. Perspektivisch dreht sich die Botschaft aber eher um die Notwendigkeit, neue Strategien zu finden, interessant und relevant zu ein. Das betrifft eine ganze Matrix von unterschiedlichen Aspekten.