Working Out Loud

Geisteshaltung, Handwerkszeug und Schlüsselqualifikation: warum ich mich für “Working Out Loud” engagiere.


Vernetzung: wir sehen, wir spüren—wir verzweifeln

Ich bin Berater für Organisationen, die sich auf den Weg in die digital vernetzte Zusammenarbeit machen, zudem auch Dozent für verteiltes Projektmanagement. Jeden Tag spüre ich im Gespräch mit Kunden und in ihren Aussagen das alltägliche Dilemma:

  • Wir sehen: Digitalisierung, Vernetzung und Transparenz verändern unser Zusammenleben und unsere Gesellschaft schnell und radikal.
  • Wir wissen: auch unsere Zusammenarbeit verändert sich dramatisch. In Unternehmen kommen Globalisierung, Outsourcing, Mobil- und Heimarbeit sowie ein verschärfter Talent- und Ideenwettbewerb als Trends hinzu.
  • Wir hoffen: In Vernetzung und Zusammenarbeit liegen auch Chancen für uns, gemeinsam gründlicher, schneller und besser zu werden.
  • Wir spüren: Mit herkömmlichen Techniken—Meetings, e-Mails und Telefonkonferenzen—werden wir den Ansprüchen an zielgerichtete verteilte Zusammenarbeit längst nicht mehr gerecht.
  • Wir ahnen: Wir müssen uns eine völlig neue Arbeitsweise angewöhnen, für dieses neue Zeitalter, und zwar kollektiv und individuell.
  • Und dann verzweifeln wir: so ein kompliziertes Problem! Wo fangen wir konkret an?

Genau deswegen bin ich so überzeugt von Working Out Loud:

Weil es die beste Antwort auf diese Frage ist, die wir heute haben.


Die fünf Elemente von Working Out Loud

Es gibt keine allgemein anerkannte Definition von Working Out Loud.

Sehr häufig wird jedoch eine Veröffentlichung meines früheren Kollegen John Stepper zitiert, der als Managing Director in der Deutschen Bank immens viel bewegt. Er ist inzwischen auch ein respektierter Vortragsredner und Autor und umreißt, aufbauend auf einer früheren Definition von Bryce Williams, die fünf wesentlichen Elemente so (freie Übersetzung von mir):

  1. Deine Arbeit sichtbar machen — Arbeitsergebnisse, auch Zwischenergebnisse, veröffentlichen,
  2. Deine Arbeit verbessern — Querverbindungen und Rückmeldungen helfen, Deine Ergebnisse kontinuierlich zu verbessern,
  3. großzügige Beiträge leisten — biete Hilfe an, anstatt Dich großspurig selbst darzustellen,
  4. ein soziales Netzwerk aufbauen — so entstehen breite interdisziplinäre Beziehungen, die Dich weiterbringen,
  5. zielgerichtet zusammenarbeiten — um nicht zuletzt das volle Potenzial der vernetzten Gemeinschaft auszuschöpfen.
Buchcover “Working Out Loud”

Geisteshaltung, Handwerk, Schlüsselqualifikation

Was mir also an Working Out Loud so unvergleichlich gut gefällt: Es ist nicht nur eine Geisteshaltung, die auf der verbreiteten Euphorie beruht, dass im Internet alles irgendwie generell besser ist als früher ohne. Das kann man zwar durchaus glauben, man muss aber nicht, und es ist auch nicht entscheidend: Weil Überzeugungen ohnehin nicht so einfach zu ändern sind, ist Ideologie oft kein geeignetes Instrument, um kollektive Veränderungsprozesse einzuleiten. (Oder auch nur eine individuelle Verhaltensänderung: Jeder, der einmal versucht hat, fünf Kilo abzunehmen, weiß, wovon ich spreche.)

Was wir statt dessen brauchen, das hat das anfangs umrissene Dilemma ja schon zum Ausdruck gebracht, sind kleine, überschaubare Beispiele; alltägliche, praktische, einleuchtende Schritte, die uns zu neuen, erfolgversprechenden Verhaltensweisen in der digital vernetzten Zusammenarbeit hinführen. Dafür, dass die erwähnten ‘fünf wesentlichen Elemente’ funktionieren, sehe ich tagtäglich praktische Beweise. Working Out Loud als praktische Arbeitsweise lässt sich gut vermitteln, es ist wie ein Handwerkszeug; der Umgang damit lässt sich erlernen, noch mehr als das: er lässt sich üben!

