Kapitel 15 — Ambiguitätstoleranz

“Lasst uns uns verbrüdern und die Welt von den Arschlöchern übernehmen!”
“Wir müssen alle eine Familie werden, dann wird die Welt gerettet sein!”

Widerspruch?
Paradox?
Oder doch notwendige Zweideutigkeit..?

Im letzten Kapitel wurde es eher wie ein Widerspruch präsentiert, aber für das, was wir hier vorhaben, ist es eigentlich eine notwendige Vereinfachung.

Wir lassen einfach die zeitliche Dimension hinten rüber fallen und bewerten die Menschen nach dem Verhalten, das sie jetzt gerade zeigen. All die Gründe und Einflüsse, die sie zu den sich arschig verhaltenden Individuen gemacht haben, als die sie sich heute zeigen, lassen wir einfach mal geflissentlich außen vor. Ist nicht wissenschaftlich und vielleicht sogar ziemlich unfair, aber es erlaubt schnelles und entschlossenes Handeln. Und genau das brauchen wir jetzt.

Im Krieg ist zwar nicht alles erlaubt und der Zweck heiligt nicht die Mittel — sonst hätten wir kein Recht uns Krieger zu nennen -, aber die Wahl von Feinden unterliegt immer einer gewissen notwendigen Verallgemeinerung. Und Krieger haben nunmal Feinde.

Entweder wir entscheiden uns für ein aggresives Vorgehen und sind bereit die Konsequenzen zu tragen, oder wir müssen uns für immer mit firedlichem Protest begnügen.

Im Krieg werden Opfer gebracht. Und dazu zählen auch die Seelen, derjenigen als Feinde Auserkorenen, die vielleicht mit viel Liebe und Mühe noch zu retten gewesen wären. Wir dürfen nicht vergessen, dass in der Zwischenzeit sowieso schon Menschen unterdrückt, verletzt und getötet werden. Dass wir davon in der Gemütlichkeit unserer Rechnerstühle nichts mitkriegen, bedeutet nicht, dass es nicht passiert. Die schöne neue Welt ist nur für uns Priviligierte voller wunderbarer Möglichkeiten. Für uns, die wir auf den vielen gebeugten Rücken der Armen unseren Wohlstand aufgebaut haben. Diesen gestohlenen Reichtum, der für die Meisten von uns bereits so normal ist, dass wir oftmals das Gefühl haben er stehe uns zu. Das tut er aber nicht.

Wenn wir also ein paar Menschen ein wenig zu hart in die Klasse der Feinde schieben, sie dadurch effektiv vorverurteilen und uns deshalb derselben Art von Ungerechtigkeit im Geiste schuldig machen wie die, die wir zu bekämpfen suchen, dann muss uns das bewusst sein. Und ja, es muss uns schmerzen! Denn wir dürfen es auf keinen Fall vergessen! Sonst fallen wir mit großer Sicherheit in nicht absehbarer Geschwindigkeit und Härte der Selbstgerechtigkeit zum Opfer. Und die ist der größte und am schwierigsten zu bekämpfende Feind einer jeden Revolution.

Nichtsdestotrotz muss unsere Revolution erst einmal gelingen, bevor wir den Luxus haben uns über solch spezifisch-genaue Interpretationen von konsequenter Moral Gedanken zu machen…

Ich finde es wichtig jetzt schon darauf aufmerksam zu machen, wie gesagt, aber aufhalten sollte uns das nicht…