Die re:publica 17: Mit Liebe zur digitalen Rebellion

Drei Tage lang gilt das Motto „LOL“ — Love Out Loud! Ein Appell an die Netzgemeinde, den digitalen Raum nicht den Falschen zu überlassen und es zu einem lebenswerten Ort zu machen.

„Berlin. Leichter Niederschlag. Die Tageshöchsttemperaturen liegen bei etwa 10 Grad. Es weht ein teilweise böig auffrischender Wind.“ Die Organisatoren Tanja und Johnny Häusler eröffnen die Republica und die parallel laufende Media Convention 2017 mit einem lauten Knall. Der auffrischende Wind scheint auch seinen Weg in die Hallen der Station Berlin gefunden zu haben, wo eine der weltweit wichtigsten Digital-Konferenzen stattfindet. Drei Tage lang gilt das Motto „LOL“ — Love Out Loud! Ein Appell an die Netzgemeinde, den digitalen Raum nicht den Falschen zu überlassen und es zu einem lebenswerten Ort zu machen.

Die Republica hat sich von einem kleinen Blogger-Treffen zu einer taktvorgebenden Digitalkonferenz emanzipiert. Rund 9.000 Besucher verteilen sich auf 525 Sessions. Die 1.180 Sprecher sind Netzaktivisten, Journalisten, Blogger, Wissenschaftler, Künstler oder Politiker und kommen aus 65 unterschiedlichen Ländern. 47 % davon sind Frauen. Es ist gemütlich. Dresscode: Sneaker, T-Shirt, Jeans.

Die Schwerpunkte liegen in diesem Jahr auf den so genannten „Fake News“, Hate Speech, Pressefreiheit und der Rolle von Algorithmen in der Gesellschaft. Hier ein paar Eindrücke einiger spannender Sessions.

“Deregulation is a lie”

Facebook wehrt sich gegen “Fake News”. So scheint es zumindest. Für Frank Pasquale von der University of Maryland braucht es aber mehr als nur Selbstregulierung. Denn “deregulation is a a lie”, die wahren Regulatoren seien Facebook und Google. In Hinblick auf Entwicklungen wie Fake Stories, Propaganda, Secret Sponsors und Hashtag Flooding sollen sich besonders die Big Player zu Rechenschaft verpflichten. Pasquale fordert daher eine “algorithmic accountability”, zu der er Verbraucher- und Datenschutzbehörden, Medienaufsicht und Kartellamt auffordert, an einem Strang zu ziehen.

Auf der Republica spricht er über mögliche Regulierungsansätze. So sollen Suchergebnisse, die Unwahrheiten oder diskriminierende Inhalte hervorbringen, von Google indexiert werden; in das algorithmische System von Google eingespeiste Daten vorab überprüft werden, sodass sich keine Unwahrheiten verbreiten lassen (siehe #pizzagate); und bestimmte Inhalte auch durch menschliche und nicht nur durch technische Hilfe überprüfbar machen, was letztlich auch zu einem Gütesiegel für Informationen führen könnte („we need information about the information we get“).

Guter Algorithmus, böser Algorithmus

Der Schweizer Felix Stalder, einer der renommiertesten Algorithmentheoretiker, erklärt in seinem Vortrag, wir brauchen Algorithmen aber nicht alle sind gut für uns. Vor allem, weil Algorithmen immer komplexer werden und intelligente Systeme immer innerhalb bestimmter Grenzen operieren. Ein Beispiel: Apples Sprachsoftware Siri gibt auf die Frage, wie sich das iPhone jailbreaken, also entsperren ließe, keine Auskunft („I don’t think that’s a good idea“ oder „ I can‘t recommend that“). Egal wie wie „treu“ Siri seinem iPhone-Besitzer ist und egal wie smart Siri ist, sie bleibt immer der Assistent Apples und kann nur innerhalb der Grenzen agieren, die Apple ihr vorgegeben hat. Bei der Google-Suche verhält es sich ähnlich. So ergibt die Suche nach der Frage, wie sich persönliche Daten am besten vor Google schützen ließen zuerst einmal Treffer zu Google-eigenen Seiten. Intelligente Systeme können nicht autonom handeln. Sie könne nur so handeln, wie es ihr Entwickler programmiert hat.

Es braucht Werkzeuge und (noch) intelligentere Systeme, um entsprechenden Problemen entgegenzutreten. Algorithmen erweiterten die Handlungsfähigkeit und Handlungsfähigkeit bedeutet Macht. Infrastrukturen, insbesondere die digitalen, würden dann darüber entscheiden, ob wir in einer freien oder nicht-freien Welt leben. Daher müssen laut Stadler gerade jetzt Richtlinien gesetzt werden, um größere Probleme zu verhindern. Dafür müssen Algorithmen als politischer Begriff verstanden werden. Denn man muss einen Code nicht zwingend lesen können, um ihn zu regulieren.

Ein Versuch eines Blicks ins Innerste von Facebook

Wieso sind wir eigentlich dazu bereit, Facebook unsere wertvollen Daten zu hinterlassen? Und wieso arbeiten wir für Facebook gratis („free digital labour“)? Das fragen sich Vladan Joler und Djordje Krivokapic (Share Lab) in ihrem Vortrag „Mapping Facebook’s Algorithmic Empire“. Jeder Nutzer arbeitet für Facebook täglich mehr als 20 Minuten, das entspreche bei 1,6 Mrd. Nutzern 300 Mio. Arbeitsstunden — pro Tag, für Facebook, und das gratis. Die Fülle an Informationen, die Facebook über seine Nutzer hat, ist erschreckend und gleichzeitig ist bekannt, welch sensiblen Informationen gespeichert und weiterverarbeitet werden.

