Hier sollte ein ironisch-witziger Titel stehen

Ein Versuch die letzten Netzdebatten zu verstehen


Die Verknappung komplexer Sachverhalte auf ein kurzes provokantes Statement, am Besten ironisch, sarkastisch oder witzig, sorgt für digitale Reichweite.

Twitter ist die technikgewordene Umsetzung dieses Dogmas. Es gibt Sammlungen der “besten Tweets” wie Twitterperlen, auch in den digitalen Angeboten der klassischen Verlagshäuser werden Beiträge mit Netzstimmen angereichert oder gar als als eigene Artikel präsentiert (wie es beispielsweise die Süddeutsche als “kleine Netzschau” macht).

Wer Reichweite will, verknappt und provoziert.

So reißt der reichweitenstarke Blogger Sascha Lobo als Kommentar auf ein Video von Angela Markel bei einem Bürgerdialog einen netten Nerd-Witz: Er zeigt einen 3,5"-Diskette mit dem Aufdruck “Angela Merkel — ihre emphatischsten Auftritte / 1992 bis 2015 (in HD)”. Für alle Nicht-Techniker: Da passen 1,44MB — also quasi nichts drauf.

Im Tweet davor schreibt er

Wenn Ihr das Problem habt, dass Euch Angela Merkel zu sympathisch ist, schaut das Video & achtet auf die Schlusssätze. (@saschalobo)

und verlinkt auf einen Zusammenschnitt der Begebenheit. Das ist witzig formuliert, das ist knapp und mir zu kurz. Denn das verlinkte Video ist eine sehr verkürzte Darstellung, es gibt davon auch eine Langversion, beispielsweise auf der Seite der Bundesregierung. Hier wirkt Angela Merkel nicht wirklich emphatischer, aber ihre Reaktion wirkt eben auch nicht mehr ganz so bizarr.
Dass Sascha Lobo recht korrekt und detailbesessen arbeiten kann, sieht man zum Beispiel in seiner oftmals sehr guten Kolumne auf SPON “Die Mensch-Maschine”. 
Aber warum verlinkt er auf die Kurzversion?

Man kann darüber streiten, ob einen Bundeskanzlerin emphatisch wirken muss, ob die folgende sehr unrühmliche PR-Leistung nun ein Armutszeugnis, ein PR-GAU (wie es der DJV schreibt) oder schlichtweg ein Fehler ist.
Man könnte aber auch darüber streiten, ob die provokanten Verknappungen nicht zumindest mit der Langversion des Videos verlinkt hätten werden müssen. Tut “das Netz” aber nicht.

Zweierlei Maß

Zum Griechenland-Referendum hat sich auch der Comedian Dieter Nuhr daran versucht, einen komplexen Sachverhalt in einem kurzen Statement zu verknappen:

Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens! (@dieternuhr)

Das halte ich persönlich zwar nicht für sonderlich witzig, das ist aber methodisch genau das gleiche, was viele andere im Netz erfolgreich machen. Es ist populistisch, aber was sagt das schon bei der Form eines Tweets (der per se Reichweite erzeugen soll)?

Und was passiert dann: Ein formidabler Shitstorm bricht über Nuhr hinein. Es schaltet sich auch Jan Böhmermann in die Debatte und fragt, ob den Nuhrs Account gehackt worden wäre. Zu diesem Zeitpunkt geht es aber längst nicht mehr um den Tweet, längst ist ein ideologischer Kampf entstanden, gegen dessen Austragungform sich dann Nuhr mit einem recht hanebüchenem Mittelalter-Vergleich wehrt, vorauf hin ihn unter anderem das Netzmagazin Telepolis recht rüde niederschreibt und seine Vorbildrolle hervorhebt:

Vielmehr verkennt der medial privilegierte Promi erstaunlich unreif seine Vorbildrolle, in der er souveränen Umgang mit Kritik hätte kommunizieren können.

