Transmisogynie

Über den Hass auf Weiblichkeit, Transsexualität und transsexuelle Frauen.

In meinem letzten Beitrag habe ich über die Akzeptanz nichtbinärer Geschlechter im Rahmen transfeministischer Theorien beschrieben. Hier möchte mich einem Kernthema des Transfeminismus widmen, der systematischen Abwertung transexueller Frauen. Darüberhinaus werde ich aufzeigen, wie diese mit einer generellen Abwertung von Weiblichkeit einhergeht. Die Ideen beruhen wieder auf Julia Seranos Philosophie und sind mit meinen eigenen Gedanken erweitert. Da ich in meinem letzten Artikel bereits auf dekonstruktiven Feminismus und die damit verbundenen Problematik eingegangen bin, werde ich mich hier auf den Essentialismus konzentrieren.

Sexismus und Cissexismus

Transsexuelle Frauen werden durch zwei verschiedene oppressive Ideologien unterdrückt. Auf der einen Seite steht der (klassische) Sexismus, der maskuline Geschlechter, Körper, Verhalten und Rollen als generell besser, stärker und authentischer ansieht als feminine. Ein Beispiel ist die schlechtere Bezahlung von Berufen, die als weiblich gesehen werden. Die andere Ideologie ist der sogenannte Cissexismus, der cissexuelle Menschen, deren Geschlechter, Körper und Erfahrungen als authentischer wahrnimmt als transsexuelle Menschen. Ein Beispiel ist die deutlich höhere Arbeitslosigkeit transsexueller Menschen, um bei dem Thema Arbeitswelt zu bleiben.

Dies zeigt, dass transsexuelle Frauen in einer Überschneidung zweier Problemfelder liegen. Intersektionalismus beschäftigt sich mit solchen Formen von Überlappung. Ein wesentlicher Punkt des Intersektionalismus ist, dass eine solche Überschneidung sich nicht einfach addiert, sondern komplex miteinander interagiert. Weiter wissen wir durch die Arbeit des Intersektionalismus, dass es nicht unbedingt immer möglich ist, eine bestimmte diskriminierende Erfahrung klar einer einzigen Ursache zuzuordnen.

Stereotype

Von wenigen modernen Ausnahmen abgesehen, werden transsexuelle Frauen in den Medien äußerst negativ dargestellt. Selbst versucht positive Darstellungen dienen oft lediglich dazu, transsexuelle Körper als konstruiert und transsexuelle Geschlechter als unecht zu zeichnen. An dieser Stelle sei auf diese vorzügliche, systematische Erfassung transsexueller Frauen im Fernsehen verwiesen, in der man Beispiele für alle der folgenden Stereotype finden kann.

Es gibt zwei wesentlich verschiedene negative stereotypische Darstellungen von transsexuellen Frauen. In der ersten werden sie häufig durch cissexuelle Männer verkörpert und als Witzfigur gesehen. Ihre Weiblichkeit wird übertrieben und stereotypisiert. So wird eine solche Figur üblicherweise mit extremen Makeup gezeigt, das ihren Bartschatten jedoch nur unzureichend überdeckt. Die Idee, dass ein Mann an ihnen Interesse zeigen könnte wird als amüsant dargestellt. Selbst die Figur selber scheint keinerlei Probleme damit zu haben, dass ihre Weiblichkeit als bloßer Witz wahrgenommen wird. Ein gutes Beispiel hier ist die Folge S08E18 “Quagmire’s Dad” aus Family Guy. Die gesamte Episode werden männliche Pronomen für die als transexuelle Frau dargestellte Ida verwendet. Die Idee, dass der betrunkene Brian mit Ida Sex hatte, wird als komisch dargestellt. Als Brian erfährt, dass Ida transsexuell ist, kotzt er für 29 ununterbrochene Sekunden.

