Es ist wie es ist

Deutschland hat gewählt. Es gibt keinen Grund zum Heulen. Aber viele gute Gründe, sich mehr mit der Politik unseres Landes zu befassen.

Die Bundestagswahl ist vorbei. Die einen sind ernüchtert. Die anderen sind erfreut. Wieder andere sind enttäuscht, was insgesamt eine ziemlich gute Sache ist, weil eine offensichtliche Täuschung nun endlich weg ist. Deutschland hat gewählt. Wir haben gewählt. Wir haben ein Ergebnis. Wir haben Klarheit. Und absolut nichts daran war nicht irgendwie vorhersagbar gewesen.

Berliner Runde zur Bundestagswahl 2017, Quelle: ZDF

Mit der Politik verhält es sich vielleicht ein bisschen so wie mit dem Zähneputzen. Wenn man sich nicht darum kümmert, wird’s braun. Man muss sich jetzt am Einzug der AfD in den Bundestag nicht die Hirnrinde fransig diskutieren oder alles zu Tode analysieren. Sie ist da, leider. So deal with it. Meine Hoffnung: So, wie es nach dem Brexit zu einer zunehmenden Begeisterung für Europa kam könnte es nach dieser Wahl zu einer zunehmenden positiven Auseinandersetzung mit der Politik in unserem Land kommen. Besonders den sogenannten Protestwählern wünsche ich in den nächsten Jahren genügend Zeit und genügend verbliebenen Restverstand, sich mit dem, was die sogenannte Alternative an „Themen“ einbringen wird auseinander zu setzen.

Eines hat mich im direkten Nachgang dieser Wahl jedoch besonders angepisst. Als am Abend, nachdem ein Großteil der Stimmen bereits ausgezählt war, die Spitzenpolitiker der Parteien in der Elefantenrunde zusammensaßen und sich weitestgehend nur an dem hohen Ergebnis der AfD abredeten dachte ich mir: genau! Genau diese Art von Geplänkel hat in den vergangenen Jahren das politische Vertrauen verspielt. Genau diese jovialen Gesten politischer Eindimensioniertheit hat viele Wähler in das Lager der Rechtspopulisten getrieben. Eine gefährliche Tendenz lässt sich schon jetzt erkennen: dass nämlich alles, was die AfD sagt kategorisch abgeschmettert wird. Dass an Symptomen herumlaboriert wird, anstatt die Ursachen zu benennen. Aber sicher ist es noch zu früh, bereits jetzt ein Fazit zu ziehen und zu sagen: alles wie gehabt. Warten wir also ab.

AfD ist die Abkürzung für „Angst für Deutschland“

Keine andere Partei schafft es, die Ängste der Menschen in diesem Land so sehr zu kanalisieren und für ihre Zwecke zu mißbrauchen, wie die AfD. Es mögen viele sein, die dieser Partei ihre Stimme gegeben haben. Aber es ist eben bei weitem nicht die Mehrheit. Was jetzt nicht passieren darf ist, diesen verlorenen Wählern mit populistischem Aktionismus hinterherzufischen. Wenn man es dumm anstellt und sich anbiedert, dann treibt man die rote Linie des Rassismus immer weiter in die gesellschaftliche Mitte. Die CSU mit ihren als Heimatliebe getarnten ausländerfeindlichen Ressentiments sei ein Beispiel. Das ist brandgefährlich. Wenn man es aber klug anstellt, kann man davon profitieren. Man sollte also genau hinhören, auch wenn einem dabei die Ohren bluten, was über die Stimmen dieser Partei auf’s politische Tablett gelangt.

Ich bin in den Tagen vor der Wahl die Kandidatenlisten meines Landkreises ernsthaft durchgegangen. Ich durchforstete die Wahlprogramme der Parteien, die Facebook-Profile der Abgeordneten, die ich nach Berlin schicken sollte und war mit meinem Gefühl sicherlich nicht alleine, dass die meisten dieser Abgeordneten mit schwammigen Allerleiargumenten um den heißen Brei redeten. In der Regel waren es politische Wischiwaschi-Statements wie im Profil einer SPD-Abgeordneten: „Ich bin gegen Ungerechtigkeit.“

Ja meine Güte, wer ist denn bitteschön nicht gegen Ungerechtigkeit? Ich bin auch gegen Ungerechtigkeit und gegen harten Stuhlgang und dagegen, dass es im Winter so kalt ist. Jeder einigermaßen strukturierte Vielzeller mit Bewusstsein sollte gewisse Grundpinzipien dieses Daseins verinnerlicht haben. Was sind denn das für Aussagen?