“Working From Home”

Mit jeder Übung gewinnen wir Sicherheit, erste eigene Erfolgserlebnisse brechen das Eis, positive Beispiele greifen im persönlichen Umfeld um sich. Die Skepsis bröckelt und Widerstände gegen “technischen Spielkram” werden überwunden. So entsteht in alltäglichen Schritten selbst in verkrusteten Organisationen eine Bewegung, die verteilte Zusammenarbeit durch soziale Vernetzung effektiver und effizienter, aber auch schlicht menschlicher und deshalb wesentlich angenehmer macht.

Darum halte ich Working Out Loud für eine Schlüsselqualifikation verteilter Arbeit, ja, in einer vernetzten Gesellschaft.


Wir ‘fremdeln’ mit englischer Sprache

Neben ideologischen Gräben gibt es aber noch eine weitere, ganz profane Barriere, die verhindert, dass die Methode hierzulande diejenige Verbreitung erfährt, die sie in meinen Augen verdient: Material ist fast nur im englischen Original zu bekommen. Auch das gleichnamige Buch von John Stepper wird zunächst nur auf englisch erscheinen. Es gibt natürlich deutschsprachige Gegenbeispiele, aber sie sind selten und ihre Verbreitung ist begrenzt (um so bemerkenswerter sind deshalb die gelungenen Texte von Ragnar Heil, Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach und Carsten Rossi).

Womit wir wieder bei einer Beobachtung aus meiner täglichen Beraterpraxis wären: In vielen Unternehmen in Deutschland wird eine neue Methode skeptisch betrachtet, wenn sie ausschließlich in einer Fremdsprache daherkommt. Man mag das in unserer globalisierten Internet-Welt erstaunlich finden. Es ist aber so.


workingoutloud.DE

Aus diesem Grund habe ich heute workingoutloud.de ins Leben gerufen.

Dort suche ich zunächst Mitstreiter, die helfen wollen, geeignetes Material für den Gebrauch und die Verbreitung von Working Out Loud in Deutschland zu finden: Fallstudien, Praxisberichte, Anweisungen und Anleitungen, Blogposts. Ziel soll es sein, dieses Material nicht nur zu übersetzen, sondern es auch auf unseren (Arbeits-) Kulturkreis anzupassen und zu übertragen, also gemeinschaftlich zu ‘kuratieren’. Unsere besten Fundstücke können wir dort veröffentlichen.

Sogar über eine Übersetzung des Titels ‘Working Out Loud’ habe ich laut nachgedacht, zum Beispiel als ‘Arbeiten im Netzwerk’. Mir wurde allerdings aus kundiger Quelle versichert, kein solcher Versuch wäre bislang zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen. Trotzdem suche ich weiter nach Anregungen, auch hier wirksam ‘einzudeutschen’.

Wohin dieses Unterfangen steuert, lässt sich noch gar nicht ganz absehen. Wenn wir viele sind und uns gut organisieren, dann befüllen wir mit workingoutloud.de ganz sicher einen lebhaften Blog. Im Idealfall können wir vielleicht sogar eine Übersetzung des gleichnamigen Buchs in Angriff nehmen, sobald es erscheint. Falls wir für Lektorat oder Verlag Geld brauchen, könnten wir es zu gegebener Zeit vielleicht per Crowdfunding einsammeln.

Im Moment bin ich zunächst mal begeistert von der Vielzahl neugieriger und wohlwollender Reaktionen und freue mich über jeden neuen Follower bei Twitter, jeden Besuch auf der Seite sowie über jede Newsletter-Anmeldung.

Herzlichen Dank!


Was meinen Sie? Hatten Sie von Working Out Loud zuvor bereits gehört? Sind die ‘fünf Prinzipien’ einleuchtend? Was sind Ihrer Meinung nach die Schlüsselqualifikationen für die digital vernetzte Arbeitswelt?

Ich freue mich auf Ihre Kommentare am Artikel oder auf Twitter.


Bildnachweise:
Work von Sean MacEntee (CC BY 2.0)
Buchcover Working Out Loud gefunden bei John Stepper
Working From Home von edgeplot (CC BY-NC-SA 2.0)