Ich persönlich halte die Reaktion des Magazins, dass nach eigener Darstellung „kritisch die gesellschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Aspekte des digitalen Zeitalters“ reflektiert, für ebenfalls reichlich unreif und wenig souverän. Wer den Artikel mit Phrasen wie “Ulknudel Dieter Nuhr” garniert oder ihn als “altklugen Merkel-Pressesprecher” betitelt, macht nur Meinung und verhindert eine berechtigte, echte Reflektion (man könnte ja wirklich am Beispiel Nuhr sehr schön mal diskutieren, wo Kritik aufhört und wo Beleidigung beginnt, oder wo ein Comedian, der selbst austeilt, drüber stehen sollte).

Jetzt geht es bekanntermaßen in Diskussionen im Netz wahlweise zu wie am Stammtisch, im Fußballstadion oder eben wie in Nuhrs Mittelalter (die Vergleiche hinken natürlich alle, mal mehr mal weniger). 
Es gibt aber große Unterschiede, wo, von wem und wie diese Diskussionen geführt werden. Eine Telepolis mit 11.158.718 Page Impressions (Seitenaufrufe) im Monat oder ein Sascha Lobo mit 287.222 Followern auf Twitter hat nun einmal eine andere Reichweite, als ein pöbelnder Facebook-Kommentator. Reichweite schafft Verantwortung — aber die will offensichtlich nicht jeder annehmen.

Wenn die Netzelite ernst genommen werden will, muss gerade sie reflektierender, sachlicher und differenzierter argumentieren und nicht nur Häme und Spott verbreiten.

Dass es differenzierter geht, zeigen viele Beiträge aus der bereits erwähnten Kolumne “Die Mensch-Maschine” von Sascha Lobo, aber auch leise Stimmen, wie die wunderbaren Beiträge von Peter Breuer auf Facebook und Twitter (auch wenn der sich vermutlich nicht zur Netzelite zählen würde).

Und es gibt auch zu Nuhrs Reaktion sachliche und kritische Beiträge, wie z.B. im Beitrag “Humorlose Clowns” von Felix Schwenzel zusammengetragen. Der Kritik kann man sich anschließen oder nicht, aber es ist eine sachlich vorgetragene Meinung, vielleicht um ein paar Gegenargumente beschnitten, aber mit dem deutlichen Versuch zu differenzieren.

“Das Netz” diskutiert aber längst nur noch über Nuhrs Post, den Shitstorm und seine Reaktion, über Merkels Streichler und den “PR-GAU”. Geht es noch um Griechenland oder Flüchtlinge? Schon lange nicht mehr.

Wo waren denn die gewitzten, intelligenten und reflektierenden Beiträge der digitalen Elite zum Griechenland-Referendum? Oder zur Flüchlingspolitik? Wo sind die Beiträge, die mehr bieten, als hämisch und besserwisserisch über die Regierung her zu ziehen (wahlweise die deutsche oder in sehr seltenen Fällen über die griechische)?

Macht es sich die Digitalgesellschaft nicht viel zu einfach?


Das Problem mit der eigenen Meinung

Ich zum Beispiel halte es für relativ offensichtlich, dass es nicht der weiseste Schachzug der griechischen Regierung war, sich in der kritischen Phase der Verhandlungen durch die Ankündigung einer Volksbefragung selbst zu entmündigen und das Land eine Woche zu lähmen. Ich halte es auch für merkwürdig, sein Volk über eine recht unverständliche Fragestellung abstimmen zu lassen, dann das Votum zu feiern um anschließend gegenteilig zum Ergebnis zu agieren. 
Ich halte auch das große begleitende rethorische Gepolter der Akteure auf beiden Seiten während der Verhandlungen für höchst kontraproduktiv.
Nahezu unerträglich finde ich es, dass es keiner der handelnden Akteure schafft eine Perspektive für Griechenland zu entwickeln. 
Und auch, warum kein deutscher Regierungspolitiker mal ausspricht, dass es einen Schuldenschnitt geben muss; selbst ein Grexit mit Staatsbankrott ist in finanzieller Hinsicht ja quasi nichts anderes ein sehr radikaler Schuldenschnitt. 
Am meisten ärgert mich, warum keiner Ideen und Lösungen entwickelt, sondern nur scheinbar alternativlose Maßnahmen je nach Perspektive auf Grund von Sachzwängen oder eben Erpressung beschlossen werden.


