Über Transgender vs. Transsexualität, nichtbinäre Geschlechter und eine Einführung in den Transfeminismus

Vor ein paar Tagen hat die Organisation 100% Mensch einen Flyer zu Transsexualität und verwandten Themen veröffentlicht. Der Flyer enthält unter anderem die Unterteilung in Transsexualität und Transgender. Diese Unterscheidung ist in Deutschland weit verbreitet. Leider deckt sie bei weitem nicht alle Betroffenen ab. Für manche erzeugt sie sogar eher noch zusätzliche Schwierigkeiten, auch wenn sie aufklärend und inklusiv gemeint ist. Die Rede ist von Menschen nichtbinären Geschlechts, also Personen, die nicht männlich und nicht weiblich sind, sondern etwas anderes, was in allen Formen und Schattierungen auftreten kann.

Im amerikanischen Sprachraum wird dieses Phänomen völlig anders gehandhabt und bietet vielversprechende Lösungsansätze, die in der deutschen Debatte derzeit noch kaum vorkommen. Dieser Artikel ist daher ein Versuch, das Konzept nichtbinärer Geschlechtern kurz zu umreißen und eine Übersicht über einige Grundbegriffe aus dem Transfeminismus zu geben. Daneben versuche ich, zu erklären, warum bestimmte feministische Strömungen gerade für transsexuelle Menschen mehr problematisch als hilfreich sind. Ich möchte dabei helfen, diese Debatte auf eine Art und Weise zu lösen, die so wenige Menschen ausschließt wie möglich.

Dieser Text richtet sich vornehmlich — aber nicht nur — an Menschen, die sich bereits mit Trans-Themen beschäftigt haben und enthält einige fortgeschrittene Konzepte. Da ich selbst eine binäre transsexuelle Frau bin, kann ich zu nichtbinären Erfahrungen nur aus zweiter Hand sprechen. Ich möchte in erster Linie binären transsexuellen Menschen die Ängste nehmen, die häufig mit diesem Thema verbunden sind. Ich stelle dazu Konzepte vor, die mir persönlich helfen, nichtbinäre Personen als Menschen zu sehen, die sich mit sehr ähnlichen Erfahrungen auseinandersetzen müssen, wie ich sie habe.

Nichtbinäre Geschlechter

Es gibt Menschen, die ein Geschlecht haben, das sie weder als männlich noch als weiblich bezeichnen wollen. Je nach Person ist dieses Geschlecht entweder keines von beiden, eine Mischung oder etwas völlig anderes. Häufig möchten diese Menschen mit Pronomen und Substantiven beschrieben werden, die nicht einem binären Geschlecht zugewiesen sind. Im englischen Sprachraum ist beispielsweise das “singular they” weit verbreitet. Hält etwa Andi einen Vortrag, würde man sagen: “They are giving a talk”. Das “they” bezieht sich dabei allerdings eben nur auf eine einzige Person: Andi. Je nach persönlicher Situation können diese Menschen einen erheblichen Leidensdruck erleben, der dadurch entsteht, dass ihr Körper nicht dem entspricht, was sie als richtig empfinden. Sie benötigen deshalb zur Linderung unter Umständen auch medizinische Eingriffe wie Operationen oder Hormongaben. Der wesentliche Unterschied zu binären transsexuellen Menschen ist der, dass diese Männer und Frauen sind und die damit verbundenen Pronomen und Bezeichnungen verwenden. Nichtbinäre Menschen sind darüber hinaus mit einem weiteren Problem konfrontiert, das bei Menschen binären Geschlechts nicht auftritt: der allerorts anzutreffenden Aufteilung unserer Welt in männlich und weiblich. So muss ein nichtbinärer Mensch schon bei jedem Gang auf eine öffentliche Toilette eine Entscheidung treffen, bei der es für ihn nur falsche Optionen gibt.

Probleme mit feministischen Theorien

Die Existenz nichtbinärer Geschlechter löst bei binär transsexuellen Menschen teils Ängste aus. Um zu verstehen, woher diese rühren, skizziere ich nun kurz drei wesentliche Strömungen des Feminismus und ihre Beziehungen zu Transsexualität.

