Runter mit dem Zeigefinger - und keine Angst!

Hilfe, Fake News! Die Debatte über gefälschte Nachrichten artet zwischenzeitlich in moralische Panik aus. Doch weder Angst noch erhobener Zeigefinger sind probate Mittel, um im postmedialen Zeitalter zu informieren.

Das Thema hat seit den Präsidentschaftswahlen in den USA Hochkonjunktur. In Deutschland und Frankreich wird dieses Jahr gewählt, und die Medien dort wappnen sich für den Kampf gegen Fake News. In Österreich können wir sicher sein: Wann auch immer die nächste Nationalratswahl stattfindet - wir werden im Wahlkampf eifrig und besorgt über sinistre Quellen, Stimmungsmache mit falschen Informationen und die Filterblase der anderen diskutieren.

Aber halt!

„There is a danger of exaggerating the extent of fake news.“

Das konstatiert das Reuters Institute trocken-britisch in seinem aktuellen Report “Journalism, Media, and Technology Trends and Prediction“ 2017.

Also wie jetzt? Haben wir ein gesellschafts-, ja, ein demokratiepolitisches Problem? Oder ist das alles ganz furchtbar übertrieben?

Ja, wenn die Welt nur so simpel gestrickt wäre. Wenn man doch ganz einfach zwischen schwarz und weiß, gut und böse und falsch und wahr unterscheiden könnte. Ist sie nicht. Kann man nicht. Beide Feststellungen treffen zu. Denn, und da wird niemand widersprechen können: Der viel beschworene Medienwandel nagt nicht nur an den Erlösströmen der klassischen Marken. Er bedroht auch das Selbstverständnis der Redaktionen als “vierte Macht im Staat”.

Wer sich bedroht fühlt, greift manchmal zum Angriff als beste Form der Verteidigung. Doch die Suche nach Schuldigen kann schnell nach hinten losgehen. Mangelhafte Medienkompetenz bei den Lesern? Sicherlich, das beklagt der Diskurs seit Jahrzehnten. Und einst treue Abonnenten bedanken sich heutzutage mit dem Schlachtruf “Lügenpresse!” für diese Vorhaltungen.

Im Jahr 2017 muss der Journalismus die User dort abholen, wo sie unterwegs sind. In den “sozialen” Netzwerken, auf Plattformen, in denen nicht mehr eine Redaktion bestimmt, welcher Content ausgeliefert wird, sondern die Maschine, der viel beschworene Algorithmus. Vor 30 Jahren hätte das bedeutet: Der Schriftsetzer in der Druckerei entscheidet, welcher Abonnent welchen Artikel zu lesen bekommt. Man stelle sich vor!

Die postmediale Ära?

In diesem Sinne sind wir nicht im “postfaktischen”, sondern im postmedialen Zeitalter angekommen. Die Gatekeeper-Modelle der traditionellen Kommunikationswissenschaft können wir getrost in die Mottenkiste packen.

Grund zur Panik ist das dennoch nicht — noch nicht. Schließlich durchlebt die Branche nicht ihren ersten Medienwandel. Erinnern wir uns doch an die goldenen Zeiten der Internet-Blase. Jeder Gemischtwarenhandel wurde plötzlich zu einer Medienmarke. Content war King, Online war die heilsbringende Devise, “Multimedia” das Zauberwort.

Die Redaktionen realisierten bald: Wir brauchen medienadäquate Formate. Online verlangt eine andere Art zu schreiben als Print. Bild sticht Text. Und mittlerweile sticht Video Bild. Journalismus erzählt weiterhin (tunlichst gute) Geschichten, heute nennen wir es aber “Storytelling”.

Jetzt ist es wieder so weit. Wir brauchen medienadäquate Formate. Nicht das Internet ist diesmal die Herausforderung. Die Netzwerke sind es, die unüberschaubare Zahl der User dort und die Technologie, mit der Content distribuiert wird.

Sind Leitartikel, in denen Fake News und ihre Verbreiter angeprangert werden, dort gut aufgehoben? Man ist geneigt, das zu bezweifeln. Emotionalisierung und Engagement sind zentrale Aspekte der Contentnutzung auf Facebook & Co.

Wer dort gegen Fake News, Stimmungsmache, und manipulative Information antreten will, muss sich dem stellen. Muss unterhalten, aufregen, erschüttern. Wo ist die Facebook-Gruppe österreichischer Medien, die jeder abonniert, weil dort die schrägsten Hoaxes vorgeführt werden? In der die Redaktionen zeigen, dass sie ihre User verstehen - und dass Qualitätsjournalismus unterhalten und aufklären kann, ohne gleich den User vorzuführen? Privatinitiativen haben erste Schritte in diese Richtung getan. Die Branche sollte sich überlegen, wie sie folgen kann.