Meine Meinung zur Griechenland-Kriese lässt sich nicht plakativ in 140 Zeichen pressen — zumindest nicht von mir. Ich hätte auch keine Chance sie selbstsicher und witzig ironisch zu tweeten, zu unsicher bin ich mir in meiner Meinung, zu viel Verständnis habe ich für teils gegenteilige Positionen. Zu wenig fühle ich mich in der Materie sicher und im Vertrauen auf meinen Meinungsfindungsprozess.

Ich kann eigentlich auch nur über die Metaebene schreiben und selten fundiert zur Sache Stellung nehmen. Dennoch kann und will ich mich im Netz auch zu anderen Themen austauschen, auch andere (unsichere) Meinungen lesen, Diskussionen führen. Mir meine Meinung bilden. Das ist für mich eben auch “das Internet”. Und da kenne ich mich ein wenig aus, da fühle ich mich als Teil.

In der Presse lese ich nun immer von den Diskussionen im Netz, von den Statements der von uns durch unsere per Like und Retweet gewählten Repräsentanten. Und da ärgere ich mich: Wir sind in der Außendarstellung zum großen Teil Pöbler und Trolle, zum anderen ein Haufen besserwisserischer Schotenreißer.

Das sind wir nicht.

Es gibt differenzierte Beiträge von Menschen wie Michael Konitzer, der die kulturellen Unterscheide in Europa anreißt und kreative Lösungsideen wie die “Mehrwertsteuerlotterie” in China anbringt.

In meiner Facebook-Timeline gab es Unternehmer(!)-Freunde, die das Video von Gregor Gysi: “Wir brauchen ein europäisches Deutschland, kein deutsches Europa” teilten und zur Diskussion einluden.

Meine Schulfreundin Marie initiierte mit anderen die “Abendesser-Connection”, eine Plattform, auf der Abendessen zwischen Einheimischen und Zugewanderten vermittelt werden.

Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Solche Beiträge, kreativen Ideen oder schlichten Diskussionseinladungen haben wenig Reichweite. Das ist vielleicht manchmal auch gut so (nicht bei der Abendesser-Connection), es sind eben Meinungen und Ideen von Amateuren. Das Verstehen der jeweiligen Position ist manchmal mühsam und zuweilen von Kopfschütteln begleitet. Die Argumentation ist nicht immer selbstsicher und das Fazit selten eindeutig. Das unterscheidet diese Beiträge aber auch von Politik: Man muss nicht einer Pateilinie folgen und alle anderen anderen Argumente wegignorieren. Man darf hadern, man darf irren — und am Besten das auch zugeben.

Nennt mich naiv: Das ist aber ein Teil des Internets, der mich interessiert. Hier möchte ich ein Teil von sein.

Es wird ja oft kritisiert, dass das genau das Problem in Netz sei: Jeder könne seine Meinung posten. Auch die, die es besser nicht tun sollten. Dabei vergessen wird immer: Man muss das nicht lesen, man darf es lesen. Es ist ein Angebot.

Es gibt sehr viele, die dieses Angebot fälschlich als Aufzwingen von Meinung wahrnehmen (das sind meist die, die dann kommentieren, wie unnötig und irrelevant dieser Beitrag sei).

Lasst uns Pöbeleien einfach ignorieren und auch den Koryphäen nicht zu viel Beachtung zukommen. Lest, diskutiert und postet! Tauscht Euch aus!

Überlassen wir das Internet nicht den Extremen und Selbstgefälligen.