Remixt ein Mensch kreativer als Software?
Konrad Lischka
22

Mensch und Maschine haben ein entgegengesetztes Problem beim Malen/Kopieren. Für den Menschen liegt die Virtuosität darin, einer Vorlage nahe zu kommen. Für die technische Reproduktion/Nachahmung liegt die Virtuosität darin, das Gegenteil zu tun, nämlich “von selbst” einen Abstand zur Vorlage herzustellen, der die Nachahmung untechnisch erscheinen lässt. Insofern kopiert die Maschine nicht nur ein Bild oder bearbeitet es mit Kopie-Algorithmen (das war ja technisch einfach zu erreichen), sondern sie kopiert das Malen als menschliche Tätigkeit, versucht also Individualität und “von Hand” vorzuspiegeln. Diese Aufgabe ist technisch schwieriger, so wie es für einen Menschen auch technisch schwieriger ist, nicht nur zu kopieren, sondern zu imitieren — also ein Bild zu malen, von dem jeder glauben würde, Picasso habe es gemalt.

Nachdem die Malerei die Disruption der Photographie verarbeitet hat, kriegt die Menschheit bislang, was das Imitieren des Menschen angeht, nur kleine Schocks ab und kommt aus den Turing-Tests mit erhobenem Kopf heraus. Die Algos, die sich hoch komplexe Fähigkeiten selbst beibringen, entwickeln sich allerdings gerade sprunghaft (Deepmind) und wir werden vielleicht in ein paar Jahren das erste originale Computer-Genie erleben, zu dem sich Kunstkritiker auf der Ebene von Interpretation äußern können (die Maschinen “reflektieren” dann menschliche Malerei und abstrahieren Kennergeschmack — die Maschine enthüllt uns die Automatismen des ästhetischen Geschmacks, der ja sehr stark eine soziale Komponente hat). “Fabrikkünstler” Warhol war da ja auch schon nahe dran (überhaupt beschäftigte sich die Popkunst schon stark mit maschinellen Ästhetiken).

Wie bei der Kamera (die ja als bildgebendes Kopie-Verfahren entstand), können dann wieder künstlerisch reflektierende Menschen diese Maschinen erobern und für ihre Zwecke nutzbar machen — so in etwa.

Der “heilige Gral” liegt dann in der Qualitätsspitze, nämlich da wo auch für die sensibelsten Augen Maschinen Schönheit erfinden. Ich könnte mir vorstellen, dass dies zuerst in der Musik gelingt, die ja viele Bezüge zur Mathematik hat (Bach hat ja in gewisser Weise “algorithmisch” komponiert) — “heute Abend Premiere der Berliner Symphoniker — gespielt wird das Cello-Konzert Nr. 3.526 der japanischen Kompositionsmaschine Deepmusic 3.1”. Und die Menschheit wird tief ergriffen sein von dem überirdisch schönen Zauber, jeder bekommt zum Geburtstag sein eigenes Stück, alles wird mehr und mehr.

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.