Kalt fällt der Regen…

„Kalt fällt der Regen…kalt und unbarmherzig auf diese karge Welt“ Es war beinahe nur ein Flüstern, welches von der rauschenden Brandung fast verschlungen wurde, doch Ben hatte es dennoch gehört. Nareenas Blick war weit in die Ferne gerichtet, jenseits der endlos heranrollenden Wellen, jenseits des Horizonts, der dort in weiter Ferne lag und der unbarmherzig dunkelgraue Wolken in ihre Richtung schob. Ein kalter Wind blies vom Meer her und die Wellen türmten sich zu grauen Bergen, bevor sie donnernd in sich zusammenbrachen, nur um die nächsten heranrollenden Wellen zu nähren, wie sie es bereits seit Äonen taten.
„Was hast du…“ Ben unterbrach sich und begann von vorn: „Was meinst du damit?“
Nareena stand da, ihre schlanke Gestalt trotzte den Vorboten des heraufziehenden Sturms, ihre Haare peitschten ihr wild ins Gesicht doch sie zwinkerte nicht einmal. Ihr Blick weiterhin weit in der Ferne an einem Ort den vermutlich längst nicht mehr gab. Ben zog seine Schultern hoch und zupfte an seinem Schal. Der Wind war eisig und ein Schauer lief ihm den Rücken herab. Der Geruch von Salz und Algen war allgegenwärtig; die Gischt peitschte ihm ins Gesicht und seine Haut prickelte.
„Ein Mann hat das einmal gesagt. Ein Mann der hier vor langer Zeit einmal gelebt hat.“
„Aber was hat er damit gemeint?“
Nareenas Mundwinkel zuckten ein kleines bisschen, kaum wahrnehmbar, die Idee eines verträumten Lächelns. „Seine Worte hatten niemals nur eine Bedeutung.“ Sie schloss die Augen und sog die eisige, salzige Luft tief ein bevor sie fortfuhr.
„Dieser Mann lebte vor langer Zeit. Vor sehr langer Zeit. Die Erde war noch recht jung aber sie hatte bereits eine erste Blütephase erlebt. Doch diese Phase ging auch wieder vorbei. Natürlich endete sie gewaltsam. Wie so oft.“ Ein trauriger Schimmer huschte über ihr Gesicht.
„Es gab unter den alten Völkern die Sage, dass die Erde, dieser staubige Klumpen, ursprünglich nicht mehr als eben das war: Ein trockener, staubiger Klumpen, der bedeutungslos durch die Weiten des Alls geisterte. Der Sage nach stiegen eines Tages Kreaturen vom Himmel herab auf diese Erde und sie machten sie ihr Heim. Ursprünglich war es ein friedliches Geschlecht. Das war bevor sie die Emotionen erfanden. Davor existierten sie einfach. Es gab keinen Streit, keine Kriege aber auch keine Freude oder Liebe. Doch in den Äonen, die sie hier verbrachten, schufen sie all die Dinge, die wir heute wissenschaftlich belegt, als gegeben annehmen. Doch auch für diese gab es einen Anfang. Sie schufen den Wind der sanft und kühl oder kalt und unbarmherzig sein konnte, so wie der heute. Sie schufen auch das Magma, mit dem die die Erde von innen heizten und sie erschufen all die verschiedenen Gesteine, die später, viel später von Menschen unter dem Oberbegriff des Elements ‘Erde’ fallen sollten.“ Eine besonders starke Böe fuhr in Nareenas Umhang und zerrte mit aller Macht an ihm, doch sie stand wie festgewurzelt da, ein Fels in der rauen Brandung. Ben hingegen stolperte einige Schritte nach hinten und kämpfte sich dann mühsam wieder vor. Neben ihr angekommen schrie er: „Sie haben also die Elemente erschaffen?