Der trans exclusive radical feminism (terf) basiert auf Ideen, die im Wesentlichen auf einen biologischen Essentialismus hinauslaufen. Wer etwa bei der Geburt — basierend auf der Form der äußeren Geschlechtsorgane — dem weiblichen Geschlecht zugewiesen wurde, ist in den Augen der Terfs eine Frau. Transsexuelle Frauen werden als Eindringlinge erlebt, transsexuelle Männer als Verräter, die den einfachen Weg gewählt haben, um dem Alltagssexismus zu entkommen. Es ist offensichtlich, dass diese Sichtweise für transsexuelle Menschen erhebliche Probleme mit sich bringt. Es würde Umfang und Ziel dieses Artikels sprengen, diese detailliert auszuführen. Es ist dennoch wichtig, zu wissen, dass es Terfs gibt. Ihre Theorien sind ein Grund, warum viele transsexuelle Menschen gegenüber dem Feminismus als solchem eine grundlegende Skepsis empfinden.

Der dekonstruktive Feminismus ist im Zusammenhang mit Menschen nichtbinären Geschlechts wesentlich wichtiger. Für den dekonstruktiven Feminismus ist das Geschlecht ein ausschließlich soziales Konstrukt, das es zu überwinden gilt. Lediglich einige biologische Funktionen sind davon ausgenommen. Transsexualität wird als Reaktion darauf interpretiert, sich auf sozialen Druck hin in das binäre System der Gesellschaft einordnen zu müssen. Vertreter des dekonstruktiven Feminismus lehnen körperliche Eingriffe meist ab. Sie sind von der Idee geschlechtsloser Pronomen allerdings recht angetan. Die Angst binärer transsexueller Menschen vor nichtbinären Menschen sollte vor diesem Hintergrund leicht nachvollziehbar sein. Binäre transsexuelle Menschen führen meist einen anstrengenden Kampf darum, von ihrer Umwelt mit dem Geschlecht angesehen zu werden, das sie immer waren. Nichtbinäre Menschen können daher schnell bedrohlich wirken. Sie scheinen vordergründig die antibinäre Grundausrichtung des dekonstruktiven Feminismus zu bestätigen. Hinzu tritt ein ganz konkretes Problem: Wenn der Gedanke von der Bedeutungslosigkeit binärer Geschlechtsidentitäten sich durchsetzt, könnte die Übernahme medizinischer Eingriffe durch die Krankenkassen auf dem Spiel stehen.

Die dritte Strömung, die ich vorstelle, ist der sex-positive / intersektionelle / queere Feminismus. Den Transfeminismus betrachte ich als Teil davon. Die wesentliche Idee des sex-positiven Feminismus ist, dass Sexualität an sich gut ist und gefeiert werden sollte. Großer Wert wird dabei auf die Freiwilligkeit aller Beteiligten gelegt. Intersektioneller Feminismus beschäftigt sich mit der Überlappung von Merkmalen. Nicht alle Frauen sehen gleich aus und manche gehören zusätzlich auch anderen strukturell benachteiligten Gruppen an. Das betrifft z. B. Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen in Armut, Homosexuelle oder Transsexuelle. Manche haben gar mit einer beliebigen Kombination dieser Zugehörigkeiten zu kämpfen. Weiblichkeit als Merkmal verliert hier an relativer Bedeutung. Der mit ihr verbundene Sexismus ist nur noch eine von vielen möglichen Benachteiligungen, denen ein Mensch ausgesetzt sind. Diese Form des Feminismus steht so automatisch auch nichtweiblichen Personen offen, obwohl der Name dies nicht unbedingt klar stellt. Queerer Feminismus beschäftigt sich mit queeren Themen, Transfeminismus mit Trans-Themen, insbesondere der Überschneidung von Homosexualität und Transsexualität mit Weiblichkeit.

Transfeministische Grundbegriffe

Ich stelle nun einige Grundbegriffe und grundlegende Ideen des Transfeminismus vor, wie er im Wesentlichen von Julia Serano begründet wurde. Ich beschränke mich auf die Konzepte, die notwendig sind, um die Kluft zwischen binären und nichtbinären Menschen zu überbrücken.

Ein Mensch hat genau das Geschlecht, dass er sagt, dass er hat. Das ist die wesentliche Basis des Transfeminismus. Körperliche Eigenschaften, Aussehen oder Verhalten spielen zunächst keine Rolle. Bei den meisten Menschen stimmt das Geschlecht mit dem überein, das man ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen hat, ausgehend vom Aussehen ihrer äußeren Geschlechtsmerkmale. Diese Zuweisung ist gesellschaftlich motiviert und biologisch unvollständig. Es ist wichtig, dies festzuhalten. Chromosomen und innere Geschlechtsorgane werden beispielsweise erst gar nicht in Betracht gezogen. Das tatsächliche Geschlecht (er)kennt ein Mensch am Ende nur selbst.

Das Geschlecht kann, neben weiteren möglichen Unterteilungen, vor allem in das unterbewusste Geschlecht (subconscious sex) und den Geschlechtsausdruck (gender expression) unterschieden werden.