Die AfD hat mit ihren Scheisshausparolen vielen Menschen ein Gefühl für klare politische Statements gegeben. Ob diese Statements sinnvoll oder überhaupt irgendwie erfüllbar sind, steht auf einem anderen Blatt (Spoiler: Sie sind es fast ausnahmslos nicht.)

Frage: Warum war Martin Schulz in der Berliner Runde vom Wochenende plötzlich irgendwie sympathisch? Weil er angepisst war. Weil er menschlich war und nachvollziehbar reagiert hat. Weil er endlich das politische Schönschön hat fallen lassen. Bedauerlicherweise erst nach der Wahl. Genau das ist es, was meiner Meinung nach vielen in der Politik am meisten fehlt.

Es wird Zeit für eine neue Aufrichtigkeit. Nicht nur von denen „dort oben“ in Berlin, sondern besonders von uns selbst, die wir jeden Tag kleine politische Entscheidungen treffen, indem wir Dinge zulassen oder sie ablehnen. Und wir müssen jetzt damit beginnen. Wir müssen den Stimmen der ideologischen Hasardeure und geistigen Brandstifter unsere Stimmen entgegensetzen. Denn dass die, die mit den Angstfantasien der vermeintlich Abgeschlagenen eine Politik betreiben, deren Gift des Ressentiments auf Jahrzehnte hinaus unsere offene Gesellschaft verpesten wird, darauf habe ich einfach keinen Bock.

Wir sollten uns nicht ausschließlich darüber definieren, wie wir nicht sein wollen und den Rechtspopulisten durch weitere Zustimmung ein politisches Fundament in dieser Gesellschaft bauen. Wir müssen unsere Ansichten einer freien, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft richtig geil finden und wir müssen fürchterlich laut dabei sein, menschlich und angreifbar und vielleicht auch manchmal naiv, wenn wir ausdrücken wollen, was uns an dieser Gesellschaft gefällt.

Diese Bundestagswahl hat vor allem gezeigt, dass es mit einem halbwegs gesunden Menschenverstand nicht mehr länger möglich ist, einfach die Klappe zu halten. Stellt eure Meinungen zur Diskussion, inspiriert, regt andere zum Nachdenken an. Fangt selbst mit dem Nachdenken an, weil es einige dringende Probleme gibt, die gelöst werden müssen. Redet mit denen, deren Meinung ihr noch nicht kennt. Macht Krach! Hört die Protestwähler an, denn sie hatten auch einen für sie vollkommen legitimen Grund sich so zu entscheiden. Werdet mehr politisch. Und nicht vergessen:

Niemand begeht einen größeren Fehler als der, der nichts tut, weil er nur wenig tun kann.

Vier sehr scharfsinnige und so was von wichtige Artikel zum Thema. Lesebefehl!

„Unsere Studien zeigen: AfD-Wähler kommen aus allen sozialen Schichten. Die untere Schicht fällt dabei nicht sehr stark ins Gewicht. Stattdessen wird die AfD von Menschen unterstützt, die ein bestimmtes gesellschaftliches Ideal ablehnen, das wir in der Forschung kosmopolitisch nennen: Dass Menschen in einer Welt ohne Grenzen leben, dass wir bei Bedürftigkeit helfen, egal wo, dass wir unterschiedliche Lebensentwürfe anerkennen (..) Ihre Unterstützer sind also nicht wirtschaftlich, sondern kulturell abgehängt von einer für sie falschen Entwicklung. Sie wollen eine andere Form der Gesellschaft.“

„Diese Wahl ist ein Signal, aber ein anderes als das, das die Apokalyptiker meinen. Es muss Schluss sein mit dem Versuch, diese irrationale Wut zu bändigen, indem man ihr recht gibt. Wer die AfD bremsen will, der muss die Menschen zum Wählen bringen, die das bisher nicht getan haben. Zu ihnen gehören Geringverdiener, Deutsche mit Migrationshintergrund, aber auch Angehörige der Mittelschicht und Akademiker, die bei keiner Partei eine Perspektive erkennen können — weil die zwar jede Menge technischer Vorschläge haben, aber kein klares Bild von einer wirklich gerechten Gesellschaft zeichnen.“

„Ich möchte nicht ertragen müssen, dass Rassismus wieder salonfähig wird. Ich weiß, dass er es schon längst geworden ist. Ich weiß, dass man als äußerlich Deutscher davon kaum etwas spürt, den Kopf über einen Gauland schüttelt und den Fernseher abstellt, abharkt, weiter macht. Ich weiß aber auch, wozu das führt.“

Für viele ärmere Erstwähler erscheint die Bundestagswahl wie ein Gang zum Arzt wegen Geschlechtskrankheiten: Vernünftig — aber auch komisch, fast peinlich. Ein Grund dafür: Nichtwählen ist ansteckend.

Dieser Artikel wurde auch auf HIMMELENDE veröffentlicht.