Kritik des “Passings”

In diesem Beitrag möchte ich den Begriff des “Passings” problematisieren. Das Konzept des “Passings” ist im deutschsprachigen Raum nach wie vor verbreitet, während es im englischsprachigen Raum größtenteils durch andere Vorstellungen ersetzt wurde.

Geschlechtszuweisungen und Misgendern

“Passing” ist die Fähigkeit einer transsexuellen Person als das Geschlecht wahrgenommen zu werden, welchem sie tatsächlich zugehört. “Passing” wird als Fähigkeit eines Einzelnen wahrgenommen, nicht als ein Akt eines Beobachters.

Es ist wichtig festzuhalten, dass Geschlechtszuweisung kein passiver Prozess ist. Wenn wir jemanden kennenlernen, benutzen wir eine Vielzahl von Merkmalen, um dieser Person ein Geschlecht zuzuweisen. Meistens ist dieser Prozess völlig unterbewusst. Er kann jedoch auch bewusst werden. Ein paar Monate nachdem ich begonnen hatte Hormone zu nehmen, war meine äußere Erscheinung hinreichend uneindeutig, so dass Menschen nicht ohne weiteres mein Geschlecht feststellen konnten. Man begann mich vermehrt auf der Straße zu grüßen, wohl in der Hoffnung, an meiner Stimme mein Geschlecht erkennen zu können.

“Passing” als Ziel und Körperdysphorie als Alternative

Gerade in der deutschen Szene wird das “Passing” oft als Ziel eines transsexuellen Menschen angesehen. Das heißt, dass man versucht, seinen Körper und sein Erscheinungsbild soweit wie möglich der cissexuellen Präsentation anzupassen und traditionellen Geschlechterrollen zu genügen. Selbst wenn das “Passing” nicht direkt als Ziel angegeben wird, so wohnt es doch dem verbreiteten Modell von Geschlecht inne, das das körperliche Geschlecht (sex) vom sozialen und seelischen Geschlecht (gender) trennt. Es spiegelt sich in Formulierungen wie “biologisch weiblich” wieder, die Weiblichkeit als eine innewohnende Eigenschaft eines cissexuellen Körpers sehen, gegen den der transsexuelle Körper verglichen wird. Ein weiblicher Körper wird in diesem Modell nie erreicht, sondern nur approximiert. Der Wert eines transsexuellen Menschen wird daran bemessen, wie gut diese Approximation gelingt.

Es gibt alternative Modelle von Geschlecht und Transsexualität. Anstatt durch medizinische Eingriffe einem Menschen zum “Passing” zu verhelfen, stellen diese Modelle die Bedürfnisse des transsexuellen Menschen selbst in den Mittelpunkt. Dies geschieht durch den Begriff der Körperdysphorie (body dysphoria), d. h. dem Leidensdruck, der dadurch entsteht, dass der eigene unterbewusste geschlechtliche Körper nicht mit dem physischen geschlechtlichen Körper übereinstimmt. Diese Definition benötigt keine cissexuellen Körper als Referenz und kommt ohne die Aufspaltung von Geist und Körper aus. Die Vorstellung, dass transsexuelle Körper nur eine billige Kopie cissexueller Körper seien, ist nicht länger notwendig. Der Körper einer transsexuellen Frau ist von Beginn an und immer weiblich. Es ist wichtig festzustellen, dass die nötigen medizinischen Eingriffe für die meisten transsexuellen Menschen unter beiden Modellen größtenteils übereinstimmen. Der Unterschied liegt lediglich darin, warum ein bestimmter Eingriff vorgenommen wird.

Das Cispassing-Privileg

Eine Kritik am “Passing” muss darauf eingehen, dass mit der Fähigkeit, wie eine cissexuelle Person auszusehen — cispassing — , gewisse Vorteile verbunden sind. Der augenscheinlichste Vorteil ist, dass jemand, der als cis wahrgenommen wird, kaum befürchten muss, misgegendert zu werden. Wer von anderen unterbewusst als cissexuell wahrgenommen wird, erhält alle Vorteile, die einer cissexuellen Person üblicherweise zu Teil werden. Dazu gehört zum Beispiel die Möglichkeit, eine öffentliche Toilette zu benutzen, ohne Aufsehen zu erregen. Vorurteile der allgemeinen Bevölkerung gegen transsexuelle Menschen richten sich größtenteils gegen nicht als cis passende, transsexuelle Frauen. Cispassende Menschen können durch ihre Fähigkeit, nicht als trans erkennbar zu sein, Gewalt, Belästigung und Diskriminierung ausweichen. Ein Cispassing aus diesen Gründen anzustreben, ist nicht unvernünftig. Wichtig ist jedoch, nicht den Zweck mit den Mitteln zu verwechseln.