Das unterbewusste Geschlecht gibt einen unterbewussten Bauplan des Körpers vor. Er kann nicht verändert werden kann. Stimmt dieser Bauplan nicht mit dem tatsächlichen Körper überein, verursacht dies einen schweren Leidensdruck. Unbehandelt können Depressionen bis hin zum Suizid die Folge sein. Dieser Zustand psychischen Leidens wird als Köperdysphorie bezeichnet. Der Begriff Dysphorie bezeichnet das Gegenteil von Euphorie. Es handelt sich dabei um eine Affektstörung, die mit leichten bis schweren depressiven Symptomen einhergeht. Gerade im englischen Sprachraum wird der Begriff body dysphoria bereits seit längerem verwendet. Er bezeichnet dort das Leiden am Leben in einem Körper mit falschen Geschlechtsmerkmalen bezeichnet. Die medizinische Behandlung einer Körperdysphorie erfolgt z. B. durch Hormongaben oder operative Eingriffe.

Der Geschlechtsausdruck umfasst Aspekte wie Kleidung und Verhalten. Meist sind diese eng mit gesellschaftlichen Konventionen verwoben und werden als männlich oder weiblich klassifiziert. Ob Personen von Dritten als männlich, weiblich oder androgyn wahrgenommen werden, hängt stark von diesen Konventionen ab. Wenn die Wahrnehmung durch Außenstehende nicht mit dem geschlechtlichen Selbstempfinden übereinstimmt, wird der daraus resultierende Leidensdruck als Geschlechtsdysphorie bezeichnet.

Für mich persönlich war das Kennenlernen dieser Konzepte und Begriffe sehr wichtig. Wie viele andere hatte auch ich eine Vorstellung von Transsexualität, die auf Genitalien, strikter Trennung von Männlichkeit und Weiblichkeit und der Idee des sogenannten “Passings” basierte. Das Passing bezeichnet das Passen in die soziale Umwelt, ohne durch Andersartigkeit aufzufallen. Eine transsexuelle Frau wie ich hat ein erfolgreiches Passing, wenn niemandem auffällt, dass sie transsexuell ist.

Mittlerweile bin ich zu einer anderen Auffassung von Transsexualität übergegangen, die auf dem unterbewusstem Geschlecht und der Körperdysphorie beruht. Dieser Übergang ermöglicht die Überwindung internalisierter Transphobie und eine deutlich leichtere Akzeptanz nichtbinärer Geschlechter. Bei cissexuellen Frauen kommen kaum wahrnehmbare männliche Eigenschaften hin und wieder ganz normal vor. Wenn ich diese Eigenschaften an mir selbst beobachte, stellen sie jedoch eine große Belastung für mich dar. Sie beeinflussen mein Passing nicht wesentlich. Dennoch lasse ich sie aufgrund des Leidensdrucks entsprechend behandeln. Durch das Verstehen der Körperdysphorie habe ich erstmals verstanden, warum dies so ist. Ich kann nun außerdem die Probleme von Menschen, die weniger oder gar keine Körperdysphorie empfinden, als genauso valide Geschlechtsdysphorie ansehen wie meine eigene Geschlechtsdysphorie.

All diese Konzepte sind völlig unabhängig davon, ob das Geschlecht eines Menschen binär ist oder nicht. Ein Mensch besitzt unabhängig von seinem Körper genau das Geschlecht, das er zu besitzen angibt. Die Vorstellung, dass alle Menschen, die einen Penis besitzen, Männer sind, ist also schlicht falsch. Es gibt auch Frauen und nichtbinäre Menschen mit Penissen.

Ein weiterer Grundpfeiler von Transfeminismus besteht in der Unterteilung von Sexismus in gegensätzlichen und traditionellen Sexismus:

Der gegensätzliche Sexismus fußt auf der Behauptung, dass es genau zwei Geschlechter gibt: männlich und weiblich. Beide Geschlechter sind ihm zufolge mit einem bestimmten Geschlechtsausdruck verbunden und alle Menschen fühlen sich natürlicherweise sexuell zum jeweils anderen Geschlecht hingezogen. Es wird vorausgesetzt, dass das unbewusste Geschlecht und das bei der Geburt von außen zugeschriebene miteinander übereinstimmen.

