Foto: Georg Slickers

Karl Marx in Schöneberg gesichtet

Der rote Teppich vor dem Odeon wirkte deplaziert, so neben Döner und Gebrauchtwagenhandel. Doch das ist wohl Teil des Konzepts. Das da heißt: Berlinale goes Kiez. Und bedeutet: das Festival bespielt die kleinen Programmkinos abseits des — naja — glamouröseren Potsdamer Platz. An jedem Tag ein anderes.

Vor einigen Jahren erdacht, ist diese Reihe mittlerweile derart beliebt, dass es sogar für Berlinale-Verhältnisse recht schwierig ist, Karten zu bekommen. (Wir waren mit Online-Kartenkauf in den ersten Verkaufsminuten erfolgreich.)

Das Odeon war zum dritten Mal dabei. Das Kino wurde 1950 als “Filmbühne Sylvia” eröffnet und existiert unter dem aktuellen Namen seit 1985. Es hat sich mit Filmen in Originalsprache (als erstes in Berlin) einen Namen gemacht und seine Nische gefunden. Diese Infos gab der Leiter von Berlinale goes Kiez persönlich in einer kleinen Ansprache vor dem Film zum Besten. Im Anschluss gab es noch ein kurzes Interview mit einem der Produzenten sowie dem Hauptdarsteller August Diehl. Dies bedeutet eine Ausnahme gegenüber den regulären Berlinale-Screenings, wo das Gespräch unter Einbeziehung des Publikums nach dem Film stattfindet.

Gleichzeitig gibt dieses Prozedere die Gelegenheit, nicht wahrgenommene Plätze vor dem Film noch mit Wartenden aufzufüllen. Die Wartenden waren zahlreich und die Herausgabe von Wartemarken erfolgte auf unkonventionelle Weise. (Ein Bekannter hatte die Wartemarke mit der Nr. 6, musste diese aber wieder abgeben, weil ein vorher angetretener Besucher dies nicht akzeptieren wollte — er hatte die Nr. 12.)

Zum Film “Le jeune Karl Marx” selbst: Ob der Film Marx’ Leben gerecht wird, vermögen eher Marx-Apologeten entscheiden. Er ist aber auch nicht mit einem dokumentarischen oder auch nur biographischem Anspruch angetreten, sondern versteht sich als unterhaltende Fiktion. Es geht um die Jahre zwischen der Flucht aus Deutschland und der Entstehung des Kommunistischen Manifests, die Marx mit Familie in Paris, Brüssel und London verbrachte.

Für mich interessant waren zwei Aspekte: Die Rolle bzw. der Einfluss von Marx’ Ehefrau Jenny (einer Adligen) sowie die Tatsache, dass in der Originalversion beständig zwischen den Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch gewechselt wird. Das nimmt sich insbesondere dann bemerkenswert aus, wenn Deutschstämmige in England miteinander Französisch reden. Es ist aber wohl zumindest aus diversen Briefwechseln belegt, dass die Protagonisten tatsächlich oft zwischen den Sprachen wechselten. Nun, wer die Vereinigung der Proletarier aller Länder der Welt ausrief, dem stand ein polyglotter Alltag wohl auch gut zu Gesicht.


Der Film “Le jeune Karl Marx” kommt Anfang März in die Kinos — vielleicht kehrt er ja auch wieder zurück in den Akazienkiez.