Negative Auswirkungen auf cispassende Menschen

Die Fokussierung auf “Passing” hat eine Vielzahl negativer Auswirkungen. Für Personen, die als cissexuell wahrgenommen werden, ist als erstes die Vernachlässigung der eigenen Dysphorie zu nennen. Da man ja “passt” sind weitere medizinische Eingriffe nicht nötig. Dies ist nicht richtig. Der Leidensdruck bei Transsexualität wird durch Dysphorie ausgelöst, nicht durch eine objektiv bestimmbare Optik. Den eigenen Körper mit dem cissexueller Menschen zu vergleichen ist bedeutungslos für das eigene Leid. Wichtig ist, ob ein bestimmtes geschlechtliches Körpermerkmal dem Menschen selbst Leid verschafft oder nicht.

Darüberhinaus werden viele Formen cissexistischer Diskriminierung und Gewalt als eigenes Versagen angesehen. Nicht die cissexistische Person wird verantwortlich gemacht, sondern das Fehlen des eigenen “Passings”. Dies führt gerade bei üblicherweise cispassenden Menschen zu schweren Krisen. Da durch diesen Mechanismus die cissexistische Gewalt gerechtfertig werden kann, führt dies zu einer Internalisierung von Transphobie und Transmisogynie. Die Idee, dass transsexuelle Menschen und insbesondere transsexuelle Frauen weniger wert seien als cissexuelle Menschen wird so verinnerlicht und als wahr angesehen.

Negative Auswirkungen auf nicht cispassende Menschen

Noch viel schlimmer als bei cispassenden Menschen ist der Effekt bei nicht cispassenden Menschen. Zu der oben genannten Internalisierung von Transphobie kommt noch der Hass der eigenen Szene dazu. Ich habe des Häufigeren gesehen, dass nicht cispassenden transsexuellen Frauen gesagt wurde, dass sie an den Vorurteilen gegenüber transsexuellen Menschen Schuld seien. Anstatt nicht cispassende Menschen als den schwächsten Teil unserer Szene zu sehen, der unseres Schutzes und unserer Solidarität bedarf, wird so auf diejenigen eingetreten, die bereits am Boden liegen.

Oft wird fehlendes Cispassing als ausreichender Grund angesehen, über die Transsexualität einer anderen Person zu reden und diese bekannt zu machen, völlig unabhängig davon, ob diese Menschen das selbst so möchten. Unter dem Vorwand des fehlenden “Passings” nimmt man so Menschen die Möglichkeit, ihre Geschichte selbst zu bestimmen und selbst zu entscheiden, in welchen Kreisen über ihre Transsexualität gesprochen wird.

Negative Auswirkung auf nichtbinäre Menschen

Nichtbinäre Menschen haben kein cissexuelles Referenzgeschlecht. Wer “Passing” als das Ziel transsexueller Menschen ansieht, muss nichtbinäre Geschlechter folglich automatisch ausschließen. Dies geschieht häufig dadurch, dass diesen ihr körperliches Leid völlig abgesprochen wird. Darüberhinaus werden sie oft nicht als Teil der transsexuellen Community aufgefasst. Oft werden ihnen ähnliche Vorwürfe gemacht wie nicht cispassenden binär transsexuellen Menschen. Die Akzeptanz nichtbinärer Geschlechter ist in einer Community, die nur auf “Passing” wert legt, nicht möglich. Mit eine Fokussierung auf die Körperdysphorie anstelle des “Passing” können nichtbinäre Geschlechter dagegen als Bereicherung unserer Szene gesehen werden, und stellen gleichzeitig die Existenz binärer Geschlechter nicht in Frage.