Das zweite negative Stereotyp ist die Darstellung transsexueller Frauen als Betrügerinnen, die unter Vorspielung falscher Tatsachen Männer verführen. Diese Rollen werden üblicherweise von cissexuellen Frauen gespielt. Sie stellen häufig einen Gegenspieler dar, den es zu enttarnen und zu überwinden gilt. Ein sehr gutes Beispiel hier ist die Navy CIS Episode S01E19 “Dead man talking”. Die Mörderin in dieser Folge ist motiviert einzig dadurch ihre Transsexualität geheimzuhalten. Sie täuscht ihren Tod vor und geht dabei über Leichen.

Selbst versucht positive Darstellungen von transsexuellen Frauen sind oft transmisogyn. Als Beispiel hier sei “The Danish Girl” erwähnt. Der Film portraitiert Lili Elbe, eine der ersten Frauen, die eine geschlechtsangleichenden Operation hatte. Die Rolle wird dabei, anstelle von einer transsexuellen Schauspielerin von einem cissexuellen Schauspieler verkörpert. Der Film behandelt ausschließlich die Transition. Es wird kein Wert darauf gelegt, Lili als Menschen vorzustellen. Lili’s Passing wird in den Vordergrund gestellt, also ihre Fähigkeit von anderen als weiblich wahrgenommen zu werden. Die Tatsache, dass die Meinung anderer zu ihrer Weiblichkeit keine Rolle spielt wird dabei ignoriert. Durch eine Fokussierung auf Make-Up-Szenen wird Lilis Geschlecht als künstlich dargestellt. Der Film endet mit dem Tod Lili Elbes durch Komplikationen der Operation. In anderen Worten, Lili Elbe konnte “echte” Weiblichkeit eben nicht erreichen und der Versuch diese zu konstruieren tötete sie.

Vergleicht man diese Darstellung transsexueller Frauen mit der transsexueller Männer so fallen einige wesentliche Unterschiede auf. Transsexuelle Männer werden praktisch nie als negatives Stereotyp gezeigt, was ihre Präsenz in den Medien deutlisch schmälert. Cissexistische Sichtweisen dominieren zwar auch hier, sie können aber nicht mehr mit sexistischen Ideen gepaart werden. So wird in Boys don’t cry zwar ebenfalls der transsexuelle Brandon Teena von einer cissexuellen Schauspielerin verkörpert, sein Geschlecht aber niemals als unnatürlich bezeichnet. Zumindest Brandons Partnerin fühlt sich weder hintergangen noch ist sie von Brandons Transsexualität angeekelt. Brandon wird nicht als Lügner dargestellt, sein Wunsch, seinen Transstatus privat zu halten, wird als vernünftig gesehen. Natürlich endet der Film damit, dass Brandon für seine Transsexualität getötet wird, um dem cissexuellen Publikum wieder vorzuführen, dass Transsexualität per se tragisch sei. Man sieht an diesen Beispielen sehr gut den Unterschied zwischen bloßer Transphobie, die alleine in Cissexismus begründet liegt, und Transmisogynie, die neben den cissexitischen Erzählfiguren noch sexistische Töne besitzt und so deutlich bößartiger daherkommt.

Um diesen Abschnitt nicht völlig ohne gute Beispiele zu beenden, sei hier noch auf Sense8 hingewiesen. Die Serie hat eine transsexuelle Figur, Nomi, die auch tatsächlich von einer transsexuellen Schauspielerin gespielt wird. Nomi wird als Mensch mit klar ausgearbeiteten Charaktereigenschaften dargestellt. Ihre Transsexualität spielt dabei eine untergeordnete Rolle, ohne als irrelevant abgetan zu werden.

Essentialismus

Die Grundidee des Essentialismus ist, dass der Körper die Realität formt und psychologische und soziale Realitäten lediglich “Spinnereien” sind. Essentialistische Rechtfertigungen von Sexismus weisen üblicherweise daraufhin, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen rein biologisch und evolutionär bedingt seien und dass eine Benachteiligung von Frauen aus diesem Grund gesellschaftlich wünschenswert sei. Eine Unterteilung der Menschheit in Männer und Frauen wird dabei als selbstverständlich gesehen, jede Abweichung von dieser, als natürlich wahrgenommenen Unterteilung, wird als krankhaft angesehen.

