Der Depression davongelaufen

Ein Liebesbrief an meine Laufschuhe

Happy Anniversary, liebe Laufschuhe! Heute feiern wir unseren vierten Jahrestag. Längst sind wir unzertrennlich. Viele können sich meine plötzliche Begeisterung für euch noch immer nicht erklären. Es ist Zeit, meine wahre Liebe für euch offenzulegen.

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Da stand ich. Konnte und wollte mich nicht mehr bewegen. Wohin auch? Ausgebrannt, ziellos und ohne Antrieb war mir jeder Schritt irgendwohin alleine in der Vorstellung zu viel. Ich steckte fest. Und zwar in einer Depression.

Das Loch, in dem ich steckte, war so tief, dass ich mir professionelle Hilfe suchen musste. Alleine kam ich da nicht mehr raus. Kurze Zeit später sass ich einem Psychologen gegenüber und erzählte von meinen Gedanken, Sorgen und meinem Befinden. Aufmerksam horchte ich, zu welchen Tipps und Heilmitteln er mir raten würde, damit meine Depression schnell verschwindet. So wie Mediziner ein gebrochenes Bein in einen Gips legen, mit süssem Sirup den Husten behandeln und auf die blutende Wunde ein Pflaster kleben. Alles was mir der Psychologe nach einer Stunde mit auf den Weg gab, waren folgende Worte:

«Gehen Sie Laufen. Und mit Laufen meine ich Turnschuhe schnüren und losrennen.»

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich ihn daraufhin anschaute. Möglicherweise so, wie mich ein Pizzaiolo anstarren würde, wenn ich eine Pizza Hawaii, glutenfrei, vegan und ohne Ananas bestelle. Was jedoch viel merkwürdiger war, ist das, was folgte: Ich rannte tatsächlich los. Auch wenn rennen rückblickend nicht das korrekte Wort ist. «Trippeln» träfe es eher und nach zwei Minuten pochte der Puls, die Lunge brannte und meine Beine konnten nicht mehr. Trotzdem blieb ich dran und versuchte es mit dem Laufen.

Genauso regelmässig, wie ich in den darauffolgenden Wochen meinen Psychologen traf, schnürte ich mir auch die Laufschuhe. Die Strecken waren kurz und das Tempo langsam. Gelegentlich überholte mich eine Senioren-Walkinggruppe. Aber ich fand gefallen an der neuen Aktivität, sehr sogar! Ich spürte, wie viel Energie und Potenzial in mir steckt. Das war wenige Wochen zuvor undenkbar für mich.

In einer Zeit, in der ich Ziel und Sinn meines Lebens hinterfragte, rannte ich ziellos und sinnfrei umher. Überraschenderweise machte mich genau das glücklich. Ich genoss die Zeit für mich, konnte abschalten und wurde mir bewusst, wie viel mir die kleinen Schritte bedeuten, die ich vorwärts gehe. Egal in welche Richtung.

«Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.» von Goethe

Früher beachtete ich solche Zitate kaum. Heute glaube ich, dass mich diese Art durchs Leben zu gehen, glücklich macht. Es ist primär das alltägliche «Tun», das mein Leben füllt, bereichert und jeden Tag lebenswert macht und nicht alleine die grossen Ziele in weiter Ferne. Die oft zitierten Worte «Der Weg ist das Ziel.» kann man belächeln, oder bewusst danach leben.

Irgendwann schloss der Arzt meine Krankenakte. Mein Laufschuhschrank blieb jedoch offen.

Vier Jahre ist es her und Laufen bereitet mir noch immer unglaublich viel Freude. Ich verbinde mit dem Laufen mehr, als die Bewegung an sich. Laufen bedeutet für mich Leben: Vorwärts gehen, Schritt für Schritt nehmen, durchatmen, neue Wege wagen und auch wenn es unterwegs steil und steinig ist, darauf vertrauen, das Ziel zu erreichen.

Laufen war nicht das Einzige, das mir aus meiner Depression half. Aber es ist seither meine kleine Wunderwaffe, die ich immer bei mir trage und jederzeit einsetzen kann. Laufen bewahrt mich nicht vor schlechten Tagen und dunklen Zeiten. Aber ich habe etwas an meiner Seite, auf das ich vertraue und das mich durch mein Leben begleitet und mir stets Mut gibt. Laufen ist wie ein treuer Freund.

Darum liebe ich meine Laufschuhe. Hätten sie Whatsapp, ich würde ihnen täglich Emojis mit Herzchenaugen senden.

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