Mit großem Eifer wurden in den vergangenen Monaten die Kindertagesstätten der Republik fit für den Ansturm der Einjährigen gemacht. Mit Erfolg. Doch im allgemeinen Jubel droht der Bildungsauftrag der Kitas auf der Strecke zu bleiben — und die Erzieherinnen.
Es duftet nach Mittagessen im Kindergarten Winningen, die Schüsseln sind gefüllt mit Nudeln und Gemüse — doch Nicole Faupel bleibt heute hungrig. Die Leiterin der Krippengruppe taucht unter den nicht einmal kniehohen Tisch nach umgestoßenen Gläsern, holt Handtücher und spricht Mut zu: „Guck mal, das ist doch lecker!“
Mit zwei Kolleginnen sorgt sie gerade dafür, dass zumindest in den acht hungrigen Mäulern der Knirpse genug Essen ankommt.
Genügend Betreuungsplätze gibt es
Es war ein Datum, auf das vor allem Medien hingefiebert haben: Seit dem 1. August 2013 hat jedes Kind ab einem Jahr Anspruch auf einen Krippenplatz. Reichen die Plätze auch wirklich? Werden die Gerichte mit Kitaklagen überschüttet? Die Katastrophe blieb aus, und es wurde ruhig in der Öffentlichkeit — nicht aber in den Kitas.
Denn irgendwo sind die Knirpse ja geblieben. Es wurde angebaut und ausgebaut, zusammengerückt und improvisiert. 41 Prozent der Kinder unter drei Jahren konnten so in Rheinland-Pfalz zum 1. Februar betreut werden — mehr als die 35 Prozent, die der Bund als Ziel ausgerufen hatte. Insgesamt ist die Versorgung mit Betreuungsplätzen im Land in Ordnung, auch wenn es teils noch Wartelisten gibt, das sagt selbst die Bildungsgewerkschaft GEW.
Doch wie sieht es mit der viel beschworenen Qualität der Betreuung aus: Hat sie noch etwas mit dem Ziel der Bildung zu tun, oder werden die Kinder aus der Not heraus eher verwahrt? Und wie bewältigen die Erzieherinnen den Ansturm?

Trotz herumkullernder Erbsen herrscht in Winningen relative Gelassenheit — zumindest heute. „Es ist ruhig“, sagt die Leiterin der Krippengruppe, Nicole Faupel. Als Außenstehender würde man wohl eher sagen: ruhiger als sonst. Ein Magen-Darm-Infekt geht um, mehrere Mütter und Väter mussten ihre kranken Kinder heute schon abholen oder haben sie erst gar nicht gebracht.
Sonst springen und krabbeln in der Krippe bis zu 18 Kinder im Alter zwischen einem und zweidreiviertel Jahren herum. Zwei Vollzeitkräfte und zwei Teilzeitkräfte betreuen in Winningen die 18 Kleinsten. Eine Riesenaufgabe. Je kleiner das Kind, desto mehr Aufmerksamkeit braucht es. Diese einstige Binsenweisheit ist mit dem Ausbau der Betreuung für Kinder unter drei Jahren in Deutschland wieder zu einer heißen Nachricht geworden.
„1 zu 3“ lautet die Zauberformel: Eine Erzieherin in einer Krippengruppe sollte höchstens drei Kinder betreuen müssen, auch um den Bildungsauftrag zu erfüllen. Die Kleinsten müssen zum Beispiel lernen, gut mit anderen auszukommen, sich mit Worten zu verständigen, zu singen und sich zu bewegen. Die Formel wird unter anderem von der Bertelsmann Stiftung empfohlen, die in einer Studie gleich die bittere Realität im März 2012 aufgezeigt hat.
In Rheinland- Pfalz lag die Quote in Krippen damals bei 1 zu 3,8, etwas schlechter als im westdeutschen Schnitt. Wohlgemerkt: bevor die Einjährigen einen Rechtsanspruch hatten. Nun hat sich die Situation noch verschärft. Um alle Kinder unterzubekommen, darf die Kita Winningen seit diesem Jahr nun maximal 104 Kinder statt 95 aufnehmen. Betreut werden derzeit faktisch zwar erst 90 statt der 86 vor dem Rechtsanspruch.
Aber in Februar und März kommen jeweils fünf hinzu, im April könnten es schon 102 sein. Gleichzeitig arbeiten in der Kita nur zwei Erzieherinnen mehr. Die Leiterin der Kita Winningen, Edith Broscheit, sagt: „Es hat uns sehr geschockt, dass sich gerade jetzt der Personalschlüssel verschlechtert.“ Zwei Vollzeitkräfte und zwei Teilzeitkräfte, das bedeutet im Optimalfall, wenn alle da sind, bei 18 Kindern einen Schlüssel von 1 zu 4,5. Zumindest in der Theorie.
Denn faktisch sind selten alle Erzieherinnen gleichzeitig da. Nicht einmal eine Vollzeitkraft ist die gesamte Öffnungszeit der Kita von 7 bis 16.30 Uhr im Dienst. Viele Kinder aber schon, sogar Einjährige, wie die Erzieherinnen festgestellt haben. Und: Wenn eine Erzieherin ein Kind wickeln geht, kann sie in dieser Zeit die Augen nicht auch noch auf den 3,5 anderen Kindern haben, die sie statistisch zu beaufsichtigen hätte.
