Alltag

In Abteilung für innere Angelegenheiten. More on Medium.

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„Wir sind, vielleicht einzigartig unter den Kreaturen dieser Erde, das besorgte Tier. Wir verbringen unser Leben mit Sorgen, voller Angst vor der Zukunft, unzufrieden mit der Gegenwart, unfähig den Tod zu begreifen, unfähig still zu sitzen.“ — Lewis Thomas

Die meisten Sprachwissenschaftler sind sich darin einig, dass der englischen Sprache richtig übel wurde, als sie nach Nordamerika einwanderte. Und als das Englische schließlich Texas erreichte, ist es dort gestorben.

Es ist Juni und eine gewisse Fickrigkeit liegt in der Luft. Sex und Fortpflanzung nehmen jetzt einen großen Teil unsere Zeit in Anspruch — nicht so sehr das praktische Handeln, aber das denken darüber. …


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Photo by Tommy on Unsplash

09.11.17, Donnerstag
Alle Raucher im Haus und auch im Haus gegenüber gehen nochmal rauchen, gehen raus auf ihre jeweiligen Balkone, bevor sie in’s Bett gehen. Es ist zehn vor elf Uhr, es ist November und draussen hat sich die Temperatur unter einem gewissen Punkt eingependelt, an dem man sich das Rauchen locker abgewöhnen könnte, wäre da nicht die Sucht und die Routine, das Kleinbeigeben und der Kick und auch die eineinhalb Oktaven tiefergelegte Stimme, alles nur vom Rauchen, wie albern.

Luftkurort, aber in einem ironischen Kontext

Wirklich jede Partei in unserem Sechsparteienhaus raucht und das ist alles in allem ein besonders ironischer Zustand, wenn man bedenkt, dass wir am Ammersee in einem Luftkurort wohnen. Wie die Figuren des Glockenspiels am Marienplatz treten sie in höflicher Regelmäßigkeit auf ihre Balkone; das synchrone Klicken der Feuerzeuge in der Nacht, das synchrone Husten, der synchrone Auswurf, eine eigentümliche Choreografie. …


Photo by Marielle Amelie

23.11.17, Donnerstag

„Metakognition. Das ist interessant, dass sie das machen. Passiert ihnen das nur hier?“ Frau R. liefert heute bereits sehr früh mein Wort des Tages. Nach der Therapie sitze ich in Pasing, Café Brioche Dorée mit Cappuccino und Croissant und mit Stift und Papier an einem kippeligen Tisch, auf einem kippeligen Stuhl. Selbst das Tablett, auf dem der Kaffee und das Gebäck steht kippelt. Frühe Instabilität. Frau R. und ich haben uns darauf geeinigt, unsere Gespräche nur noch alle drei Wochen stattfinden zu lassen. Ich sitze draussen, es ist windstill und kalt. Die müde Novembersonne steht tief, sie wirft gnädig noch ein paar Strahlen herunter, bevor sie sich gleich hinter dem nächsten hohen Gebäude verstecken wird. …


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Nach zwei Monaten zum ersten mal wieder in die Stadt gefahren. Sie ist immer noch da, mit ihren Verlockungen, ihren Appellen für schlechte Gewohnheiten. Sie ist immer noch da, natürlich. Hat all die Nächte über gewartet.

Ich bin auf dem Weg in die Arbeit. Nach zwei Monaten, das erste Mal wieder Innenstadt. Und ich rieche die Stadt wirklich. Nicht die Abgase oder Parfums, den Staub oder den Dreck. Ich rieche seit langer Zeit wieder ihren eigenen Geruch. Ein so eigener, tief versteckter Geruch, wie der Geruch der eigenen Wohnung oder des Elternhauses tief versteckt ist und nur zum Vorschein kommt, wenn man lange genug fort war. Lange genug, damit sich die Fremde zur Heimat entwickelt und die Heimat zur Fremde. Und dann kommt man wieder zurück. …


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Es gibt wenig beruhigendere Dinge als das frühe Feinstaubnirvana an der Ungererstrasse morgens um 8, wenn man den Burn-Out Visagen in ihren unvernünftigen Mittelklassefahrzeugen beim im Stau stehen zusehen kann.

