Designer-Plädoyer: Die digitale Neuerfindung des Öffentlichen Sektors

Bild: Aperto

Nach langen Verhandlungen regiert nun die vierte Regierungskoalition unter Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aber ob das nun automatisch auch ein »Weiter so!« in der Digitalpolitik bedeutet, wird sich erst noch zeigen müssen. Klar ist jedoch bereits, dass die Zuständigkeit für das Thema immer noch über viele Ministerien verstreut ist und der Digitalausschuss im Deutschen Bundestag erneut keine Federführung erhält. Neu hingegen ist: Helge Braun, Eva Christiansen und Dorothee Bär sowie ihr Team sollen es nun auch vom Bundeskanzleramt ausrichten. Kann man so wirklich eine bessere digitalisierte (Behörden-)Welt gestalten?

»Die Türen sind ab sofort offen. Gute Ideen sind immer willkommen. Nur ich will Keinen hören der sagt, dass es nicht geht.« 
Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitales

Offene Tür oder doch nur Drehtür?

Laut Koalitionsvertrag will die Bundesregierung in der kommenden Legislaturperiode 500 Millionen Euro investieren um die Verbesserung des Online-Zugangs zu gewährleisten. Dieses Geld steht zusätzlich zu den geplanten Milliarden für den Breitband-Ausbau bereit. Die angekündigte Finanzspritze soll in Service-Angebote für Bürger*innen fließen. Dazu gehört neben einer Auflistung von digitalen Services der Verwaltung auch das längst überfällige Bürger*innen-Konto. Dies soll den Bürger*innen ermöglichen, den Austausch ihrer personenbezogenen Daten zwischen den einzelnen Behörden zu verwalten, damit ihnen Behördengänge erspart bleiben. Gespeicherte Daten können an einer zentralen Stelle eingesehen und Behörden effizienter damit umgehen. Auch die Einrichtung einer E-Government-Agentur — mit einem übergeordneten Think Tank für regionale Open Government Labore, in denen innovative Lösungen zusammen mit Bürger*innen erprobt und gefördert werden sollen — ist angedacht. Dies scheint ein vielversprechender Ansatz zu sein — so hat beispielsweise die Britische Regierung bereits große Erfolge mit ihrem Government Digital Service und Einrichtungen wie Nesta erzielt.

Damit die Digitalisierung diesmal wirklich in Fahrt kommt, muss zunächst einmal vor allem die Bereitschaft bei den Entscheider*innen bestehen, veraltete Strukturen aufzubrechen und irreführende Prozesse zu verändern. Denn es braucht weit mehr, als nur einen neuen Anstrich der Ministeriumswebseite oder eine 1:1-Digitalisierung von Amtsprozessen. Leider aber führen aktuelle Ausschreibungen weiterhin nur zu genau diesen Ergebnissen. Und das führt oft schon während des laufenden Projekts zu erhöhter Frustration — sowohl bei den Auftraggebenden als auch bei den Dienstleistenden.

Weniger Technologie, mehr Fokus auf Nutzende

Für uns als Dienstleistende ist es ganz klar: die Bedürfnisse der Anwender*innen— also sowohl der Behördenangestellten als auch die der Bürger*innen — können mit dem bestehenden Ausschreibungsverfahren nicht erfüllt werden. Daher müssen zum Einen die dahinter liegenden Strukturen und Prozesse verändert werden und zum Anderen die Nutzenden frühzeitig aktiv in die Entwicklung miteinbezogen werden. Der lineare Prozess einer klassischen Ausschreibung passt nicht zur iterativen Arbeitsweise in der nutzungszentrierten Gestaltung von digitalen Services. Designprozesse lassen sich nicht so klar festschreiben, wie das Ausbaggern eines Grabens und die Verlegung von Glasfaserkabeln.

Keine Frage: das Thema Verwaltungsmodernisierung hat viel mit IT zu tun. Öffentliche Ausschreibungen werden aber überproportional von IT-Aspekten dominiert. Dadurch haben deren klassischen Projektziele weiterhin oberste Priorität: Schnelligkeit, Betriebsstabilität und Kostenersparnisse. Die Anforderungen an ein technisches Produkt oder einen Service werden weiterhin häufig als ein »Plus« an technischen Features übersetzt: was mehr (oder am besten alles) kann, ist besser. Nutzungszentriertes Design hingegen firmiert weiterhin unter »das Ganze kann auch noch nett aussehen«. Dabei ist nutzungszentriertes Design mehr als die bloße Gestaltung einer Oberfläche. Denn für UX-Designer*innen steht stets die Frage »Was hilft den Menschen?« im Mittelpunkt.