Zunächst überlegen die beiden, wie der Algorithmus funktionieren könnte. Und um sich dem zu nähern, müssen sie wissen, was wir jeden Tag auf Facebook tun. Die Karte, die die beiden Forscher entworfen haben, ist einen Einblick wert. Sie versucht zu zeigen, was hinter Facebooks bestgehütetetem Geheimnis stecken könnte.

Fake News als blutdrucksteigernde Mittel

Viele Panels beschäftigten sich mit einem der derzeit prominentesten Themen: den „Fake News“. Diskussionsstoff gab es reichlich, Initiativen dagegen ebenso. Grund genug, darüber zu reden.

Trotz der lauten „Lügenpresse“-Rufe genießen Zeitungen und öffentlich-rechtlicher Rundfunk einen Glaubwürdigkeitsvorsprung, so Claus Kleber, Anchorman des ZDF-„heute journal“. Um diesen Vorsprung auszubauen oder zumindest beizubehalten, ist es aber nötig, den Zweiflern zu zeigen, wie Journalismus funktioniert. Nur so lässt sich der Zusammenhalt zwischen Bürgern und Journalisten stärken. Die Krux: „Es dauert zwei Minuten, eine Fake News in die Welt zu setzen und drei Tage, sie zu entkräften”, so Kleber. Wie auf vielen anderen Panels plädierten die Diskutanten auch hier für die ausbaufähige Medienkompetenzvermittlung an Schulen. Nur das Wissen über Funktionsweisen und Logiken des Journalismus kann Hasskommentare und den Unmut den etablierten Medien gegenüber minimieren.

Wie sollte aber mit dem Begriff „Fake News“ umgegangen werden? Der Begriff subsummiert so viele Begriffe: Lüge, Falschmeldung, Spam. Das Panel war sich einig: Es war ein Fehler von Medienakteuren, diesen Begriff aufzunehmen und ihn sofort zu negieren, ohne ihn zunächst zu hinterfragen und ihm eine klarere und eigene Begrifflichkeit zu geben. Denn hier werden alle „falschen Nachrichten“ in einen Topf geworfen — nicht nur die bewusst verfälschten, die absichtlich verunsichernden, sondern auch die versehentlichen und eigentlich nicht gewollten Falschmeldungen. „Fake News“ im Sinne einer Nachricht, die mit einer Absicht verfälscht wurde, sind „um-zu-Nachrichten“ — Nachrichten, um jemandem zu schaden.

Wie lässt sich aber der Glaubwürdigkeitsvorsprung weiter ausbauen? „Fake News“ funktionieren, weil sie Emotionen ansprechen. Sachliche Argumente dringen nicht durch. Das ist die große Kraft von Social Media. Gute Argumente und Sachlichkeit haben es immer schwerer. Es braucht daher einen „Pfadfinderaktivismus im Netz“, eine aktive Mitgestaltung bei der Markierung von bewusst falsch gestreuten Nachrichten, so Eva-Maria Lemke, Moderatorin von ZDF „heute+“. Gleichzeitig führe das einfache „Hase-Igel-Spiel“ für Claus Kleber ins Nichts, wichtig seien das Aufzeigen von Strukturen und die Erklärung des großen, ganzen Bildes.

Die Öffentlich-Rechtlichen und ihr Kampf gegen gezielte Falschinformationen im Netz

Die ARD hat als Antwort auf die gezielt gestreuten Falschmeldungen den ARD-Faktenfinder ins Leben gerufen. Patrick Gensing, Leiter des Faktenfinder, und David Biesinger, rbb-Programmchef, diskutierten u.a. mit Medienjournalist Stefan Niggemeier und Blogger Richard Gutjahr über den Kampf gegen Falschmeldungen im Netz. Der Kampf ist wichtig, doch der Journalismus kann diesen Kampf nicht allein bestreiten. Sprache bestimmt Handlungen, auch die Politik ist gefordert, Gegenerzählungen zu entwickeln. Für Gutjahr ist eine Initiative wie der ARD-Faktenfinder zwar prinzipiell ein richtiger Ansatz, um dieses „Versagen“ zu dokumentieren. Das eigentliche Problem sind aber nicht die „Fake News“, sondern „irgendetwas dazwischen.“ Niggemeier spricht sich für das Abschaffen des Begriffs „Fake News“ aus, zunächst einmal solle man sich anschauen, was da passiert, den Dingen auf den Grund gehen. Initiativen wie der Faktenfinder sind jedoch für Niggemeier in erster Linie Redaktionsmarketing.

Wie geht es also weiter? Man ist sich einig: das Vertrauen des Publikums muss (zurück)gewonnen werden. Dabei müssen Prioritäten gesetzt werden, die Kräfte an den richten Stellen eingesetzt werden. Also erst all jene erreichen, die zweifeln und nicht jene, die ohnehin nicht erreichbar sind. So nehmen wir aus diesem Panel zwei Plädoyers mit. Eines für Quellenvielfalt — eingehen auf die Zweifel jener, die in anderen Filterblasen leben — und eines für Transparenz — erklären, was Medienmacher treiben, was die Aufgabe von Journalismus ist und Einblicke in die Redaktionsarbeit geben.

Und übrigens: So viel zum digital-only-Denken der digitalen Bohème…

Autor: 
Bennet Dietrich
APA - Austria Presse Agentur, Assistenz Geschäftsführung

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