“Social Freezing“ bei Facebook und Apple: wirklich nur gut gemeintes Angebot?

Individuelle und freie Entscheidung, schön und gut.
Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte.


Eine aktuelle Diskussion schlägt heute so hohe Wellen, dass man sich kaum entziehen kann: Apple und Facebook wollen Kosten in Höhe von bis zu US$ 20.000 übernehmen, um ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren ihrer Eizellen zu bezahlen. Ziel ist, so wird berichtet, “das Kinderkriegen hinausschieben [zu] können, um [die] Karriere voranzutreiben.”

Okay. Ist ja nur ein Angebot, kann man sagen. Niemand wird gezwungen, kein Druck ausgeübt. Die Entscheidung ist jeder Frau unbenommen und bleibt frei: Mein Körper gehört mir!

Das stimmt natürlich alles. Damit ist das Thema für mich aber noch nicht durch, denn: ganz so einfach ist nicht.


Erstens — das nur eingeschoben — verkürzt sich die Diskussion in den Bereich, wo wir meinen, individuell und selbstbestimmt planen zu können: Familie und Karriere. Natürlich ist es schwer, nach einer Babypause wieder Fuß im Job zu fassen. Es gibt aber auch viele weitere Umstände, die Energie und Aufmerksamkeit weg von der Arbeit nehmen und damit kurzzeitig zum gefürchteten “Leistungsknick” führen können: pflegebedürftigen Eltern, ein Unfall beim Kind, der krebskranke Partner.

Und was dann?

Das heute hitzig diskutierte “Social Freezing” kratzt nur an der Oberfläche, wirkt bestenfalls am Symptom, nicht im Kern.

Ist das Angebot deswegen schlecht? Nein, das nicht. Trotzdem schwingt immer mit: Na, Du bist doch selbst schuld, wenn Du in unserer tollen Firma nicht Karriere machst.


Viel schwerer wiegt in meinen Augen deshalb — zweitens — dass diese Diskussion wertvolle Aufmerksamkeit kostet, die an anderen Stellen viel nötiger wäre.

Vielleicht kommt eine talentierte, gut ausgebildete Frau nach der Geburt eines Kindes besonders motiviert, leistungsbereit, loyal zurück? Wer über das Ergebnis des nächsten Geschäftsquartals hinaus denkt, sieht eine großzügige Babypause vielleicht nicht nur als “Produktivitätsverlust”, sondern als nachhaltigen Gewinn durch die langfristige Bindung exzellenter Arbeitskraft.

Vielleicht müssen wir weg von einer Anwesenheitskultur, wo Silberrücken anerkennend raunen, wo überall spät abends noch das Licht brennt im Büro? Wer Status, Beförderung und Bonus am echten, messbaren Ergebnis festmacht statt an abgearbeiteten Stunden, fördert ganz automatisch auch die Karrieren von Frauen. Wetten, dass…?

Vielleicht ist die Mutter, die morgens flott die Kinder zur Kita bringt und dann um 08:00 schon seit 20 Minuten am Home-Office-PC sitzt, gerade deshalb tatsächlich innovativer, produktiver und effizienter? Wer sich jeden Morgen in der Blechlawine in die City wälzt und sich nur aufregt, wenn die Kollegin die Einladung zum Conference Call um 18:30 zurückweist, der wird es vielleicht nie erfahren.


Und wer sich — übrigens—ständig um den Standort Deutschland sorgt und das ganz große gesellschaftliche Rad drehen möchte, der kommt vielleicht sogar zu der Einsicht, dass Kinder, die mit Eltern aufwachsen, die selbstbestimmt, ortsunabhängig, flexibel und ergebnisorientiert arbeiten, egal, ob männlich oder weiblich… Dass solche Kinder später genau die Leistungsträger werden, die die Gesellschaft auch übermorgen noch dringend braucht.


Ich denke, Facebook, Apple — und die zahlreichen Unternehmen hierzulande, die sich eilig an ihnen orientieren — täten besser daran, sich diesen Fragen offensiv zu stellen.

Sie dürfen dann meinetwegen auch gerne anbieten, Eizellen einzufrieren.

Auch. Aber nicht nur. Da ist noch viel Luft nach oben.

Oder wie seht Ihr das? Annotiert gleich hier oder folgt und diskutiert mit mir auf Twitter.

Foto: ZEISS Microscopy, IVF Capillary Tube Insertion