Jerusalem Calling:
Zu Gast auf der Jerusalem International Book Fair

Unsere Lektorin Ulrike von Stenglin war im Februar zu Gast auf der Jerusalem International Book Fair. Von ihren Eindrücken und Erlebnissen auf und im Umfeld der Messe berichtet sie in einem Fototagebuch.

von Ulrike von Stenglin


Alle zwei Jahre findet in Jerusalem eine Buchmesse statt, zu der seit 30 Jahren das Zev Birger Fellowship für Lektoren, Literaturagenten und Lizenzkollegen gehört. 2015 befindet sich die Messe das erste Mal in einem umgebauten ehemaligen Bahnhofsgebäude, es werden außerdem 50 Jahre Diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel gefeiert.

Blick nach Tel Aviv über die Dächer von Jaffa mit dem Turm der Franziskanerkirche St. Peter (Foto: Ulrike von Stenglin)

Chamsin in Tel Aviv, es ist mit 25 Grad ungewöhnlich warm. Die Küstenpromenade erinnert an die Corniche in Beirut, nur stehen hier Surfer mit Neoprenanzügen im Meer. Die Autorin Sarah Stricker läuft mit mir den Sderot Rothschild entlang, vorbei an der Unabhängigkeitshalle bis hoch zum Habima Platz. Sie erzählt von den Protesten im Jahr 2011. Damals stellten junge Leute ihre Zelte auf dem Boulevard auf, um auf die hohen Miet- und Lebensmittelpreise aufmerksam zu machen. Es war natürlich Wahlkampfthema, aber ob sich so bald etwas ändern wird?

Die Hänge der Negev sind von zartem Grün überzogen, es hat ungewöhnlich viel geregnet. Von Herodes Festung Massada aus schauen wir auf das Tote Meer, im Dunst dahinter liegt bereits Jordanien. Das Wasser wird sich schleimig auf der Haut anfühlen, ein Wettschwimmen wie in Klagenfurt existiert nicht.

Blick auf den Zionsberg (Foto: Ulrike von Stenglin)

Während israelische Autoren ihre Bücher in einem Kurzpitch vorstellen, gibt eine französische Lektorin ein Pre-empt ab für ein Manuskript, das in der New Yorker Kunstszene der 1980er spielt. Sie reicht der Agentin einen zusammengefalteten Zettel mit einer Zahl. Ein paar Abende später werden sie ihre gemeinsame Akquise mit Champagner begießen. Noch später wird ein Kollege ebenfalls das Buch akquirieren, das bei List im Herbst 2016 erscheinen soll.

Die Indie-Buchhandlung Sipur Pashut in Tel Aviv ist ein Hort für Bibliophile (Foto: Ulrike von Stenglin)

In Israel gibt es zwei große Buchketten: Steimatzky und Tzomet Sfarim. Mit ihrem erbitterten Preiskampf (buy one, get three for free) haben sie den Buchmarkt sabotiert. Seit einem Jahr gibt es eine Art Buchpreisbindung für Neuerscheinungen für 18 Monate. Der digitale Markt ist für Amazon und Kobo zu klein, ein Verlag hat ein eigenes Lesegerät gelauncht — ohne Erfolg. Stattdessen wird auf Tablets und Smartphones gelesen. Viele Verlage haben erst 2014 angefangen, ihre Bücher zu digitalisieren, manche stellten ihre E-Books gratis zum Download bereit.

In einem hübschen, gut sortierten Indie-Buchladen in Tel Aviv treffen wir auf den Autor Ned Beauman, neben der Kasse liegt sein Buch Glow. Er hat mit dem Fellow Mark Richards, Editorial Director bei John Murray, zusammen studiert, wie auch mit dem Schauspieler Dan Stevens und der Waliserin Manon Awst, die in meiner Nachbarschaft wohnt. Der Name ihres Künstlerduos Awst and Walther steht ganz oben auf dem Stoffbeutel, den ich umgehängt habe. Ned trägt seit einem Aufenthalt in New York einen buschigen Hipsterbart. „No one I had met in the beginning recognized me at the end of my stay.“

Nach dem Besuch in Yad Vashem zieht ein Sandsturm auf. Die Autos sehen aus wie eingeschneit. Porsche gibt es erst seit wenigen Jahren in Israel zu kaufen, wegen des Start-up-Booms, erzählt Amir aus Jerusalem. Er hat letztes Jahr seinen Schweizer Freund in Dänemark geheiratet, noch dieses Jahr wollen sie nach Berlin ziehen. „You cannot live here.“

Am letzten Abend tanzen wir in einer Gay Bar in Jerusalem zu Middle Eastern Plastic Pop. Ein 24-jähriger Mann aus dem Umland („You would call it a settlement.“) feiert seine Entlassung aus der Armee, er war im Sommer 2014 als Teil einer Bodentruppe in Gaza stationiert. „We got lucky, no one was badly hit.“ Er möchte durch die Welt reisen, fragt nach Clubs in Berlin, aber außerhalb Israels leben? „How can you live in Europe as a Jew with all the pogroms and the anti-semitism on the rise?“

Berlin Street in Ramallah im Westjordanland (Foto: Ulrike von Stenglin)

Auf dem Weg ins Hotel zeigt mir Lea Penn von Penn Publishing mit den Worten „Don’t be offended“ einen Clip des israelischen Comedian Itay Zvolon: Vohan reist von Berlin nach Tel Aviv, um sich bei den Israelis mit starkem Akzent für die Sünden des „brother of my grandfather Rudolf Hess“ zu entschuldigen. Nach Yad Vashem schafft er es nicht, weil er im Nachtleben hängenbleibt.

Zurück in Berlin. In der englischen Buchhandlung bei Dussmann liegen mehrere Bücher über den Israel-Palästina-Konflikt aus. Am Eingang fällt mir ein Cover auf: Glow von Ned Beauman. Ich kaufe es.


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