Erni Schaaf-Peitz, bei der Bildungsgewerkschaft GEW für Kitas zuständig und selbst Kitaleiterin, findet dafür deutliche Worte: „Der gewünschte Personalschlüssel ist 1 zu 3, die Realität ist zum Teil Massenabfertigung.“ Das rheinlandpfälzische Familienministerium sieht das auf Nachfrage ganz anders und will nichts an der Ausstattung ändern: Die Landesregierung sei „stolz darauf“, in Krippen und Kindertagesstätten „durch einen guten Personalschlüssel den hohen Standard der pädagogischen Arbeit gewährleisten zu können“.
Qualität in Theorie und Praxis
Wie dieser hohe Standard aussehen könnte, weiß Erzieherin Kristina Serio nur zu gut. Sie ist neben Nicole Faupel die zweite Vollzeitkraft in der Winninger Krippengruppe und hat erst gerade eine Fortbildung zur „Fachkraft U3“ hinter sich. Ein Jahr lang hat sie einmal im Monat drei Tage lang gelernt, wieso es nicht bedenklich, sondern nur eine Phase ist, wenn die Knirpse sich beißen.
Sie hat gelernt, wie wichtig es ist, dass die Erzieherinnen die ganz Kleinen regelmäßig wickeln, um Vertrauen aufzubauen. Und sie hat gelernt, dass gerade die Einjährigen am besten die ganze Zeit mit einer ganz bestimmten Erzieherin verbringen sollten, die für sie zuständig ist. Bezugserzieherinnensystem wird das genannt, die Erzieherin wird neben den Eltern zur weiteren Bezugsperson, damit sich die Kinder gut entwickeln können.
In der Realität der Kita angekommen, ist Serio zunehmend ernüchtert: „Theorie und Praxis sind zwei Welten. Das ist schon manchmal frustrierend.“ Die Lösung? Kitaleiterin Edith Broscheit sitzt in ihrem Büro. Die Wände sind mit Regalen zugestellt, die voller Aktenordner sind, auf deren Deckeln die hehren Ansprüche der Kita wie „Sprachförderung“ und „Erziehungsplan“ geschrieben stehen. Ist einfach mehr Personal nötig? „Ja, genau das ist es“, sagt Broscheit.
Dabei ist sie in Winningen eigentlich noch in einer guten Lage, das sieht sie selbst so. Denn Broscheit kann auf zwei Vertretungskräfte zurückgreifen, falls eine Erzieherin krank ist oder im Urlaub. Das sei nicht selbstverständlich, aber dringend notwendig: „Eine unserer Vertretungen muss seit einem Jahr fast jeden Tag aushelfen.“
Die Erzieherinnen sind überlastet
Das ist auch so, weil die Belastung den Erzieherinnen an die Substanz geht. „Was hatten wir für viele Krankheitsfälle!“, ruft Broscheit aus und schüttelt resigniert den Kopf. Auch damit ist die Winninger Kita nicht allein, beobachtet die Bildungsgewerkschaft GEW: „Wenn sich die Arbeit verdichtet, erhöht sich der Krankenstand. Uns wird häufig gemeldet, dass die physischen und psychischen Erkrankungen zunehmen“, sagt Bernd Huster, Gewerkschaftssekretär im rheinland-pfälzischen Regionalbüro Nord.
Er verweist auch noch auf ein ganz anderes Problem: den Fachkräftemangel, der bei den Erzieherinnen im Land auch dazu führe, dass derzeit nicht alle Stellen wiederbesetzt werden könnten. „Die schlechte Bezahlung hält viele davon ab, den Beruf zu ergreifen“, sagt er. Gleichzeitig nehmen die Anforderungen an die Erzieherinnen zu.
„Bis vor einigen Jahren wurde die Bildung der Fachlichkeit der Erzieherinnen überlassen“, erinnert Huster. Inzwischen ist vielfach wissenschaftlich erforscht, was die Kleinsten brauchen. Kitaleiterin Broscheit sagt: „Zwei Jahre Erzieherausbildung können da nicht mehr ausreichend sein.“ Die Forderung unter anderem der Bildungsgewerkschaft GEW nach einem Studium für einen Teil der Erzieherinnen unterstützt sie.
„Das wäre auch eine Konsequenz aus dem Bildungsauftrag“, sagt sie. Doch von dem spreche ja inzwischen ohnehin kaum noch jemand. Das sei derzeit der größte Frust. „In der Erzieherschaft brodelt es.“ Die GEW will deshalb auch bald mit den Erzieherinnen auf die Straße gehen und demonstrieren. Für bessere Arbeitsbedingungen, aber vor allem, damit die Knirpse so gut wie möglich aufwachsen.
Für Kitaleiterin Edith Broscheit ist klar: „Es wäre im Moment von den Behörden ehrlicher zu sagen, dass die Kitas jetzt dafür zuständig sind, den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz zu erfüllen — und der Bildungsauftrag steht hinten an.“
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