“ Nareena lies sich in die Hocke nieder und die Finger ihrer Hand gruben sich in den Sand, der gleich darauf vom Wind weggetragen wurde. Sie richtete sich wieder auf und nickte: „Ja, sie sollen, neben vielem anderen, auch die Elemente geschaffen haben. Alle bis auf Wasser. Dieses Volk erfand unabsichtlich dann auch das, was alle Kreaturen antreiben sollte: Emotionen. Es war eine Folge der Schaffung der Elemente. Eines Tages, in einem ganz bestimmten Moment, der für uns unergründlich fern in der Dunkelheit der Zeit liegt, spürte eines der ihren den kühlen Wind auf seiner Haut und genoss es. Es war das erste Mal, dass eine Regung bei einer dieser Kreaturen erwachte. Niemand weiß wie lange es gedauert haben mag, bis sie sich dieser neuen Erfindung bewusst wurden und ob sie tatsächlich die Entstehung weiterer Gefühle beeinflussen konnten. Doch sie entstanden, nach diesem einen schicksalsträchtigen Moment. Millionen von Jahren später war das Volk bereits gänzlich anders. Sie unterschieden sich, distanzierten sich durch Vorlieben und Abneigungen von den Einen und fühlten sich hingezogen zu den Anderen. Im Laufe der Ewigkeit, die sie hier wandelten, wurden sie sich immer weniger der Emotionen bewusst, bis sie selbst von ihnen beherrscht und angetrieben wurden. Fortan liebten und hassten sie; sie schufen und zerstörten; sie beschützten und vernichteten. Als es soweit war, geschah es das erste Mal, dass eine der Kreaturen über den Verlust eines der ihren weinte. Sie merkte gar nicht was geschah, bis die Träne an ihr herablief und dann, zum ersten Mal in der Geschichte, in den Staub fiel. An der Stelle wuchs die erste Pflanze, gezeugt aus der Verbindung zwischen Erde und dem Element, das Leben schafft. Doch diese erste Träne brachte mit sich eine weitere Regel: Alles Leben was durch Wasser entstand, musste auch wieder vergehen. Dieser ersten kleine Träne sollten noch viele folgen. Einige vergossen aus Freude, doch die meisten vergossen aus Wut und Trauer. Diese Schöpfer sollten noch Äonen existieren, doch am Ende führten sie ihren eigenen Untergang herbei. Doch ihr Erbe blieb. Sie hinterließen ihren Nachfahren diesen wunderschönen Planeten mit all seinen Wundern. Eines davon ist das Wasser, ohne das es kein Leben gäbe. Milliarden von Tränen, vergossen im Laufe der Ewigkeit, vereinten sich zu Teichen, Bächen, Flüssen, Seen und Ozeanen. Ein Teil davon würde stets verdampfen um dann wieder auf die Erde herabzufallen, so wie die erst Träne, vor Äonen.“ Nareena strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und diese wurde sofort vom Wind nach hinten getragen. Sie sah traurig aus, fand Ben.
„Aber was hat das jetzt mit dem Mann zu tun?“ Rief Ben über den Wind hinweg.
Nareenas Gesichtsausdruck war nur schwer zu deuten. Sie atmete noch einmal tief ein:
„Dieser Mann, wie du dir ja denken kannst, war einer vom alten Volk. Einer der wenigen Überlebenden des großen Krieges, einer Zeit von Blut und Gewalt an deren letzte Momente ich mich noch sehr gut erinnere: Der Himmel stand in Flammen, die Erde brannte und beinahe alles Leben erlosch in wenigen Augenblicken.
Er stand an einem Strand wie diesem, lange Zeit nach dem Ende. Die Oberfläche der Welt bestand einmal mehr nur aus Asche und Wasser. Ich stellte mich neben ihn und wir sahen schweigend aufs Meer hinaus. Nach einer Weile begann es zu regnen. Still und beinahe lautlos fiel er herab und wir standen schon bald in einem Schleier aus kalten, nassen Tropfen. Als er sprach, sagte er nur diesen einen Satz, doch mehr musste auch nicht gesagt werden. Der Regen ist eine der großen Konstanten in der Geschichte dieses Planeten. Er schafft jenes Leben, dass sich am Ende unvermeidlich selbst auslöscht. Doch auch wenn alles vorbei ist, wenn alles Leben vergangen ist, so werden doch wieder Tränen fallen, aus denen stets neues Leben entsteht.“
Nareena kniff die Augen zusammen, als der Wind ihr scharf ins Gesicht peitschte. Eine einzelne Träne glitt sanft ihre Wange herab.

Kalt fällt der Regen…kalt und unbarmherzig auf diese karge Welt.