Streamline

Deela klopfte gegen die Holztür und macht sie im gleichen Moment mit der anderen Hand auf. „Hallo Gran’ma. Wie geht’s uns denn heute?“ Deela lächelte der alten Dame auf dem Sofa zu. Diese sah zu ihrer Enkelin hoch und strahlte. „Da ist ja mein liebster Lawkeeper. Schick siehst Du aus!“ Deela trug noch ihre Uniform und war gerade erst von ihrer Schicht zurück. Sie zog die dunkle Lederjacke aus, warf sie auf den leeren Sessel und sackte mit einem Seufzen auf einen der Stühle. Ihr Lawbringer baumelte in seinem Holster an ihrer Seite. Sie legte die Arme auf den Tisch und ihren Kopf darauf. Gedämpft konnte man hören ,wie sie „Ich bin total im Ar…erledigt.“ murmelte. Dann schob sie ihren Kopf hoch, so dass die ihre Großmutter ansehen konnte. Diese schenkte ihr ein warmes Lächeln: „Willst Du mich heute gar nicht fragen?“
Deela guckte sie müde an: „Nein…heute nicht. Zu müde. Außerdem kenne ich die Antwort ja: ‘Ach Liebes, was ich früher gemacht habe, würde Dich nicht interessieren. Ist eine langweilige Geschichte, wirklich.’ Den Quatsch erzählst Du mir seit ich sechs war.“ Sie vergrub ihr Gesicht wieder in ihren Armen.
„Weißt Du, ich dachte mir: ‘Heute wäre doch ein ausgezeichneter Tag für eine alte, langweilige Geschichte.’ Aber Du bist müde und die Geschichte ist wirklich langweilig. Du würdest nach fünf Minuten einschlafen.“ Ihre Großmutter nestelte an ihrer Bluse rum. Deelas Kopf schob sich wieder hoch und sie starrte ihre Großmutter an. „Ist das Dein Ernst? Du verarscht mich, oder?“
„Erstens: Was für eine Ausdrucksweise! Du solltest wirklich nicht so reden. Kein Wunder, dass Du keinen Mann abbekommst.“ Die Stimme ihrer Großmutter klang so aufgesetzt, dass Deela ihr nicht eine Sekunde abnahm, dass sie schockiert war. Das wiederum irritierte Deela. Ihre Großmutter sollte schockiert sein. Dafür waren Großmütter schließlich dar.
„Andererseits: Wenn Du einen dieser aalglatten, wohlerzogenen Kerle mitbringen würdest, müsste ich Dich vermutlich wegjagen.“ Diese Ergänzung führte nicht direkt dazu, dass Deela weniger verwirrt war.
„Zweitens: Ich würde Dich nie verarschen. Nicht bei so einem wichtigen Thema wie meiner Vergangenheit!“
„Gran’ma Du machst mich fertig. Was ist das überhaupt für eine Ausdrucksweise? Großmütter sollten nicht so reden. Davon abgesehen: Du willst mir heute wirklich Deine Geschichte erzählen? Nach zwanzig Jahre der Bettelei? Einfach so?“
„Was heißt ‘einfach so’? Vielleicht wirst Du ja schon bald bereuen, mir zwanzig Jahre damit in den Ohren gelegen zu haben. Wer sagt, dass Dir gefällt, was ich Dir erzähle?“
„Okay, das reicht. Ich mach’ Café.“ Deela stieß sich von der Tischplatte ab und ging zügigen Schrittes in die Küche. Einige Minuten später kam sie mit einer großen Kanne Café wieder, hämmerte sie auf den Tisch und stellte zwei Tassen daneben, die sie befüllte. Die eine schob sie ihrer Großmutter hin, die andere behielt sie in der Hand, während sie sich wieder setzte. „So! Aus der Nummer kommst Du nicht mehr raus, alte Frau. Ich bin ganz Ohr!“ Deela wusste nicht genau, was sie erwartete. Sie fühlte sich etwas unbehaglich. Vielleicht würde diese Geschichte ihre ganze Welt erzittern lassen, oder…sie war so langweilig, wie ihre Großmutter ihr immer vorgemacht hatte.
„Ich…“ Ihre Großmutter griff sich einen Keks „war eine Putzfrau in einem Geschäft für Reinigungsmittel.“ Wirklich überzeugend kam Ihre Großmutter nicht rüber. Genüsslich biss sie von ihrem Keks ab. „Mmmmh….köstlich.“
„Das ist jetzt nicht Dein Ernst!“ Deela funkelte ihre Großmutter böse an.
„Ich weiß, schlimm oder? Jeder dem man sagt, dass man in einem Putzladen geputzt hat, kann’s nicht glauben. Tja…aber so war’s.“
Deela starrte ihre Großmutter an. Diese hielt ihrem Blick gelassen stand. Plötzlich und ohne Vorwarnung schlug Deela mit der Faust auf den Tisch. Ihre Großmutter zuckte zusammen „Huch! Ruhig, Liebes, ich verstehe Deine Enttäuschung, aber…es war zu verlockend, Dich dazu zu bringen mir Café zu kochen.“ Ihre Großmutter kicherte leise und nippte an ihrem Café. Deela starrte sie an. Manchmal trieb die alte Frau sie in den Wahnsinn. Aber irgendwas war hier im Gange, das spürte sie. Aber sie war auch zu angespannt, als dass sie mit ihrer Großmutter Katz und Maus spielen wollte. Sie trippelte etwas mit den Fingern auf dem Tisch, während ihre Großmutter sich ganz ihrem Café widmete. Mit einem Ruck stand Deela auf. „Ich geh’ schlafen. Frag mich das nächste Mal einfach, ob ich Dir Café mache. Das wäre einfacher.“ Sie wollte gerade nach ihrer Jacke greifen, da begann ihre Großmutter: „Weißt Du, ich war ein Harvester. Damals, als es noch was zu ernten gab. Naja, ne Weile jedenfalls. Ich hab’ sonst auch noch ein paar andere Sachen gemacht.“
„Du warst ein Harvester?“ Deela konnte ihre Stimme nur mühsam beherrschen.Sie starrte ihre Großmutter einfach nur an.