»[…]In a participatory, inclusive, and democratic environment, a designer can’t be construed as the person with the answer. Instead, they are a guide or facilitator, one helping apply a foreign creative process.« 
Jon Kolko, Gründer des Austin Center for Design

Designer*innen verstehen es, die richtigen Fragen zu stellen, Menschen zu motivieren und verschiedene Perspektiven einzunehmen, damit man zur besten Lösungen für die Anwender*innen kommt. Und genau wie die Wirtschaft in ihren Kunden*innen zunehmend Anwender*innen von Produkten und Services sieht, muss auch der Staat seine Bediensteten und seine Bürger*innen als Anwender begreifen, deren Probleme er um seines eigenen Erfolgs Willen lösen möchte.

Datensilos zugänglich machen

So sind im privatwirtschaftlichen Umfeld digitale Identitäten für viele Bürger*innen längst Teil ihres Alltags geworden. Sie produzieren Daten, stellen diese zur Weiterverarbeitung zur Verfügung und nutzen wiederum die daraus gewonnen neuen Erkenntnisse und Services. Doch auch die Verwaltung hält bereits eine Unmengen von Daten vor. Davon teilen sie jedoch nur wenige und so bleiben die Anwendungspotentiale meist ungenutzt. Die Daten werden stattdessen einfach nur in riesigen Datensilos, zum Beispiel den Registern, abgespeichert. Dabei ließe sich so viel damit anfangen!

»The last, best experience that anyone has anywhere becomes the minimum expectation for the experience they want everywhere.«
Paul Papas, Global Leader, IBM Digital Strategy & iX

Das Bürger*innen-Konto legt den Grundstein für die Selbstverwaltung von Daten. Bürger*innen könnten zukünftig frei entscheiden, wem sie Zugang gewähren und so beispielsweise Behördengänge vom eigenen Wohnzimmer aus erledigen. Designer*innen und andere Digital-Experten*innen können mit der Hilfe von IT-Unternehmen dabei helfen, vorhandene Datensilos zu identifizieren, diese strukturieren, zugänglich machen und in Services zu bündeln oder als Open Data allen Interessierten zugänglich machen. Dabei kommt das gesamte Spektrum von Designexpertise zum Einsatz. Vom Visual Design, über User Experience Design bis hin zum Service und Business Design. Der eingesparte Verwaltungsaufwand hilft bei der Ressourcenverteilung. Mehr Arbeit mit Menschen, als mit Daten.

Weniger Theorie, mehr Praxis

Braucht Deutschland noch mehr Digitalstrategien? Oder wollen wir vielmehr möglichst bald ins Ausprobieren übergehen? Die Koalitionsparteien scheinen sich zumindest schon einmal von unseren Nachbarstaaten inspiriert haben zu lassen: so erinnern die im Koalitionsvertrag beschriebenen regionalen Open Government Labore an die britische Nesta eine Regierungsorganisation, die lokale Projekte im Kleinen fördert und verfeinert. So könnten auch in Deutschland vergleichbare Orte entstehen, an denen interdisziplinär an einer offenen und digitalen Gesellschaft gearbeitet wird. Designer*innen können dabei helfen, zwischen den verschiedenen Perspektiven zu vermitteln und die Transformation in eine digitale Gesellschaft moderierend begleiten. Ebenfalls eine spannende Perspektive: Bürger*innen könnten so in die Lage versetzt werden, Lösungen mit zu entwickeln!

Aufmachen und den Wandel schaffen!

Designer*innen aus verschiedenen Disziplinen sind motiviert, die digitale Neuerfindung des Öffentlichen Sektors mitzugestalten. Egal, ob als Teil eines privaten Unternehmens oder als Angestellte der Verwaltung selbst. Aber sie wollen spüren, dass es ins Rollen kommt! Am Ende der Legislaturperiode wollen sie einen vollen Werkzeugkasten aus der Praxis und keine Zukunftspläne aus verstaubten Aktenordnern vorfinden. Design ist für die größten Unternehmen der Welt eine treibende Kraft geworden — das sollte auch der Maßstab eines digitalen Staats sein. Lassen sie es uns ausprobieren!

Vielen Dank an Daniel Schmich für die Unterstützung bei der Formulierung des Artikels.