Einen Espresso und das WLAN-Passwort, bitte

Dass ich diesen Blogeintrag schreibe ist nicht selbstverständlich. Und nein, mein Problem ist keine Schreibblockade, nein, mein Problem ist grundlegender, existenzieller Natur: Ich habe kein Internet.

Warum das so ist, will ich hier gar nicht länger ausführen. Die Geschichte fängt irgendwo mit hoffnungslosen Technikerterminen und verlorenen Kellerschlüsseln an und hört damit auf, dass ich für mehrere große Telefonanbieter als Kundin nicht mehr in Frage komme.

Vor sechs Jahren, als ich wie jeder Berlin-Anfänger wohntechnisch erstmal am Hermannplatz gelandet bin, waren das Macbook und ich überall gerne gesehen. Nun sind der Akazienkiez und Kreuzkölln jedoch sehr verschieden. Was hier die Kinderwägen sind, sind dort die Laptops. Entsprechend ist öffentliches WLAN in unserer Gegend (noch) rar gesät. Aber ich habe gute Orte gefunden. Deshalb mein Guide:

Gasthaus Gottlob

Direkt an der Apostel-Paulus Kirche in der Akazienstraße. Absolut guter Kaffee und schnelles WLAN. Samstags und Sonntags aber leider völlig aussichtslos einen Platz zu bekommen. Wenn man am Wochenende zu Brunchzeiten doch einen Tisch ergattert und diesen dann alleine mit Laptop belegt, dann geht dies nur mit großen Schamgefühlen dem Personal und allen anderen Gästen gegenüber, egal wie viele Americanos man bestellt. Komischerweise ist stundenlanges Zeitungslesen hier viel mehr akzeptiert als hippe Blogeinträge zu verfassen.

Hier und auch grundsätzlich gilt aber: Trinkgeld macht einiges wett. Ich habe schon so manches Mal meine Kaffees bezahlt, bevor sie getrunken waren, um die Kellner auf meine Seite zu ziehen und ich bin auch nicht geizig: Mir ist wohl bewusst, dass ich monatlich mindestens 30 Euro spare, die ich nicht in den miserablen Kundenservice von O2 investieren muss.

Akazienstraße 17 // Montag bis Donnerstag: 9 bis 1 Uhr, Freitag & Samstag: 9 bis 2 Uhr, Sonntag: 10 bis 1 Uhr


Café Deer

Mit reinem Gewissen und ohne Schuldgefühle kann ich mein Laptop hier aufklappen: „Deer“ (auch an der Kirche, aber in der Apostel-Paulus-Straße). Nette Menschen, guter Kaffee und die aktuelle Gala. Einziges Manko: Schließt früh. Für späte, angetrunkene Facebook Nachrichten an verflossene Liebschaften, mit denen man es dann nach dem zweiten Glas Pinot Noir doch noch mal versuchen will, und sei es für eine Nacht, ist das “Deer” also nicht die richtige Adresse. Für alles andere aber schon.

Merseburgstraße 8 //Öffnungszeiten abends je nach Betrieb, unter der Woche geht es morgens aber immer schon um 8 Uhr los


Café Bilderbuch

Es könnte so schön sein, direkt bei mir gegenüber mit große Auswahl an Sahnetorten: Das Café Bilderbuch. Leider kommen WLAN und ich hier nicht mehr zusammen. Ja, ja, Bel Etage im ersten Stock des Cafés, bis dahin reicht die Verbindung aber nicht. Ich hatte mich da irgendwann mal mit Hotspot-Blödsinn angemeldet: Name, Adresse, Familienstand, Lieblingsfarbe, Passwort. Passwort dann natürlich umgehend vergessen. Immer dasselbe mit Passwörtern, im Moment des Ausdenkens erscheinen sie völlig plausibel und leicht zu merken, so wie: Passwort? Ah, wie wäre „Milchkaffee“, weil ich doch hier immer Milchkaffee bestelle, dann erinnere ich mich da doch in jedem Fall wieder dran, wenn ich das nächste mal wieder hier bin. — Oh Extrazeichen und Zahl, na dann „Milch123kaffee$“ weil der Milchkaffee teuer ist und ich nicht mehr als drei trinken sollte. Alles total einleuchtend und sinnvoll. Ich muss euch nicht erklären, dass das nicht funktioniert.

Einmal Passwort vergessen, kann man sich ein neues zuschicken lassen, wohin? Ah ja, an die Mailadresse. Ich muss euch nicht erklären, dass Mails abrufen ohne Internetverbindung nicht funktioniert.

Akazienstraße 28 // Montag bis Sonntag: 9 bis 23 Uhr // www.cafe-bilderbuch.de


To beef or not to beef

Und zu guter letzt eine Erwähnung, die mir neulich nachts den Arsch gerettet hat. Nie im Leben hätte ich hier mit WLAN-Freundlichkeit gerechnet. Dieser fancy Laden am Anfang der Akazienstraße, der teure Steaks und anderes Fleisch in teuren Saucen mit Granatapfel, Walnuss und Goatcheese verkauft. Wo Freitag abends immer hippe Mitdreißiger in weißen oder taubengrauen gebügelten Hemden mit hochgekrempelten Ärmeln sitzen. After work, treat youself, colleague bonding.

Besagter Abend also: “Gottlob” hatte bereits geschlossen, das “Deer” sowieso, und im “Bilderbuch” versuchte ich verzweifelt, erfolglos einen Hotspot herzustellen. Mac und ich also schon auf dem Weg nach Hause, ohne mein tägliches Muss an Social Media, an Online-Banking, an wie-teuer-wäre-ein-flug-nach-Südfrankreich? erfüllt zu haben.

Ich laufe durch die kalte Februarnacht, Mac Book eng an mich gepresst, Mütze tief ins Gesicht gezogen. Eine Tür wird aufgestoßen, warme Luft strömt aus dem Lokal zu mir und ein Kellner stellt eine Tüte Müll neben die Tür. Die Tür fällt hinter ihm wieder zu. Ich schaue durch die großen Fensterscheiben hinein ins Innere. Ein Pärchen sitzt über zwei Gläsern Wein und leeren Tellern, drei Männer in Hemden lachen und bestellen Nachtisch. Hinter der Bar poliert jemand Weingläser mit einem blau karierten Geschirrtuch. “Das ist meine letzte Chance”, sage ich mir. Stoße die Tür auf, der schwarze, schwere Vorhang dahinter weht mir ins Gesicht. „Kann ich bei euch noch ein Glas Wein und — “, ich stocke, „ — das WLAN-Passwort haben?“ frage ich die Person hinter der Bar. „Klar“.

Kurz darauf sitze ich mit einem sehr, sehr großzügig gefüllten kleinen Glas Weißwein an einem Tisch und lächle verklärt meinen kalt-weiß leuchtenden Bildschirm an.

Akazienstraße 3 // Montag bis Sonntag: 18 bis 0 Uhr // tobeefornottobeef.berlin