„Von irgendwas muss man ja leben.“ Gab diese gelassen zurück. „Jedenfalls war ich dass, bevor ich sie getroffen habe.“
„Sie?“
Ihre Großmutter lächelte und fischte ein altes, gefaltetes Bild aus ihrer Tasche. Sie klappte es auseinander und sah es an. Dann legte sie es auf den Tisch und schob es zu Deela rüber. Sie nahm es in die Hand und sah es an. In dem Moment weiteten sich ihre Augen. Auf dem Bild war ein Geländewagen zu sehen. Ein wirklich großer Geländewagen. Er sah martialisch aus. Genau wie die Gruppe aus Leuten, die an ihm posierte. Einige Männer und Frauen, alle vermutlich Anfang bis Mitte dreißig. In der Mitte ein Mädchen, vermutlich nicht älter als zwanzig. Deelas Blick hob sich und taxierte ihre Großmutter. Dann wieder das Bild. Großmutter. Bild. „Oma…dieses junge Ding da in der Mitte, die mit dem Zopf…“
„Was ist mit der?“ Ihre Großmutter guckte sie neugierig an.
„Das…bist Du.“
Ihre Großmutter setzte ein Pokerface auf und sagte nur: „Großmütter kommen nicht als Großmütter zur Welt, weißt Du?“
„Du siehst…Badass aus. Ihr…alle seht so aus.“
„Ja…das waren wir wohl auch. Es war eine…wilde Zeit.“ Ihre Großmutter griff nach dem Bilderrahmen, der über ihr hing. Ein Bild eines Waldweges. Es war eher…unspektakulär.
„Was hast Du vor?“
Ihre Großmutter griff hinter den Rahmen und berührte irgendetwas. In dem Moment verschwand die Landschaft und man sah einen transparenten Bildschirm.
„Ein Holo-Display?!“ Deela fiel beinahe die Kinnlade runter. „Ich dachte, die wären längst alle konfisziert worden.“ Ihre Großmutter lächelte verschmitzt: „Immer noch an meiner Geschichte interessiert, Lawkeeper?“
Deela starrte immer noch den Bildschirm an. Dann atmete sie tief ein und lies sich wieder auf ihren Stuhl sinken. Sie sah ihre Großmutter gespannt an: „Jetzt mehr denn je.“
„Das ist mein Mädchen. Ich habe die Geschichte nicht mal Deiner Ma erzählt. Die würde es eh nicht verstehen. Meine kleine Spießerin. Du kommst mir da schon näher.“
Deela konnte sich ein stolzes Grinsen nicht verkneifen, griff sich einen Keks, fing an an ihm zu knabbern und nickte auffordernd zu dem Bildschirm. Mit einem breiten Grinsen startete ihre Großmutter die Projektion und schob sich dann zu einer Stelle, von der aus sie besser sehen konnte. Die Szenerie war die gleiche wie auf dem Bild. Der Geländewagen und die Männer und Frauen im Hintergrund. Ganz vorne hantierte ihre Großmutter an dem Aufnahmegerät herum.
„Lizzy, wird das heute noch was? So schwer kann das doch nicht sein. Ich glaub’ wir haben keinen Harvester sondern nur einen Hochstapler aufgegabelt.“ Rief ihr einer der Kerle zu.
„Halt die Schnauze Jack!“ Brüllte ihre Großmutter, Lizzy über ihre Schulter. Deelas Augenbraue zuckte.
„Jetzt schwing endlich Deinen hübschen Arsch hier her!“ Rief einer der anderen. Deela errötete und flüsterte: „Soviel zur Ausdrucksweise.“ Laut sagte sie: „Oma, ich muss gleich aber nicht irgendwelche, nicht jugendfreien Szenen sehen oder? Das wäre auf verschiedenen Ebenen verstörend.“
„Keine Sorge, Kleine, so grausam bin ich nicht.“
Lizzy drehte sich von der Kamera weg und ging mit schwingenden Hüften zum Wagen zurück. Sie ging….sexy. „Damit hätten wir dann wohl auch das geklärt.“ Flüsterte Deela.
Lizzy war inzwischen am Wagen angekommen. Sie ging an dem Mann, der ihren Hintern kommentiert hatte vorbei und schlug ihm mit Schwung auf den…Deela konnte es nicht glauben. Ihr Weltbild bebte nicht nur, es wackelte mächtig.
Lizzy hüpfte mit einem Satz auf die Seitentür des Jeeps, zog ein Bein lässig nach oben, griff in das Innere des Wagens und fischte ein großkalibriges Gewehr hervor, welches sie sich über die Beine legte. Dann sah sie mit finsterem Gesicht in die Kamera. Der Rest tat es ihr gleich. Die Aufnahme sah jetzt genau so aus wie auf dem Bild. Dann fror die Szene ein.
„Das ist sooo badass, Oma.“ Deela starrte die Aufnahme an. Ihre Großmutter zuckte cool mit den Augenbrauen. „Ja…wir waren schon ein ziemlich cooles Rudel.“
Deela sah ihre Großmutter neugierig an. „Was ist aus ihnen geworden?“
Das Gesicht ihrer Großmutter wurde ernst. Ihr Blick glitt in die Ferne.
„Sie sind alle tot.“

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