Eine Ameisenstrasse, die parallel zur Ungererstrasse kunstvoll ein Konglomerat aus Steinen und Dreck umläuft; energiegeladene High-Performer auf dem Weg zur Arbeit, die aus der U-Bahn strömen, mit ihrem guten Morgen-Camouflage Selbstsicherheit und Parfum in rauen Mengen versprühen, sodass die umliegenden Blumen welk werden.

Vorherrschendes Gefühl nach einer zerstückelten Nacht: Abgeschlagenheit. Trinke ein Mischgetränk aus fettarmer Milch und aufgebrühtem Röstkaffee, 1,5% Fett im Milchanteil, mit einem breiten Spektrum zweifelhafter Inhaltsstoffe (Verzehrempfehlung schaumig schütteln und kühl genießen), es war halt gut & günstig. …


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06.05.17, Samstag, immer noch Berlin

Der 106er zur Seestrasse, das Mehlstübchen gegenüber, das beiläufige Passieren von Menschen, Zweitakterknattern, Vogelgeträllere, Beobachtungen aus dem zweiten Stock, Leberstrasse 25, die Fenster zum Lüften geöffnet, das Kind rasselt konzentriert auf der Matratze, die Frau ist im Bad, ich trinke den ersten Morgenkaffee und genieße die ersten Morgengedanken, die bei dieser Routine so herauspurzeln. Nach einem einigermaßen anstrengenden Hochzeitstag einer Freundin nun endlich Entspannung. Müdigkeit lässt uns die Knochen klingen.

Morgen fahren wir zurück nach München.

Die Anreise am Tag vor der Hochzeit war eine Tour de Force, zwanzig Minuten hinter der Stadtgrenze: Vollsperrung. (Auch so ein deutsches Wort.) Die folgenden zwei Stunden: gemeinsames Verharren auf bundesdeutscher Asphaltlandschaft. Eine halbe Stunde nach Staubeginn verließen die Menschen ihre Fahrzeuge, irrten mit rudernden Armbewegungen auf und ab oder schritten zwangsentschleunigt durch die Rettungsgasse, während großvolumige Autogeschosse auf der Gegenfahrbahn die Luft maximalverdrängend vor sich her trieben. Eine Mutter saß mit ihrem Kind auf der Standspur, hinter den großen LKWs im Schatten ihrer Planen und alles war kristallen und starr. …


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Man darf festhalten: in den beiden Wochen Ende September fallen peinliche Junggesellenabschiede in München nicht so auf. München an sich ist dann ein einziger Junggesellenabschied.

07:22 Uhr an einem Montagmorgen im monotonen Grundrauschen der U-Bahn kann durchaus eine Zeit sein die einem peinliche Gesten verzeiht; bei der man noch nicht so richtig kapiert wie der Hase läuft. Viehisches Geradeausstarren, während sich Gedanken um die Vorstellung an ein anderes Leben kräuseln.

“In München gibt es Gschaftler und Grantler. Und dazwischen ein paar Menschen die versuchen, irgendwie klar zu kommen.” — Claudia

Es ist Wiesnzeit, quasi das Passafest für alle Säufer. Das bedeutet, bereits morgens schon vehemente Vermeidungsversuche entsprechender Ausdünstungen der Mitmenschen in der U-Bahn. Dem Einatmen der Ausdünstungen anderer wird mit einem synchronen Rhythmus konzentriert entgegengewirkt: einatmen, während die anderen auch einatmen. …

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Abteilung für innere Angelegenheiten

Worte fürs Leben. Gelegentlich guter Rat. Häufig Idiotie.

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