Einfach ist schwierig — Wie verständliche Nachrichten entstehen

Verständliche Nachrichten zu schreiben ist ja nicht schwer, denken viele. Kurze Sätze, einfache Sprache, Fachbegriffe und Fremdwörter meiden. Doch mit diesen Regeln allein ist es noch nicht getan. Wer schon einmal versucht hat, komplexe Themen — und das sind Nachrichten für gewöhnlich — kurz und präzise zu erklären ohne den Inhalt zu verlieren, weiß, wie schwierig diese Aufgabe ist.

Ein APA-Team aus Redakteuren, Produktmanagern und Technikern hat die Herausforderung angenommen und mit Fachexperten einen Nachrichtendienst in einer einfacheren, leicht verständlichen Sprache aufgebaut. Dieser kompakte Nachrichtenüberblick geht seit einigen Wochen über das APA-Netz und weckt bereits großes Interesse bei Medien und NGOs.

40% verstehen Nachrichten nicht

Viele Menschen haben große Mühen beim Lesen. Mehr als 40 Prozent der Erwachsenen verstehen komplexe Informationen nicht und können auch Nachrichten nicht sinnerfassend lesen. In Deutschland gibt es 20,8 Millionen Erwachsene mit Leseschwierigkeiten, so die Zahlen der “leo. — Level-One Studie“ 2011 der Universität Hamburg.

Umgelegt auf Österreich leben hierzulande 2,2 Millionen Personen mit Leseschwächen — Kinder und Jugendliche noch gar nicht mitgezählt. Dazu gehören Behinderte oder Personen mit nicht deutscher Muttersprache. Diesen Menschen Nachrichten barrierefrei zugänglich zu machen, würde Medien neue Zielgruppen erschließen. Und tatsächlich tauchen immer wieder Initiativen und Webseiten dazu auf. Nachrichten in einfacher, leichter Sprache gibt es zum Beispiel unter:

Das Angebot beschränkt sich bisher meist auf unregelmäßige Einzelartikel oder wöchentliche Zusammenfassungen. Ein täglicher, regelmäßiger Dienst, der über verschiedene Kanäle ausgespielt werden kann, ist hingegen neu.

Nachrichten die ankommen

Fünfmal die Woche wird der APA — Nachrichtenüberblick in leicht verständlicher Sprache produziert. Jeder Überblick wird an Prüfgruppen übermittelt und getestet bevor er veröffentlicht wird. Somit ist sichergestellt, dass die Informationen verständlich und lesbar sind.

Herausforderung zu Beginn des Projektes

Als die Idee zum APA-Projekt entstanden ist, gab es viele Fragen: Wie sollen Nachrichten aufbereitet sein, dass so viele wie möglich sie verstehen? Wie lang dürfen die Texte sein? Sind Bilder oder Grafiken hilfreich? Welche Begriffe sind gängig, welche Fachwörter zu vermeiden? Wie ist ein verständlicher Satz aufgebaut? Welche Wörter brauchen zusätzliche Erklärung? Die Kunst ist sich auf das Wesentliche zu fokussieren und die Sprache an die jeweiligen Zielgruppen anzupassen.

Was heißt hier übersetzen?

Fachliche Unterstützung bei der Produktion liefert das Grazer Unternehmen capito, das sich auf Übersetzungen von Texten in verschiedenen Schwierigkeitsgraden spezialisiert hat. Das von capito entwickelte Stufenmodell ermöglicht es Lesern, in ihrer jeweiligen Lese-Kompetenzstufe einzusteigen und sich Schritt für Schritt weiter zu entwickeln.

Wie läuft das nun konkret ab?

Die APA schickt den täglichen Nachrichten-Überblick an das Capito-Team, und die Übersetzungsarbeit beginnt: Der oftmals komplexe Nachrichtentext wird in die Sprachstufe B1 (sh. Bild unten, B1 bedeutet kurze Texte, klare Standardsprache) übertragen. Fachbegriffe oder Fremdwörter werden umschrieben oder gesondert erklärt. Nach einem inhaltlichen Check durch die APA wird der Text durch Prüfgruppen getestet. Nach etwaigen Änderungen gibt capito grünes Licht, und die APA veröffentlicht die leicht verständlichen Nachrichten.

Das capito Stufenmodell

Die Qual der Wahl — Was interessiert?

Der Dienst von der APA bietet momentan die vier bis sechs wichtigsten Meldungen des Tages aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Chronik, Kultur und Sport. Neben den formalen Kriterien ist auch die inhaltliche Auswahl tagtäglich abzuwägen: Welche Nachrichten kommen überhaupt an? Sind es die Neuigkeiten aus dem Sport oder doch jene von Stars und Sternchen, die aufmerksam gelesen werden? Was ist relevant aus Politik und Wirtschaft für die Zielgruppe? Worüber wollen und worüber sollten alle informiert sein?

Eine weitere Herausforderung: Mindestsicherung, Brexit, Fake-News — die Nachrichten sind voll von Fachbegriffen, die Medien täglich verwenden und kaum mehr erklären. Erklärungen können für das Verständnis des Textes sehr hilfreich sein. Doch nicht alle Informationen sind immer gleich relevant. Welche Fremdwörter und Fachbegriffe sind zu übersetzen und welche müssen erklärt werden?

Ein Beispiel mit mehreren Erklärungen

Wie ausspielen und verteilen?

Das Ziel ist möglichst viele leseschwache Personen zu erreichen. Die APA stellt diese Inhalte deshalb entgeltfrei NGOs und Medien zur Weitergabe und Veröffentlichung zur Verfügung. Es ist als Pilotprojekt entstanden mit dem Namen „Top Easy“, läuft mindestens sechs Monate und erhält Unterstützung vom Sozialministerium.

Die Veröffentlichung über die Redaktionssysteme der APA ermöglicht die erforderliche Flexibilität hinsichtlich Format und Ausspielkanäle. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielseitig: Sie reichen von Apps und digitalen Sprachassistenten (Amazon Echo), über Gebärdenvideos und Nachrichten auf Screens, TV und Teletext bis hin zu eigenen Zeitungsausdrucken.

Alexa kann jetzt auch Nachrichten in einfacher Sprache vorlesen: Das APA-medialab hat ihr das TopEasy-Angebot der APA beigebracht. Und das dem staunenden APA-Management vorgestellt.

Wie kann ich den Dienst abonnieren?

Der leicht lesbare Nachrichtenüberblick ist integraler Bestandteil des Basisdienstes. Er kann auch per E-Mail oder XML-Feed direkt bezogen werden. Wollen auch Sie die Meldungen beziehen? Schicken Sie eine E-Mail mit Kontaktdaten an multimedia@apa.at.

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