Traditioneller Sexismus ist die Ansicht, dass die traditionelle Männlichkeit stets die bessere Wahl ist, wenn die Alternative zwischen männlichen und weiblichen Optionen besteht. Dies kommt durchaus auch in der LGBT-Szene vor. In schwulen Kreisen sind betont männliches Auftreten und “straight acting” beliebt. In lesbischen Kreisen hingegen werden maskuline Geschlechtsausdrücke zelebriert. Dadurch wird klar, warum transsexuelle Frauen als weit größerer Tabubruch wahrgenommen werden als transsexuelle Männer. In der üblichen Sicht der meisten Mitmenschen handelt es sich bei letzteren um Frauen, die den Wunsch haben, Männer zu sein. Diesem Wunsch wird ein gewisses Verständnis gegenübergebracht, weil er als Versuch interpretiert wird, dem starken und natürlicherweise überlegenen Geschlecht anzugehören. Eine transsexuelle Frau hingegen wird im Umkehrschluss als jemand gesehen, der genau das Gegenteil anstrebt. Da dies dem intuitiven Empfinden entgegenläuft, wird es mit Krankhaftigkeit assoziiert. Derartige Pathologisierungen sind leider nichts Neues. Sie sind z. B. schon am Freud’schen Konzept des Penisneids zu sehen.

Als Nebeneffekt ergibt sich, dass zwischen allgemeiner Transphobie und Transmisogynie unterschieden werden muss. Allgemeine Transphobie beruht auf dem gegensätzlichen Sexismus, während Transmisogynie auf beide Formen des Sexismus zurückgeht. Dementsprechend unterscheidet sich die gesellschaftliche Reaktion auch bei nichtbinären Menschen, abhängig davon welches Geschlecht von außen, also letztlich zwangsweise, zugewiesen wird. Im Englischen sind dafür die Begriffe camab und cafab gebräuchlich, die für “coercively assigned male/female at birth” stehen.

Die transfeministische Antwort auf dekonstruktiven Feminismus

Der dekonstruktive Feminismus gibt vor, auf die Bedürfnisse transsexueller Menschen einzugehen. Auf den ersten Blick mag das sogar so wirken. Die Annahme ist, dass der Leidensdruck transsexueller Menschen durch gesellschaftlich konstruierte Geschlechterrollen hervorgerufen wird. Die Auflösung dieser Rollenvorstellungen, mithin das Hauptziel des dekonstruktiven Feminismus, müsste also automatisch auch den Leidensdruck auflösen, den transsexuelle Menschen empfinden.

Diese Behauptung wird allerdings primär von Personen vorgebracht, die selbst nicht angeben, unter Körperdysphorie zu leiden. Fairerweise muss ich anfügen, dass manche angeben, unter Geschlechtsdysphorie zu leiden. Dennoch stellt sich die Frage, inwiefern persönlich nicht Betroffene über einen Leidensdruck urteilen können, der naturgemäß immer an das subjektive Erleben gebunden ist. Ob die Auflösung gesellschaftlicher Geschlechterrollen für transsexuelle Menschen tatsächlich eine Lösung darstellt, kann in letzter Konsequenz nur von diesen selbst entschieden werden.

Gegen die Auflösung von Geschlechterrollen spricht unter anderem, dass sie in der Praxis meist nur weiblich identifizierte Rollen betrifft. Männliche Rollen bleiben in der Regel unangetastet. Implizit unterstützt das die Vorstellung von der Minderwertigkeit weiblicher Rollen. So wird am Ende nur wieder dem traditionellen Sexismus in die Hände gespielt. Der freie, individuelle Selbstausdruck ist erst dann gegeben, wenn Menschen, egal ob trans- oder cissexuell, ob männlich oder weiblich, einem weiblichen Rollenbild folgen können, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob sie dafür angefeindet oder abgewertet werden könnten.

Eine transsexuelle Frau wird im Alltag mit mehr Diskriminierung und Abwertung konfrontiert, als ein crossdressender Mann. Aus meiner Lebensrealität als transsexueller Frau heraus kann ich es nur als absurd ansehen, beide Fälle als äquivalent betrachten zu wollen. Egal, wie gut gemeint und egalitär dieser Ansatz sein mag, er lässt die tatsächliche Situation der Betroffenen außer Acht. Der crossdressende Mann hat andere Schwierigkeiten als die transsexuelle Frau. Beide brauchen individuelle Lösungsansätze für ihre individuellen Lebenslagen, keine radikale one-size-fits-all-Lösung.

Selbst die Existenz nichtbinärer Menschen reibt sich letztlich mit den Strategien des dekonstruktivistischen Feminismus. Vordergründig scheint das Nichtbinäre zwar mit ihm gut zusammenzupassen, jedoch benötigen gerade nichtbinäre Menschen eben nicht einfach nur Änderungen der Sprechpraxis, sondern konkrete medizinische Hilfe bis hin zu chirurgischen Eingriffen. Gerade das lehnt der dekonstruktivistische Feminismus aber ab.

