Allein-Sein hatte ich dann wohl überbewertet

Von den Stillen im Gespräch, Freundschaft und Mut

Thanks to: Fabrizio Lonzini — Finde das Bild perfekt für diesen Artikel!

Artikel als One-Minute-Read

Freunde helfen dir dabei, zu dir selbst zu finden. Freunde, die mit dir durch unangenehme Stillen gehen. Die Stille deines Freundes kann auch einfach darin bestehen, an der Stelle urteilsfrei weiterzufragen, wo du schon längst über dich geurteilt hast. Allerdings musst du immer den Mut aufbringen, deine Gedanken so auszusprechen, wie du sie sonst in deinem Kopf verbirgst.

Dann kannst du dich selbst im Gespräch besser verstehen, als das alleine je möglich wäre. Und dann: Lass es nachwirken.


Mir wurde wieder einmal bewusst, dass Annahmen nicht hinterfragt worden waren. Wer würde auch hinterfragen, dass man am besten alleine nachdenkt? Dass man seine Probleme mit sich selbst ausmachen sollte? Dass man sich so selbst erkennen würde?


Die Stillen im Gespräch

[…] In meinem Kopf hatten sich die Worte nie so dermaßen realitätsinkompatibel angehört. So hirnverbrannt. Da hat es nie ein Problem gegeben, aber so auf einmal: “Au. … Ich hör ja selbst, wie dumm sich das anhört, aber…”

, aber…

Auf das “aber” folgte eine Stille, eine dreifache Stille.

Die erste Stille

sucht nach Antworten. Sie wohnt dem Autopiloten anheim, der reflexartig in die Bresche springen will, weil er die Argumente bereits kannte. Der denkt: “Tausendmal durchgedacht, alles kein Problem. Mach einfach weiter nach Plan. So wie immer.” 
Der Versuch die Kontrolle zurückzubekommen.

Die nächste Stille

geht vom Fluglotsen aus, der die Antworten bisher immer durchgewunken hatte. Scham breitet sich in ihm aus, als ihm sein Fehler bewusst wird. Er war doch dafür verantwortlich gewesen, dass so etwas nicht passiert. Aber hätte er es aufhalten können, indem er “STOP!” ruft? Vielleicht nicht, aber egal. Er hatte seine Aufgabe nicht erfüllt. 
Die Erkenntnis, die Kontrolle nie gehabt zu haben.

Die größte Stille spürt.

Sie spürt die Wellen der Einsamkeit, die — hinter den Argumenten verborgen — in der Vergangenheit lagen. Die Wellen, die wie gewohnt auf den Damm einbranden. Erträglich. Dafür wurde er schließlich erbaut. Er hält.

Aber auf leisen Sohlen kündigt eine leichte Brise den Ozean an, der noch verborgen liegt. Den noch unbekannten Ozean, weil er — im Gegensatz zu den Wellen — nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft liegt. Aber er naht und die Brise deutet an, was ihm bevorsteht. Und mit ihr kommt das Wissen um die Unausweichlichkeit, mit der man auf den Ozean treffen wird, wenn man weiter auf dem Pfad bleibt.

In dieser Brise steckt die ganze Macht der Wassermassen verborgen, in dem Lufthauch, der auf den alten Damm trifft. … Und überwältigt von der schieren Ursprünglichkeit, bricht der Damm in sich zusammen.

Für den Beobachter ein geradezu surreales Schauspiel, weil er nur die Welle sah, die wie jeden Tag über den Damm hereinbrach. Eine Ursache, die sonst eine nur allzu vorhersagbare Folge hatte, führte nun zum Zusammenbruch.

Einem Anblick, den der Beobachter nur durch die Last auf dem schwitzenden Oberkörper ertragen kann, weil es ihn in dieser Welt hält. Einer Last, die dem Emotionalen etwas Physisches gibt, der geradezu göttlichen Kraft etwas weltlich greifbares verleiht.


Das waren die drei Stillen, durch die dich ein Freund stumm begleiten kann. Die drei Stillen, durch die ich alleine nicht gehen konnte. Ein Freund beurteilt weder den Autopiloten, noch den Fluglotsen, noch den Damm. Er ist nur da, um den Beobachter in den Arm zu nehmen, dem jetzt auch die Brise in die Nase steigt. Der zu verstehen beginnt, warum eine Welle, wie jede andere, den Damm mit einem Mal zum Einsturz brachte.


Ist es am schlausten die Einsamkeit zu suchen und dann den Kopf seine Arbeit machen zu lassen?


Nein, ist es nicht. Nicht immer. Nicht im Übermaß.

Sei bereit ohne Filter zu sprechen, sodass du deine Gedanken mal selbst hörst. Merkst, was das Aussprechen dieser Gedanken für Emotionen bei dir hervorruft, wo du doch seit Jahren immer genau in diesen Worten gedacht hast, und achte auf die Stillen im Gespräch. Denn:

Erst das mutige Aussprechen bestimmter Begierden, Selbsterkenntnisse, Stärken oder auch Schwächen gibt einem die Möglichkeit sich dagegen zu entscheiden. So macht man ein Bauchgefühl fassbar — objektivierbar. (Frei nach Raphael Bonelli)

Fazit

“[Die Freundschaft] ist fürs Leben das Notwendigste. Ohne Freundschaft möchte niemand leben, hätte er auch alle anderen Güter. […] Den Jünglingen erwächst aus der Freundschaft Bewahrung vor Fehltritten, den Greisen die wünschenswerte Pflege, […] dem starken Mann Förderung zu jeder guten Tat. […] Denn zu zweien ist man fähiger zu Rat und Tat.” — Aristoteles.

Freunde helfen dir dabei, zu dir selbst zu finden. Freunde, die mit dir durch unangenehme Stillen gehen. Die Stille deines Freundes kann auch einfach darin bestehen, an der Stelle urteilsfrei weiterzufragen, wo du schon längst über dich geurteilt hast. Allerdings musst du immer den Mut aufbringen, deine Gedanken so auszusprechen, wie du sie sonst in deinem Kopf verbirgst.

Dann kannst du dich selbst im Gespräch besser verstehen, als das alleine je möglich wäre. Und dann: Lass es nachwirken.

Danke, Max Brandl.

Marco

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