Da transsexuelle Menschen ihr Geschlecht als selbst definiert bezeichnen, widersprechen sie essentialistischen Gendankengängen durch ihre bloße Existenz. Da in ihrer sexistischen Gedankenwelt Männer und Testosteron als stark und positiv besetzt sind, werden transsexuelle Männer von essentialistischen Sexisten als Frauen gesehen, die etwas von dieser Positivität abhaben möchten. Dies scheint einem Essentialisten als normales gesundes Verhalten. Transsexuelle Frauen hingehen widersprechen diesen Ideen auf eine noch deutlich grundlegendere Weise: Sie widersprechen sowohl dem als unumstößlichen gesehenen biologischen Diktat ihres bei der Geburt zugewiesenen Geschlechtes, als auch der Idee das Maskulinität per se besser, vernünftiger und begehrenswerter ist. Eine transsexuelle Frau stellt den Sexisten daher vor einen unauflöslichen Widerspruch: Entweder ist Geschlecht nicht durch Biologie bestimmt oder Weiblichkeit nicht per se irrational. Eine Auflösung dieses Widerspruches kann nur erfolgen, indem man transsexuellen Frauen ihre Menschlichkeit abspricht und sie als psychisch krank bezeichnet.

Es ist wichtig zu sehen, dass diese essentialistischen Ideen selten in einer solchen Reinform wie im letzten Absatz beschrieben vorkommen. Häufig sind essentialistische Gedanken lediglich unbewusst in ihrer Art und Weise, wie sie den Umgang mit transsexuellen Menschen färben. Als unbewusste Vorurteile sind sie auch bei LGB, als internalisierte Transphobie selbst bei transsexuellen Menschen selbst vertreten. Ein äußerst schwieriges Beispiel stellen “schlechte Verbündete” dar. Sie geben vor (und sind selbst davon überzeugt), dass sie transsexuelle Menschen respektieren. Sie lassen aber durchblicken, dass sie unterbewusst transsexuelle Menschen lediglich als ihr bei Geburt zugewiesenes Geschlecht betrachten. Eine schöne Sammlung von Dingen, die schlechte Verbündete so von sich geben und warum diese problematisch sind, findet sich in diesem Comic.

Die Trennung von “Sex” und “Gender”

Nun zu einer Problematik, die im deutschsprachigen Raum äußerst kontrovers ist und selbst im internationalen Bereich sich erst langsam durchsetzt: Die Idee, dass die Trennung von Geschlecht in “Sex” und “Gender” per se schädlich ist. Um kurz zusammenzufassen, die grundlegende Idee hier ist, dass es einen Unterschied zwischen körperlichen Geschlecht “sex” und psychischen Geschlecht “gender” gäbe. Dies führt zu Formulierungen wie “transsexuelle Menschen sind im falschen Körper geboren”. Auch wenn dies eine Auflösung der essentialistischen cissexistischen Idee ist, das der Körper das Geschlecht bestimmt, so gibt es der Grundidee des Cissexismus, die Transsexualität als unecht sieht immer noch Raum. Wenn der Körper einer transsexuellen Frau als falsch bezeichnet wird, so wird immer noch der cissexuelle Körper als authentischer dargestellt. Dadurch wird eine transsexuelle Frau nie echte Weiblichkeit erreichen können, da diese ja nur in einem cissexuellen Körper auftritt.

Eine deutlich radikalere Sichtweise gibt die Trennung zwischen körperlichen und geistigem Geschlecht entgültig auf. Ich bin eine Frau, ich war schon immer eine Frau. Mein Körper war daher der Definition nach schon immer weiblich. Körperdysphorie machte für mich einige medizinische Interventionen unausweichlich, diese dienten aber nicht dazu, meinen Körper weiblicher zu gestalten, sondern waren lediglich Rekonstruktionen eines Körpers, der zu jedem Zeitpunkt weiblich war. Mein Körper ist nicht falsch und völlig authentisch weiblich und begehrenswert als weiblicher Körper. Transsexualität tut dem keinen Abbruch, macht nichts falsch oder unecht.