Betrachten wir also tatsächliche Schwierigkeiten aus der Lebenspraxis transsexueller Menschen, so wird deutlich, wie wenig greifbare Verbesserung der dekonstruktivistische Feminismus für uns Betroffene zu bieten hat. Aber es ist nicht nur diese Substanzlosigkeit, die mich ärgert. Generell leidet der dekonstruktivistische Feminismus an einer bevormundenden Haltung. Das betrifft übrigens nicht nur transsexuelle Menschen. Weil es Menschen gibt, die unter der Existenz von Geschlechterrollen leiden, fordert er die Abschaffung nicht nur dieser Rollenbilder, sondern auch der mit ihnen verbundenen Geschlechtsausdrücke. Was aber ist mit denen, die unter der Abwesenheit von Geschlechtsausdrücke leiden würden? Diese Frage ist für binäre transsexuelle Menschen essenziell. Als weiblich oder männlich anerkannt zu werden schließt ganz elementar das Recht ein, sich entsprechend der jeweiligen Geschlechtsausdruckes verhalten zu dürfen. Cissexuelle Menschen, also die große Mehrheit der Gesellschaft, sind ohnehin betroffen. Und sogar manche nichtbinäre Menschen können zu den Betroffenen gehören, wenn bestimmte Aspekte von Geschlechtsausdrücken nach wie vor eine anteilige Bedeutung für sie haben.

All dies zeigt, wie wichtig Geschlechtsausdrücke für die meisten Menschen sind. Diese Bedeutung wird vom dekonstruktivistischen Feminismus jedoch allein auf die manipulatorische Wirkung tief verankerter sozialer Konstrukte zurückgeführt. Das heißt letztlich nichts anderes, als zu behaupten, dass voll zurechnungsfähige Menschen von der Gesellschaft unbemerkt zu Gefühlen und Verhaltensweisen gezwungen werden, obwohl eine öffentliche Debatte zu dem Thema geführt wird, in der all die angeblich manipulatorischen Mechanismen klar benannt werden. Eine solche Unterstellung ist nicht nur abwegig und realitätsfern, sie ist vor allem respektlos.

Das grundlegende Problem des dekonstruktivistischen Feminismus scheint mir zu sein, dass Menschen irrtümlich von sich auf andere zu schließen. Betroffene von Geschlechtsdysphorie, die nicht unter Körperdysphorie leiden, scheinen ihre persönlichen Erfahrungen in einem logischen Fehlschluss auf die Allgemeinheit erweitert zu haben. Das ist nur allzu menschlich und verständlich. Es löst aber nicht die Probleme transsexueller Menschen, weder der binären noch der nichtbinären. Es schafft auch nicht den Sexismus ab. Eher noch erzeugt diese Theorie neue Schwierigkeiten und Ausschlüsse von Menschen.

Wir haben alternative, bessere Konzepte wie den Transfeminismus. Er kann mehr Individualität abbilden und akzeptieren, gleichzeitig aber alle Formen einschließen und zusammenbringen.

Zusammenfassung

Ich habe in diesem Beitrag versucht, die Existenz und Lage nichtbinärer Menschen zu beschreiben. Besonders wichtig war es mir, auf die weitverbreitete Angst einzugehen, die Akzeptanz nichtbinärer Menschen müsse automatisch mit der Annahme dekonstruktivistisch-feministischer Theorien einhergehen. Diese Theorien streben eine gesellschaftliche Realität an, in der viele binäre transsexuelle Menschen sich nicht sehen können und die eine Kostenübernahme geschlechtsangleichender Maßnahmen wesentlich erschweren könnte. Unter diesen Ängsten haben wiederum nichtbinäre Menschen als unschuldige Dritte zu leiden. Das entscheidende Konzept, das ich vorgestellt habe, ist die Körperdysphorie, der wichtigste Punkt hierbei wiederum, dass Körperdysphorie medizinischer Behandlung bedarf. Der Transfeminismus schließlich stellt eine Alternative zu gängigen feministischen Theorien dar, die das Individuum nicht bevormundet, seine medizinischen Bedürfnisse gerade in Bezug auf die Körperdysphorie anerkennt und gleichzeitig so viele individuelle Lagen wie möglich respektiert und anerkennt.

Es ist noch lange nicht alles über transfeministische Theorien gesagt. Wenn ich die Zeit habe und Interesse besteht, werde ich noch andere Themenbereiche vorstellen, insbesondere “Passing”, Stealth und Gatekeeping.